Jochen König
Ausgabe 0717 | 17.02.2017 | 06:00 8

Diagnose „Maternal Gatekeeping“

Gender Es ist albern, wenn Väter den Müttern die Schuld dafür geben, dass sie selbst sich so wenig um ihre Kinder kümmern. Stattdessen sollten die Papas einfach mal machen

Diagnose „Maternal Gatekeeping“

Ausreden zählen nicht: Männer an den Wickeltisch

Foto: Paul Almasy/Three Lions/Getty Images

Rund 80 Prozent der Väter sagen, sie wünschten sich mehr Zeit für ihre Familie und würden sich gern mehr an der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder beteiligen. In der Praxis tut sich jedoch nicht so viel und deshalb wird fleißig nach Ursachen gesucht. Immer wieder taucht dabei – vor allem in der Argumentation von Vätern – das sogenannte Maternal Gatekeeping auf.

„Er habe sich unter ständiger Beobachtung gefühlt. Wickeln, füttern, anziehen – immer stand sie neben mir und korrigierte mich. Als wäre ich ein Konkurrent, den sie wegbeißen muss“, beklagt sich zum Beispiel ein Christian in einem Spiegel-Artikel über die Mutter seines Kindes. Wenn Mütter nicht endlich aufhören, so komisch zu gucken, wird das nie was mit der Gleichberechtigung, lautet der Tenor.

Weiter oben im Artikel heißt es: „In den Wochen nach der Geburt, erzählt Christian, habe er Verständnis dafür gehabt, dass Mutter und Kind einander besonders nah waren. Aber nach vier Wochen dachte ich mir zum ersten Mal: Lass mich doch auch mal ran.“ Was hat Christian vor diesen vier Wochen gemacht? Einfach zugesehen, wie seine Frau alles erledigt hat? Hat seine Frau ihn nachts zurückgepfiffen, wenn er sein Kind wickeln wollte? Entschuldigung, aber wer erst nach vier Wochen auf die Idee kommt, sich mal mit dem eigenen Kind zu beschäftigen, den würde ich auch erst mal schräg anschauen.

Es ist doch wirklich ihre Schuld!

Ähnlich klingt das Beispiel in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Clemens beschwert sich darin fast wortgleich: „Ich wäre nicht jedes Mal sofort hingerannt, wenn eines der Kinder weinte. Aber egal, was ich tat, ob ich wickelte, fütterte oder die Mädchen ins Bett brachte, Julia stand die ganze Zeit daneben und korrigierte mich.“ Was soll er da auch tun? Es ist doch wirklich ihre Schuld, wenn er nicht die Möglichkeit hat, sich mehr zu engagieren, oder?

Vorher wird die familiäre Situation von Clemens und Julia so beschrieben: „Sie war den ganzen Tag mit den Kindern zu Hause, er arbeitete von früh bis spät, oft auch am Wochenende.“ Moment: Könnte es sich bei den Vätern, die sich über „Maternal Gatekeeping“ beschweren, um Väter handeln, die nach der Geburt eines Kinds eher noch mehr arbeiten als vorher? Und dann werden sie am Wochenende schräg angeschaut, wenn sie etwas unbeholfen mal eine einzige Windel wechseln? Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass diese Väter alle sofort in Teilzeit gehen und zu „neuen Vätern“ mutieren würden, wenn nur die Mütter etwas netter zu ihnen wären und ihnen bei ihrem einzigen Versuch pro Woche, die Windel zu wechseln, nicht ganz so kritisch über die Schulter schauen würden?

Wer hundertmal häufiger eine Windel wechselt, hat das Recht, kritisch zu sein und zu korrigieren. Wer es hundertmal seltener macht, muss diese Kritik aushalten oder eben von Geburt an engagierter sein. „Maternal Gatekeeping“ ist nichts anderes als ein Abschieben der Verantwortung von Vätern auf Mütter. Es braucht Väter, die von Geburt an bereit sind, sich im Leben der eigenen Kinder mehr als nur nach Feierabend und am Wochenende einzubringen. Und wenn Väter bereit sind, diesen Schritt zu gehen und auch die negativen Begleiterscheinungen (unausgeschlafen sein, verminderte Karrieremöglichkeiten) in Kauf zu nehmen, dann ist „Maternal Gatekeeping“ schnell kein Thema mehr.

Jochen König lebt mit seinen zwei Kindern in Berlin. Er bloggt auf jochenkoenig.net

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.

Kommentare (8)

derglaubeandassystem 17.02.2017 | 10:17

Moment: Könnte es sich bei den Vätern, die sich über „Maternal Gatekeeping“ beschweren, um Väter handeln, die nach der Geburt eines Kinds eher noch mehr arbeiten als vorher?

Dass alle Väter, die sich über Maternal Gatekeeping beschweren, um Karrieremenschen ohne Zeit für die Familie handelt, ist eine ebenso unzulässige Verallgemeinerung wie die, dass die Mütter dran schuld wären, wenn Papa nicht genug Zeit mit dem Kind verbringt. Aber zwei mal Unrecht ergibt noch lange kein Recht.

