Desolates Land

Westafrika Burkina Faso ächzt unter dschihadistischen Attacken, ethnischen und sozialen Konflikten
Odile Jolys | Ausgabe 46/2019 1
Desolates Land
Ein Mann erhebt die Faust neben Polizisten, die eine Demonstration in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou begleiten

Foto: Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Was die UNO für dieses Land 2019 bilanziert, wirkt wenig ermutigend: Der Staat Burkina Faso habe weitgehend die Kontrolle über den Norden und Osten verloren. Eine halbe Million Menschen wurden zu Binnenflüchtlingen, mehr als die Hälfte davon erst in den letzten drei Monaten. 300.000 Kinder können nicht mehr zur Schule, da Dschihadisten Bildungszentren angreifen. 1,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Noch im Mai 2018 galt Burkina Faso als so weit stabil, dass die Internationale Organisation für Migration (IOM) daran dachte, Migranten aus Libyen dorthin umzusiedeln. Um zu erklären, weshalb sich die Lage so drastisch verändert hat, verweist der US-Wissenschaftler Alexander Thurston, ein Spezialist für die Sahelzone, in der Studie „Escalating Conflicts in Burkina Faso“ auf den regionalen Kontext. Im benachbarten Mali, das eine gut 1.300 Kilometer lange Grenze mit Burkina Faso teilt, kämpfen seit 2012 Dschihadisten, die mit der Gruppe Ansaroul Islam in Burkina Faso Kontakt halten. Durch die Operation „Barkhane“ hätten zudem französische Militärs und malische Milizionäre Anfang 2018 Dschihadisten in den Osten Burkina Fasos getrieben. Die wiederum fänden Rückhalt bei der Organisation al-Qaida des Islamischen Maghreb (AQIM) und regionalen Filialen des Islamischen Staates (IS). Doch verwahrt sich Thurston gegen die These von einer „dschihadistischen Strategie als Ausdruck globaler Konspiration“. Vielmehr sieht er Burkina Fasos Verlust an innerer Sicherheit als Ergebnis „einer im wesentlichen politischen Krise“ im Lande selbst.

Die Bewegung Ansaroul Islam stammt aus dem Norden und rekrutiert ihre Kader vorrangig unter der muslimischen Bevölkerung der Fulbe. Die suchten anfangs ihr Heil in gewaltlosem Protest, weil der Staat die dünn besiedelte Region vernachlässigte. Im Osten spielte Landraub eine Rolle. Betreiber von Goldminen und Jagdrevieren entzogen den Einheimischen den Zugriff auf die gewohnten Ressourcen, was viele in der Ansicht bestärkte, sie würden vom Staat und seinen Helfern ausgenommen. Dass die Armee häufig ihre Macht missbraucht, hat den Dschihadisten ebenfalls mehr Einfluss verschafft.

Parallel zu diesen Kalamitäten tobt im Norden ein soziopolitischer Kampf innerhalb der Fulbe selbst. Herkömmliche soziale Hierarchien geraten unter Druck: Mitglieder sogenannter niederer Kasten oder Angehörige einst versklavter Gruppen beanspruchen ihren Platz. Das lokale Autoritätssystem bröckelt, ehemals klare Nachfolgeregelungen genauso.

Bürgerwehren, Selbstjustiz

Gewalt schüren derzeit besonders die Milizen der Koglweogo, deren Anhänger mehrheitlich zu den Mossi zählen, der größten Ethnie in Burkina Faso. Die Koglweogo werden von den unter Druck geratenen traditionellen Autoritäten unterstützt, die darin einen Weg sehen, sich in den Augen ihrer Milieus zu legitimieren. Seit Beginn der 2000er Jahre machen diese Bürgerwehren von sich reden und geben vor, Stadtquartiere und Märkte vor Banditen zu schützen. Da der Staat selbst kaum für Sicherheit sorgen kann, lässt er sie gewähren, auch wenn sie Richter über Leben und Tod sein wollen. Mittlerweile stehen diese Milizen unter Verdacht, Vergeltung gegen die Fulbe zu üben, die pauschal als Dschihadisten verleumdet werden.

Dem Westen, besonders Frankreich, werfen viele in Burkina Faso vor, seine Kultur gegen den Islam durchsetzen zu wollen, etwa in der Frage der Homosexualität. Ebenso ruft der Versuch der Geburtenkontrolle in Teilen der Bevölkerung Widerstand hervor. Externe Helfer werden als Komplizen des Staates gesehen, der an sie Land verschenkt. Dabei findet man das antiwestliche Ressentiment nicht nur unter Dschihadisten.

Seit dem Sturz des Langzeitpräsidenten Blaise Compaoré (im Amt 1987 – 2014), der mit seinen Gefolgsleuten das Land kontrollierte, kam es zu keiner Erneuerung der politischen Klasse. Zivilgesellschaftliche Gruppen, die Alexander Thurston die „kritische Linke“ nennt, bleiben bis heute marginalisiert. Laut Umfragen wünschen sich 67 Prozent der Bevölkerung eine Rückkehr Compaorés. Keine Überraschung, solange die innere Balance einer Gesellschaft in Frage gestellt bleibt.

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