Dichtung zwischen Tod und Verrücktheit

Literatur Der irakische Schriftsteller Fadhil Al-Azzawi über seinen Roman „der letzte der Engel“, die arabische Literaturszene und sein Leben in der DDR

Der Freitag: "Der Letzte der Engel" ist ein sehr dichterischer Roman.
Fadhil Al-Azzawi: Ja, da haben sie recht.

Er wurde zuerst 1992 in London publiziert
Da gibt es einige Verlage, die auf arabisch publizieren. Der Letzte der Engel wurde auf arabisch im Verlag Riad El- Rayyes veröffentlicht – und zwar in London und Beirut.

Hat Beirut heute noch dieselbe Bedeutung als wichtigster Editionsort für arabische Autoren wie früher?
Ja, Beirut ist nach wie vor ein wichtiger Ort. Aber mittlerweile sind auch die Golfstaaten sehr aktiv und auch in Ägypten und Marokko gibt es wichtige Verlage.

Dass die islamistischen Regime auf der arabischen Halbinsel Literatur fördern, mag für manchen verwunderlich klingen. Wird da auch nationale Literatur gefördert, oder nur Literatur aus dem Ausland? Man kennt letzteres Prinzip vom Fernsehsender AlJazeera, in dem die Opposition der gesamten arabischen Welt zu Worte kommt, nur nicht die von Katar.

Besonders die Golfstaaten, die arabischen Emirate, veranstalten jährlich mehrere Literaturfestivals - für die eigenen Leute, aber auch für Autoren aus Algerien, dem Libanon, Irak, Ägypten. Es gibt auch viele Buchmessen: in Abu Dhabi, in Ra`s el Chaima, in Dubai. Dreimal war ich dort auf einem Festival eingeladen Festival, an dem arabische und englische Schriftsteller gemeinsam teilnahmen. Mit Dialogen, Besprechungen, gemeinsamen Lesungen – sehr interessant. In ein paar Tagen fliege ich nach Dubai. Ich wurde eingeladen, dort an der Eröffnung des International Writers Center teilzunehmen.


Das klingt irritierend, da der Islamismus, der von diesen Ländern in die Welt getragen und auch finanziert wird, keine kulturelle Komponente hat. Da gilt doch: Der Koran ist das Buch, das allen Anforderungen genügt, andere Bücher brauchen die Menschen nicht.


Der Islamismus als Ideologie hat keinen einzigen Schriftsteller oder Dichter hervorgebracht. Moderne Schriftsteller, die ihre Zeit, ihre Welt richtig beurteilen und verstehen, gibt es in dieser Ideologie nicht. Es stimmt, Saudi Arabien unterstützt den Islamismus: es baut Moscheen oder finanziert Bewegungen. Aber die Schriftsteller innerhalb Saudi-Arabiens sind modern.

Können die denn in Saudi-Arabien veröffentlichen?
Nein – und ja. Erstaunlicherweise, bekommen saudische Autoren Unterstützung von der Regierung, wenn sie Bücher veröffentlichen. Aber sie veröffentlichen ihre Bücher normalerweise in Beirut oder Kairo, also im Ausland. Später importieren die Saudis diese Bücher wieder. Vor etwa drei Jahren war ich Vorsitzender des arabischen Booker-Preises für Romane. Den Preis hat eine Schriftstellerin aus Saudi Arabien gewonnen, Radja Allem. Sie ist eine Saudia aus Mekka und lebt zurzeit in Paris.

Diese Länder sind viel widersprüchlicher als man hier denkt.
Als Radja Allem den Preis gewann, haben die Saudis das gefeiert. Der Kulturminister hat sie eingeladen.

Was schreibt sie?
Gute Romane. Über Liebe, Konflikte, Politik, Korruption, Frauen und Männer. Ganz mutig und überhaupt nicht islamistisch.

Müssen wir uns dann gar nicht so fürchten vor dem Hegemoniestreben der arabischen Halbinsel in der islamischen Welt, besonders jetzt, wo es den alten Kulturraum im nahen Osten betrifft?
Teile der Regierenden in Saudi Arabien und Katar arbeiten mit den Traditionalisten zusammen. Mit Leuten, die mit der Vergangenheit verbunden sind. Die sind eine starke Kraft in der Gesellschaft, nicht in der Kultur. Aber es gibt auch Teile der Regierungen, die modern sind. Die eine Modernisierung unterstützen, auch gegen diese traditionelle Kultur. Man darf sich das nicht zu einheitlich vorstellen, auch Katar nicht, wo ich mehrfach eingeladen war. Auch dort gibt es viele Leute, die modern sind und versuchen, ihre Gesellschaften zu ändern. Nicht alle dort sind Islamisten oder ideologisch islamistisch orientiert.

