Deutschland als Film

Im Gespräch Der Regisseur Thomas Heise über seine neue Dokumentation "Material" und den kurzen Moment im Winter 1989, an dem Veränderung möglich schien

Der Freitag:

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Thomas Heise

: Es geht um eine Art Umgraben. Interessant ist, was wie geschieht. Wie das Verhältnis von Bühne und Zuschauerraum sich entwickelt und verändert. Es gibt einen Polizisten, der mit seinen Gegnern ins Gespräch kommen will, einen Mann von der Straße, der die Angriffe der Polizei stoppen will, beiden hören die jeweils Angesprochenen nicht zu. Es gibt einen Regisseur und einen Bühnenbildner, es geht um oben und unten, die in Bewegung geraten sind. Es gibt einen Funktionär, der wie ein Funktionär von oben das Volk zu überreden versucht, unten und ruhig zu bleiben. Doch das Volk lässt sich nicht mehr bescheißen. „Es muss jetzt von unten nach oben gehen und jeder muss gefragt werden“, sagt ein Wärter im Gefängnis. Darum geht es, den aufscheinenden, kurzen Moment der Chance auf Änderung.

Thomas Heise – die Filmografie in Bildern

Der Film fährt den Zuschauer vom Geschehen in Ost-Berlin in ein DDR-Gefängnis. Man ist lange bei den Gefangenen und ihren Geschichten.

Hans Wintgen fragte mich, ob ich mit meiner Kamera und ihm nach Brandenburg fahren würde. Er hatte eine Verbindung dorthin. Es war die Nacht vom 7. zum 8. Dezember 1989. In Brandenburg hatte es Unruhen gegeben. In getrennten Räumen warteten Personal und gewählte Sprecher der Gefangenen auf das Fernsehen. Die VHS-Kamera wurde als das Fernsehen wahrgenommen. Die Aufforderung war: Jeder tritt vor die Kamera und sagt, was er zu sagen hat. Es ist das erste Mal, dass Personal und Gefangene sich öffentlich vor der Kamera äußern. Ein utopischer Vorgang, Wachpersonal und Gefangene denken gemeinsam über ihr Leben und ein besseres Gefängnis nach.

Welche Dinge auf einmal zur Sprache kommen! Da wirkt die öffentliche und politische Sprache in Deutschland heute tot. Wäre es zuviel zu sagen,

Vielleicht ist es zuviel, aber dieses Zuviel ist einer der wesentlichen Antriebe, diesen Film herzustellen.

Material

steht in Zusammenhang mit Filmen von Ihnen, die Spuren deutscher Geschichte ins Heute legen und verfolgen. Zum Beispiel

Eisenzeit erzählt von Eisenhüttenstadt, gebaut als Stalinstadt, als ideale Stadt für 25.000 Einwohner. Das erste dort gebaute Haus war das Theater. Junge Leute haben diese Stadt gebaut. Für ihre Kinder, die nächste Generation, war kein Platz, eigenes zu tun. Die Steine waren unverrückbar.

Man sieht einen Vater, der seinen Sohn in eine ganz bestimmte Rolle pressen will und dabei zu einem schweinischen Vater wird. War das besonders ausgeprägt in der DDR, dass andere als die von den Älteren vorgesehenen Biografien nicht zugelassen waren?

Andere als vorgesehene Biografien sind auch anderswo eher nicht zugelassen und müssen erkämpft werden, das ist nicht DDR-spezifisch. Ein Vater erzählt in

Es gibt in

Ja, die erste öffentliche Vorführung des Films am 3. Oktober 1992 für Protagonisten und Gäste. Es war keine Saalschlacht. Autonome griffen das Kino mit Steinen und Tränengas unter dem Vorwand an, dort fände eine faschistische Veranstaltung statt. Den Film kannten sie nicht. Sie folgten ihrem Glauben, etwas zu wissen.

