Hinter dem Hype

Basquiat Eine Werkschau zeigt, dass Jean-Michel Basquiat mehr war als der neo-expressionistische Superstar, der heute den Kunstmarkt beglückt

Aus zwei Lautsprechern tönt ein Rap durch den Raum. „You gotta now rock and you don’t stop“, singt Rammellzee, „just hip-hop the day they doo-be-doo, yeah Scooby Doo what you wanna do crew.“ Das Cover der zugehörigen 12“-Platte ist schwarz, die feinstrichigen, weißen Buchstaben scheinen darauf zu tanzen. „Bang!“, „Beat Bop“ oder „Left Paw“ steht da, dazu eine Handvoll Dollarzeichen, einige Kringel, Knochen und, Jean-Michel Basquiats Markenzeichen, die dreizackige Krone. Der New Yorker Künstler hat dieses Plattencover 1983 erschaffen hat. Doch nicht nur das: Basquiat hatte auch das Label – Tartown Records – gegründet, auf dem Beat Bop, ein Duett der Rapper Rammellzee und K-Rob, in Kleinstauflage erschienen ist. Kurz zuvor waren er und Rammellzee, gemeinsam mit dem Graffiti-Künstler Toxic, bereits in Los Angeles aufgetreten. Als Trio nannten sie sich Hollywood Africans.

Basquiat, 1960 als Kind karibischer Einwanderer in New York geboren, spielte aber auch in einer Industrial-Band, die Gray hieß, Vincent Gallo war dort einer der Mitstreiter. Und er legte als DJ auf, im Mudd Club, in dem Brian Eno die Soundanlage installiert hatte und wo Grace Jones, Klaus Nomi, Madonna und Andy Warhol zu den Stammgästen zählten, im Nachfolger Area oder in einem Loft in der Canal Street 533, Canal Zone genannt, das der britische Künstler Stan Peskett angemietet hatte. Hier schloss er auch mit Fab 5 Freddy Freundschaft, einem der bekanntesten Graffiti-Writer der damaligen Zeit.

McEnroes Trophäe

Nicht weit entfernt von der Beat-Bop-Schallplatte steht in der Ausstellung ein Kühlschrank, den Basquiat und Fab 5 Freddy gemeinsam mit Futura 2000, Keith Haring, Kenny Scharf und einigen anderen mit unzähligen Tags übersät haben. Untitled (Fun Fridge) hat der Künstler das Gemeinschaftswerk getauft. Wer die Retrospektive mit dem Titel Boom For Real in der Frankfurter Schirn besucht, begreift schnell: Jean-Michel Basquiat war immer mehr als ein Maler. Und er war das, was man heute als bestens vernetzt bezeichnet.

Wahrgenommen wird der afroamerikanische Künstler heute vor allem als Verkaufsschlager. Die Preise seiner Werke sind in ungehörige Höhen gestiegen. Über 110 Millionen Dollar brachte eines seiner Totenkopfgemälde im vergangenen Mai bei Sotheby’s ein. Für kein anderes Werk eines amerikanischen Künstlers wurde zuvor jemals so viel Geld gezahlt. Die bunten, großformatigen, mit naiven Symbolen und Buchstabenfolgen ausstaffierten Leinwände von Basquiat passen allzu perfekt in die Schublade Neo-Expressionismus, zu seinen Sammlern zählen Tennisspieler John McEnroe, Schauspieler Richard Gere oder der Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich. Staatliche Museen können beim Wettlauf um seine Werke schon länger nicht mehr mithalten. Kaum eines der rund 1.000 Gemälde, die der Künstler in seiner knapp zehn Jahre dauernden Schaffensphase anfertigte, befindet sich in öffentlicher Hand.

Basquiat, das ist für viele in erster Linie ein Superstar, eine Trophäe, eine Erfolgsgarantie auf dem überdrehten Kunstmarkt. Die Skepsis gegenüber dem gefeierten Künstler war deshalb auch immer da. Basquiat selbst hat den Hype um seine Person zeitlebens mit großer Freude befeuert. Am Bild des Überfliegers, des Celebrity-Künstlers, arbeitete er zielstrebig mit. Dass er den Ruhm herbeisehnte, daran besteht kein Zweifel. Dafür spricht etwa auch, dass er die Tags, die er ab 1978 gemeinsam mit seinem Jugendfreund Al Diaz unter dem Pseudonym SAMO© (für: same old shit) schuf, vor allen im New Yorker Galerienviertel SoHo und in der Lower East Side hinterließ. Basquiat wollte entdeckt werden. Der erste Schwarze, dem in der Kunstwelt der große Durchbruch gelang, der nie eine Akademie besucht hatte, der auf der Straße T-Shirts bemalte, bevor Galeristen wie Mary Boone oder Bruno Bischofberger sich um ihn rissen: Dieses Etikett dürfte er mit Stolz getragen haben. Es ist heute aber auch eine Falle, weil es sein Schaffen zu sehr auf die Erfolgsgeschichte verengt.