Die Invasion der IS, die ja offensichtlich mit religiöser Intoleranz verbunden ist, bringt aber keine Akzeptanz moderner Kultur mit sich.
Diese IS – das sind Barbaren. Die haben nichts zu tun mit Kultur. Sie verstehen nicht, was eine moderne neue Kultur bedeutet. Sie sind aus der Vergangenheit gekommen, sie wissen nichts von ihrer Zeit. Sie haben nur die goldene Vergangenheit im Kopf – das Kalifat von vor fast eineinhalb tausend Jahren. Eine Naivität ist das! Im Moment sehen sie stark aus. Aber ich glaube, sie haben keine Zukunft.

Aber sie können viel kaputt machen.
Ja, sie können viel kaputt machen. Man muss aber sehen, wer diese Monster geschaffen hat. Meiner Meinung nach waren das die Amerikaner. Als sie ihren Krieg in Afghanistan und im Irak begannen, behaupteten sie, den Terror dort zu besiegen. Aber sie brachten die Islamisten an die Macht. Saddem Hussein war ein Diktator, ja. Aber die Islamisten oder die Terroristen waren nicht da, sie kamen mit den Amerikanern. Sie brachten im Irak die Schiiten an die Macht, die Islamisten sind.

Maliki und so weiter – sind in Ihren Augen Islamisten?
Ja, die schlimmsten Islamisten, alle. Haider Al Abadi, der neue Mann in Bagdad, ist auch ein Islamist. Die verstehen nichts von neuer Kultur, wenn sie auch behaupten, gemäßigt, friedlich zu sein. Aber die Unterschiede zwischen all diesen Leuten sind nicht so groß.

Sind sie deshalb auch nicht in der Lage, die IS zu bekämpfen, weil sie ihnen zu ähnlich ist?
Ja, die IS ist eine religiöse Reaktion auf den schiitischen Islamismus. Zwei Islamismen kämpfen gegeneinander. Als die Amerikaner Maliki und seine Clique an die Macht brachten, hat diese alles versucht, um die Sunniten zu vertreiben. Sie haben Tausende und Abertausende umgebracht. Hunderttausende mussten das Land verlassen. Jetzt ein Sunnit im Irak zu sein, bedeutet: du hast keine Rechte. Ein Teil der Sunniten gehen mit der ISIS um die Schiiten zu bekämpfen.

Und sie bekämpfen auch Kurden und Jesiden?
Jesiden sind für Islamisten Ungläubige. Kurden sind auch Sunniten wie die IS. Da geht es nur um Machtgewinn.

Ihr Buch, das in Kirkuk – also mitten im heute so umkämpften Gebiet spielt, haben Sie zwischen 1987 und 1990 geschrieben, 1992 wurde es publiziert. Ich lese es bereits als Buch des Todes, des gesellschaftlichen Endes – allerdings in wunderbarer dichterischer Form. Seitdem hat sich die Lage aber noch weiter zugespitzt. Aber hier, in Ihrem Buch geht es eigentlich schon um das Ende der Menschheit.
Ja, die Apokalypse.

Wie empfinden Sie – als Dichter die zwanzig Jahre, die gefolgt sind? Könnten Sie die als Dichter die Steigerung des Bösen überhaupt noch erfassen?
Damals hatte ich die Diktatur im Irak im Auge. Sie machte alles kaputt. Die Oppositionellen waren aber Islamisten. Die Politik, die Programme – ich sah, dass das zur Katastrophe führen würde. Auch einige meiner Freunde haben mir über das Buch gesagt: Du hast die Zukunft vorausgesehen, das, was in zwanzig, fünfundzwanzig Jahren geschehen würde. Vor einigen Jahren habe ich in Paris einen Freund getroffen, der im Kulturministerium in Bagdad Staatsekretär war. Als ich ihn fragte, wie die Lage dort sei, sagte er mir: Genau, wie du sie im 12. Kapitel deines Romans beschrieben hast.

