Deutsche Prospekte, vergriffen

Kosovo Europatag in Pristina: Im deutschen Pavillon kann man aufkleben, wo in Deutschland man bereits war. Inmitten der Europaeuphorie weckt die Aktion manch bittere Erinnerung

Pristina feiert Europatag. Auf dem Platz neben dem Grand Hotel biegen sich weiße Pavillons im Wind. In jedem Pavillion präsentiert sich ein anderes EU-Land. Zwischen den Infoständen geht es zu wie im Bienenstock. Aus den Boxen dröhnt ohrenbetäubend laute Popmusik. Unterbrochen wird sie von Kindern, die sich als Botschafter Irlands oder Spaniens ausgeben und versprechen, sich als solche für Frieden und Gleichheit unter den Menschen einzusetzen.

Die kosovarische Europaeuphorie wirkt surreal, denkt man an finnische Wahlergebnisse oder französiche Umfragen. Am deutschen Pavillon entschuldigt sich ein Botschaftsangestellter für den karg bestückten Infotisch. Die deutschen Prospekte sind gefragt und innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Neben einigen Restexemplaren gibt es nur noch die Mitmachaktion: „Haben Sie auch schon mal in Deutschland gelebt? Das ist schön. Nehmen Sie doch hier einen Klebepunkt und setzen Sie den auf die Deutschlandkarte dort, wo sie gelebt haben.“

Naman Ajvazi klebt einen gelben Punkt auf Kassel. Acht Jahre hat er dort mit seiner Familie gelebt. Er ist nicht freiwillig gegangen. Vor zehn Jahren kamen um vier Uhr nachts 20 Polizisten. Man gab der sechsköpfigen Familie zwei Minuten Zeit. Gesicht waschen, Toilettengang in Polizeibegleitung. „Als wären wir Terroristen“, erinnert sich Ajvazi.

Zwei Tage später treffe ich Ajvazi auf einen Kaffee. Er hat seine 19-jährige Tochter Arbresha mitgebracht. Sie spricht beinahe perfektes Deutsch. Sie ist in der Schweiz geboren, ihre drei jüngeren Geschwister in Deutschland. Arbresha hat in Kassel die dritte Klasse der Regenbogenschule besucht. Im Kosovo musste sie zurück in die erste, weil „ich kein einziges Wort Albanisch konnte.“ Bis zur fünften Klasse gab es im Kosovo die Prügelstrafe – „zum Beispiel wenn man sein Schulbuch vergessen hatte.“ Die Familie Ajvazi hatte kein Geld, um Schulbücher zu kaufen. „Ich hatte sehr oft geschwollene Hände, wenn ich von der Schule kam.“, erzählt Arbresha.

Heute sieht die junge Frau für sich keinerlei Perspektive. Sie ist arbeitslos. So ergeht es nach Schätzungen sechzig Prozent der 16- bis 24-jährigen Kosovaren. Von legaler Beschäftigung wagt hier kaum einer zu träumen. Chancen gibt es allenfalls im gigantischen informellen Sektor. Dort sind Arbeitnehmerrechte Fehlanzeige: Wer dem Boss Probleme macht, der fliegt. „Als junge Frau kommst du an viele dieser Jobs nur, wenn du mit dem Chef ausgehst“, sagt Arbresha. Auch Naman hat keinen festen Job. Arbeitslosengeld gibt es im Kosovo nicht. Die Großfamilie lebt seit zehn Jahren in einer Zweizimmerwohnung. „Gott sei Dank haben wir zu essen und zu trinken“, hin und wieder ergibt sich für ein Familienmitglied die Gelegenheit, ein paar Euros zu verdienen.

Montags nach Ende des Europafests sind die Pavillons abgebaut. Auf dem Platz zurück bleiben Pappkartons, Budapest-Stadtpläne, Filzstifte und bergeweise geplatzte blaue und gelbe Ballons. Als ich ein Foto vom Überbleibsel der Feier machen will, kommt ein junger, freundlicher Mann auf mich zu. Er bittet mich, kein Foto zu machen. „Ich will den Müll hier nicht zurücklassen, der kommt weg.“ Er stellt sich als Unternehmer vor, gibt an, für die Europäische Kommission an der Organisation des Europatags mitzuarbeiten. Er verspricht, in einer Stunde sei der Platz wieder sauber. Dann entschuldigt er sich: „Ich muss jetzt jemanden organisieren, der hier aufräumt.“

Möglicherweise wird es jemand sein, der schon ganz andere Erfahrungen mit Europa gemacht hat. Möglicherweise wird es jemand sein, der ebenfalls einen Punkt auf die Deutschlandkarte setzen könnte – dorthin, von wo er abgeschoben wurde.

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