"Deutscher Hof" in Kabul

Afghanistan Lehrer Khyal will zurück in seine Schule - Gastwirt Völker "ein bisschen Geschichte mitschreiben"

Ich hatte ihn in Berlin kennen gelernt, als wir in der pakistanischen Botschaft gemeinsam darauf warteten, dass der Konsul unsere Visa absegnete. Khyal war vor Jahren aus Afghanistan nach Pakistan ins Exil gegangen, bevor er auch dort nicht mehr sicher war und nach Deutschland emigrierte - ein lange Exilgeschichte zwischen sowjetischer Besatzung und Taliban-Herrschaft. Jetzt wollte er zurück. Eine Wiederkehr auf Zeit. Erst nach Kabul, von dort aus für einige Tage nach Peshawar, um alte Freunde zu besuchen, wie er mir erzählte. Ich hatte das Gleiche vor, nur begann meine Reise ein paar Tage später. Kyhal könnte mein Schutzengel werden, hoffte ich.

Wieder Fuß fassen

Auf dem Flug nach Kabul male ich mir alles Mögliche aus, Khyal wird doch nicht am Flughafen sein, wie er es versprochen hat. Aber ich habe mich zu Unrecht geängstigt - er ist da und mit ihm sein Neffe Wali, der nicht nur zu meiner Begrüßung kommt, sondern auch als Chauffeur und Schutzpatron in meine Dienste gestellt wird.

Der Herbsttag in Kabul dämmert trübe, staubig und grau dem Abend entgegen, als wir in Richtung Innenstadt fahren, brüchiger Asphalt ohne Bäume. Solange es die Verkehrsdichte zulässt, umkurvt Wali großzügig die Schlaglöcher. Bald aber blockieren Bauern mit hochbeladenen Karren und klapprige Überlandbusse die Zufahrtsstraße. An den Rändern waten Fußgänger durch aufgeweichten Schmutz, irgendwo liegt neben dem Gehweg ein Mensch - ein elendes Bündel Leben, um das sich keiner mehr kümmert.

Wali schiebt sich halb quer auf den schmalen Parkplatz zwischen einen Lieferwagen, aus dem gerade riesige Fernsehgeräte entladen werden, und einen UN-Jeep, wir halten, damit mir Khyal gleich zu Anfang mit ausladender Geste das Business-Leben von Kabul präsentieren kann. In dieser Shopping Mall gibt es - soweit ich das überblicken kann - scheinbar alles: Waschmaschinen, Telefonanlagen, Kühlschränke, High Tech aller Marken, dazu großflächige Reklame und die kleinen Läden in den Gewerbehöfen ringsherum, wo umtriebige Geschäftsleute mit dem Handy am Ohr Kisten hin und her dirigieren. Khyal schiebt mich in den nächsten Computerladen, weil ich das Netzteil für meinen Laptop vergessen habe. Der Verkäufer begrüßt mich mit offenen Armen und auf Deutsch. Netzteile? Aber sicher. Solche oder solche? Mit diesem oder einem anderen Adapter? Weil ich ratlos bin, sucht er das passende Teil für mich aus und lässt es eine Treppe höher im hauseigenen Service gleich noch auf Funktionstüchtigkeit prüfen. Dann wünscht er mir eine gute Zeit in seinem Land. In meinem habe er sich einst sehr wohl gefühlt, ruft er mir nach.

Am nächsten Tag begegne ich einem von Khyals Brüdern, offenbar eine stadtbekannte Person. Sein Restaurant hat einen guten Ruf und ist mehr als ein Restaurant. Gerade findet im großen Saal eine Pressekonferenz mit dem Kulturminister statt. Ich darf ihm die Hand schütteln und bekomme einen Termin für den nächsten Tag. Man kennt sich, und das ist nicht nur gut, sondern notwendig.

In den Hinterzimmern des Etablissements, erfahre ich, werde viel über Afghanistans Schicksal diskutiert. Hier würden sich alte Warlords, aus dem Exil heimgekehrte Schriftsteller, Menschenrechtler, Regierungsbeamte und Geschäftsleute die Klinke in die Hand geben. Ich sehe Männer mit wettergegerbten Gesichtern unter Paschtunen-Mützen und höre Khyal sagen, sie alle hätten den Krieg und die ewigen Konflikte untereinander satt, in Afghanistan solle endlich wieder gelebt werden.