Der aber in Kirkuk spielt.
Ja, Kirkuk. Wenn Sie das Ende sehen, wie die fremdem Soldaten kommen und alles kaputt machen, dann ist das das, was jetzt passiert! Wenn ich aber die politischen Parteien sehe – damals und jetzt: deren Programme waren und sind naiv.

Es gab auch unter Saddam mehrere Parteien?
Die Opposition behauptete die Rettung käme von außen. Sie machten alles, um die Amerikaner zu zwingen, den Irak zu erobern. Dann kamen die Amerikaner. Aber die sind frem in der Region. Und kamen ohne Konzept. Sie verstanden nichts von der arabischen, der islamischen oder der irakischen Kultur. Sie machten alles falsch und jetzt bezahlen wir dafür. Wie die Zukunft sein wird, ist schwer zu sagen. Ich weiß nur eins: diese Barbarei, diese religiösen Parteien – auch in der Regierung – auf längere Sicht haben sie keine Chance. Das arabische Volk – auch in Syrien, Libanon und in Ägypten – die Leute wollen wie die anderen leben – demokratisch, im Frieden. Die Leute wollen in ihrer Zeit leben, modern sein. Bestimmte Milizen und Mafias versuchen, das mit Gewalt zu unterdrücken, die Leute zum Schweigen zu bringen. Hunderte von irakischen Intellektuellen und Schriftstellern mussten das Land verlassen. Es gibt jetzt mehr irakische Künstler, Dichter und Autoren im Ausland als im Irak.

Mehr als zu Saddams Zeiten?
Ja. Denn die Leute, die damals emigriert waren, sind nicht zurückgekehrt. Die irakische Literatur ist jetzt im Ausland, nicht im Irak.

Das Buch ist für mich ein postmodernes Buch. Es gibt kein auktoriales Fortschrittsdenken mehr. Die einzelnen Protagonisten haben da zwar ihre Ideen, aber der Autor verbreitet keine Zukunftsvision.
Es gibt aber doch Hoffnung in dem Buch. Wenn die Soldaten des Todes kommen, um BurhanAbdallah – den intellektuellen Helden des Romans – zu töten, dann öffnet er seine Hände, verwandelt sich in einen Engel und fliegt auf. Also – sie können ihn nicht töten.

Das versteht man hier, im christlichen Kulturkreis, anders: Ein Mensch, der sich in einen Engel verwandelt, ist tot.
Nein, sie konnten ihn nicht töten. Da ist noch etwas Wichtiges: Sein Leben lang ist Burhan drei Engeln gefolgt, aber am Ende hat er sich von ihnen befreit. Er entdeckte, dass das Teufel waren, keine Engel. Sobald er das weiß, fühlt er sich stark und frei.

Was repräsentieren diese drei Engel?
Das ist schwierig zu sagen. Der Leser selbst soll das entdecken. Man kann viel darin sehen, Ideologien z. B., oder Religionen.

Für mich gibt es drei Hauptfiguren: Hamid Nylon ist die konkreteste Figur. Er politisiert sich, nachdem er als Fahrer eines der englischen Erdölbosse entlassen wird, weil er dessen Frau ungeschickt Avancen gemacht hat: er wollte ihr ein Paar Nylonstrümpfe schenken. Später verkörpert er die Gewerkschaftsbewegung.
Ja, vorher schon ist er Revolutionär. Er hat eine Illusion, will Mao-tse-tung nacheifern, weil er schlechte Erfahrungen mit den englischen Kolonisatoren gemacht hat. In der arabischen Welt mischt man gern die Illusion mit der Realität. Illusionen sind Teil der Realität. Hamid Nylon glaubt, es sei leicht, die Welt zu verändern.

So denkt die Jugend überall. Aber hat es Typen wie Hamid Nylon damals viele im Irak gegeben?
Gibt es heute noch, ja. Da kommt jetzt jemand aus Samara, ist ein einfacher Mensch wie Abu Bakr al Baghdadi und erklärt sich zum Kalifen! So etwas passiert gerade jetzt dort.

Zurück zum Roman. Chidr Musa, der Schafhändler, der zu einer Art zivilgeselslchaftlöichem Politiker wird – was verkörpert er? Verantwortung? Lebenserfahrung?
Ja, Lebenserfahrung, Weisheit, Güte. Er hilft, wo er kann. Der Himmel gibt ihm ein, seine nach Russland verschleppten Brüder in den Irak zurückzubringen. Das schafft er auch. Aber warum verkörpert er das Leben? – Weil er befreundet ist mit dem Tod, Darwisch Bahloul. Diese Dialektik zwischen Tod und Leben, die zur Freundschaft wird, habe ich versucht, poetisch zu reflektieren.

