... desto schlüpfriger der Likör

Alltag I Impressionen von der Herbst-Cadeaux in Leipzig

Weihnachten ist das Fest für Menschen, die nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Zum Beispiel Sammeltassen und andere obskure BkM-Produkte. Sie wissen nicht, was BkM ist, geschweige denn, wo Sie so was kriegen?

Die von uns besuchte Cadeaux - alljährliche Fachmesse für Geschenk- und Wohnideen - hilft Ihnen garantiert weiter. Mit ihren Humpen und Guardian Angels, mit Rudolf, dem Rentier, mit Kantenhockern, Klinkenbären, Porzellanfiguren, Elfen, Trollen und natürlich mit Bernd, dem Brot in Plüsch, schließt sie nicht nur allerletzte Versorgungslücken, nein, sie offenbart uns auch, wofür BkM steht, nämlich für Braucht kein Mensch.

Trotzdem fragen sich hier sogar Leute, die schon alles haben, mit großem Erstaunen, wie sie bisher ohne einen Schutzengel (in drei Farben sortiert) durchs Leben gehen konnten. Oder gar ohne "Tassen mit Tiergesicht". Das Chaos ist auf dem Vormarsch, nicht nur im All. Um aus Frust- Lustkunden zu machen, legt Seyko-Keramik den Fokus auf "lustige tierische Teelichter". Frösche, Elche, Dackel, Elefanten aus Ton, handgeformt im Drahtmantel, landeten im Messeregal. Echte Rätsel gibt dem Besucher der "Kantenhocker" auf - ein dem Duden und der Kultusministerkonferenz gleichermaßen ferner Begriff. Jung gebliebene Erwachsene würden auf so was stehen, weiß der eifrige Standbetreuer Florian Arnold von Present, Hannover, und auch auf die niedlichen Klinkenbärchen. An die Haustür gehängt, signalisierten sie dem unerwarteten Besucher, er solle sich trollen oder warten, je nachdem, ob es "Bin Baden" oder "Bin gleich zurück" heißt. Neben solch biederen Ausreden für unwillkommene Gäste vermisst der Besucher in der art-list trendy-Texte wie: "Bin zur Demo", "Fülle mit meinem Fall-Manager Hartz IV-Anträge aus. Bitte die nächsten 14 Tage nicht stören!"

Groß ist der Stau vor den Vitrinen der Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau (KWO). Kein Wunder, denn: Die neue Nussknacker-Generation ist da! Nicht, was Sie jetzt denken - Merkel, Stoiber und Schily tragen noch immer ihre eigenen Holzköpfe. Das Neue besteht vielmehr darin, dass "dank einer neuartigen und patentierten Technik diese Nussknacker garantiert auch Nüsse knacken können, was viele der bisherigen leider nicht immer konnten."

Dafür sind unter den Räuchermännchen neue Typen gesichtet worden: die Bärtigen, die Dicken und die Dünnen - Joschka Fischer soll´s künftig sowohl in der vom Marathon ausgedünnten Variante als auch in der Dienstversion geben -, die Lehrerin, die Hausierer, der Skifahrer und die Reisetante. Blickfang auf dieser Messe ist das ehemals gummierte Messemaskottchen, nun mit Holzkopf (leider kein Teak) und mit Räucherqualitäten.

Um Rechte und Linke geht es bei der Kristallglasfabrik Spiegelau. Der zuständige Verkaufsleiter für Deutschland, Arno Seemann, präsentiert die ultimative Lösung aller Probleme - die Mystical-Serie mit dem Energy-Design des in den österreichischen Wäldern hausenden Stardesigners Thomas Chochola. Die Glasgefäße folgten in ihrer sechswelligen Dynamik dem Naturgesetz des "Goldenen Schnitts". Wasser nähme mit Chochola-Rundungen höhere Schwingungen auf, wodurch es in seiner belebenden Kraft stärker und in seinem Geschmack blumiger würde. Besonderes Highlight - die Karaffe Aladin. " Durch die stark rechtsdrehende Energie von Aladin-Wasser werden vermehrt linksdrehende Giftstoffe aus dem Körper abgebaut", erklärt Standbetreuer Seemann nicht minder gewunden. "Also - vorher waren die Kristalle von einem linksdrehenden schlechten Wasser verschrumpelt", versucht er es volkstümlich: "Durch die Karaffe sind die Wasserkristalle schön gestaltet, das aktiv gewordene rechtsdrehende Wasser nimmt die störenden linksdrehenden Elemente aus dem Körper raus."