Khyal entstammt einem einflussreichen Clan in der Provinz Khost. Während der achtziger Jahre gründet er - beispielhaft für eine ganze Region - in seinem Dorf die erste Mädchenschule und muss deshalb eines Tages vor den Taliban in die pakistanische Grenzstadt Peshawar fliehen, um bald darauf mit seiner Familie Exil in Deutschland zu finden.

Inzwischen würde Khyal gern für immer zurückkehren, um wieder als Lehrer zu arbeiten, aber die Familie zögert. Die Kinder wollen auf jeden Fall ihre Ausbildung in Deutschland beenden, auch Khyals Frau hat ihre Zweifel. Aber sie hindert ihn nicht daran, ein paar Mal im Jahr für Wochen das Terrain zu sondieren. Ist es möglich, in der Heimat wieder Fuß zu fassen? Viel Zeit ist vergangen, man holt sie nicht zurück.

Ein bisschen herumbellen

Im Bierabteil des Deutschen Hofes sitzt Gunter Völker mit dem Rücken zum Eingang und meditiert, was er immer tut, wenn er wieder einmal daran zweifelt, ob das denn alles richtig ist, was er sich hier zumutet. Aber wenn er eine Weile Zwiesprache mit sich selbst halten konnte und die ersten Gäste nach seinem Sauerbraten fragen, kehrt auch die Zuversicht zurück.

Der Deutsche Hof in Kabul, das ist die mutige Geschäftsidee eines gebürtigen Thüringers und eine Adresse für alle "Internationals". Bei Völker treffen sich die Ladies der in Kabul so zahlreich ansässigen NGOs, die Wiederaufbau-Experten und Geschäftsleute aus dem Westen mit ihrer afghanischen Entourage, Ärzte, Journalisten und sonstige Weltverbesserer. Die Küche bietet Rostbratwurst, Eisbein, Sauerkraut und Thüringer Klöße, aber auch Multikulturelles. Am Tresen wird ein frisches Köstritzer gezapft, rangekarrt zuweilen auf abenteuerlichen Wegen.

Die Crew besteht aus jungen Afghanen, die im Deutschen Hof unter der Schirmherrschaft der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEF) zu Köchen und Kellnern ausgebildet werden. Fachkräfte aus Gunter Völkers Schule sind in der Kabuler Gastronomie gefragt.

Über den Hof gibt es noch ein Gästehaus mit ein paar Zimmern, einfach und vor allem sicher abgeschirmt hinter Mauern und einer bewachten Pforte. Völker hat mir sein Refugium oben auf dem Dach abgetreten, wo ich mich in Gesellschaft zweier zuwendungsbedürftiger Hunde wiederfinde. Nachts dürfen sie ein bisschen auf dem Hof herumbellen. Afghanen - meint Völker - hätten Angst vor Hunden. Jeder, der was Böses im Schilde führe, bleibe da von vornherein auf Abstand.

Zum Abendessen bestelle ich natürlich etwas von der Hauskarte in Völkers Reservat, plaudere mit einem afghanischen Rechtsanwalt, lobe den schüchternen Kellner und beobachte eine Weile das Wichtiggetue der "Internationals", bevor ich mit meinem Bier zum Hausherren ins Büro gehe und mir seine Lebensphilosophie erklären lasse. "Ich will einfach ein bisschen Geschichte mitschreiben", sagt Völker, und es hört sich an, als wolle er mal eben ein Ei in die Pfanne schlagen. "Mit der Bundeswehr war ich auf dem Balkan und habe dort gesehen, was Krieg anrichten kann."

Danach wollte er einen Neuanfang, der ihn "wirklich herausfordert" und etwas bewegen lässt. Muss das unbedingt in Afghanistan passieren?, fragte ihn besorgt seine Mutter, wenn er doch auch im heimatlichen Deutschen Hof seine Thüringer Klöße servieren könnte.