Hamid Nylon, der eine Revolution führen will, kontaktiert die kommunistische Partei, die über riesige moderne Büropaläste unter der Erde verfügt.
Ja. Aber er ist enttäuscht. Immer sprechen sie von der Revolution, aber sie machen sie nicht.

Das entspricht auch einer historischen Etappe im Irak?
Ja, die Kommunisten waren immer da und sprachen von der Revolution, als ob sie die Einzigen wären, die etwas von ihr verstehen. Sie hielten sich für Revolutionsspezialisten. Aber sie haben keine gemacht.

Waren sie sehr von der Sowjetunion abhängig?
Ja, in allem.

Dann durften sie auch keine Revolution machen.
Ja, natürlich. Sie hatten eine dogmatische, tote politische Sprache, die keine Bedeutung hatte. Hamid Nylon entdeckt das.

Chidr Musa ist ein großer Vermittler in einem lokalen Konflikt. Die englische Erdölfirma will eine Straße bauen, die mitten durch den Friedhof führen soll, was aber dem islamischen Gebot widerspricht, die Totenruhe nicht zu stören. Chidr Musa stellen eine große Delegation zusammen, die um eine Audienz beim König bittet. Es gelingt, dem jungen König das Problem klar zu machen und ihn als Vermittler zu den Engländern zu gewinnen. Während die Delegation in Baghdad ist, entsteht ein großer Konflikt um den Friedhof in Kirkuk. Aber im Endeffekt bauen die Engländer die Straße um den Friedhof herum. Wenn man das liest entsteht der Eindruck, als wenn Sie diese Zeit als nicht so schlecht einschätzen, weil sowohl der König als auch die Engländer bestrebt waren, Kompromisse herbeizuführen.
Ja, so war es. 1958 gab es eine Revolution, die den jungen König stürzte und ermordete. Die Leute waren damals einfacher gestrickt als heute. Das Regime war einfach, war nicht so brutal, wenngleich sie auch Leute verhaftet, gefoltert und getötet haben. Aber das waren noch Kleinigkeiten im Vergleich zu später, zur Zeit Saddam Husseins oder jetzt. Die waren menschlicher, ja, das ist richtig. Der König, die Leute – auch die Engländer, die ja bekannt dafür sind, dass sie auch Politiker sind. Sie suchten Kompromisse. Wenn die Engländer sahen, dass die Leute total dagegen sind, dass sie etwas nicht akzeptierten, dann wurde das geändert.

Ein interessanter Teil des Buchs ist, wie sich dieser Kompromiss entwickelt. Den späteren Teilen nach zu urteilen, brachte jeder spätere Wechsel ein grausameres Regime an die Macht.
Ja, so war es. Der Irak vor 50, 60 Jahren war für viele Leute im Vergleich zu jetzt ein Paradies. Natürlich waren die Leute ärmer, damals gab es nicht so viel Erdöl. Die Diktaturen kamen mit den Militärputschen. Und die kamen mit der Revolution. Und alle waren schrecklich. Am Ende kamen die Amerikaner und dann die Islamisten. Und die waren schlimmer als die vorherigen Diktaturen.

Ihr Roman ist auch deshalb interessant, weil er die verschiedenem Völkerschaften beschreibt, die im Norden des Irak leben: Turkmenen, Araber, Kurden, Juden. Man sieht, dass Spannungen da waren, aber doch lebte man miteinander. Hat sich da etwas verändert?
In Kirkuk leben viele ethnische Gruppierungen. Die Mehrheit sind Turkmenen. Aber es gibt auch Araber, Kurden , Assyrer. Damals waren das Muslime: Schiiten und Sunniten, aber auch Christen. Die Mehrheit waren Sunniten. Die alle lebten in Frieden, arbeiteten zusammen, waren in Cafés zusammen, es gab immer Kontakte. Ich habe selber nie daran gedacht, ob jemand Araber, Turkmene oder Christ ist. Wir fühlten uns alle als Iraker, das war sehr wichtig. Natürlich gab es Witzeleien jeweils über die anderen Gruppierungen, aber so ist es in der ganzen Welt. Die Konflikte kamen mit den politischen Parteien, die um die Macht kämpften. Solche Konflikte sind meiner Meinung nach nicht menschlich gegeben, weil es zwischen den Leuten ansich keine Konflikte gibt. Schiiten, Sunniten, Kurden, Turkmenen – sie verstehen einander. Nur die politischen Eliten, die um Macht und Geld kämpfen, versuchen die Unterschiede zu vertiefen.

