Die Achse des Guten

Börne-Preis 2007 für Henryk M. Broder Provokation als Aufklärung?

Seit 1993 wird der Ludwig-Börne-Preis alljährlich für herausragende Leistungen aus den Bereichen Essay, Kritik und Reportage vergeben. So gesehen ist der Publizist Henryk M. Broder, dem die Auszeichnung an diesem Wochenende verliehen wird, ein würdiger Preisträger. Als Essayist und Kritiker hat er Arbeiten publiziert, die man mit Fug und Recht als hervorragend bezeichnen kann.

Den Preis gönne ich Broder aus vollem Herzen, wie ich Wolf Biermann das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin gönne. Der Ludwig-Börne-Preis wird von jeweils einem einzigen Juror vergeben, und das war in diesem Jahr der Herausgeber und Chefredakteur des Magazins Focus, Helmut Markwort, dem man gewiss nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als ausgewiesenen Verfechter eines militanten Konservatismus charakterisiert. Biermanns Auszeichnungen wurden von Personen befürwortet, die man ohne Zögern der rechten Hälfte des politischen Spektrums zurechnen darf.

Es muss also erlaubt sein, sich darüber Gedanken zu machen, in welchem Kontext diese Ehrungen stehen, wem sie dienen und welche Funktion sie haben. Darüber hinaus mag man sich fragen, was die Auslober des Ludwig-Börne-Preises, den in früheren Jahren immerhin auch eine dezidiert linke Publizistin wie Daniela Dahn erhalten hat, sich dabei dachten, als sie Markwort zum Juror bestellten. Die Einsetzung eines Jurors, der in alleiniger Verantwortung über einen Preisträger entscheidet, bedeutet stets eine weit gehende Vorwegnahme des Ergebnisses. Es ist eine Erwähnung wert, dass zum mehrheitlich konservativen Stiftungsvorstand des Preises auch Markworts Arbeitgeber Hubert Burda gehört - eine pikante Konstellation.

Kotau vor den USA

Als ich Henryk M. Broder vor knapp 40 Jahren kennen lernte, trat er als wohltuend frecher, gescheiter Provokateur auf, der formidabel in die Landschaft der 68er-Rebellion passte. Er liebte es, Tabus zu brechen, vor allem die herrschenden Tabus der restaurativen Gesellschaft, in der sich alte Nazis ungeniert breit machten und Spießer das Sagen hatten. Schwer vorzustellen, dass Helmut Markwort mit seiner Wahl jenen Broder ehren will, der damals eine mutige Kampagne gegen einen Kölner Nazirichter führte, der sich beharrlich für die Kurden einsetzte, als in Deutschland kaum jemand wusste, was das für ein Volk ist, der aber auch den Wiener Aktionismus kritisch analysierte. Broder gehörte zu den Veranstaltern der Essener Songtage, bei denen 1968 jene Liedermacher auftraten, die eine andere Republik herbeisehnten. An der antikapitalistischen Überzeugung derer, die da mitmischten, konnte es keinen Zweifel geben. Helmut Markwort gehörte nicht dazu.

Inzwischen aber hat sich in Broders Kopf ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Es existiert ein weit über Broder hinausgehendes Phänomen, das der genaueren Untersuchung bedürfte. In den Jahren des Nationalsozialismus, aber auch schon davor, gab es unter jüdischen Intellektuellen eine Tendenz, mit der Linken zu sympathisieren, ja in kommunistische Parteien und andere Organisationen der Arbeiterbewegung einzutreten, weil diese die konsequentesten Gegner der Nazis waren und somit auch des Antisemitismus unverdächtig zu sein schienen. Als dann der lange verdrängte Antisemitismus in der Sowjetunion und - im Zusammenhang mit dem Rajk- oder dem Slánsky-Prozess - in deren Satellitenstaaten erkennbar wurde, als sich zudem im Kalten Krieg die ursprünglich positive Haltung der UdSSR gegenüber Israel zu einer antizionistischen Position umzukehren begann, gerieten viele von diesen Juden in einen Loyalitätskonflikt.

