Deutsch-deutsche Dämonen

Ossis 20 Jahre nach ihrem Ende hat der Westen die DDR immer noch nicht verstanden. Gedanken von "Freitag"-Mitherausgeber Friedrich Schorlemmer

Lasst uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland“. Das war das hymnische Anfangspathos der Deutschen Demokratischen Republik, die bei ihrer Gründung 1949 ihre Lehren aus der Geschichte gezogen haben wollte, die Eigentums-und Herrschaftsverhältnisse umkehrte und den Frieden über alles stellte.

Wer heute, 60 Jahre später, DDR sagt, dem hat gemeinhin nichts anderes als Mauer, Staatssicherheit und SED-Herrschaft einzufallen. Die (sichtbare) Mauer ist geschreddert, die SED verschwunden, nur die Stasi-Akten sind es nicht. Sie sind fast täglich präsent und werden wie ein schrecklicher Schatz präsentiert.

Was der Staatssicherheitsdienst einst Menschen angetan hat, und wie politische Häftlinge seelisch zugerichtet wurden, das war und bleibt für Betroffene schrecklich und unvergesslich. Aber die DDR war insgesamt kein Schreckensregime, wollte man dies mit dem vergleichen, was die Naziherrschaft in Europa angerichtet hat, was Schwarzen im Südafrika der Apartheid widerfuhr, was Sozialisten und Kommunisten unter Augusto Pinochet geschah, was Millionen unter Josef Stalin, Idi Amin, Ferdinand Marcos, General Franco oder Mao Zedong erleiden mussten. Es ist sicherlich problematisch, Leid zu vergleichen oder gar aufzurechnen, aber Verhältnismäßigkeiten müssen gewahrt bleiben. Dämonisierungen führen zu Verharmlosungen durch ehemalige DDR-Bürger, die eher die Vorteile und Vorzüge des Systems in Erinnerung behalten haben und nie „von der Linie“ abgewichen sind.

Doch ein Staat, der einer Mauer bedurfte, um die Flucht seiner Bürger zu verhindern, war auf Dauer nicht nur nicht lebensfähig, sondern auch nicht lebenswürdig. Ein politisches System, das seine Bürger nicht freiwillig zum Verbleiben und zum Mitgestalten gewinnen kann, zerbricht an seinen eigenen Widersprüchen – zumal dann, wenn es sich große humanistische Werte und Ziele auf die Fahnen geschrieben hat. Ein System, das eine wissenschaftliche Ideologie verordnet und den Zweifel daran kriminalisiert, kann die schöpferischen Kräfte der Menschen nicht wirklich freisetzen.

Auch gilt, ein Staat, der zum Eigentum einer Partei wird und der auch seine Bürger als eine Art Eigentum („unsere Bürger“) betrachtet (und dafür auch noch Dankbarkeit erwartet), der kann menschliches Glück nur verordnen und den Einzelnen nur in der Masse des Kollektivs würdigen. Doch führt das in der Regel dazu, den Einzelnen nicht als unverwechselbares Individuum zu respektieren und zu behandeln.

Wir wissen es spätestens seit 1989, sozialistische Ideen haben auf absehbare Zeit keine Chance, mehrheitsfähig zu sein. Um so verheerender wirkt der Sieg des kapitalistischen (Welt-)Wirtschaftssystems, das alle gesellschaftlichen Bereiche mehr und mehr durchdringt. Der Warencharakter aller Dinge macht auch den Menschen zur Ware. Das gänzlich gewissenlose Konkurrenzprinzip – statt eines Solidaritätsprinzips – ist zwar effizient, hinterlässt aber eine in Gewinner und Verlierer gespaltene Gesellschaft.

Um so mehr ist zu beklagen, dass es diese einseitige Erregung nach rückwärts gibt. Dauer-Aufarbeiter der Vergangenheit lassen die Entrüstung über Heutiges vermissen. Da wird viel „Mut“ offenbart beim nochmaligen, symbolträchtigen Durchkämpfen längst geschlagener Schlachten.

Grundsätzlich sind sechs Voraussetzungen zu benennen, aus denen sich ein differenzierendes Urteil über die DDR nachträglich bildet. Erstens: Nach Zusammenbruch und Befreiung 1945 bot sich vielen in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR die sozialistische Idee als eine durchaus faszinierende Alternative an. Große humanistische Ziele leuchteten am Horizont der Geschichte, man entwickelte ein geschlossenes, scheinbar in sich schlüssiges Gedankensystem, eine sozialistische Ideologie, die von einem objektiven Geschichtsverlauf ausging und Schwierigkeiten für zeitbedingte Widersprüche hielt. Und welchen Wert – so fragte man – hatten die, verglichen mit Arbeit, Gesundheit, Kultur, Bildung, Gleichberechtigung, Frieden und Völkerverstä

Zweitens: Die DDR ist nicht zu verstehen, ohne sie als Folge eines Raubkrieges und einer Vereinbarung der Siegermächte zu bewerten. Die SBZ/DDR war ein besonders wichtiges Faustpfand der Sowjetunion im Kalten Krieg und im Ost-West-Konflikt.