Auch die ausländische Invasion spielt da eine Rolle. Die Amerikaner haben ja den kurdischen Teil schon zu Saddams Zeiten isoliert durch die Flugverbotszone. Dadurch ist ja eine große Eigenständigkeit des kurdischen Gebiets entstanden.
Ja, natürlich haben auch die Amerikaner das irakische Volk gespalten. Erstens haben sie gesagt, die Schiiten sollen gegen die Sunniten sein, weil Saddam Hussein Sunnit war. Dann wurde gesagt, dass die Kurden keine Araber sind.

Die Kurden wurden doch auch unter Saddam unterdrückt.
Das ganze irakische Volk wurde unterdrückt. Viele Kurden haben Saddam auch unterstützt. Der war gegen jeden, der sein Regime bekämpft hat.

Aber warum haben die Amerikaner die Flugverbotszone über das Kurdengebiet errichtet?
Es gab einen bewaffneten Kampf in diesem Gebiet. Die Kurden hatten damals schon gute Kontakte zu den Amerikanern, sogar zur Türkei. Die Amerikaner versuchten dort, Saddam zu schwächen – mit der Flugverbotszone.

Dadurch kam es ja praktisch schon zu einer Art Abspaltung.
Die Amerikaner wollten das, um Saddam zu schwächen.

Das ist auch gelungen.
Ja. Dann haben sie von dieser kurdischen Region aus versucht, gegen Saddam Hussein zu mobilisieren. Aber Saddam war nicht nur gegen Kurden und Schiiten. Auch Sunniten litten unter seinem Regime.

Glauben Sie, dass eine Spaltung des Irak dauerhaft sein wird? Eine Spaltung in einen schiitischen, einen sunnitischen Teil und vor allem, dass sich der kurdische Teil noch mehr separiert? Aus meiner Sicht wird es gelingen, die IS irgendwie zu besiegen.
Ja.

Das wird einen großen Prestigegewinn für die Kurden bringen, sei es im Irak, sei es in Syrien. Wird das nicht einen wichtigen Meilenstein für die Gründung eines kurdischen Staates bedeuten?
Sie haben recht, die Kurden hoffen das.

Und sie haben auch ein Chance, weil die Amerikaner sie unterstützen.
Es ist komplizierter. Die Kurden haben ein großes Problem. Jedes Volk hat natürlich das Recht, sich abzuspalten. Die Kurden im Irak betrachten sich aber nicht isoliert von den Kurden im Iran, der Türkei, in Syrien. Und was bedeutet das? Sie können ihren Staat nicht nur im Irak gründen. Warum? Dann sind Iran, Türkei, Syrien dagegen und die Kurden werden, beim Versuch, einen eigenen Staat zu gründen, alle diese Staaten gegen sich haben. […] Das ist ihr Dilemma.

Und die Amerikaner?
Die wollen das auch nicht.

Sie wollen die Kurden nur instrumentalisieren?
Genau. Warum wollen die Amerikaner das nicht? 1. Die Türkei ist in der NATO. 2. Irak ist jetzt ein Verbündeter der Amerikaner. 3. Die arabischen Länder, besonders die Erdölländer Saudi Arabien, Kuweit, die Golfstaaten – die wollen keinen kurdischen Staat. Für die Amerikaner wäre er kein Gewinn. Ich glaube, nur die Israelis wollen ihn.

Warum? Um die Staaten um sich herum zu schwächen?
Ja. Aber ihr Wille reicht nicht, natürlich.

