Détournement in New York

Kommunikationsguerilla Die Yes Men melden sich mit einer gefakten "New York Times" zurück

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Die Tage des Interregnums, des Machtvakuums zwischen zwei Präsidenten; der eine weiß, der andere schwarz. In diesem Schwebezustand, wo alle den Atem anhielten ob des historischen Ereignisses und gespannt auf ein Zeichen warteten, konnte die Schlagzeile, mit der die grandios gefakte New York Times vergangene Woche in Manhattan aufmachte, auf den größtmöglichen Resonanzraum rechnen: "Der Irak-Krieg ist zu Ende."

Schon die Umrisse der spektakulären Aktion hätte Kennern verraten können, wer sich diesen Coup ausgedacht hatte. Spektakuläre Interventionen in die alltägliche Wahrnehmung sind eine Spezialität der Yes Men. Der Plural klingt nach einer großen Truppe. Doch sie sind nur zu zweit: Hinter dem Kürzel verbergen sich der amerikanische Science-Fiction-Autor Jacques Servin und der Akademiker Igor Vamos, Professor an der polytechnischen Rensselaer Universität in New York.

Kommunikationsguerilla - das schillernde Wort, das auch nach dem New Yorker Streich wieder bemüht wurde, ist ebenso ungenau, wie es jede Cyberbanalität adelt. Der ausgebuffte Hacker fällt darunter und der anonyme mexikanische Briefschreiber Subcomandante Marcos auch. Bei den Yes Men scheint das Prädikat dagegen angebracht.

Im Dezember 2004 landeten sie einen ihrer größten Erfolge, als es gelang, einen Videoclip in den TV-Nachrichten der BBC zu platzieren. Ein angeblicher Sprecher des Chemieriesen Dow Chemical bekannte da im Interview mit dem täuschend echten Anchorman von BBC World pünktlich zur zwanzigsten Wiederkehr der Chemiekata­strophe im indischen Bhopal die Schuld seiner Unternehmensgruppe an dem Unfall und kündigte Entschädigungszahlungen von 12 Milliarden Dollar an. Es dauerte volle zwei Stunden bis Sender und Konzern den fake bemerkten und das Band aus dem Programm nahmen. Die Parallele zu der Aktion in Manhattan ist unübersehbar.

Das betont Politische in der Kunst der Yes Men berechtigt durchaus dazu, sie in die lange Reihe der art activists einzureihen, die seit dem Epochenbruch 1989 Furore machten. Politisch engagierte Künstler begnügten sich nicht mehr mit der großen antikapitalistischen Geste oder mit moralischer Anklage wie einst Käthe Kollwitz. Sondern nahmen konkrete Missstände in den Mikropolitiken des maroden Systems betont nüchtern aufs Korn: Themen wie Krieg, Umwelt oder Geschlechterverhältnisse avancierten zu Sujets der Kunst.

So machten die Aktivisten von Group Material 1989 im kalifornischen Berkeley die verheerenden Ausmaße und Folgen der Infektion mit HIV in ihrer AIDS-Timeline zu einem viel beachteten Gegenstand der Kunst. Im selben Jahr ließ die amerikanische Künstlerin Martha Rosler am New Yorker Times Square den Satz "Housing is a Human Right" (Wohnen ist ein Menschenrecht) über eine Leuchtreklametafel laufen.

Als geistigen Ahnvater solcher Aktionen könnte man den 1936 geborenen Künstler Hans Haacke herbeizitieren, der seit 1965 in New York lebt. 1971 erregte er Aufsehen mit einer Arbeit, die er umständlich Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, a Real Time Social System, as of May 1, 1971 nannte. Darin hatte er auf großen Schautafeln das Treiben von Immobilienspekulanten in seiner Wahlheimat ausgebreitet. Prompt sagte das Guggenheim-Museum die Schau, in der das Werk präsentiert werden sollte, ab.

Die französische Kunsthistorikerin Catherine David räumte Haackes Werk einen zentralen Platz auf ihrer Documenta 1997 in Kassel ein. Und Vorbilder wie Haacke standen auch Pate bei der neuen Dokumentations- und Recherchekunst, die Okwui Enwezors Documenta 11 fünf Jahre später bevölkerte. Die Grenze zur politischen Geographie war dabei oft fließend. Wie man an dem Archiv des Bürgerkrieges sehen konnte, das die Atlas Group des libanesischen Künstlers Walid Raad ausbreitete. Oder an der Arbeit von Francesco Jodices Gruppe Multiplicity, die noch heute Schicksale von Migranten in den Anrainerstaaten des Mittelmeers aufzeichnet.