Solch einem Konflikt ist Broder offenbar erlegen, als er in seiner deutschen Umgebung den "linken Antisemitismus" zu entdecken meinte. Nun wäre es borniert, wollte man leugnen, dass es auch unter Linken antisemitische Ansichten und Äußerungen gibt. Aber für Broder wurden sie - ungeachtet des ungebrochenen Einflusses alter und neuer Nazis - zum zentralen Objekt seiner Angriffe. Als er dann bald zur Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus gelangte, war es nur noch ein kurzer Weg zum Vorwurf des "jüdischen Antisemitismus" gegenüber Juden, die seine Einschätzung der Politik Israels nicht teilten.

Das mag unter der Prämisse des erwähnten Loyalitätskonflikts noch verständlich sein. Warum sollten Juden nicht den nationalistischen Unsinn der Überidentifikation mit den idealisierten "eigenen Leuten" reproduzieren, der seit dem 19. Jahrhundert anderswo um sich gegriffen und auch den Nährboden für Antisemitismus und Chauvinismus abgegeben hat? Gerade Broder hat stets die Zumutung abgelehnt, dass man aus eigenem Leid gelernt haben - durch das Opfer von Millionen Toten menschlicher geworden sein soll.

Werbung für Tschibo?

Aber warum muss die Ablehnung des Antizionismus einhergehen mit einer bedingungslosen Apologie des Kapitalismus, den Broder in seiner Jugend durchschaut hatte? Warum muss sie einhergehen mit der Befürwortung sozialer Kälte, dem Kotau vor den USA und der Hetze gegenüber dem Islam? Gewiss wurden diese Begleitmelodien nicht in Hinblick auf den Luwig-Börne-Preis intoniert. Aber sie dürften ganz wesentlich dazu beigetragen haben, die Zuneigung von Helmut Markwort zu erobern. Die Zuneigung des Focus-Chefs für einen Mitarbeiter des konkurrierenden Spiegel immerhin.

Henryk M. Broder ist der Kopf des publizistischen Netzwerks Die Achse des Guten. Das Credo dieser Online-Gemeinschaft formuliert deren Mitglied Hannes Stein so: "Diese Leute denken, dass der Kapitalismus eher eine gute Sache ist. Sie finden, dass liberale Demokratie und Marktwirtschaft zusammengehören wie Yin und Yang. Sie halten Karl Popper in Ehren und haben Friedrich von Hayeks Klassiker Der Weg zur Knechtschaft verschlungen, in dem begründet wird, warum jede Variante des Sozialismus, und sei sie noch so gut gemeint, ins gesellschaftspolitische Desaster führen muss. Die Vorstellung, dass Kündigungsschutz sozial, gut und edel sei, löst bei diesen Leuten Lachkrämpfe aus. Sie weigern sich hartnäckig, ihren Müll zu trennen. Unter den bunten Pace-Fahnen der Friedensbewegung hält man vergeblich nach ihnen Ausschau. Noch verrückter: Diese Außenseiter äußern offen ihre Sympathie für Amerika. George W. Bush gilt ihnen nicht als Kreuzung von Schimpanse und Adolf Hitler. Sie waren für den Krieg gegen Saddam Hussein; dabei interessierte sie wenig, ob es im Irak wirklich Massenvernichtungswaffen gab. Es ging ihnen eher um die Beseitigung einer besonders widerlichen Diktatur, in der Hoffnung, dass dadurch die Tore zu einer Demokratisierung des gesamten Nahen Ostens aufgestoßen werden könnten.