Sehr schön im Roman ist diese Anwesenheit des Todes in Form einer realen Figur. Darwisch Bahloul fährt mit Chidr Musa zusammen im Auto nach Baghdad zum König. Später hocken die beiden mit ein paar anderen Freunden in Cafés zusammen.
Damit wollte ich meine Erfahrung mit der Region, mit dem Irak wiedergeben. Der Tod ist immer präsent. Deshalb wollte ich ihm Gestalt geben. Das gehört auch zur alten arabischen literarischen Tradition: der Tod ist als Gestalt vorhanden. Ich habe versucht, den Tod auch von seiner menschlichen Seite zu zeigen. Er lacht mit den Leuten, lebt mit den Leuten und sie akzeptieren das auch. Der Tod fühlt sich nicht wohl, wenn er zur Arbeit geht. Er hat viel Arbeit in diesen Ländern. Hier ist er eine poetische Gestalt.

Auffällig ist, dass wenig Frauen vorkommen. Es ist ein Männerroman. Frauen spielen nur Nebenrollen, aber schöne Nebenrollen. Die Frau von Hamid Nylon will unbedingt Kinder haben, was aber lange nicht klappt. Das ist für arabische Frauen noch heute sehr wichtig, weil sie hoffen, ihre Ehe dadurch zu festigen. Auch die Engländerin ist wunderbar. Aber das sind nur Nebenfiguren. Frauenschicksale haben Sie nicht interessiert?
Die Mutter von Burhan Abdullah ist auch noch da. Aber es stimmt schon, sie sind Nebenfiguren. Damals, in dieser Gesellschaft, spielten die Frauen keine große Rolle, das ist der Grund.

Welchen dichterischen Traditionen fühlen Sie sich verbunden?
Ich bin eigentlich modern, mit der modernen Weltliteratur verbunden, der amerikanischen, der englischen. Ich habe von vielen gelernt. Fangen wir bei den Deutschen an: von Nietzsche, Kafka, Hermann Hesse, Rilke, Brecht.

Kannten Sie diese Autoren auch schon im Irak?
Ja. im Irak haben wir viele, auch deutsche Literatur studiert: Goethe, Schiller. Die waren entweder ins Arabische übersetzt oder ins Englische. Von den englischen Autoen ist für mich James Joyce wichtig, Faulkner, Hamingway. In den sechziger Jahren war man beeinflusst von Camus. Aber ich habe auch viele alte Autoren gelesen – von Homer bis Dante. Die Bibel finde ich auch sehr interessant. 1001 Nacht habe ich als junge mindestens zwanzig Mal gelesen, auch die alte arabische Literatur, die vorislamischen Dichter, die islamischen Dichter.

Kommen Sie schon aus einem gebildeten Elternhaus?
Nein. Ich bin selber darauf gekommen. Aber meine Eltern waren sehr froh, dass ich las.

Haben Sie sich in Burhan Abdallah selbst gezeichnet? In diesem geistig aufgeweckten Knaben, der viel liest und dann selber schreibt, in immer wieder neuen Anläufen, Stilen, Weltanschauungen?
Ja, sicher.

Sie schreiben Gedichte und Prosa, dichterische Prosa.
Ich habe etwas 13 oder 14 Gedichtbänder publizier, auf deutsch nur einen. Auf englisch sind sechs Bücher von mir erschienen. Außerdem habe ich 7 Romane veröffentlicht, ein Buch mit Erzählungen, zwei oder drei Bücher mit Essays und Memoiren. Dann habe ich auch mehrere Bücher aus dem Englischen und dem Deutschen ins Arabische übersetzt, z. B. Morgenstern, einen Gedichtband von Enzensberger, Musils Mann ohne Eigenschaften.

Warum gingen sie nach Leipzig?
Ich wollte eigentlich nach England. Aber das war damals schwierig. Ich wollte nur das Land verlassen, etwas finden, was mir ermöglichte, das Land zu verlassen. Damals gab es einen Vertrag zwischen den Journalisten der DDR und den Journalisten im Irak. Durch diesen Vertrag wurde es irakischen Journalisten ermöglicht, in der DDR zu studieren. So kam ich dahin. Der eigentliche Grund war nicht, dass ich weiter studieren wollte, das war nicht wichtig. Ich wollte nur das Land verlassen.

Warum gingen Sie dann nicht nach England?
Dafür hätte ich eine Erlaubnis des irakischen Staates haben müssen. Und wie hätte ich mich dort ernährt? In Leipzig hatte ich ein Stipendium. Aber nach zwei oder drei Jahren wurde es schwierig für mich, weil die irakische Regierung meinen Pass beschlagnahmte, weil wir in Beirut 1980 mit einigen anderen irakischen Intellektiellen und Schriftstellern eine Organisation gegründet habe, den Verband demokratischer irakischer Schriftsteller. Danach wurde es schwierig. Da habe ich als Auslandskorrespondent für arabische Ländern gearbeitet.