Die Frankfurter Ausstellung, die zuvor schon im Londoner Barbican Centre zu sehen war, setzt einen Kontrapunkt zur Fixierung auf den Superstar Basquiat. Sie zeichnet ein vielschichtigeres Bild des Künstlers. Natürlich zeigt sie den mit großer Geste agierenden Maler, als der Basquiat bekannt geworden ist, aber eben auch den kleinteilig Zeichnenden, den Anfertiger von überbordenden Collagen, der auch mit dem Fotokopierer arbeitete, den Kollaborateur, den Musiker, den Schauspieler, den Performer. Ein Großteil der rund 100 Werke, die die Kuratoren Eleanor Nairne und Dieter Buchhart ausgewählt haben, wurde zuvor noch nie in einem Museum präsentiert. Sie zeigen Basquiats Notizbücher voller Beat-Gedichte, sie zeigen die frühen Collagen-Postkarten, die in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Jennifer Stein entstanden sind, zeigen mit Filzstift bekritzelte Keramikteller. Gerade diese bislang weniger beachteten Arbeiten, die Skizzen, die Collagen, machen deutlich: Basquiat brauchte nicht zwingend Volumen und grelle Farben, um große Wirkung zu erzielen. Und die Kuratoren präsentieren auch – in voller Länge – den grandiosen Spielfilm Downtown 81, in dem Basquiat die Hauptrolle, einen Künstler auf dem Sprung zur großen Karriere (also: sich selbst), spielte.

Basquiat sog alles auf, was ihn umgab, die Musik, den Jazz und den Rap, die Kunstgeschichte, die antirassistischen Kämpfe, das Elend der verarmten Stadt, als Künstler war er ein manischer Sammler. All diese Einflüsse und Informationen setzte er in seinen Werken für sich neu und subjektiv zusammen. Was die Hip-Hop-Produzenten mit dem Sampling und die Beatniks mit der Cut-up-Technik erprobt hatten, wurde bei Basquiat zur Malerei. Seine Bilder erscheinen wie Webteppiche aus Verweisen, Zitaten, enzyklopädischem Wissen und Popkultur. Sie sind von einer radikalen Direktheit, voller Wut, aber auch voller Witz. In seinem Atelier liefen Fernseher und Musikanlage meist gleichzeitig, während er malte. Rund um die Leinwände, die er auf dem Fußboden liegen hatte, stapelten sich Ausstellungskataloge und Künstlerbiografien. Der österreichische Fotograf Roland Hagenberger war häufig dabei, wenn Basquiat malte. Seine Fotografien werden parallel zur Schirn-Werkschau in einer von dem Frankfurter Galeristen Peter Sillem organisierten Ausstellung in einer Modeboutique gezeigt.

In vielen seiner Gemälde beschäftigt sich Basquiat mit der schwarzen Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten. Immer wieder tauchen seine Idole – mal direkt, mal verschlüsselt – auf: der Jazz-Musiker Charlie Parker, der erfolgreiche Baseballspieler Hank Aaron, die Boxerfigur, die an Muhammad Ali denken lässt. Bei Basquiat erscheinen diese Figuren wie verwundete Helden, ihre Karrieren gegen viele Widerstände dürften ihm Vorbild und Ansporn gewesen sein. Sich selbst malte er meist als dunkle, beinahe monochrome Silhouette, mit dünnen Augenschlitzen und abstehenden Dreadlocks. „Das Schwarze ist mein Protagonist, weil ich schwarz bin“, hat er einmal in einem Fernsehinterview gesagt.

Die Ausstellung in der Schirn verdeutlicht auch, wie Basquiat sich immer wieder mit der Kunstgeschichte, besonders mit der des 20. Jahrhunderts, auseinandersetzte. Er malte liebevolle Picasso-Porträts, die er danach mit einem rabiaten Pinselstreich durchkreuzte, er zitierte Duchamp, Matisse und Manet. Und die Schau zeichnet ein neues Bild von der Beziehung zwischen Basquiat und Andy Warhol, die seit 1983 zusammenarbeiteten. Bislang wurde der Pop-Art-Star als Mentor und Förderer des Jüngeren gesehen, die Kuratoren von Boom For Real stellen die Frage, ob es nicht auch genau andersherum gewesen sein könnte. Schließlich war es Basquiat, der Warhol wieder dazu brachte, mit der Hand zu malen. Und schließlich war es Basquiat, der den Gemeinschaftswerken der beiden Dynamik und Kraft einhauchte. In der Ausstellung läuft ein verstörendes Video, das ein Doppelinterview der Künstlerfreunde zeigt: Warhol klammert sich während des Gesprächs immer wieder eng an Basquiat, scheint ihn mit seiner Umarmung förmlich zu erdrücken.

So intensiv Basquiat malte, so intensiv lebte er auch. Seine Drogensucht nahm ihn immer mehr in Beschlag. Mit dem Künstler Ouattara Watts wollte er im August 1988 nach Abidjan in der Elfenbeinküste fliegen, um sich von Schamanen von seiner Sucht heilen zu lassen. Doch zu der Reise kam es nicht mehr. Wenige Tage vor dem Abflug starb Basquiat, gerade einmal 27 Jahre alt, an einer Überdosis. Hyped to Death lautete später die Überschrift zu einem Artikel in der New York Times.

Info

Basquiat. Boom For Real Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, bis 27. Mai

Basquiat im Atelier. Fotografien von Roland Hagenberg Maria Frankfurt am Main, bis 26. Mai

06:00 25.04.2018

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