Die Abstauber

International Mesut Özil wird in Deutschland rassistisch angegangen. Daraus wollen auch identitäre Kräfte in der Türkei ihr Süppchen kochen
Die Abstauber
Im türkischen Devrek haben sie schon eine Mesut-Özil-Straße

Foto: Gokhan Yilmaz/Anadolu Agency/Getty Images

Mesut Özil hat mit seiner Erklärung am Sonntag und seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft eine Debatte losgetreten, die für uns in Deutschland sehr heilsam sein kann – wenn wir diese Debatte denn auch richtig führen. Zwar hat es sich Özil sehr einfach gemacht und sich mit seiner Erklärung aus der Debatte zugleich auch schon wieder verabschiedet –das mögen manche für menschlich nachvollziehbar halten –, aber ich denke, dass er damit seiner Vorbildrolle nicht gerecht wird. Viele fremdstämmige Deutsche haben den Luxus ja nicht, sich als etablierte internationale Marke und Multimillionär zurückzuziehen.

So wichtig diese Debatte über Rassismus und die Ausgrenzung von türkeistämmigen Deutschen, Muslimen und anderen Gruppen ist, so wichtig ist es auch, darauf zu schauen, welche Akteure aus diesem Pauckenschlag von Özil Profit schlagen wollen. Ansonsten ist das Risiko groß, dass die Debatte in eine falsche Richtung läuft, und erst spät, vielleicht auch zu spät, wird man diesen Fehler erkennen.

Wir haben es nämlich mit zwei auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Lagern zu tun, aber beim näheren Hingucken sieht man sehr große Parallelen zwischen diesen extremen Polen. Auf der einen Seite: die deutschen Identitären. Auf der anderen Seite: ihre Brüder im Geiste, die, wie ich sie nennen möchte, türkischen Identitären, die beide mit Özils Erklärung kollektiv ihr Süppchen kochen. AfD und Konsorten, aber auch mediale Akteure wie die BILD-Zeitung, die sich von Anfang an auf die Person Özil eingeschossen und eine Kampagne gegen ihn geführt haben, fühlen sich jetzt erst recht ermutigt, weiterzumachen.

Aber es gibt auch türkische Identitäre hier in Deutschland, und auch wenn sie nicht so im Fokus stehen wie die deutschen, so haben auch sie ihre Agenda. Sie wollen aus Mesut Özil einen Muhammad Ali machen wollen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Personen ist freilich, dass der eine sich der Debatte gestellt und gekämpft hat. Özil hat den einfacheren Weg gewählt und überlässt die Debatte anderen, und damit auch jenen, die das Ding in eine für ihre Ideologie genehme Richtung lenken.

Es wäre indes fatal, den Kampf gegen den Rassismus und die Ausgrenzung von Türkeistämmigen, Muslimen und anderen Menschen, die nicht in das Bild des Deutschen von ewiggestrigen Identitären passen, irgendwelchen Apparatschicks aus Ankara und ihren Erfüllungsgehilfen hier in Deutschland zu überlassen. Der türkische Justizminister twitterte bereits am Sonntag, dass Özils Stellungnahme das „schönste Tor gegen den Faschismusvirus“ sei. Interessant, dass ein Justizminister, der sich einen Teufel darum schärt, dass der Rechtsstaat in der Türkei nicht mehr existiert, hier nun einen Faschismus diagnostiziert.

Aber auch der aus Deutschland stammende AKP-Abgeordneter Mustafa Yeneroğlu ist seit Sonntag in Höchstform, weil er in der Erklärung von Özil die Chance seines Lebens sieht, seine krude Vorstellung von einer „Diaspora-Politik“ zu realisieren, in dem er, ohne mit der Wimper zu zucken, auf dem Rücken der hier lebenden Türkeistämmigen seine politische Agenda fährt. Man könnte fast denken, dass die Erklärung in Ankara entstanden ist, statt in irgendeiner PR-Agentur, wenn man diesen Enthusiasmus verfolgt. Es passt perfekt in den aktuellen AKP-Sprech. Yeneroğlu redet davon, dass es Teil der türkischen Erziehung sei, Respekt vor jedem Staatsoberhaupt zu haben, unabhängig von welchem Staat er sei. Ja, klingt schön und romantisch.

Wo ist dieser Respekt, wenn sein Chef seit zwei Jahren das Land, in dem Yeneroğlu selber aufgewachsen ist, immer und immer wieder als Nazi-Deutschland bezeichnet und daraufhin fast jede staatlich gelenkte Zeitung in der Türkei Merkel mit Hitler-Uniform und Hakenkreuzen abgebildet hat? Mit der identitären und nationalistischen Politik, die die AKP fährt, will man unter dem Label einer „Diasporapolitik“ nur eines erreichen: Jederzeit, wenn es einem politisch in den Kram passt, über die türkeistämmigen Deutschen verfügen, sie durch emotionale Appelle aufwiegeln und als Druckmittel nutzen. Darüber freuen sich zwei Parteien: ihre Identitären Brüder im Geiste, die AfD und Konsorten, und skrupellose Machtpolitiker in Ankara.

Die türkischen Identitären, die Özil zum Helden erklärt haben, sind genau jene, die ihm mit Misstrauen begegnet sind und ihn beleidigten, als er sich vor Jahren für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hat. Ihnen geht es in keiner Weise um Rassismus, ihnen geht es um die Aufrechterhaltung des Fremdseins der Türkeistämmigen in Deutschland, und damit um eine Kontrollierbarkeit dieser Menschen. So klar man Stellung beziehen muss gegen Akteure in Deutschland, die mit ihrer rassistischen Haltung nicht akzeptieren wollen, dass wir Muslime und türkeistämmige Deutsche ein Teil dieses Landes sind, so sehr wir als Gesellschaft, Politik und Medien uns für dieses wichtige Thema sensibilisieren und eine klare Haltung dazu haben müssen, müssen wir auch genau hinschauen, dass Identitäre aus dem türkischen Lager nicht ihr Ziel erreichen.

Deutsch nur, wenn’s läuft

Wir müssen als Gesellschaft das Gefühl ernst nehmen, welches vor allem bei jungen Deutsch-Türken dominiert, nämlich das Gefühl, dass sie nie wirklich als Deutsche gesehen werden, sondern immer, wenn etwas schief läuft, zum Fremden gemacht werden. Özil hat sich der Verantwortung entzogen, aber zumindest hat er auf dieses Gefühl dieser jungen Menschen hingewiesen. Wenn die türkeistämmigen Menschen diesen Punkt betonen und eine Sensiblität dafür in der Gesellschaft fordern, müssen eben diese türkeistämmigen Menschen bitte schön auch aufrichtig genug sein, den identitären Landsleuten ihre Grenzen klarzumachen und hier ebenfalls klar Haltung zu zeigen. Erst so können wir alle in Deutschland am Ende aus der Causa Özil etwas Positives erreichen. Aber wenn wir alle nur die Aspekte dieser Debatte rauspicken, die uns schmecken, und andere Aspekte ignorieren, die eine selbstkritische Auseinandersetzung erfordern, werden wir am Ende nur uns selber betrügen.

Eren Güvercin studierte Jura in Bonn, er ist Autor des Buches Neo-Moslems. Porträt einer deutschen Generation

06:00 26.07.2018

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