Die ästhetische und materiale Halbwertzeit solcher Oeuvres ist oft gering. Was die Yes Men davon unterscheidet, ist die Mischung aus politischer Verve, subversivem Witz und performativer Raffinesse, mit der sie ihre Aktionen inszenieren. Seit sich die Gruppe 1999 die Rechte an der Website gatt.org sicherte und eine gefälschte Website der Welthandelsorganisation ins Netz stellte, werden Andy Bichlbaum und Mike Bonano, so die Pseudonyme der beiden Gruppenmitglieder, immer wieder als vermeintliche Sprecher der WTO zu Konferenzen eingeladen.

So machten sie sich 2001 im finnischen Tampere vor Vertretern der internationalen Textilbranche für die Wiedereinführung der Sklaverei stark und plädierten für die totale Überwachung der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz. Mit todernster Miene präsentierte einer der beiden im Konferenzraum einen goldenen Textilanzug namens Business Leisure Suit mit einem überdimensionierten Phallus, in den ein Chip integriert war. Von der Phallusspitze konnten Signale in den Hintern des Managers gesendet werden.

Noch heute kann man in einem Video im Netz verfolgen, wie interessiert die Manager die scheinbar seriöse Präsentation aufnahmen und artig Beifall klatschten. Auch ein Jahr zuvor in Salzburg hatte keiner der Zuhörer protestiert, als Bichlbaum und Bonano auf einem Symposium vorschlugen, Wählerstimmen an die Meistbietenden zu verkaufen.

Angefangen haben die Yes Men mit dem, was sie "Identitätskorrektur" nennen, 1999. Und zwar mit einem Spielzeug, das zum Kernbestand der amerikanischen Identität zählt. Ihre "Barbie Liberalization Army" vertauschte in den weltbekannten Puppen von Mattel die eingebauten Lautsprecher. Ken sprach plötzlich wie Barbie und Barbie wie Ken. An Nachrichtenagenturen versandten sie eine "Befreiungserklärung" der Puppen. Im Wahlkampf 2004 tourten sie mit dem prophetischen Slogan "Yes, Bush can" durch die USA, mit einem Bus, der dem Wahlkampfgefährt von George W. zum verwechseln ähnlich sah. Auf einer Liste mit dem schönen Titel "Patriotisches Geständnis" konnten Unterstützer eine Petition unterzeichnen, die Steuererleichterungen für Reiche forderte.

Dieses détournement, das "Umdrehen" von weithin gebräuchlichen Gegenständen, die mit einer alternativen Botschaft gefüllt werden, weist die Yes Men als Wiedergänger der Situationistischen Internationale aus, die im Umfeld des Mai ´68 in Paris in Erscheinung traten. Technophoben Kulturpessimismus findet man nicht bei tactical media und cultural jamming, wie Kulturwissenschaftler solche Aktionen nennen. Mit Lust loten ihre diversen Vertreter alle Möglichkeiten der schönen neuen Medienwelt aus. Situationismus plus Netz - so könnte man das interventionistische Cybertheater der Yes Men charakterisieren.

Der Streit, ob solche Aktionen Kunst sind oder nicht, dürfte auch nach dem erfolgreichen New Yorker Coup wieder aufflammen. Immerhin balancieren die Yes Men, so geschickt sie sich einen Alltagsgegenstand mimetisch aneignen und ihn dann verfremden und umcodieren, virtuos auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Und wenn es Christo mit seinen Verhüllungen gelingt, die Essenz einer Landschaft wie den Inseln vor Miami deutlich zu machen, dann ist es den rund 30 Journalisten und den linken Basisorganisationen, die den Yes Men bei ihrer Aktion geholfen haben, immerhin gelungen, eine Geisteslandschaft sichtbar zu machen: die kollektive Erwartung einer ganzen Nation, dass der "Change", den Barack Obama versprochen hat, jetzt auch wirklich eintritt.

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00:00 20.11.2008

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