Drittens: Wir müssen die DDR als einen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte begreifen lernen. Beide deutsche Staaten wurden zum „Bollwerk“ gegen den jeweils anderen und hielten sich für das „bessere Deutschland“. Man versteht das Verhalten der Menschen in der DDR nur dann richtig, wenn man davon ausgeht, dass sie nicht von einem Untergang ihres Staates ausgehen konnten. Auch vermochte niemand zu glauben, dass die Sowjetunion die DDR jemals aus ihrem Einflussbereich entlassen würde.

Viertens: Wer heute das Leben in der DDR beurteilt, ohne die damaligen Umstände (und auch Zwangslagen vieler Menschen) mit zu berücksichtigen, kommt zu falschen Schlüssen, zumal nach dem Mauerbau 1961 eine alternativlose Situation entstanden war. Man halte sich etwa die Notlage eines 18-jährigen Grenzsoldaten vor Augen, der sich für drei Jahre Armeedienst verpflichtet hatte, um Medizin studieren zu können. Welche Angst hatte der vor einem Flüchtling, obwohl er die Kalaschnikow – oder gerade weil er die Kalaschnikow – in der Hand hatte.

Fünftens: Die Reduzierung des Lebens in der DDR auf die Staatssicherheit wird dem DDR-Leben im Ganzen nicht gerecht. Selbstredend mussten und müssen die menschenverachtenden und -zersetzenden Machenschaften der Staatssicherheit zur Sprache kommen, müssen deren Folgen für Menschen öffentlich gemacht werden, so gut es geht. Aber es gab in der DDR auch ein reiches, glückliches, authentisches, aufrechtes Leben in Distanz zum System, im Widerspruch zum System oder im System.

Sechstens: Wer der DDR gerecht werden will, muss den größeren politischen Rahmen im Blick haben und im einzelnen differenzieren, was in jenen wechselvollen Jahren von 1945 bis 1990 geschehen ist. Der sollte sich für Zehn-Jahres-Schritte – für 1949, 1959, 1969, 1979 und 1989 – entscheiden, um bei seiner Analyse auch Kontexte zu berücksichtigen.

Man kann nicht absehen von dem kaum zu erwartenden Wunder, dass die so braven Ostdeutschen 1989 das System friedlich überwanden, wozu beide Seiten gehörten, die Demon­stranten und die Sicherheitsorgane! Und dass sie Geschmack fanden an demokratischer Mitsprache, auch wenn dies recht bald dem mehrheitlichen Wunsch nach schneller Einheit und nachholendem Wohlstand gewichen ist.

Schließlich sei nicht übersehen, welche Rolle neben den ökonomischen, militärischen und politischen Zwangslagen die Person Michail Gorbatschows seit März 1985 (als er zum KPdSU-Generalsekretär gewählt wurde) gespielt hat. Es gehört zu den in der Geschichte nicht eben häufigen Wundern, dass sich eine hochgerüstete Supermacht auf friedliche Weise von der politischen Bühne verabschiedet.

Nicht zu vergessen sind bei alldem gleichermaßen die Polen, die mit ihrem Runden Tisch eine innovative politische Idee entwickelten, wie man einen friedlichen Wechsel in konfliktmindernder Absprache und Verständigung mit dem Gegner herbeiführen kann.

Unter all diesen Voraussetzungen gilt es heute, ebenso zu fragen, welche Anstrengungen zu unternehmen sind, damit die Weltgerechtigkeit ein praktisch-politisches und gleichzeitig ein strategisches Ziel im Interesse aller bleibt, wie Menschenrechte universell zur Geltung kommen, wie einer Ökonomisierung des ganzen Lebens so entgegen getreten werden kann, dass der Mensch in der Totalität der Welt-Markt-Gesetze nicht zu einer „Ware unter Waren“ wird.

Zu guter Letzt gilt es dafür zu sorgen, die Güter der Erde so zu gebrauchen, dass auch kommenden Generationen lebenswürdige Bedingungen erhalten bleiben.

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11:55 29.04.2009
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