Deutschland ist viel schmutziger geworden

Fiktive Landeskunde Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch über seine Heimat, Deutschland und die EU-Erweiterung

FREITAG: Herr Andruchowytsch, welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie, angesichts der EU-Osterweiterung, für die Bevölkerung der Ukraine?
JURI ANDRUCHOWYTSCH: Ich begrüße den Prozess der Osterweiterung gerade für die betroffenen, westlichen Nachbarstaaten der Ukraine, wie Polen, Slowakei und Ungarn. Diese Staaten könnten aufgrund ihrer geographischen Lage und Verbindungen so etwas wie ein "Anwalt der Ukraine" in der EU werden. Dies ist ein Prozess von historischer Tragweite. Allerdings wird diese Osterweiterung die Isolation der Ukraine zunächst einmal verstärken.

Meinen Sie damit eine kulturelle Isolation?
Auch, aber viel dramatischer dürften zunächst einmal die ökonomischen Folgen zu spüren sein. Die Einführung des neuen "Grenzregimes", also die Visumspflicht für Ukrainer bei der Einreise in die Beitrittsländer, wird den grenznahen Handel sowie die ökonomischen Kooperationen in diesen Gebieten beenden, mit sehr negativen Folgen für die Menschen in meiner Heimat, der Westukraine, aber auch für die Bewohner der ostpolnischen Grenzgebiete beispielsweise.

Sie betreiben eine neue Internetzeitung "Zug 76". Glauben Sie "Zug 76" könnte dazu beitragen, die geistigen Traditionen dieser Gegend des Kontinents wieder zu beleben?
Natürlich. Das ist meine große Hoffnung. In erster Linie geht es mir um die neue Generation, die im letzten Jahrzehnt nach der politischen Wende in Mittel-Osteuropa sozialisiert wurde. Ein Großteil dieser jungen Erwachsenen befindet sich noch in der Ausbildung, an den Universitäten zum Beispiel. Diese Jugend ist weniger belastet und geprägt von der Erfahrung des Totalitarismus, denkt globaler und pragmatischer als die vorangegangenen Generationen. "Zug 76", dieser Name ist übrigens eine Metapher und steht für eine Zugverbindung, die es früher zwischen Lemberg/Lwow und Wien gegeben hat, erhalten junge Literaten, Schriftsteller und Journalisten ein Diskussionsforum, um den doch etwas antiquitierten Begriff "Mittel-Osteuropa", mit Leben zu füllen. Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: Was bedeutet "Mittel-Osteuropa"? Handelt es sich um eine Fiktion, oder ist dieser Begriff durch die Aufnahme einiger Staaten der Region in die EU schon längst überholt? Hier die EU-Ostgrenze, dort die Staaten der ehemaligen UdSSR? In welcher Verbindung stehen die betreffenden Staaten eigentlich zueinander?

Ihr letztes Buch "Das letzte Territorium" beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Ihrem Heimatland, der Ukraine. Haben Sie den Eindruck, dass Sie die Leser im Westen mit gänzlich unbekannten Sachverhalten konfrontieren. Ist die Ukraine, aus westlicher Sicht, eine Art "Terra Incognita"?
Nach der Veröffentlichung dieses Buches habe ich einige Erfahrungen gesammelt, die darauf schließen lassen. Viele Leser verstehen aber ganz gut, dass meine Texte keine objektiven Sachverhalte darstellen und sich nicht als Quelle wissenschaftlicher Analysen eignen. "Das letzte Territorium" ist eine Art Mythologisierung der Ukraine, also eine Art "fiktive Landeskunde". Ich bin von der Attraktivität dieses Landes sehr überzeugt und versuche, diese Einschätzung auch literarisch zu verdeutlichen.

