Dialektik des Kolonialismus

Selbstverantwortung Egon Flaig ist mit Islamkritik aufgefallen. Interessant, wenn so einer eine "Weltgeschichte der Sklaverei" schreibt. Amerika oder Rom hat er nicht im Fokus

Der Historiker Egon Flaig ist in den Debatten dieser Republik eine singuläre Figur: mit islamkritischen Beiträgen bringt er vor allem den links-alternativen Mainstream immer wieder gegen sich auf. Auch sein neues Buch Weltgeschichte der Sklaverei wird dieser Klientel wenig Freude bereiten. Bei Flaig stehen nicht die zwei bekanntesten Sklavenhalter-Gesellschaften, die römische und die amerikanische, im Vordergrund. Er nimmt die systematische Versklavung von Menschen durch den Islam ins Visier – und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

Schon rein quantitativ, sagt Flaig, sei der islamische Sklavenhandel ausgeprägter gewesen als bisher angenommen. Flaig behauptet sogar, die Anzahl der von islamischen Herrschern zwischen den Jahren 650 und 1920 deportierten Schwarzafrikaner übersteige die Zahl transatlantischer Deportationen, also vor allem die nach Amerika, bei weitem. Das Verhältnis sei 17 zu 11,5 Millionen Menschen.

Viel brisanter als solche Zahlen aber ist die Sprengkraft von Flaigs Hauptthese, dass nämlich das Versklaven der Ungläubigen durch die islamische Religion legitimiert werde. Die religiöse Pflicht zum Dschihad habe zu großen, letztlich auch ökonomisch motivierten Raubzügen geführt. Die im frühen Mittelalter prosperierende Wirtschaft der islamischen Staaten erforderte den ständigen Zustrom von Sklaven; daher auch die Angriffe auf die ungläubigen Nachbarn, diagnostiziert Flaig. Im Grunde steht der gelernte Romanist Flaig in der Tradition der französischen Annales-Schule und möchte Mentalitäts- und Strukturgeschichte treiben; andererseits hält sich gerade dieses Buch sehr eng an die verfügbaren Forschungsberichte. Die Quellenlage zur römischen Sklavenhaltung ist allerdings um einiges ausführlicher als die zu den islamischen sklavistischen Systemen, die eher dünn belegt sind.

Nachschub für Sklavenhalter

Flaig unterscheidet zwei Formen von Versklavung: intrusive und extrusive Sklaverei. Intrusiv ist ein System dann, wenn Menschen aus der Fremde in den Sklavenhalterstaat importiert werden; kommen die Sklaven aus der eigenen Gesellschaft, so ist das System extrusiv, es wirft Individuen oder Gruppen oder ganze Ethnien aus der menschlichen Gemeinschaft heraus.

Sklaverei wird von Flaig deshalb auch definiert als „sozialer Tod“; es ist nicht nur die ökonomische Ausbeutung, in vielen Fällen bis zum Exitus, sondern auch das Herausfallen aus allen tradierten, familialen und normativen Bezügen, die die Sklaverei kennzeichnet. Allerdings ist Sklaverei auch definiert als ein von der Gesamtgesellschaft akzeptiertes, institutionell abgesichertes Verfahren; bei den Römern oder in den amerikanischen Südstaaten war es völlig selbstverständlich, Sklaven zu haben. Insofern war auch der Nationalsozialismus (mit seinen Fremd- und Zwangsarbeitern) ein sklavistisches System; die neuerdings übliche Verschleppung von Frauen von Ost- nach Westeuropa zum Zweck der ­Prostitution dagegen fällt nicht in diese Kategorie: zwar ist sie unmenschlich und grausam, aber sie ist in den westlichen Gesellschaften institutionell keineswegs verankert.

Die Widersprüche sklavistischer Systeme werden von Flaig am klarsten erläutert, wenn es um das römische Imperium geht. Denn wir treffen hier nicht nur den körperlich schuftenden Sklaven an, sondern auch den Lehrer für Rhetorik oder Literatur, den Sekretär oder den Buchhalter. Diese Menschen hatten gute Chancen auf Freilassung – und gerade diese Aussicht ist eine Motivation, die den Sklaven zu erhöhter Leistung antreibt. Andererseits endeten die Arbeiten etwa in Minen und Bergwerken oft mit dem bereits einkalkulierten Tod der Betroffenen.

