Dicht, detailreich und so liebevoll

Großstadtprosa Erst die DDR, dann West-Berlin – der Schriftsteller und Reporter Klaus Schlesinger, der am 11. Mai 2001 starb, hat ein von der Zeit gesättigtes Werk hinterlassen

Der Name muss mir irgendwann Ende der Achtziger untergekommen sein, in einem Alter, als man sich aus Tipps und Lektüren einen Pantheon von Kulturschaffenden zusammenstellte, die irgendwie als unangepasst galten. „Schlesinger ist gut“, vielleicht hat das jemand zu mir gesagt, der für mich Autorität besaß. Vielleicht habe ich Alte Filme (1973) auch nur wegen des Titels gekauft. Ich habe die Erzählung dann bei der Armee in Magdeburg gelesen, mit vielen Unterbrechungen, denn wenn man mit einem Buch gesehen wurde, kam wenig später der Pfiff, und man wurde zum Pult gerufen, um dem UvD eine Bockwurst zu holen, oder weil es im Waschraum Ata geschneit hatte.

Der Held von Alte Filme, der im Fernsehen gerne UFA-Filme guckt, fährt morgens in den Betrieb in Oberschöneweide und träumt abends von einer größeren Wohnung, während er die alte Nachbarin husten hört. Das war angenehm unspektakulär. Ich fand andere Bücher von Schlesinger, aus dem Hinstorff-Verlag, mit Umschlägen von Manfred Butzmann, Klaus Ensikat, Harald Metzkes oder Rolf Xago Schröder. Die rechnete man dann auch zu den „guten“. Das Autorenfoto von Roger Melis war auch so ein Gütesiegel. Matulla und Busch, aus einem Magdeburger Antiquariat, wo ich mich auf Ausgang aufwärmte, weil ich mich nicht in die Kneipen traute. Ein Rentner erbt ein Haus in West-Berlin, aber als er aus dem Altersheim abhaut, um es sich anzusehen, stellt es sich als besetzt heraus. Er zieht bei den jungen Leuten ein. Eine Utopie, die Schlesinger selbst ausprobiert hat, nach seiner Übersiedlung nach West-Berlin, 1980. In der Wendezeit holten wir das im Osten nach, und es war uns ernst mit dem antikapitalistischen Leben.

Ich erinnere mich an Diskussionen, ob die Hausbesetzer in Ost-Berlin darauf bestehen sollten, nur gemeinsam mit dem Senat zu verhandeln, man wollte sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Am Ende gingen die Interessen aber schon in den einzelnen Häusern zu we­­it auseinander. Fliegender Wechsel, das Tagebuch seines Übersiedlungsjahres nach Westberlin, vom Wühltisch vor der Humboldt-Universität. Die Erfahrung mit dem Westen, die man nach der Wende machte, hat er schon Jahre vorher beschrieben. Das zwanghafte Erklären, Verteidigen, Differenzieren angesichts der westlichen Klischees. Dass über die Stasi auch gelacht wurde, wie überhaupt viel gelacht wurde, wie sollte man das erklären? Die DDR hat krank gemacht (Neuritis bei ihm), aber wenn man sie gekannt hat, konnte der Westen, so wie er war, keine Heimat sein. Leider bricht das Tagebuch irgendwann ab, er fürchte sich zu wiederholen, schreibt er.

Das kann man nur bedauern, es gibt kaum Tagebuchliteratur von DDR-Autoren, sicher wegen der Schwierigkeiten, Ungefiltertes zu veröffentlichen, vielleicht galt die Form aber auch als zu anspruchslos. Dabei hat Schlesinger viel erlebt, was man möglichst direkt beschrieben haben möchte. Einiges liefert er in seinen publizistischen Texten aus den Neunzigern, beispielsweise in Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Schon ’97 mokiert er sich dort über die Umbenennung von Straßenbahnlinien (neuerdings heiße sie „Tram“), deren Nummern man schon bei Döblin finden konnte. Inzwischen heißen sie ja noch einmal ganz anders. In diesen Texten verwendet er oft Anekdoten, die eigentlich Mini-Dramen sind. Aber das fleißige Anschreiben gegen die Flut von Lügen und Verdrehungen, die die Wende mit sich brachte – sogar ihm selbst wurde zeitweise Stasi-Tätigkeit unterstellt –, es wirkt im Nachhinein bedrückend vergeblich, heute, da die Deutungshoheit über den DDR-Alltag verkitschte Fernsehfilme übernommen haben.

Man bekommt Sehnsucht

Dann schon lieber Literatur. Manche Motive tauchen in den Büchern immer wieder auf. Der Vater, der in den Krieg muss und seiner Frau eine Pistole dalässt, damit sie sich und die Kinder zur Not umbringen kann. Der nach dem Mauerbau in den Westen gegangene Freund. („Wissen sie, wie das ist, wenn man seinen Freund verliert?“ „Mein Freund ist in Sachsenhausen erschossen worden.“ „Ihr habt einem immer alles voraus.“) Gute Autoren können dasselbe aber immer wieder beschreiben, immer genauer, und Schlesinger macht das in seinem letzten Romanfragment so dicht, detailreich und liebevoll, dass man Sehnsucht nach dieser Zeit bekommt. Die Liebe der Männer, 2003 nach seinem Tod erschienen, spielt in den Fünfziger Jahren in Ost-Berlin. Der Held wohnt bei der Mutter, die ihn morgens weckt, Muckefuck kocht und eine Zuckerstulle schmiert.