Moorleiche 17.02.2017 | 10:58

Mich würde an der Stelle mal interssieren, wie die ideale Version aussehen soll. Was konkret sollen Männer denn tun oder lassen, z.B. wenn sie beobachtet werden?

Ich habe von hier auf die Website des Autors geklickt und dort auf die Rezension von Björn Süffkes Buch. Den Süffke habe ich mal in einem längeren Interview gehört und mir kam er sehr vernünfig vor, bei Herrn Königs Kriik kam er eher mittelmäßig weg, mit dem Hinweis, da fehle Wesentliches, allerdings bleibt im Dunklen, was da fehlen soll.

Drehen wir mal den Spieß um: Frau fährt Auto, Mann sitzt daneben und sagt: "Nicht so schnell.", "Pass doch auf.", "Blinken.", "Mehr Gas". Da ist das Empathievermögen vielleicht größer, dass das nerven und verunsichern könnte.

Es gibt wirklich eine tief verwurzelte Ansicht darüber, dass Frauen mit Kindern besser umgehen können, mindestens in den ersten Wochen und Monaten und viel enger mit ihren Kindern verbunden sind und ich vermute, dass das bis auf sehr seltene Ausnahmen tatsächlich so ist.

Das muss man ja nicht zu der Ideologie ausweiten, dass der Vater Kindern nichts Sinnvolles beibringen kann oder sich nicht kümmern sollte, aber die im Artikel beschrieben Fälle kenne ich (ich bin kein Betroffener) auch, bishin zu deren Verfestigung, die praktisch dazu führt, dass Männer wenn es um die Erziehung kleinerer Kinder geht, in Kitas oder Grundschulen, selten einen Fuß in die Tür kriegen.

Man schaue sich auch mal die soziale Akzeptanz eines Mannes (bei Männern und Frauen) an, der sagt, er bliebe gerne zu Hause und kümmere sich um die Kinder und den Haushalt, während sie sich beruflich verwirklichen darf. Es gibt immer Einzelfälle, in denen das nach Absprache klappt, aber allgemein werden solche Männer noch immer schief angeguckt. Das ist vielleicht etwas, wo sie durch müssen, aber dann wäre Rückendeckung zu Hause ganz gut.

Also, wie sieht das zu verwirklichende Ideal aus?

derglaubeandassystem 17.02.2017 | 11:00

Sicher, aber da dem Autor ja die Antwort scheinbar eingegeben wurde, und er den ganzen kurzen Artikel eben an dieser Auffassung entlang aufbaut, finde ich den Einwand nicht nur berechtigt, sondern auch wichtig. Quasi: Könnte es sein? Ja, isso, deshalb, habt euch mal nich so und kümmert euch gefälligst. Wie ich schon sagte: In der Implikation eine unzulässige Verallgemeinerung.

MrSatchmoo 17.02.2017 | 15:50

Sehr schön, habe gelacht.

Allerdings möchte ich noch etwas ergänzen: Der Hinweis, dass ein Teil der ach so "gegatekeepten" Männer eher mehr als weniger arbeiten, nachdem der Nachwuchs auf der Welt ist, ist sicher richtig. Ich halte ich es jedoch für falsch, darüber zu lästern ohne auf den Umstand einzugehen, dass dies nicht nur auf Unlust sondern oft auf eine monetäre Notwendigkeit zurückzuführen ist.

Ich selbst bin heilfroh, dass ich die ersten drei Monate im Leben meiner Tochter in Elternzeit voll dabei sein konnte. Finanziell hat uns das aber an die Grenze des Verantwortbaren gebracht. Bei etwas höherer Miete oder anderen finanziellen Verpflichtungen (Hauskauf, etc.) wäre das nicht gegangen.

birgit 23.02.2017 | 09:30

Verallgemeinerungen nutzen keinem etwas. Natürlich ist etwas dran, dass sich Väter nicht zurückhalten, sondern sich einbringen und dies auch fordern sollten.

Aber das sogenannte Maternal Gatekeeping beobachte ich sehr häufig, teilweise sehr ausgeprägt: Mütter bestimmen alles und Väter lassen das erstaunlicherweise mit sich machen. Es ist durchaus auch häufig so, dass Frauen die gesamte Elternzeit für sich alleine beanspruchen und dass dies auch ein Grund dafür sein könnte, dass so wenige Väter Elternzeit nehmen (gibt es Untersuchungen darüber?).

Ich sehe keinen Grund dafür, dass Frauen quasi biologisch dafür prädestiniert wären, mit Babies besser umzugehen, wir müssen dies auch alles erst lernen. Alle sollten im Hinterkopf behalten, dass es für die Kinder am besten und am schönsten ist, wenn sie von ihren beiden Elternteile auch im Alltag gleich viel haben, und das ist das Wichtigste!