Die 1-2-1-Formel

Sportnation China 400.000 Schüler an 3.000 Spezialschulen bilden ein Reservoir für künftige Top-Athleten

Liebevoll fährt Zhao Aizhi ihrem 13-jährigen Sohn durch das Haar. "Geht das denn? Ohne Abendessen zum Basketball?", fragt sie. Der schlaksige Zhao Chuanqi im roten Michael-Jordan-Trikot nickt und stürmt mit zwei Bällen unter dem Arm aus der engen Wohnung. Seufzend schaut ihm seine Mutter nach. Sie sei froh, dass er am Sport immer noch Freude habe, meint Zhao. Vor drei Jahren sagte ihm sein Gymnastiktrainer plötzlich, dass es nun doch nichts werde mit dem Shichahai-Sportinternat in Peking, der Wiege der chinesischen Olympiasieger.

Später erfuhr die Familie: der Übungsleiter hatte es sich mit dem Direktor der Eliteschule verdorben. Es ging um den Anspruch, leistungsstarke Kinder entdeckt zu haben und damit an Preisen beteiligt zu werden. Für die Zhaos brach eine Welt zusammen. Seit seiner Entdeckung im Alter von vier Jahren hatte Chuanqi alles nur Mögliche gewonnen. Für das tägliche Nachmittagstraining nahm ihn die Mutter gegen den Willen ihres Mannes von der Schule. Um ihren Sohn zum Training zu bringen, abzuholen und zu bekochen, schloss Zhao ihre private Frisierstube. Sie vertraute dem Trainer, der dem Jungen eine große Zukunft versprach. Durch seinen Ruhm und die damit einhergehenden Vergünstigungen sollte sich die Familie endlich etwas leisten können. Nun müht sich Chuanqi wieder um Anschluss im normalen Schulunterricht, nachdem er nicht länger im Getriebe des chinesischen Spitzensports unterwegs sein darf.

Kollektive Stählung des Körpers

Rund 400.000 Schüler in den etwa 3.000 Sportschulen der Volksrepublik bilden einen Pool für kommende Top-Athleten. Hinter ihnen stehen die Trainer, deren Einkommen und Prestige eng mit der Karriere ihrer Zöglinge verknüpft sind. Die Kraft des Körpers ist die Kraft der Nation steht über der Pforte der Shichahai-Sportschule.

"Wer hierher kommt, muss Härten ertragen können", gibt Direktor Liu Hongbin offen zu. Je nach Sportart heißt das Morgentraining nach dem Frühstück, noch einmal drei bis vier Stunden jeden Nachmittag. Vormittags pauken die Schüler Chinesisch, Englisch oder Mathematik. Die Konkurrenz ist hart - im Schnitt schaffen es zwölf Prozent der Shichahai-Absolventen, sich als Profi-Sportler mit festem Einkommen in Provinzmannschaften oder gar dem Nationalteam zu etablieren.

China selbst hat einen langen Weg zur Sportnation hinter sich. Xie Qionghuan, Vize-Chef des Pekinger Olympischen Organisationskomitees, hat die Tiefen und Höhen selbst miterlebt. "Ende der siebziger Jahre mussten wir den Sport erst einmal wieder von der Klassenkampfidee befreien", erinnert sich der 68-Jährige Literaturwissenschaftler. Während der Kulturrevolution (1966-1976) diente Mao Zedong das Ideal von der kollektiven Stählung des Körpers dazu, Farbe in das Bild vom "neuen Menschen" zu bringen. Wer zum Klassenfeind erklärt wurde, sah sich gleichfalls mit dem Verdikt der Leibesertüchtigung bedacht.

Erst mit der Reform- und Öffnungspolitik Deng Xiaopings ab 1978 setzte China den bereits in den fünfziger Jahren begonnenen Aufbau eines Hochleistungssportsystems fort. "Allerdings kritisieren immer mehr Wissenschaftler die einseitige Konzentration auf den Leistungssport", sagt Xie. "Sie sind der Auffassung, Sport sollte vielmehr ein Gut für die gesamte Bevölkerung werden." 1995 verabschiedete die Regierung das auf 20 Jahre angelegte Nationale Fitnessprogramm mit der griffigen "1-2-1-Formel". Das heißt, jeder soll einmal täglich Sport treiben, zwei Trainingsmethoden beherrschen und sich einmal jährlich medizinisch untersuchen lassen.

Sperre gegen Spitzensportler

Neben den als Kungfu- und Joggingterrain beliebten Parks hat die chinesische Regierung in Peking für jedes Wohnquartier mindestens eine Außenanlage mit Fitnessgeräten bauen lassen. In allen Schulen und Universitäten ist Sportunterricht nach wie vor Pflicht. Gegen ein geringes Entgelt können Hobbysportler Sportplätze und Hallen stundenweise mieten. Das Vereinswesen wie in Europa freilich kennt man in China nicht. Am chinesischen Spitzensportsystem gebe es noch einiges zu verbessern, meint Professor Xie. Dass dazu auch das Thema Doping gehört, bestreitet er nicht. Jedoch habe China seine Bemühungen intensiviert. Die Mitte November 2007 gegründete Nationale Dopingagentur arbeite eng mit der amerikanischen Drug Enforcement Administration zusammen, die in Peking eine eigene Filiale eröffnet habe. In der Tat verhängten die chinesischen Behörden im Juni gegen den Spitzenschwimmer Ouyang Kunpeng und den Ringer Luo Meng nach positiven Tests eine lebenslängliche Startsperre, gegen den Geher Song Huanjuan ein vierjähriges Wettkampfverbot. Es bleibe da noch manches zu tun, meint Professor Xie.

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