Design und Not Design

Doppelgesicht Simon Rattles Berliner Start und die Uraufführung von "Medea in Korinth"

Wir erlebten am ersten September-Wochenende in Berlin die Inthronisation eines Königs und den Sturz einer Königin - der neue König heißt Sir Simon Rattle, die alte Königin Medea. Sir Simon Rattle, das muss man erklären, ist der neue Chef der Berliner Philharmoniker; Medea, allgemein bekannt, die frühere Königin von Korinth vor 3000 Jahren. Schauplatz der Ereignisse waren die beiden Tonhallen der Stadt, die Philharmonie und das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Und die Ereignisse, von denen zu sprechen ist, waren die Uraufführung der oratorischen Szenen Medea in Korinth von Georg Katzer nach Christa Wolf und das Debüt von Simon Rattle als neuer Chef der Berliner Philharmoniker. Nicht eines von beiden war das Ereignis, sondern das Aufeinandertreffen der beiden, ihre spannungsvolle Koexistenz.

Dass daneben in der Komischen Oper die Verkaufte Braut in der Inszenierung von Andreas Homoki Premiere hatte, nahm man kaum war - einstmals wären dort Kritiker aus ganz Europa erschienen. Aber das ist lang vorbei, und das einzige Ereignis, das aus diesem ehemaligen Haus Felsensteins zu melden wäre, ist die angekündigte Resignation des glücklosen Verwaltungs-Intendanten Albert Kost. Allerdings gab es noch ein weiteres Ereignis, das sich weit besser verkaufte als Smetanas unglückselige Braut - die konzertante Aufführung von Helmut Lachenmanns Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern durch das SWR-Orchester unter Sylvain Cambreling in der Philharmonie. Die neue Musik dominierte zum Berliner Saisonbeginn und schwenkte ihr grell getöntes Banner, denn auch Simon Rattle begann mit Neuem. Er brachte als Berliner Erstaufführung das Sinfoniestück Asyla des jungen Briten Thomas Adès als programmatischen Einstieg mit.

Zu Rattles Konzert präsentierte sich die Philharmonie fahnenumweht und mit jeder Menge von Aufschriften versehen in jenem schülerhaften Englisch, das als weltläufig gilt. Auch der neue Intendant Franz Xaver Ohnesorg begrüßte ihn im Vorwort des Programmhefts in Englisch: "Welcome Sir Simon - welcome to the future - welcome in asyla". "Asyla" - so belehrte uns wenige Seiten weiter ein anderer Autor, bedeute sicherer Hafen und Irrenhaus. Während man das erstere für Berlin bezweifeln muss, steht letzteres unbezweifelbar fest. In der Philharmonie traf sich die mediale, politische und finanzielle Prominenz Deutschlands, man musste dabei gewesen sein und gesehen werden. Das Podium präsentierte sich in neuem Outfit mit einer Blumenkante, der Intendant selbst überbrachte am Schluss weitere Blumen, und das Publikum war tobsüchtig vor Beifallswut. Ein weißhaariger Herr in grauem Anzug postierte sich am Podium und gab eine fanhafte Solo-Vorstellung des hingebungsvollen Klatschens, am Ende verfolgte er gar den abgehenden Dirigenten applaudierend von der einen Seite des Saales bis zur anderen, ging aber nicht hinaus, sondern klatschte weiter, so dass Sir Simon noch unzählige Male erscheinen musste. Haus und Saal waren eine perfekte Inszenierung der hochgespanntesten Erwartungen, aber wurden sie auch erfüllt? Die Philharmoniker klangen an diesem Abend noch perfekter, noch brillanter, noch virtuoser. Sie übertrafen sich selbst in dem Bemühen, sich als neues und modernes Orchester darzustellen. Aber diese ungemeine Perfektion strahlte auch eine Kühle und Distanz aus, die in diesem Haus ungewohnt war. Vielleicht war es der Glanz des gesellschaftlichen Ereignisses, der übergroße Erwartungsdruck, der auch aus tragischer Musik noch immer ein Repräsentations- und Selbstbespiegelungsobjekt machte. Die Asyla-Komposition von Adès hörte sich an wie eine neo-impressionistische Klangstudie, die Techno-Rhythmen und schrillen Diskothekenklänge des dritten Satzes verschwanden unter der molligen philharmonischen Bettdecke, so dass selbst die konservativsten Hörer nicht zu erschrecken brauchten.

Auch Gustav Mahlers 5. Sinfonie schwebte gleichsam schwerelos über den Abgründen, von denen sie handelt. Darin zeigte sich eigentliche Problem. Auch hier gab es eine wundervolle Wiedergabe, funkelnd und federnd. Aus dem tragischen, zerrissenen sinfonischen Ländler wurde ein schwungvoller Strauss´scher Walzer, und sogar noch ein Konzert, denn der 1. Solo-Hornist postierte sich vorn neben dem Dirigenten und blies seinen Part als Solo. Wer sich der Mahler-Deutungen von Bernstein oder Abbado erinnert, der fand sich an diesem Abend in einer anderen Welt wieder. Keine sinfonische Tragödie hörten wir, sondern ein geistvolles Konversationsstück à la Giraudoux. Es fehlte auch die Pointe nicht, die bisher vermeidliche Zugabe - ein ungarischer Tanz von Brahms. In Interviews hatte Simon Rattle eine Periode des musikalischen Umbruchs angekündigt.