Von der DDR aus?
In der DDR habe ich keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, sondern eine Arbeitserlaubnis als Auslandskorrespondent, ich war akkreditiert.

Obwohl sie keine irakischen Pass mehr hatten?
Ja, komisch. Ich hatte dann einen jemenitischen Pass. Und habe bis zur Wende als Auslandskorrespondent gearbeitet.

Auch für DDR-Zeitungen?
Nein, das war nicht möglich. Ich habe nur für arabische Länder gearbeitet. Ich hatte einen anderen Status als DDR-Bürger oder Leute mit Aufenthaltsgenehmigung. Ich musste viel bezahlen, für meine Wohnung habe über 1200 Mark monatlich bezahlt, auch für die Ärzte usw.

Haben Sie vom Leben in der DDR etwas mitbekommen? Hatten Sie Freunde?
Ja, ich hatte viele interessante Intellektuelle getroffen. Meine Probleme hatte ich mit dem Irak, mit der arabischen Welt. Die DDR interessierte mich weniger und die Leute interessierten sich auch nicht so sehr für mich. Bis heute habe ich Freunde von damals, auch aus der Leipziger Zeit, das waren sehr freundliche Leute.

Der Roman ist eine fortgesetzte Todesgeschichte, geschrieben in einer Zeit, in der auch das DDR-Regime zusammengebrochen ist. Haben sie auch gemerkt, dass hier eine Auflösung stattfand?
Ja, natürlich. Ich war auch damals der Überzeugung, dass die Diktaturen nicht ewig bleiben können. Wenn die Leute die Regieerung nicht akzeptieren, nicht wählen können, das geht nicht auf Dauer. Das Problem der DDR war nach meiner Meinung: die Politiker, die regierten, waren ideologisch alt, sie verstanden ihre Zeit nicht mehr, sie urteilten nach alten Klischees. Wenn ich die Zeitung las, war das eine Sprache, die keinen Geist hatte. Das konnte nicht revolutionär sein, keine Entwicklung schaffen. Für mich war das eine Etappe in der Geschichte, die zuende gehen musste. Es gibt nur einen Weg, den demokratischen. Damit kannst du auch sozialistisch sein oder irgendetwas anderes.

Systeme, in denen sich immer dieselben alten Männer immer wieder wählen lassen – die gehen nicht mehr: immer dieselben Politiker, immer dieselben Funktionäre.
Das ist wirklich unakzeptabel, ja, unverständlich. Z. B. in Syrien ist der Sekretär der Partei Khaled Baghdache für 60 Jahre in dieser Funbktion geblieben. Und als er starb, kam seine Frau. Und nach seiner Frau sein Sohn! Und das nannte sich eine revolutionäre Partei! So war es auch in der DDR und in der Sowjetunion, überall diese alten Leute ! Auch in der Revolution muss man schöpferisch sein. Überall ist es so: wenn du nicht schöpferisch bist, wenn nicht fähig bist, dich zu ändern, die Zukunft richtig zu sehen und mit einer neuen Sprache zu reden – Sprache ist sehr wichtig für mich – dann bewegst du nichts mehr. Damals wurde aber immer nur das Gleiche wiederholt, jeden Tag. Das hatte für mich keine Bedeutung, niemals.

Die Leute fühlten sich als Kinder behandelt, von dummen, alten Leuten. Auch die islamische Welt hat diese Form von Dynastie nicht überwunden.
Nehmen wir die Kurden im Irak. Die haben auch Scheichs, alte Stammesführer. Wenn die sterben, kommen die Söhne. Auch jetzt sind da Clanchefs an der Macht, samt ihrer Verwandten. Sie machen dasselbe wie Saddam Hussein oder auch die Assad-Familie.

Sie haben im Roman auch von einem Barzani gesprochen. Das war wohl der Vater des heutigen Kurdenpräsidenten Massud Barsani?
Ja, im Roman kommt sein Vater, Mustafa Barsani vor. Wenn jemand an die Macht kommt, will er sie nicht verlassen. Das ist das Problem in diesen Ländern. Und die Kommunisten versuchten das auch zu praktizieren. Das ist im Irak immer noch so. Der Sekretär der Kommunistischen Partei dort ist das seit 25 Jahren. Angeblich gibt es keinen anderen, der dieselben Fähigkeiten hat.