Stau

zeigt ein frühes Stadium heutiger Zustände, nämlich sehr junge Rechte. Die Methode, diese Menschen lange reden, ausreden zu lassen, ist umstritten.

Es geht um Kinder und Eltern in einer sich verändernden Gesellschaft. Und wenn das Eltern-Kinder-Verhältnis wie das Gesellschaftsgeschehen sich darin äußert, dass Jugendliche sich in eben dieser Weise umtun, dann ist das zunächst mal zur Kenntnis zu nehmen. Interessant ist, wie sie sich verhalten, wenn man versucht, ins Gespräch zu kommen…

…wodurch es zu erhellenden Szenen kommt. Wie bei dem Zwiegespräch am Kyffhäuser: Ein Junge und ein Mädchen diskutieren ihre Ansichten, und das ist weniger ein Austausch unter Nazis als ein typisches Gespräch in dem Alter.

Das ist die Szene, die man auf der Leinwand während des Überfalls auf das Kino 188 in Halle sieht.

Über die Bilder nähert man sich in Ihren Filmen Menschen und Wirklichkeiten langsam an. Lauter Kennenlernsituationen. Dem Publikum ist anheim gestellt, Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen. Ist das von Brecht beeinflusst?

„Alles, was Menschen in Bewegung setzt, muss durch ihren Kopf hindurch. Aber wie das geschieht, hängt sehr von den Umständen ab.“ Das ist ein Satz von Friedrich Engels aus dem Film

Der Begriff „Material“ ist Ausdruck einer Distanz. Durch den Film ziehen sich Aufnahmen mit dem Theaterregisseur Fritz Marquardt. Sind auch die reines Material oder ist für einmal Nähe ausgedrückt?

Es gibt Dinge, die ich nicht als Material verwenden kann oder noch nicht. Die Bilder von Marquardt – wie er stumm vor dem Modell von

Woody Allen sagt, mit dem Drehuch sei für ihn der Film fertig: Wie er ihn aufschreibt, bekomme er ihn nie hin. Godard sagt, ein Film entstünde beim Drehen.

Es geht mir darum, den Film beim Machen zu entdecken. Das Einzige, was du machen kannst, ist deiner Intuition zu folgen und etwas sich entwickeln zu lassen.

Entgeht einem dadurch nicht etwas?

Das kommt vor, aber ich bin ja nicht auf der Jagd. Dass einem etwas entgeht, sagt nicht, dass es notwendig gewesen wäre.

„Immer dann, wenn die Stärke der einzelnen Schwingungen die Schmerzgrenze überschreitet, stelle ich fest, dass es sich um meinen Herzschlag handelt und erwache. Ein riesiges Dunkel vor Augen.“ Ist dieser Text gegen Ende von

Das ist der Schluss von

Die Stelle erinnert an den Prolog von

Die Landschaft nach dem Menschen. Zu Beginn der Neunziger fuhr ich mit den Protagonisten von

Das Gespräch führte Michael Girke

Wozu denn über diese Leute einen Film heißt eine Dokumentation Thomas Heises von 1980, nach einem Ausspruch seines Professors an der Potsdamer Filmhochschule. Heise wollte zwei Kleinkriminelle porträtieren; dem Rauswurf an der Hochschule kam er wenig später zuvor. Wozu denn über diese Leute einen Film, mag sich denken, wer das Personal von Heises Filmen anschaut: die Neonazis in Stau (1992) und Neustadt (1999), den Spion Barluschke (1997), die Dorfgemeinschaft in Vaterland (2002). Um deutsche Geschichte zu erzählen, lautet die Antwort. Dennoch ist der 1955 in Ost-Berlin geborene Heise eine Randerscheinung: Material läuft derzeit nur in Berlin (Verleih ist arsenal-berlin.de), auf VHS ist Barluschke erhältlich, auf DVD Kinder. Wie die Zeit vergeht (siehe Seite 28)

05:00 20.05.2009

Ausgabe 21/2020

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