Diagnose „Maternal Gatekeeping“

Gender Es ist albern, wenn Väter den Müttern die Schuld dafür geben, dass sie selbst sich so wenig um ihre Kinder kümmern. Stattdessen sollten die Papas einfach mal machen
Jochen König | Ausgabe 07/2017 8
Diagnose „Maternal Gatekeeping“
Ausreden zählen nicht: Männer an den Wickeltisch
Foto: Paul Almasy/Three Lions/Getty Images

Rund 80 Prozent der Väter sagen, sie wünschten sich mehr Zeit für ihre Familie und würden sich gern mehr an der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder beteiligen. In der Praxis tut sich jedoch nicht so viel und deshalb wird fleißig nach Ursachen gesucht. Immer wieder taucht dabei – vor allem in der Argumentation von Vätern – das sogenannte Maternal Gatekeeping auf.

„Er habe sich unter ständiger Beobachtung gefühlt. Wickeln, füttern, anziehen – immer stand sie neben mir und korrigierte mich. Als wäre ich ein Konkurrent, den sie wegbeißen muss“, beklagt sich zum Beispiel ein Christian in einem Spiegel-Artikel über die Mutter seines Kindes. Wenn Mütter nicht endlich aufhören, so komisch zu gucken, wird das nie was mit der Gleichberechtigung, lautet der Tenor.

Weiter oben im Artikel heißt es: „In den Wochen nach der Geburt, erzählt Christian, habe er Verständnis dafür gehabt, dass Mutter und Kind einander besonders nah waren. Aber nach vier Wochen dachte ich mir zum ersten Mal: Lass mich doch auch mal ran.“ Was hat Christian vor diesen vier Wochen gemacht? Einfach zugesehen, wie seine Frau alles erledigt hat? Hat seine Frau ihn nachts zurückgepfiffen, wenn er sein Kind wickeln wollte? Entschuldigung, aber wer erst nach vier Wochen auf die Idee kommt, sich mal mit dem eigenen Kind zu beschäftigen, den würde ich auch erst mal schräg anschauen.

Es ist doch wirklich ihre Schuld!

Ähnlich klingt das Beispiel in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Clemens beschwert sich darin fast wortgleich: „Ich wäre nicht jedes Mal sofort hingerannt, wenn eines der Kinder weinte. Aber egal, was ich tat, ob ich wickelte, fütterte oder die Mädchen ins Bett brachte, Julia stand die ganze Zeit daneben und korrigierte mich.“ Was soll er da auch tun? Es ist doch wirklich ihre Schuld, wenn er nicht die Möglichkeit hat, sich mehr zu engagieren, oder?

Vorher wird die familiäre Situation von Clemens und Julia so beschrieben: „Sie war den ganzen Tag mit den Kindern zu Hause, er arbeitete von früh bis spät, oft auch am Wochenende.“ Moment: Könnte es sich bei den Vätern, die sich über „Maternal Gatekeeping“ beschweren, um Väter handeln, die nach der Geburt eines Kinds eher noch mehr arbeiten als vorher? Und dann werden sie am Wochenende schräg angeschaut, wenn sie etwas unbeholfen mal eine einzige Windel wechseln? Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass diese Väter alle sofort in Teilzeit gehen und zu „neuen Vätern“ mutieren würden, wenn nur die Mütter etwas netter zu ihnen wären und ihnen bei ihrem einzigen Versuch pro Woche, die Windel zu wechseln, nicht ganz so kritisch über die Schulter schauen würden?

Wer hundertmal häufiger eine Windel wechselt, hat das Recht, kritisch zu sein und zu korrigieren. Wer es hundertmal seltener macht, muss diese Kritik aushalten oder eben von Geburt an engagierter sein. „Maternal Gatekeeping“ ist nichts anderes als ein Abschieben der Verantwortung von Vätern auf Mütter. Es braucht Väter, die von Geburt an bereit sind, sich im Leben der eigenen Kinder mehr als nur nach Feierabend und am Wochenende einzubringen. Und wenn Väter bereit sind, diesen Schritt zu gehen und auch die negativen Begleiterscheinungen (unausgeschlafen sein, verminderte Karrieremöglichkeiten) in Kauf zu nehmen, dann ist „Maternal Gatekeeping“ schnell kein Thema mehr.

Jochen König lebt mit seinen zwei Kindern in Berlin. Er bloggt auf jochenkoenig.net

06:00 17.02.2017

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