Deutschland beim ersten Kuss

Subtext Daniel Biskup hat seine "Fotografischen Impressionen auf dem Weg zur Deutschen Einheit" veröffentlicht

Manchmal sagt ein Satz mehr als tausend Bilder. Richtig platziert, kann er zuweilen eine komplexe Wirklichkeit umcodieren. In der Fotografiegeschichte hat sich dieser Trick bewährt. 1931 fotografierte etwa die amerikanische Bildjournalistin Margret Bourke-White eine Warteschlange von Hungernden und Obdachlosen. Im Hintergrund sieht man das Plakat eines Automobilherstellers. Fröhliche Neuwagenbesitzer gucken hier aus ihrer Karosse und verkünden mit wenigen Lettern den "World Highest Standard of Living". Ein geschultes Auge genügte, um den amerikanischen Weg des Lebens als zynischen Holzweg zu entlarven.

Einer, der sich in ähnlicher Weise auf das Auffinden solcher oft paradoxen Bild-Text-Kombinationen versteht, ist der Fotograf Daniel Biskup. Pünktlich zum fünfzehnten Jahrestag der Wiedervereinigung ist nun sein Bildband 1989/1990. Fotografische Impressionen auf dem Weg zur Deutschen Einheit erschienen. Es sind Fotografien aus einer Zeit, als glückstrunkene Deutschländer von der Geschichte noch einmal die Chance erhielten, ihr Land im Singular zu deklinieren. Bilder vom Fall der Mauer bis zum In-Kraft-Treten des Einigungsvertrages.

Wer Biskups Impressionen aus dem Inneren der DDR betrachtet, der entdeckt ein Land vor Ablauf der Erfüllungsfrist. Erneut wird jene Zeit lebendig, in der die Geschichte mit den skrupellosen Ideologien ein Ende machte. Es war die Zeit, in der keine großen Würfe mehr, sondern nur noch kleine Textbausteine hin- und hergeschoben wurden: Von unten nach oben, von Osten nach Westen. Transparente mit der Aufschrift: "Tausche Luft und runden Tisch gegen Waigel und DM", lösten sich ab mit Plakaten, auf denen sich die neue west-östliche Eschatologie eingeschrieben hatte: "Helmut Kohl kommt" und: "Nur Kohl kann uns helfen". In der Auslage eines Schuhgeschäfts in West-Berlin hält Biskups Kamera ein mit festlicher Schrifttype verzierten Zettel fest. Darauf die Grußbotschaft: "Herzlich Willkommen liebe Landsleute aus der DDR".

Wie lange hätte man dieses deutsch-deutsche Techtelmechtel fotografieren müssen, bis aus den "lieben Landsleuten" die bedauerlichen Jammer-Ossis und genervten Besser-Wessis geworden wären? Wann eigentlich hätte auf den Bildern das Rumgefummel aufgehört, wäre der Alltagsfrust mit ins deutsch-deutsche Beziehungsbett gehüpft? Vom Leben nach der Freude erzählt dieser Bildband nichts mehr. Ganz nach bestem Tucholsky-Geschmack hat Daniel Biskup beim Happy End "für jewöhnlich abjeblendt".

Es braucht jedoch nicht viel, um auf diesen Bildern auch immer jenen Tick zuviel an Illusionen und Wünschen, an Träumen und übersteigerten Hoffnungen zu entdecken, der uns später so unsanft aus den rosa Wolken fallen ließ. Irgendwo in Halle etwa, das deutsche Beziehungswunder war noch nicht in vertraglich trockene Tücher gehüllt, entdeckt Daniel Biskup einen kleinen blauen Trabbi vor einem gestreiften Zirkuszelt. Über dem Eingang zur großen Illusion steht in gelben Lettern: "Willkommen im Wunderland"; gerade so, als wäre der siebte Himmel über Deutschland nie mehr als ein falscher Zauber gewesen.

Etwas weiter südlich, in Weimar, schräg hinter dem Goethe/Schiller-Denkmal wirbt das MAGNET-Kaufhaus mit dem Slogan: "Leistung zieht an". Der Schriftzug scheint bereits in die Jahre gekommen zu sein. Sein Inhalt aber muss auch noch für jene Tage reichen, in denen einem der "Wind of Change" kalt zurück um die Ohren pfeifen wird. Die Slogans, die dem Sozialismus recht waren, können der Marktwirtschaft manchmal nur teuer sein.

Es ist dieser ironische Subtext, der Daniel Biskups Fotografien weit über die gängigen Fotostrecken zum Einheitseinerlei heraushebt. Wie beim Blättern in alten Fotoalben entdeckt man plötzlich die Unschuld und Verträumtheit junger Liebender wieder. "Die Ehe", um noch einmal Tucholsky zu zitieren, war ja "zum jrößten Teile vabrühte Milch und Langeweile". Der erste Kuss aber - die alten Fotos beweisen es -, der war die ganz große Nummer!

Daniel Biskup: 1989/1990. Fotografische Impressionen auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Mit einem Vorwort von Helmut Kohl. Verlag Markus Böhm, Leipzig 2005, 150 S., 29,80 EUR


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00:00 21.10.2005

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