Wollen Sie noch etwas über das Buch sagen?
Das Buch reflektiert eine bestimmte Realität im ganzen Orient. Es reflektiert, wie sich dort – in der Realität – Realität mit Fiktion mischt. Die Grenzen zwischen Realität und Illusion existieren nicht. Viele dieser Figuren haben Illusionen, die für sie zum Teil der Realität werden. Das Leben ist eine Mischung von Fiktion, Religion, Geschichte. Wenn da jemand von außen kommt und versucht, etwas zu verstehen, ist das schwierig. Er sieht nur, was er sieht. Aber tiefer zu gehen, dafür braucht man eine bestimmtes Wissen, die Geschichte, die Literatur, die Kultur, die Tradition, Sitten. Ich habe versucht, diese Mentalität zu zeigen, wie der Tod mit dem Leben, wie Liebe mit Hass, wie das Heilige mit dem Weltlichen verbunden wird. Sehr wichtig ist auch der Humor in diesem Buch. Humor macht jeden Menschen menschlich. Wie Leute fühlen, drückt sich im Humor aus. Das macht für mich überhaupt die Moderne aus. Mit der Moderne kommt Humor in die Literatur. Eine Literatur ohne Humor hat keinen Geist.

Realität und Fiktion mischen sich für Hamid Nylon und Burhan Abdallah. Aber Musa Chidr ist eigentlich durch und durch Realist. Traditionell, religiös, aber realistisch. Er ist auch der Einzige, dem etwas gelingt – er kann verhindern, dass die Straße, die durch den Friedhof führen soll, anders gebaut wird.
Ja, das stimmt schon. Aber er ist doch auch der Freund vom Tod!


Auch darin zeigt sich, dass er kein Illusionist ist. Es ist ja eine Illusion, wenn man denkt, den Tod wegschieben zu können. Das finde ich sympathisch
Ich bleibe dabei: jeder in diesem Orient hat eigene Illusionen. Ohne Illusionen kann man dort nicht weiterleben. Ich meine nicht nur die großen Illusionen, die Ideologien. Es gibt auch viele kleine Illusionen. Aber wichtig in meinem Buch ist auch die Figur des Dichters, des Dada Hidschri. Wenn die Delegation zum König nach Baghdad fährt, sitzt der Dichter zwischen dem Tod, Derwisch Bahloul, und Delli Ihsan, dem Verrückten.

Dass der überhaupt mit darf, muss erklärt werden. Der Verrückte ist eine wichtige Figur in der arabischen Kultur. Er genießt Schutz und stellt für die Gemeinschaft, die ihn schützt, auch eine Art Schutz dar.
Ja. Und dass der Dichter zwischen Tod und Verrücktem sitzt, ist ein Symbol für die Position der Dichtung.

Wie erklären Sie sich, dass bisher so wenig von Ihnen auf deutsch erschienen ist?
Ich weiß es nicht. Ich habe selber nichts dazu getan. Die Verlage müssen von selber kommen.

Fadhil Al-Azzawi wurde 1940 im irakischen Kirkuk geboren. Er studierte in Bagdad englische Literatur, arbeitete dann beim Feuilleton mehrerer Zeitungen. 1969 gründete er die Zeitschrift Shi´r 69, die zur wichtigsten Zeitschrift der Avantgardelyrik im Irak wurde. 1977 ging er nach Leipzig, wo er im Fach Journalistik promovierte. Weil 1980 zu den Mitbegründern des in Beirut begründeten Verbands demokratischer irakischer Schriftsteller gehörte, wurde sein irakischer Pass eingezogen. Von da an arbeitete er mit jemenitischem Pass als Auslandskorrespondent arabischer Zeitungen. Al-Azzawi veröffentlichte mehr als 30 Bände, vor allem Lyrik, aber auch Romane, Essays und Memoiren. Außerdem übersetzte aus dem Englischen und aus dem Deutschen ins Arabische, u.a. Werke von Musil, Enzensberger, Morgenstern. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt. Auf deutsch erschien jetzt der zwischen 1987 und 1990 geschriebene lyrische Roman Der Letzte der Engel spielt im heute zwischen Peschmergas und IS umkämpfter Kirkuk der fünfziger Jahre. Fadhil Al-Azzawi lebt in Berlin

06:00 18.12.2014

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