Deutsche Leere

Stadtschloss In Berlin eröffnet mit dem Humboldt Forum das größte Museumsprojekt seit langem. Es wird seinem Anspruch nicht gerecht
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Kuppelkreuz am Berliner Stadtschloss, dem sogenannten „Humboldt Forum“

Foto: Christian Ditsch/Imago Images

Trotz jahrelanger Skepsis war die Spannung zuletzt doch gestiegen. Das viel kritisierte Humboldt Forum im wiedererrichteten Berliner Stadtschloss soll am 16. Dezember endlich öffnen. Wegen Corona erfolgt der Startschuss nun digital. Bildergucken im Internet: Antiklimax statt Kulturhighlight. Denn was die endlose Debatte um das meistdiskutierte deutsche Museumsprojekt aller Zeiten jetzt braucht, ist ein Ergebnis, das man begutachten kann. Und das ist zu sehr mit dem Haus als architektonischem Objekt verbunden, als dass ein Videorundgang es ersetzen könnte. Wir warten also auf den Frühling.

Was dann folgt, wird die schwere Geburt des Projekts aufwiegen müssen. Die wurde 2002 eingeleitet, als der Bundestag mehrheitlich beschloss, den asbestbelasteten Palast der Republik, Parlaments- und Kulturgebäude des Ostens, abzureißen und an seiner Stelle das alte Berliner Schloss nachzubauen. Die Verurteilung dieser Aktion als Revanchismus gegen die DDR folgte auf dem Fuße. Zu klar trat damit Deutschlands Versagen bei der Aufarbeitung seiner sozialistischen Vergangenheit zutage. Der Palast, der auch Helmut Kohl ein Dorn im Auge gewesen war, musste dem Schloss weichen.

Das erinnert zwar auch an deutsche Geschichte, aber an eine andere. Im Berliner Schloss residierten seit dem Spätmittelalter die Hohenzollern – das deutsche Adelsgeschlecht, das alle preußischen Könige und spätere Kaiser stellte. Sein Wiederaufbau setzt ein Eliten-Denkmal, das an fragwürdige Politik und preußischen Militärfetischismus erinnert. Die „Prussifizierung Berlins“, von der die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann spricht, privilegiert offensichtlich bestimmte historische Elemente, was einer Glorifizierung gefährlich nahekommt. Das Kreuz auf der Kuppel, welches das Gebäude auch noch religiös konnotiert, zeugt einmal mehr von der ungenügenden Distanz des Projekts zu den ideologischen Inhalten seines baulichen Vorbilds.

Die historische Regression klammert das Leid aus, das mit der Macht der Hohenzollern verbunden ist. In den früheren deutschen Kolonien zum Beispiel. Die haben heute viele vergessen, weil sie erst spät akquiriert wurden und es davor, wie der postkoloniale Theoretiker Edward Said meinte, deutsche Beteiligung im kolonialen Diskurs „nur“ auf intellektueller Ebene gab. Fakt ist jedoch, dass das Kaiserreich drittstärkste Kolonialmacht hinter Großbritannien und Frankreich war und als solche auch gewaltsam vorging. Vom Genozid an den Herero und Nama in Namibia bis hin zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China.

Diese Zeit ist im Humboldt Forum nicht nur indirekt präsent. Denn das Ethnologische Museum in Dahlem füllt dort eine Ausstellungsfläche mit Objekten, die seit langem im Raubgut-Verdacht stehen. Zentrales Ärgernis des Ganzen ist, dass die Verantwortlichen sich bisher der Diskussion um dieses Problem fast vollständig entzogen haben.

Zwar wird im Forum mit viel Einsatz an der Provenienz vieler Objekte geforscht, doch es fehlt ein klares politisches Bekenntnis von der Spitze. Die rein männliche, weiße und zudem deutsche Staffel der Intendanten und Kuratoren hat in puncto Öffentlichkeitsarbeit alles falsch gemacht. Die Weichen dafür wurden früh gestellt. Angefangen mit der Entscheidung fürs barocke Schloss und gegen Viola König, die kompetente und umsichtige ehemalige Direktorin des Ethnologischen Museums und einzige höherrangige Frau, die im Humboldt Forum involviert war. Die fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit Herkunft und Rückgabe kolonialer Objekte setzt alldem die Krone auf. So besitzt Berlin noch immer unzählige Beniner Bronzen sowie den Original-Thron „Mandu Yenu“ aus Kamerun – dank der offiziellen Linie, König Njoya aus Bamum habe diesen 1908 an seinen Kumpel Kaiser Wilhelm II. verschenkt. Der reale Zwang, der dahintersteckte, wurde bisher weggebügelt.

Die Hauptstadt leistet gute und richtige Erinnerungsarbeit für die Opfer des Nationalsozialismus. Für Kolonialverbrechen gilt dies nicht. Das Humboldt Forum wäre eine ideale Gelegenheit gewesen, das erstarkende Bewusstsein über diese Vergangenheit auch in der Berliner Museumslandschaft zu zementieren.

Die ideologische Kompromittierung des Projekts ist evident. Der uninspirierte Generalintendant Hartmut Dorgerloh, der sich vorher um die Preußischen Schlösser und Gärten in Berlin-Brandenburg gekümmert hat, macht die Sache nur noch schlimmer. Für die Sensibilität, die die lang überfälligen Kolonialismusdebatten einfordern, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den Falschen gewählt. Zu postkolonialer Aufarbeitung scheint er nur bei banalen Themen fähig zu sein, wie dem Ursprung des Kaffees, der in der Gastronomie im Humboldt Forum serviert werden soll. Man müsse sich Gedanken machen, wo der herkommt, so Dorgerloh. Auf diese Weise lagerte er mit dem Fair-Trade-Versprechen den dringend notwendigen Umgang mit der Kolonialgeschichte, deren kulturelle Errungenschaften im Forum präsentiert werden sollen, ins Lukullische aus. Wenn das alles ist, was wir jetzt verpassen, dann kann man ruhig noch eine Weile auf die Eröffnung warten.

Agatha Frischmuth ist Literaturwissenschaftlerin und lebt als freie Autorin in Berlin

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