Die Postmoderne, das Zeitalter des Designs, ist in der Philharmonie angebrochen. Dagegen herrschte im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ein geradezu altmodischer Modernismus. Georg Katzers oratorische Szenen Medea in Korinth (Libretto Christa und Gerhard Wolf) passten sich keinem modischen Trend an. Das Werk erwies sich als aufrührerisch und aufregend. Mit einer einsam und sehr fern klingenden Flötenkadenz hebt die Erzählung an, die nicht die alte Euripides-Geschichte ist, sondern eine neue und polemische. Denn sie enthüllt die antike Überlieferung als manipuliert und verfälscht. Christa Wolfs Medea ist eine liebende Mutter und gute Frau, deren Bild nachträglich zu dem einer grausamen Frauen- und Kindermörderin umgefälscht wurde. Der Medea-Roman ähnelt einem Essay, der sich detektivisch an den Stoff annähert; wie kann man das komponieren? Georg Katzer, auf Bühne wie Konzertsaal zu Hause, wählte die Form des dramatischen dialogischen Berichts, fast einer Oper ohne Szene. Von kommentierenden Einwürfen des Chors unterbrochen, bewegt sich die Erzählung auf erinnerter Ebene. Seine Medea, von Annette Markert trefflich gesungen, ist eine freundliche, unsentimentale Gestalt. Das Orchester, ohne hohe Streicher und Klarinetten, aber mit schwerem Blech, Schlagwerk und den dominierenden Flöten- und Oboen-Instrumenten, verbreitet einen Hauch antikischer Atmosphäre. Die Prosa-Erzählungen von Medea, Glauke, Jason, Akamas bleiben in einem klaren deklamatorischen Stil, ohne ariose Ausuferungen, ohne vokale Ensembles, und die musikalische Sprache ist, im Vergleich zu früheren Werken, fast spartanisch gehalten. Alles zielt auf Verständlichkeit und wurde verstanden. Den Hauptpart hatte der Chor, die Berliner Singakademie, die das Werk auch angeregt hatte und an diesem Abend über sich selbst hinauswuchs. Es war seine große Stunde, und er bot einen überwältigenden Widerpart zu dem Solisten-Ensemble, dem außerdem noch Julie Moffat, Robert Künzli, Peter Klaveness und der Schauspieler Winfried Wagner angehörten. So war es auch die Stunde von Achim Zimmermann, dem inspirierten Leiter der Singakademie, dem die musikalische Leitung zufiel, und der aus Chor, Berliner Sinfonie-Orchester und Solisten-Ensemble eine erstaunliche musikalische Plastik formte.

Das Publikum jubelte; der Beifall war kaum geringer als der in der Philharmonie, und dieser Jubel galt der Musik und dem Wort gleichermaßen. Das Publikum erhob sich und zollte Christa Wolf den gleichen Beifall wie dem Komponisten und dem Ensemble. Es war dies aber ein Zeichen für die ungeheure Popularität, die diese Schriftstellerin überall genießt. Man muss hinzusetzen: überall im Osten. Die Leichtigkeit des Daseins, die anderswo in glücklichem Übermaße herrscht, hat man hier noch nicht begriffen. Hier waltet ein anderer, ernster, kritischer Geist, der eine Kunst hervorbringt, die betroffen macht und die alle auch wirklich betrifft.

So konnten beide Abende nicht unterschiedlicher sein. Konzerthaus und Philharmonie sind nur ein paar Steinwürfe voneinander entfernt, der Weg eignet sich für einen bequemen Abendspaziergang, und man kann in der Pause das eine Konzert verlassen, um zum anderen zu gehen. Keine Welten, keine eisernen Vorhänge und keine Mauern sind mehr zwischen beiden Häusern errichtet. Aber die Differenz bleibt, allerdings hat sie sich gewandelt vom toten politischen Gegensatz zum lebendigen, faszinierenden ästhetischen Charakter. Das ist Berlin, Deutschlands interessanteste Stadt; nirgends anderswo in Deutschland gibt es dieses verführerische Doppelgesicht der Kulturen. An diesen beiden Abenden konnten Politiker studieren, wie sich das heutige kulturelle Deutschland befindet und was es leistet. Es war ein Lehrgang über die Notwendigkeit der Kunst. Er wurde getrennt besucht. In der Philharmonie gab sich die aus dem Westen stammende Elite ein Stelldichein, im Konzerthaus die aus dem Osten kommende.

00:00 13.09.2002

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