Nicht Armut, sondern Tyrannei halten solche Ketzer für die Wurzel des islamischen Terrors. Heute fordern sie die Befreiung des Iran von den Mullahs - möglichst noch, bevor dieses Land die Atombombe fertig gebaut hat. Sie demonstrieren im Geiste mit den Taiwanesen für die Unabhängigkeit von Festland-China. Ach ja, und um das Fass voll zu machen, ist diese Randgruppe auch noch ausgesprochen israelfreundlich. Sie registriert sehr genau, wenn einer der festangestellten Moscheeprediger der palästinensischen Autonomiebehörde wieder einmal zur Beseitigung des ›zionistischen Gebildes‹, zum Völkermord an den israelischen Juden aufruft. Mit einem Wort, der liberale Underground hierzulande steht den Neokonservativen in Washington ziemlich nahe. Paul Wolfowitz ist einer ihrer Helden. Mit der klugen Condoleezza Rice würden sie alle gern mal essen gehen."

Wir tun also niemandem Unrecht, wenn wir sagen: Der Ludwig-Börne-Preis 2007 geht an einen Essayisten, der gegen die eben zitierte Selbstdefinition keine Einwände vorzubringen hatte. Dass derlei einem Helmut Markwort gefällt, überrascht nicht. Und der Provokationswert? Er ist gering. Dieses Bekenntnis passt exakt in die Landschaft des aktuellen Kulturkampfes. Und seine Anhänger, die sich gern als verfolgte Minderheit darstellen, besetzen wichtige Positionen im Spiegel, in der Welt, der Welt am Sonntag, in der ZEIT. Focus lacht sich ins Fäustchen. So nah war man sich noch nie.

DIE ZEIT? Was hat dieses berühmt liberale Blatt mit dem zitierten Statement zu tun? Nun, deren Herausgeber Josef Joffe hat zusammen mit drei Mitgliedern der guten Achsenmacht ein Buch veröffentlicht. Sein Titel: Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist. Darin fällt Broder unter anderem etwas zum Stichwort "soziale Kälte" ein. Wo sie droht, belehrt uns der Börne-Preisträger in spe, gibt es "in den Freudenhäusern an der Reeperbahn (...) heißen Kaffee als Zugabe". Das mag ja politisch unkorrekt sein. Ist es auch witzig? Was ist es eigentlich? Eine Verhöhnung derer, die ihren Arbeitsplatz verloren haben? Eine Werbung für Tschibo? Oder gar eine Distanzierung von Freudenhäusern, deren Existenz Broder einst gegen die Prüderie feministischer Eiferer verteidigt hat? Geblieben ist die Attitüde der Provokation. Heute richtet sie sich gegen jene, denen es dreckiger geht als dem Spiegel-Reporter.

Gleich an Wolfowitz

Nun könnte es sein, dass Helmut Markwort, da Ludwig Börne nicht nur Demokrat, sondern auch Jude war, den nach ihm benannten Preis an einen Juden vergeben wollte. Dieser Gesichtspunkt hat zwar in den vorausgegangenen Jahren eine untergeordnete Rolle gespielt - aber sei´s drum. Dass Broder sein Judentum zu einem Markenzeichen gemacht hat, steht außer Zweifel. In der Öffentlichkeit gilt er als einer, der den Deutschen unangenehme Wahrheiten über ihr Verhältnis zu den Juden ins Gesicht sagt. Aber auch in diesem Kontext vertritt Broder seit langem eine ganz bestimmte Position, die Konservativen gut in den Kram passt.

Auf die Bestsellerlisten gelangte er zuletzt mit seinem Buch Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken. Der Titel zeugt einmal mehr von Broders Sinn für Effekte, der Zeitpunkt der Veröffentlichung beweist, dass der Radikaloppositionelle von einst heute im Mainstream angekommen ist. Das Buch traf exakt auf den Höhepunkt der Islamophobie, die als Rechtfertigung für den Irak-Krieg systematisch angeheizt worden war.

