Deutschland - kein Kindermärchen

Kommentar UNICEF-Bericht bescheinigt Mittelmäßigkeit

Seit Jahren wird hierzulande über eine bessere Verknüpfung von Beruf und Familie diskutiert. Und lange wog man sich in der falschen Gewissheit, das Beste aller Schul- und Betreuungssysteme zu haben. Die erste kalte Dusche kam mit dem PISA-Bericht. Weitere Untersuchungen über die schulische Leistungsfähigkeit in den OECD-Ländern waren auch nicht geeignet, die Gemüter zu beruhigen. Und nun das. Die erste vergleichende, von UNICEF in Auftrag gegebene Erhebung über die Situation von Kindern in den Industriestaaten beweist: Ein kinderfreundliches Deutschland ist ein frommer Wunsch. Im Vergleich der sechs, sich an der internationalen Kinderrechtskonvention orientierenden Dimensionen schneidet die Bundesrepublik mit Platz 11 von 21 Staaten mittelmäßig, in einzelnen Kategorien sogar besonders schlecht ab.

Da tröstet es nur wenig, dass Großbritannien auf dem letzten Platz gelandet ist, nach den USA. Denn eine Prüfung der Einzelindikatoren in Deutschland zeigt bedrohliche Entwicklungen auf. So sind deutsche Schüler die trinkfreudigsten vor den englischen; sie rauchen mehr als die aller anderen Nationalitäten; sie gehen meist ohne Frühstück in die Schule. Befragt nach der subjektiven Beurteilung ihrer Lage bezeugen deutsche Kinder große Angst vor der Zukunft und erwarten von der Schule nur wenig, was ihnen für ihr berufliches Leben nützlich sein könnte. Sie beklagen, dass ihre Eltern nie oder zu wenig mit ihnen reden. Insofern muss man festhalten: Den Kindern in Deutschland geht es nicht gut. Zu viele leben in Armut, haben kein verlässliches soziales Umfeld, ihre Chancen sind gering, besonders wenn sie aus Migrantenfamilien stammen.

Wie die Fachleute einmütig urteilen, sind die festgestellten Defizite auch darauf zurückzuführen, dass es in Deutschland zu wenig Ganztagseinrichtungen und zu wenig frühkindliche Betreuung gibt. Alleinerziehende Eltern werden ebenso allein gelassen, wie junge Eltern, die den Spagat schaffen müssen, ihre Zeit zwischen den Bedürfnissen der Kinder und eigenen beruflichen Ansprüchen aufzuteilen. In einigen Regionen müssen Kinder immer noch sehr früh zum Kindergarten angemeldet werden; Eltern, die einen Krippenplatz suchen, kennen und fürchten die langen Wartelisten. Ein beruflich bedingter Umzug bedeutet dann erneute Warterei. Auch die häuslichen Katastrophen, wenn die Tagesmutter krank ist oder Überstunden im Betrieb anstehen, sind keine gerechten Strafen für so genannte Rabenmütter, sondern Ausfluss einer Politik, die vor Realitäten die Augen verschließt. Kein Wunder, dass die Eltern häufig ebenso unter Stress stehen wie ihre Kinder. Kommen dann noch schulische oder materielle Schwierigkeiten hinzu, ist schnell der Punkt erreicht, an dem Kinder als Belastung empfunden werden.

Und was tut die Politik? Anstatt vorurteilsfrei die Fakten zu prüfen und zu entscheiden, wie und wo für Kinder möglichst schnell eine verlässliche Lebenswelt aufgebaut werden kann, beginnt eine lustvolle, ideologische Schlacht um alte und neue Familienbilder. Da hört man die Auffassung, dass die Frau zu Hause bleiben müsse, um die Kinder zu versorgen und dass "DDR-Methoden" - was immer damit gemeint sein mag - abzulehnen seien.

Das Beruhigende an der UNICEF-Studie ist, dass kein Land in allen untersuchten Kategorien Spitze ist, dass aber jene Länder gut abschneiden, die es als gesellschaftliche Pflicht verstehen, für Eltern und Kinder ein politisches Gesamtkonzept zu entwickeln, das alle Teilbereiche politischen Handelns umfasst. Deutschland hinkt dabei beträchtlich hinterher. Ein kluger Mix aus Betreuungsprogrammen, Vorschulerziehung, Ganztagsschulen, Gesundheits-, Städtebau- und Verkehrspolitik würde dazu beitragen, dass Familien ihre Lage nicht als bedrohlich, sondern als stabil beurteilen.

Für die politische Debatte bedeutet das: Wir müssen weg von der alten Vorstellung, Politik für Kinder sei Mittel zum Zweck, damit der Arbeitsmarkt funktioniert und die Renten gesichert sind. In der Studie belegen die subjektiven Urteile der Kinder und Jugendlichen über ihre Situation, dass sie nicht Garanten materieller Versorgungswünsche von Erwachsenen sein, sondern eigenständig wahrgenommen und behandelt werden wollen. Es darf nicht länger dem Zufall überlassen werden, wie gesund und selbstbewusst ein Kind lebt, ob es in einem ghetto-ähnlichen Umfeld mit mangelnder Fürsorge und mangelnden schulischen Leistungen aufwächst, ob der Vater abgehauen oder die Mutter Alkoholikerin ist: Die Gesellschaft hat eine Verantwortung für das Wohl der Kinder - und die nimmt sie in Deutschland nicht ausreichend wahr.

Heide Simonis ist Vorsitzende von UNICEF Deutschland.


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00:00 23.02.2007

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