Vom Kumpel bekommt er Tipps gegen Geschlechtskrankheiten: Vor dem Sex nicht Wasser lassen, hinterher die Vorhaut zuhalten und schiffen. Die Wirtin in der Stammkneipe nimmt sich abends ein angewärmtes, gesüßtes Schlafbier mit in die Wohnung. Er ist Laborant in einer Fabrik in Weißensee. Ein Kollege war bei der Fremdenlegion und ist im Betrieb verantwortlich für „Sichtagitation“, ein anderer war „nach dem Aufstand“ für ein halbes Jahr verschwunden. Die abgesägte Granatenhülse als Aschenbecher. Montags Eintopf, Brühreis oder Bandnudeln. Der wehmütige Ton der Fabriksirene. Vor dem ersten Rendezvous gibt es einen „Rundschnitt für 1,50“. (Von hinten gegen das Haar tippen, um die Welle über der Stirn zu heben.) Er leistet sich eine Badewanne im Stadtbad Oderberger und kauft Blumen. (Soll man das Papier des Blumenstraußes gleich oder erst kurz vor der Übergabe entfernen?) Eigentlich ist er ja in ein Mädchengesicht aus einem Film über die Belagerung Leningrads verliebt.

Schlesinger war aber kein Nostalgiker, er kam ja von der Reportage. Für sein zweites Buch, Hotel oder Hospital, hat er ein paar Wochen in einem neu gebauten Rostocker Krankenhaus recherchiert. Die Technik ist hochmodern, aber die älteren Schwestern wollen nicht auf ihre Hauben verzichten. Der Anspruch, mit Planung ein besseres Gesundheitssystem aufzubauen, hocheffiziente Krankenbetreuung ohne das Gefühl von Fließbandabfertigung, angeblich riecht es in diesem Krankenhaus nicht mehr nach Krankenhaus. Im Wahlessen sieht er „das Demokratische der Selbstbedienung“. Tod und Krankheit sind für den Sozialismus eine Provokation. Schlesinger macht sich Gedanken über den Krebs, Jahre bevor er selbst daran stirbt (wie so viele andere DDR-Künstler, -Schauspieler und -Regisseure.)

„Die Zukunft ist noch ein Versprechen“, im Jahr 2000 werde man vielleicht ein Videophon haben „und einen Fernseher mit 12 Programmen“. Seine Wurzeln hatte Schlesinger im Prenzlauer Berg, als junger Mann fand er es gut, dass die bürgerlichen Fassaden vom Stuck befreit wurden, weil es moderner wirkte. Früh hat er sich mit dem „Niedergang des Kleinhandels“ befasst, der heute neu erblüht, in Gestalt von Schwangerenbedarf. Als der Prenzlauer Berg schon zur Gentrifizierung verurteilt war, schreibt er in den Neunzigern Die Sache mit Randow und greift das bei DDR-Autoren so beliebte Motiv der Gladow-Bande auf.

Sympathie für die DDR

Der Ganove als nicht zu assimilierender Menschentyp, im DDR-Kontext ein Hoffnungsträger. Die Gruppendynamik einer Straßenclique aus der „Vorderduncker“, sie sammeln Boxerfotos aus der Zeitung („Die Schweren ziehen eben mehr Leute!“) und machen ein bisschen Geld mit staatlich geduldetem Zigarettenschmuggel nach West-Berlin. Die meisten tragen die Anzüge ihrer im Krieg gebliebenen Väter auf.

Leben im Winter ist vielleicht sein Meisterwerk, ein dichtes Porträt des geteilten Berlins, fast durchweg in Gesprächen, die beim Geburtstag einer Großmutter geführt werden, zu dem die Familie kommt, inklusive Westbesuch. Die Gegend ist der Rosenthaler Platz, wo 40 Jahre vorher Berlin Alexanderplatz spielte. In Leben im Winter wird man, ähnlich wie bei Döblin, durch Sprüche und Idiom verführt, dabei lastet auf allen eine Erbschuld, denn die große Wohnung hat man in der Nazizeit von einem Juden übernommen. Heute muss der Enkel in der Schule wieder lügen, wenn es um ein retuschiertes Lenin-Bild geht. Schlesinger sagt, er habe als Jugendlicher versucht, jiddisch zu lernen, und eine jiddische Zeitung aus Warschau bezogen, weil er sich so intensiv mit der verdrängten Schuld der Erwachsenen befasste. Daher auch die Sympathie für die DDR als den Versuch, mit der Nazizeit einen größeren Bruch zu machen. ’68 hat er Geld gesammelt und Helme und Regenmäntel für die protestierenden Westberliner Studenten besorgt. „Wir müssten mutiger sein dürfen“, hat in der DDR mal wer zu ihm gesagt. Inzwischen darf man das ja. Aber was ist heute Mut? Für einen Autor vielleicht, am Markt vorbeizuschreiben.

Jochen Schmidt (geb. 1970 in Ost-Berlin) ist Schriftsteller

Veranstaltungstip: Leben in Berlin Leben in vielen Welten. Klaus Schlesinger und seine Stadt Literarisches Zentrum im Brecht-Haus, 11. Mai, u. a. mit Jürgen Kuttner und Jochen Schmidt

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09:20 11.05.2011

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