Nein, er wollte nicht in Tabarz bleiben, sondern in Afghanistan sein. Gunter setzte sich ins Flugzeug und eröffnete vor drei Jahren sein Lokal in Kabul. Was er bewegt hat, ist nicht zu übersehen.

"Weißt du, die Menschen sind hungrig nach einem normalen Leben, sieh dir nur die Jungs an, die hier arbeiten. Ich sage immer den Journalisten, die herkommen, die sollen sich mehr um die guten Dinge kümmern, die hier auch passieren und nicht immer nur über Anschläge berichten."

Es ist spät, als das Telefon klingelt, die letzten Gäste sind lange weg. Völker antwortet auf Englisch, sein Gesicht wird ernst. "Irgendwas ist passiert. Ruf alle zusammen, die noch im Hause sind. Und bring meine Pistole mit", instruiert er den Kellner, der gerade mit seiner Abrechnung ins Büro kommt. Dann greift er wieder zum Telefon, ermahnt ein paar deutsche Freunde, die im Zentrum wohnen, heute Nacht besonders vorsichtig zu sein. "Ich habe ein paar zuverlässige Sicherheitsleute, die mich sofort informieren, wenn draußen was am Laufen ist." Der Kellner kommt mit ein paar Leuten und der Pistole zurück. Gunter wickelt sie seelenruhig aus einem Tuch, ein tschechisches Modell älterer Bauart.

Und dann sagt er allen, was sie im Ernstfall, einem Angriff auf den Deutschen Hof, zu tun hätten. Ich bin auf meinen Reisen hin und wieder in solche Situationen geraten, in denen es oft nur eine Ahnung davon gibt, wie nah die Gefahr wirklich ist. Vielleicht erklärt das, weshalb ich überhaupt keine Angst habe. Ich steige auf mein Dach und höre in die Dunkelheit. Es ist still. Völkers Hunde liegen in einer Hofecke, und im Wachhäuschen vor der Mauer brennt eine trübe Laterne. Darüber hängt eine deutsche Fahne schlaff am Mast. Ich gehe schlafen. Es gibt keinen Ernstfall.

Parveen kann filmen

Wali, mein Schutzpatron, erzählt mir am nächsten Tag, es sei eine Bombe nahe der amerikanischen Botschaft entdeckt worden, aber inzwischen längst entschärft. Wali hebt lächelnd die Schultern - so ist es nun mal in Kabul.

Er führt mich durch das Restaurant seines Onkels in eines der diversen Hinterzimmer, damit ich Parveen, eine kleine Person Ende 20, treffen kann. Parveen ist Kamerafrau beim afghanischen Fernsehen, nicht die einzige im Lande, aber die einzige, die mit ihrer Kamera auf die Straße geht. Sie will mich mitnehmen zu einem Drehtag auf einem der Märkte Kabuls. "Wenn ich die Kamera in der Hand halte" - so erzählt sie - "dann bin ich wie im Rausch. Ich kann überhaupt nicht aufhören zu filmen. Ich möchte alles festhalten." Auf einem riesigen Platz pausieren die Chauffeure von Reisebussen vor der nächsten Tour über Land. Aufschriften an Türen und Heck verraten die deutsche, niederländische, französische oder Schweizer Herkunft der Fahrzeuge. Die Fahrer sind stolz, in den Genuss dieser nützlichen Entwicklungshilfe gekommen zu sein. Wir müssen mit ihnen Tee trinken, und Parveen kann filmen, so viel sie will.

"So einfach ist es nicht immer. Die Menschen haben sich noch nicht daran gewöhnt, dass auch Frauen in Afghanistan eine solche Arbeit tun. Es passiert schon, dass ich beschimpft werde oder mich jemand mit Tomaten bewirft." Parveen spielt mit den Zipfeln ihres Tuches. "Du hast sicher die jungen Frauen auf dem Gelände des Filmstudios gesehen und dich gewundert, wie viele von ihnen die Burqa tragen. Aber die Verhüllung bietet ihnen mehr Schutz und Sicherheit vor Angriffen in der Öffentlichkeit. Es ist nicht einfach, und es wird lange dauern, bis wir wieder normal leben können. Wir dürfen nur nicht aufgeben." Ich sehe, wie sich ihre Augen mit Tränen füllen.


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00:00 10.11.2006

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