Deutschland war oft zu hilfreich

Nahost Jeff Halper, Sprecher des „Israelischen Komitees gegen Hauszerstörungen“ über Mystik im Nahostkonflikt und Fehlsteuerungen im israelisch-deutschen Verhältnis

Der Freitag: Sie verfolgen als israelischer Friedensaktivist eine Theorie, die Sie „Reframing“ nannten. Was heißt das?

: Wenn wir die Weltgemeinschaft für den israelisch-palästinensischen Konflikt sensibilisieren wollen, brauchen wir einen Ansatz, zum Beispiel die Frage der Menschenrechte. Gerade Juden sind wegen ihrer Traditionen hierfür sehr ansprechbar. Von daher lässt sich dann der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern thematisieren. Unser „Reframing“ beruht auf drei Punkten: Wir sagen, der Konflikt ist politischer Natur und kann daher gelöst werden, wenn – gestützt auf die Menschenrechte – beide Bevölkerungen geschützt und ihre Bedürfnisse bedacht werden. ­Dagegen macht die Mystifizierung des Konflikts als „Zusammenprall der Kulturen“ eine Lösung unmöglich. Wir sagen weiter, es existiert ein Besatzungs­regime, das für eine offensive Politik der Kontrolle des gesamten Territoriums zwischen Mittelmeerküste und dem Jordan steht. ­Israel ist der Überlegene und als solcher verantwortlich für seine Politik und seine Taten.

Was sagt Ihr Reframing-Ansatz in Blick auf Deutschland?

In Deutschland fühlen sich die Menschen, gerade die jüngeren, immer stärker verpflichtet, auf die Menschenrechte zu achten. Die deutsche Außenpolitik dagegen schwankt zwischen Schuldgefühlen für den Holocaust und den Interessen als wiedererstandene Weltmacht. Was in meinen Augen fehlt: Man versteht die Lektionen des Holocaust nicht so, dass die Schlussfolgerung für die deutsche Außenpolitik lautet: Menschenrecht und Völkerrecht gebührt der absolute Vorrang. Solange dies nicht geschieht, und Ihr Land die Unterstützung für die israelische Besatzungspolitik mit Sühne für den Holocaust verwechselt, bleibt das ein Hindernis für eine Konfliktlösung. Daran ändert nichts, dass sich Deutschland zu einem verantwortlichen Akteur in der internationalen Politik entwickelt und Israel stets geholfen hat – auch wenn es mitunter viel zu hilfreich war und nuklearwaffenfähige U-Boote lieferte.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Der aufrichtigste Akt der Buße und Wiedergutmachung bestünde darin, Israel zu helfen, sich aus einem verhängnisvollen Konflikt zu befreien, der seine ­Sicherheit mehr und mehr beeinträchtigt, und Frieden mit den Palästinensern zu schließen. Das freilich erfordert, dass Deutschland entschlossen, aber kon­struktiv die Verletzungen der palästinensischen Menschenrechte durch ­Israel anspricht.

Israel selbst muss seinen Prozess der Wiedergutmachung nämlich noch beginnen, indem es die Verantwortung für die furchtbare Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft und eine Besatzung übernimmt, in deren Verlauf 24.000 Häuser von unschuldigen Menschen dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Stattdessen wird bei uns versucht, auf völkische Weise einen exklusiv jüdischen Staat in ganz Palästina zu errichten. Dies führt zu Verbrechen wie ethnische Säuberung, Besatzung, Krieg und Unterdrückung, für die wir dereinst selbst um Vergebung werden nachsuchen müssen. Wenn Deutschland wirklich ein besonderes Verhältnis zu Israel pflegt, wie es immer heißt, dann ist es wegen seiner eigenen Vergangenheit einzigartig disponiert, Israel von seiner völkische Ideologie und der Besatzung abzubringen. Entweder nimmt Deutschland diese Verantwortung gegenüber Israel wahr, oder es begeht Verrat an seinen aus dem Holocaust resultierenden Verpflichtungen.

Das hätte nur Erfolg, wenn Israel selbst bereit wäre, sich zu ändern.

Unbedingt, Israel selbst müsste einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen. In den Händen zynischer Politiker, die ihn dazu gebrauchen, die eigene Unterdrückungspolitik zu rechtfertigen, gerät dessen Erbe in Gefahr, entweiht zu werden.

Aber kann denn Deutschland Israel als Staat wie jeden anderen behandeln?

Nein, nein, es bedeutet etwas graduell anderes. Deutschland muss Israel helfen, einen Status zu haben, der normale Beziehungen zu den arabischen Staaten und den Palästinensern erlaubt. Wir in Israel müssen verstehen, dass wir Teil der Weltgemeinschaft sind. Und Deutschland muss Israel sagen, dass es das verstehen muss und nicht der Tyrann sein darf und derjenige, der immer abseits steht und fordert, besonders behandelt zu werden.

Deutschland kann den Israelis sagen: Schaut her, wir haben alles getan, unsere Schuld anzuerkennen und zu begleichen, jetzt ist das Letzte, was wir tun können, euch zu helfen, Frieden mit den Palästinensern zu schließen. Wenn das erreicht ist, dann könnt Ihr auch normale Beziehungen zu uns Deutschen und allen anderen pflegen. Und das meint dann wirklich ­einen Schlussstrich.


Das Gespräch führte

Jürgen Rose

Jeff Halper, Professor für Anthropologie an der Ben-Gurion-Universität, wurde gerade in Freiburg mit dem Immanuel-Kant-Weltbürgerpreis ausgezeichnet. Er gründete 1998 das Komitee gegen Hauszerstörungen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 10.06.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare