Dialektik der Ausbeutung

Film Was macht man aus zwei Fundtaschen voller Geld? Denys Arcand dreht eine Art von romantischer Sozialthrillerstudie
Dialektik der Ausbeutung
Dass die Prostituierte sich nun in ihren stoffeligen Freier verliebt, ist selbst für eine Männerfantasie etwas platt

Foto: Cinémaginaire / Filmtda

Einer der erfolgreichsten Musiker der Welt ist der kanadische Rapper Drake. In den letzten zwölf Monaten hat er laut einem eben veröffentlichten Forbes-Ranking 75 Millionen US-Dollar verdient. Weil Menschen in dieser Liga gar nicht wissen, wohin mit dem Geld, hat Drake Anfang 2018 eine Million verschenkt, an Passanten auf der Straße. Und weil Menschen in dieser Liga beim Ausgeben immer darauf bedacht sind, was danach wieder reinkommt, hat er sich dabei filmen lassen. Aus der Aktion wurde ein Videoclip für seinen Song God’s Plan: ein weiterer Beweis für die fast gottgleiche Großartigkeit von Drake, verbunden mit dem Mehrwert einer Werbemaßnahme. Wie eitel, weltfremd, für die Beschenkten entwürdigend und im Sinne der Weltverbesserung nutzlos das war, schien Drake noch nicht mal zu merken.

Der franko-kanadische Regisseur Denys Arcand hat aus dieser allzu einfachen Idee nun einen komplizierten Spielfilm gemacht. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Arcands Anliegen ist nicht etwa Selbsterhöhung, sondern eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Verführungskraft des Kapitals. In Der unverhoffte Charme des Geldes wirft er die Frage auf, ob in einem an Profitmaximierung orientierten System unter Umständen doch die Bedürftigen profitieren können.

Arcand ist Ende 70 und gilt als einer der erfolgreichsten Filmemacher aus Québec. 2004 gewann er mit Die Invasion der Barbaren den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film. Der Dicke-Hose-Habitus von Drake ist ihm fremd. Er will der Sache mit Humor und Intelligenz beikommen. Aber das macht es nicht unbedingt besser. Der unverhoffte Charme des Geldes ist eine Krimikomödie, die sich als kapitalismuskritisch versteht und doch in erster Linie nur schlaumeiert.

Im Zentrum steht der Mittdreißiger Pierre-Paul aus Montreal. Er hat eine solide Ausbildung zum Paketboten hinter sich: ein Philosophiestudium. Er ist zu schlau für diese Welt – findet er zumindest und beschäftigt sich vor allem mit seiner Resignation darüber, dass Erfolg und Glück nicht für Menschen seiner IQ-Liga gemacht sind. In der Freizeit, die daneben noch bleibt, arbeitet er in einer Einrichtung für Obdachlose. Reichtum hasst er weniger aus marxistischen Prinzipien, sondern weil er weiß, dass er nie dazu kommen wird. Aber plötzlich liegen sie zu seinen Füßen: zwei Riesensporttaschen voller Geldbündel. Bei einem Raubüberfall haben sich konkurrierende Gangster gegenseitig eliminiert. Pierre-Paul ist zufällig am Tatort, packt die Beute in seinen Lieferwagen und versucht, so lange wie möglich zu überleben, während der Rest der Welt hinter ihm her ist.

Der unverhoffte Charme des Geldes ist also eine Variation auf das Heist-Movie. Die Versuchung scheint groß zu sein, den Riesenbatzen Kohle, um den es in diesen Filmen geht, mit genauso viel Gesellschaftsanalyse aufzuladen. Der britische Regisseur Steve McQueen machte das vor Kurzem mit Widows und überfrachtete seine Banküberfall-Story geradezu mit den Themen Sexismus, rassistische Polizeigewalt und Klassismus.

Der Trottel als Traummann

Arcand versucht es mit einem Robin-Hood-Twist: Sein Protagonist will Gutes tun und zumindest einen Teil des Geldes den Armen geben. Er weiß aber, dass so etwas in der Ära des Überwachungskapitalismus schwieriger ist als in Sherwood Forest. Der Vorgesetzte beim Paketdienst kann noch Tage später nachprüfen, wann er wo welche Tür des Wagens wie lange geöffnet hatte.

Pierre-Paul tut zunächst etwas für sich selbst. Seine erste Investition ist ein Callgirl. Natürlich nur, weil sie den philosophischen Namen Aspasia trägt. Ihr Honorar sei formal eine Spende an eine Wohltätigkeitsorganisation, erklärt sie, bevor sie Pierre-Paul mit seiner einzigen Krawatte an einen Stuhl fesselt. Dass Aspasia bald in diesem etwas trotteligen Besserwisser den Mann ihres Lebens findet, ist so dreist aus dem Fundus der Männerfantasien geklaut, dass man es fast für mutig halten könnte. Zu den beiden gesellt sich noch ein Ex-Knacki, der als Experte für legale Steuertricks ein neues Leben anfangen will.

Dieses Dreigespann macht sich daran, das Geld vor dem Zugriff von Unterwelt und Finanzamt in Sicherheit zu bringen. Arcand will sich nicht entscheiden, ob das am besten als Komödie, Thriller oder Sozialdrama erzählt wird, und es gelingt ihm tatsächlich, diese Unentschlossenheit über weite Strecken zu kaschieren. Der Film zitiert aus den Bildwelten von Heist-Movie, RomCom und Sonntagabendkrimi gerade so, wie Pierre-Paul Kalendersprüche von antiken Philosophen verwendet: immer ein wenig beliebig, mit bildungsbürgerlichem Dünkel, aber durchaus mit Sinn für Eleganz. Zwischendurch wird mal gefoltert, ein Kopfschuss spritzt Hirnmasse auf die Motorhaube eines Sportwagens. Dann wieder erzählen sich das teuerste Callgirl und der intelligenteste Paketbote Montreals im goldensten Sonnenuntergang ihre sehr superlativ-freien Lebensgeschichten.

Je länger das so weitergeht, desto klarer wird, dass Arcand sich mit diesem Eiertanz irgendwie aus der Affäre ziehen will. Im Kern seiner Geschichte steht eine Erkenntnis, die nur mit viel Übung in Dialektik auszuhalten ist. Oder mit viel Schlitzohrigkeit. Die Logik des Geldes kann nur überwunden werden, wenn man ihr genau Folge leistet. An einer Stelle gibt es folglich einen Crashkurs in Offshore-Banking. Ohne solche Trickserei, ohne kriminelle Energie, ohne dass einige Menschen sterben müssen, gibt es auch keine Umverteilung. Diesen Widerspruch kann Arcand natürlich nicht auflösen, und man kann ihm schlecht einen Vorwurf daraus machen. Ihn mit Bildern glücklicher Obdachloser zu überspielen, darf man aber durchaus zweifelhaft finden. In solchen Momenten wird Der unverhoffte Charme des Geldes eben doch ziemlich Drake-ig.

Info

Der unverhoffte Charme des Geldes Denys Arcand Kanada 2018, 127 Minuten

06:00 04.08.2019
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