In Ihren Veröffentlichungen überschreiten Sie die Grenzen dieser Political Correctness des Öfteren. Beispielsweise bei Ihren Betrachtungen über russischsprachige Ukrainer, den Osten des Landes sowie über die Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR in Deutschland. Wie hat man darauf reagiert?
Zu den Realitäten in der Ukraine gehört die Tatsache, dass es sich bei der sogenannten russischen Minderheit keineswegs um eine Minderheit handelt. Der Anteil von russophonen Bürgern ist prozentual stärker als der mit ukrainischer Muttersprache. Die Massenmedien, sowie die Massenkultur der Ukraine sind überwiegend russischsprachig geprägt. Seit der Unabhängigkeit habe ich in meinen Veröffentlichungen, besonders in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion, meine Sorge über die Zukunft und den Erhalt der ukrainischen Sprache zum Ausdruck gebracht und mich dabei so manches Mal als Angehöriger einer Minderheit empfunden. Inzwischen bin ich aber gegenüber der Zweisprachigkeit in meiner Heimat viel toleranter geworden. Kürzlich war ich in Dnjepropetrowsk, im fernen Osten der Ukraine, eine Region, die nahezu geschlossen russischsprachig und stark proletarisiert ist. In dieser Gegend befinden sich noch alle Lenin-Denkmäler auf Ihrem Sockel, die kommunistischen Losungen und Propagandasprüche sind dort noch omnipräsent, so als würde die UdSSR noch existieren. Dort hatte ich eine Lesung mit 500 jungen, russischsprachigen Menschen, die mir versicherten, ich sei Ihr Lieblingsautor. Also das war für mich eine Art Versöhnung mit diesem Landesteil und seinen Bewohnern.

Für Sie ist Deutschland in den letzten elf Jahren dramatisch nach Osten gerückt. Sie schreiben sinngemäß, das Land habe den Glanz des Westens eingebüßt, ohne die Wärme des Ostens gewonnen zu haben. Könnten Sie diese Aussage konkretisieren?
Diese Feststellung hat auch viel mit Psychologie zu tun. Als ich 1992 zum ersten Mal überhaupt in den Westen reisen konnte, in die Bundesrepublik, kam ich seinerzeit aus einem Land, das mehr einer staatlichen Ruine glich, als einer jungen Nation. Die Lebensumstände waren derart desaströs, dass ich Deutschland wie eine Art El Dorado empfand. Inzwischen hat sich sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland einiges verändert. Deutschland ist heute viel schmutziger geworden, was mir auch viel besser gefällt, ehrlich gesagt. Die Züge fahren nicht mehr pünktlich. Neulich kam ich aufgrund eines technischen Defektes, auf der ICE- Strecke Berlin-München, mit rund zwei Stunden Verspätung zu einer Lesung. So etwas passiert heute nicht einmal mehr in der Ukraine.

Würden Sie sich als der Vertreter einer liberalen Intelligenzia bezeichnen, die in der Ukraine von heute, vielleicht auch aufgrund der Vergangenheit, immer noch um Ihre gesellschaftliche Position zu kämpfen hat?
Den Begriff "Intelligenzia" lehne ich ab, er klingt mir zu sehr nach Sowjetunion beziehungsweise nach dem Missbrauch dieses Titels. Ich selbst würde mich als Freidenker bezeichnen, eine seltene und vom Aussterben bedrohte Spezies, nicht nur in der Ukraine übrigens. Sowohl ukrainische Nationalisten als auch Kommunisten und russische Chauvinisten greifen meine Freunde und mich immer wieder an. Angeblich sei ich ein Mitglied im sogenannten "Harvard-Projekt", ich habe übrigens keine Ahnung, was das eigentlich ist. In der Ukraine von heute hat jeder Bürger zu kämpfen, nicht nur die Intelligenz. Besorgnis erregend erscheint mir dabei die Massenauswanderung, also der Brain Drain der jungen akademischen Jugend unseres Landes in den Westen. Ohne diese Menschen wird es sehr schwer, zukünftig einen etwas lebenswerteren Staat aufzubauen. Ich persönlich habe mich zum Bleiben entschlossen und werde für dieses Ziel arbeiten.

Das Gespräch führte Ramon Schack


00:00 12.12.2003

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