Als Leitmotiv zieht sich der Begriff des "Appeasement" durch die Streitschrift. Damit wird eine historische Parallele konstruiert. Appeasement bezeichnet bekanntlich die Politik der Westmächte gegenüber Hitler, die 1938 zum Münchner Abkommen führte. Die Verwendung dieses Begriffs suggeriert eine Vergleichbarkeit der Islamisten mit den Nationalsozialisten und ihrer Aktionen wie der Annexion Österreichs und des Überfalls auf die Tschechoslowakei. Eine gewagte These, noch dazu von jemandem, der in anderem Zusammenhang jeden Vergleich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten der unzulässigen Verharmlosung derselben bezichtigt.

Was an Broders Argumenten irritiert, ist nicht ihr Tabubruch, sondern ihre Apodiktik. Manchmal versteckt sie sich hinter Spott und Ironie. Die moslemischen Männer - so erfahren wir von ihm - freuen sich (allesamt?) auf 72 Jungfrauen im Jenseits und wissen nicht, dass Pamela Anderson ein Fantasieprodukt ist, "weil sie nie gelernt haben, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden". Nicht jedes angebliche Vorurteil ist eines. Dies aber ist - schon in seiner Syntax - unverkennbar ein Klischee, das den Klischees des Antisemitismus zum Verwechseln ähnelt. Zumindest dafür dürfte man Broder größere Sensibilität abverlangen.

Ausgerechnet einer, der nicht müde wurde, seiner christlichen Umwelt, zu Recht und manchmal auch zu Unrecht, Antisemitismus vorzuwerfen, beschwört den gemeinsamen islamischen Feind. Vergessen, dass Jahrhunderte der Verfolgung, dass die Pogrome in Russland und die Gaskammern in Auschwitz auf das Konto von Christen gingen, dass es islamische Länder waren, die den Juden eine Heimat boten, als sie 1492 vor der Inquisition und der Zwangschristianisierung fliehen mussten. Es hat etwas Tragisches, wenn Juden glauben, die ständig drohende Gefahr von ihren Häuptern abwenden zu können, indem sie sich an Christen anbiedern durch den Hinweis auf einen gemeinsamen Gegner, der als Projektionsfläche dient für alle Verbrechen, die Christen seit dem Mittelalter begangen haben.

Wenn das Broders Altersweisheit ist, was da zum Vorschein kommt, lobe ich mir erneut seinen jugendlichen Übereifer von einst. Das christlich-jüdische Versöhnungspathos, das immer schon auf Kosten der Agnostiker zelebriert wurde, richtet sich jetzt gegen den Islam. Das Vorbild des Antisemitismus ist dabei unschwer zu orten.

Nehmen wir Henryk M. Broder zu wichtig? Ich glaube nicht. In ihm verkörpert sich wie in keinem zweiten deutschen Publizisten unserer Tage ein eng verflochtenes Bündel von Haltungen: die Diffamierung der 68er, die Denunziation der Kritik an der Politik der USA und Israels, die Verteufelung all dessen, was diesen gegenüberzustehen scheint, besonders des Islam. Broder repräsentiert den Kulturkampf der Rechten gegen die Aufklärung. Ludwig Börne muss dafür seinen guten Namen geben.

Erinnern wir uns: Vor kurzem erst musste Peter Handke unter dem Druck der allgemeinen Empörung über seine Bemerkungen zu Milosevic auf den Heinrich-Heine-Preis verzichten. Dass Broder auf den nach Heines Zeitgenossen und Kontrahenten benannten Preis verzichtet, wird von niemandem erwartet. Broder hat sich - wen wundert´s - auch zu Handke geäußert. Auf seiner Homepage ätzte er gegen die Verleiher eines alternativen Heine-Preises: "Und was den Berliner Heine-Preis angeht: Den könnte man statt an Handke doch gleich an Milosevic verleihen, für seine großen Verdienste um die Menschenrechte und die Freiheit der Kunst." Wir greifen die Anregung gern auf und variieren sie nur geringfügig: "Und was den Ludwig-Börne-Preis angeht: Den könnte man statt an Broder doch gleich an Paul Wolfowitz verleihen, für seine großen Verdienste um die Menschenrechte und die Bekämpfung der Vetternwirtschaft."

00:00 22.06.2007

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare