Werner Vontobel
25.05.2011 | 11:15 8

Deutsche Überschüsse: Die Schulden der anderen

Wachstum Das BIP in Deutschland ist überraschend stark gewachsen – dabei sind die Reallöhne weiter gefallen. Und die Exporte schaden den anderen Euro-Ländern

Die Euro-Krise spitzt sich weiter zu und hat diese Woche das Stadium der Hoffnungslosigkeit erreicht. Die ganz schlechte Nachricht kommt nicht aus Spanien, wo die regierende Spar-Partei in den Regionalwahlen eine Abfuhr erlitten hat und vor der Abwahl steht. Sie stammt auch nicht aus Italien, dessen Staatsschulden unter Abwertungsverdacht gestellt wurden. Nein, der Tiefschlag für den Euro steckt in den Zahlen, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag veröffentlicht hat.

Diese bestätigen zwar die Vorabmeldung vom 11. Mai, wonach Deutschland in den vergangenen vier Quartalen ein reales BIP-Wachstum von 5,2 Prozent erreicht hat. Das wäre an sich eine gute Meldung. Doch vor dem Hintergrund der Eurokrise sind die Details, welche das Bundesamt jetzt nachgeliefert hat, die reinste Katastrophe.
Das sind die entscheidenden Zahlen. Das BIP pro Arbeitsstunde ist um beachtliche 2,3 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche reale Stundenlohn hingegen ist um 0,7 Prozent gesunken. Der deutsche Arbeitnehmer produziert somit zwar pro Stunde 2,1 Prozent mehr, musste aber einen realen Rückgang des Stundenlohnes um 0,7 Prozent hinnehmen. Diese beiden Zahlen spiegeln das aktuelle Kräfteverhältnis auf dem deutschen Arbeitsmarkt wider. Die Differenz kann langfristig nur durch (im aktuellen Fall um 2,8 BIP-Prozent) steigende Exportüberschüsse aufgefangen werden.

Kurzfristig gibt es zwar noch ein paar andere Möglichkeiten: Die Sparquote der deutschen Haushalte kann sinken. Das ist im abgelaufenen Jahr tatsächlich geschehen, was den Konsum um 0,5 BIP-Punkte erhöht hat. Ferner muss die Exportindustrie ab und an einen kleinen Zwischenspurt bei den Investitionen einlegen. Auch das ist geschehen, was die inländische Verwendung um rund 0,8 Prozentpunkte erhöht hat. Statt 2,8 hat deshalb der Exportüberschuss 1,5 BIP-Prozente zum BIP-Wachstum beigetragen.

Doch ob 2,8 oder 1,5 BIP-Prozente – entscheidend ist, dass Deutschlands Wirtschaft weiterhin auf Exportüberschüsse getrimmt ist. Das Land produziert entschieden mehr, als es an Konsum zulässt. Sogar ein Aufschwung von immerhin 5,2 Prozent hat die Kräfteverhältnisse um keinen Deut verändert beziehungsweise zugunsten der potentiellen Konsumnachfrage verbessert. Die deutschen Arbeitnehmer können zwar dank den Exporten und dank den Investitionen der Exportindustrie mehr und länger arbeiten. Aber die Lohnstückkosten gehen weiter zurück, die Kaufkraft pro Arbeitsstunde sinkt.

Und es gibt noch eine sehr schlechte Nachricht: Die Märkte haben auf die negativen Meldungen aus Wiesbaden nicht oder gar positiv reagiert. Das bedeutet, dass sie das realwirtschaftliche Einmaleins der Euro-Krise bis heute nicht begriffen haben: Solange Deutschland Leistungsbilanzüberschüsse (gegenüber den Euroländern) erzielt, können die übrigen Euroländer ihre Schulden nicht abbauen. Wenn Deutschlands Überschüsse sogar noch steigen, wird eine Rückzahlung der Schulden vollends illusorisch.
Wer das nicht merkt, kann nur noch auf Zeit spielen, den Kopf in den Sand stecken und so tun, als könnten Sparprogramme der Schulderländer die Gesetze des Marktes und die Regeln der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung außer Kraft setzen.

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Kommentare (8)

mh 25.05.2011 | 13:28

ein absinken der deutschen sparquote findet eigentlich ständig statt. denn wenn man die zahlen real betrachten wollte, müsste man den zwang zur privaten rentenvorsorge exkludieren. wenn die sparquote in ihrer gesamtheit nun aber dennoch sinkt, obwohl es den zwang zum vermehrten sparen gibt, bedeutet dies für die zukunft eine zunehmende altersarmut. das stellt uns dann vor ganz andere probleme.

mfg
mh

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Ehemaliger Nutzer 25.05.2011 | 14:23

Der tendenzielle Verlust des Wertes und schließlich des Preises der Arbeitsstunde eines Arbeitnehmers ist eine absehbare Entwicklung gewesen. Eine spezifisch bundesdeutsche Variante ist der Wechsel von der Ausnahme zur Regel im Zweitarbeitsmarkt. Ich meine den Übergang zur Leiharbeit zu sehr viel schlechteren Bedingungen für die Arbeitnehmer und unattraktiven Preise dieser Pseudodienstleistung für die Kunden der " Personalverleihfirmen". Beide sind die Leidtragenden dieser Entwicklung und müssen dafür bezahlen. Die Profiteure sind die Zeitarbeitsfirmen und der Staat. Vielen Dank an alle fleissigen Genossen der SPD aus deren letzter Regierungsära, die an den Nachhilfekursen in " Politische Ökonomie des Kapitalismus" nicht teilnahmen. Besser wäre es aber gewesen, sie hätten sich damit beschäftigt, so haben wir nun auf Dauer den Salat. Binnenkonjunktur wird dadurch in Deutschland nie entwickelt werden können. Dafür werden die wenigen wirklich Reichen immer reicher und die vielen Armen immer ärmer. Entwicklungen gibt es folglich doch.
Maxi Scharfenberg

gweberbv 25.05.2011 | 19:26

Wenn sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft verringern sollte, würden davon nicht in erster Linie die EU-Defizitländer profitieren. Hinter bzw. neben der deutschen Exportmaschine stehen ja noch zig weitere internationale Anbieter, die es Staaten mit starker Währung, aber wettbewerbsschwacher Wirtschaft unmöglich machen selbst Exportüberschüsse zu generieren.

Ravenbird 26.05.2011 | 10:24

Der Artikel trifft den sprichwörtlichen Nagel auf dem Kopf! Deutschland und auch die anderen Länder mit Außenhandelsüberschuss produzieren die Schulden der anderen Länder. Gerade deshalb ist es in meinen Augen so wichtig das in Deutschland der Binnenmarkt angekurbelt wird. Und das geht eben nur wenn die Löhne steigen um entsprechende Nachfrage zu ermöglichen. Jedoch darf das nicht bedeuten das man mehr 'Geld drucken' soll, sondern viel mehr das sich die massiv gestiegene Produktivität für den Arbeitnehmer endlich in barer Münze auszahlen und nicht in der Tasche von Gesellschaftern und Aktionären verschwinden darf.

PS. Das wir freilich über das Ziel der Stärkung des Binnenmarkts (Inlandsnachfrage) nicht die ökologischen Aspekte (Wir leben nach wie vor in einer Wegwerfgesellschaft und müssen dringend wieder davon weg!) vergessen dürfen sollte jeden klar sein.

Monika Frei 27.05.2011 | 10:18

Während die deutsche Industrie glänzende Erfolge feiert verarmen nicht nur die europäischen Krisenläder, nein auch innerhalb Deutschlands verarmen Länder und Regionen. Dies zeigt dass über Jahre hinweg eine falsche Fiskalpolitik betrieben wurde.
Steinreiche Konzerne zahlen nahezu keine Steuern in Deutschland erhalten aber milliardenschwere Subventionen ohne Rückzahlungsverpflichtung. Reiche können sich arm rechnen oder ungestraft Gelder im Ausland anlegen, bzw. können leistungslos erwirtschaftete Gewinne mit niedrigen 25% versteuern. Auf Erbschaftssteuer kann man weitgehend verzichten, ebenfalls auf Vermögenssteuern.
Im übrigen sollte man nicht vergessen, dass auch die deutsche Schuldenuhr weitertickt.

Weiter so!

mh 30.05.2011 | 18:38

über den blödsinn mit den leistungsbilanzüberschüssen lohnt ja das diskutieren nicht... aber:

wie kann man denn gegen die wegwerfgesellschaft und für die stärkung der binnennachfrage sein?

müssten nicht gerade menschen, die gegen die wegwerfgesellschaft sind, nahezu froh darüber sein, dass deutschland seine binnennachfrage schwächt und somit weniger wegwerfmaterial gekauft wird?

mfg
mh