Gelassener geht mit der in Handarbeit gefertigten Wunderkaraffe die Leipzigerin Gisela R. Schmidt um, die in einem 14-tägigen Fortbildungsbildungskursus ihrer Arbeitsagentur zur Sterndeuterin umgeschult wurde und jetzt als Ich-AG die Firma "Makara" betreibt: "Ich brauche kein Wasser von Spiegelau, ich kann es mit meinen eigenen Händen selbst positiv aufladen", toppt sie den Messezirkus. "Es kommt doch nur darauf an, welche Symbole man unter die Karaffe legt", brieft sie die Ungläubigen und gibt einiges von ihrem kostbaren Agentur-Wissen preis: "Wenn man es zum Beispiel auf das Wort schmutzig stellt, wird das Wasser ganz eklig, stellt man es auf das handgeschriebene Wort schön, wird es wunderschön." Allen bass Erstaunten drückt sie ihre Angebote in die Hand: "Zwölf Strahlen; Huna, Reiki; neun Totems, Feng Shui; Feinanalyse, Asteroiden, Halbsummen."

Am Fotografieren gehindert werde ich im Linder-Terrastudio Hamburg - Küchenuhren en gros und en détail. Die verständliche Sorge des Geschäftsführers, ich sei der Scout aller unschöpferischen Uhrendesigner dieser Erde und würde China, Korea und Taiwan mit Linder-Ideen beliefern. Ob man in Fernost diese Messe braucht, um auf Ideen zu kommen, sei dahingestellt, aber fest steht: Alle Linder-Artikel haben Gebrauchs- und Geschmacksmusterschutz! Dass das schon mal klar ist! Bei Linder ist die ganze Arche Noah im Keramikofen gelandet und als Küchenuhr wiederauferstanden. Walter Linder reicht zum Prospekt sogar eine Deutung dieses beeindruckenden Runs auf seine nostalgischen Zeitmesser nach: "Und je härter die Zeiten draußen in der Welt sind, desto mehr möchte man sich in seinen eigenen vier Wänden eine heile Welt gestalten." Sympathietiere, wie die Gans, kommen folglich nicht mehr nur in die Röhre, sondern auch an die Wand-Uhr. "Wir haben es auch mit anderen Tieren als Uhrschmuck oder Pendel versucht, aber bei den Damen geht nichts über die Gans", sagt Lindner. "Weil Gänse ihrem Partner treu sind bis in den Tod."

Inzwischen bei der Abteilung "Baustelle" angelangt, weiß man hier wenigstens, woran man ist. Je schlechter die Zeiten, desto schlüpfriger der Likör. Das Schnäpsel versteckt sich in der multiplen Werkzeugtasche aus Keramik für Bo, den Hausmeister; es ist in Pinsel, Hobel oder Schraubenschlüssel versenkt, und wird nicht ohne ein passendes Sprüchel gehoben à la: "Einer für oben macht den Kopf frei für unten."

Kurz vor dem erlösenden Ausgang ins Freie dann noch der Scherzartikelstand des fröhlichen Handelsvertreters Stefan Blaskowitz aus Moisburg, der sich zwischen blutigen Füßen, Totenköpfen, aufblasbaren Männern und Frauen, Riesenspinnen und Plastekakerlaken als Haustieren fürs Dschungelcamp postiert, kariöse Vampirteath als Alternative zur Gesundheitsreform hat er auch - so können Sie testen, wie Sie in zehn Jahren zurücklächeln werden: "Zahnteil einfach über die natürlichen Zähne stülpen und andrücken. Hält ohne weitere Hilfsmittel." Renner ist für 9.95 das "Schlecht-drauf-Kissen" mit der Inschrift: "Hier Reinbeißen!"

Und der ganze Rest erst: Der sprechende Spiegel für Superfrauen und -männer ("He Traumfrau/Wow, toller Typ, wer kann Dir schon widerstehen?!"), das Single-Kissen; die sich küssenden, sich ausziehenden und kopulierenden Figuren auf Gasfeuerzeugen oder die Wodka-Feige-Liköre in nachempfundenen Führerscheinen und 10-Euro-Noten - ach, es gibt so unendlich viele Dinge, ohne die man leben kann! Die sich noch vor dem Verschenken selbst zerstörenden oder kompostierbare Produkte wurden allerdings auch diesmal nicht erfunden.


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00:00 10.12.2004

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