Beide Varianten machten ständigen internationalen Nachschub für die Sklavenhalter-Gesellschaft notwendig. Flaig benennt „Lieferzonen“ und „Fangapparate“: Die moslemischen Staaten des frühen Mittelalters etwa setzten berittene Truppen zur Sklavenjagd ein, vor allem in Afrika. Vielfach wurden die Erbeuteten selbst dann zu Militär-Sklaven; Frauen landeten im Harem, Männer wurden zu Eunuchen gemacht und in der Administration eingesetzt. Flaig lenkt das Augenmerk also nicht nur auf die Lebensbedingungen der Entrechteten, sondern auch auf den Prozess des Versklavens selbst. Dabei spielen die afrikanischen Eliten keine gute Rolle: sie verkauften ihre eigenen Leute. Der Imperialismus – das wird von Flaig ausreichend belegt – griff also etwas auf, das es bereits gab. Der Export der afrikanischen Bevölkerung ab 1640 in die Karibik, Brasilien und Nordamerika ist zwar in der Hauptsache den imperialistischen europäischen Großmächten anzulasten. Allerdings macht Flaig, und das ist natürlich provokant, auf eine Ambivalenz des imperialistischen Prozesses aufmerksam: er beförderte die Versklavung, aber er stoppte sie auch.

Humanitäre Intervention

Denn nicht Sklavenaufstände, sondern die westliche Abolitionisten-Bewegung sorgte ab Mitte des 18. Jahrhunderts für Ächtung und langsames Verschwinden der Sklaverei. Abolition heißt Abschaffung: eine Vielzahl protestantischer Sekten in den amerikanischen Neuengland-Staaten hielten die Sklaverei schon Mitte des 17. Jahrhunderts für menschenunwürdig und forderten die Freilassung der Betroffenen. Die Lage ist also kompliziert: einerseits war England imperialistische Großmacht und der Protestantismus psychischer Motor des Kapitalismus, andererseits bestanden protestantische englische Siedler auf Einhaltung moralischer Mindestnormen oder gar der Menschenrechte.

Flaig konstatiert eine Dialektik des Kolonialismus selber. Der habe Afrika zwar ausgebeutet und auf der Berliner Konferenz von 1884/85 die Einflusssphären der Großmächte abgesteckt; auf jener Konferenz sei aber auch der Sklavenhandel verboten worden. Langfristig hätten die Kolonialmächte die korrupten einheimischen Eliten dann am Sklaven-Verkauf gehindert, meint Flaig. Und der Autor ist streitlustig genug, den Kolonialismus sodann als ­„humanitäre Intervention“ zu bezeichnen, die die Sklaverei beendete – das konterkariert alle bislang üblichen Schuldzuweisungen. Allein: Flaigs Analyse scheint weitgehend plausibel. Wir Europäer pflegen – auch in der Wissenschaft – gern die Vorstellung vom edlen Wilden, der vom Imperialismus vergewaltigt wurde. Wahr ist aber auch, dass brutale afrikanische Eliten die eigene Bevölkerung drangsalierten und verkauften.

Dies zu benennen, ist ein Verdienst dieses Buches. Die scharfe Analyse der von den islamischen Ländern zu verantwortenden Sklaverei schließt eine Leerstelle der Forschung. Insofern ist das ein wissenschaftlich wie politisch anregendes Buch, das verfestigte Meinungen besonders der politischen Linken in Frage stellt. Flaig will nicht den Kolonialismus verharmlosen; aber er schärft unseren Blick für die Selbstverantwortung der heutigen Dritte-Welt-Länder, die ihre eigene Geschichte gern retuschieren. Die Tendenz, sich als Opfer zu inszenieren, obwohl man auch Täter ist, kann man heute bei diversen islamischen Regimes beobachten. Flaigs Remedium gegen diese fromme Selbsttäuschung sind die universell geltenden Menschenrechte: nur mit ihnen sind auch die heutigen Formen der Sklaverei zu bekämpfen.

Weltgeschichte der SklavereiEgon Flaig. Beck, München 2009, 233 S., 12,95

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11:12 23.09.2009

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