Die Affäre Nola Kellergan

Sensation Jöel Dicker ist Schweizer, 28 Jahre, Jurist und plötzlich Starautor
Axel Sommer | Ausgabe 47/2013

Es ist ein preisgekrönter Roman, der mittlerweile in über 30 Sprachen verkauft wurde: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Ein Roman über das Romane-Schreiben, über die Liebe und das Verschwinden eines Mädchens namens Nola Kellergan im Jahr 1975.

Ein erwachsener Mann liebt eine 15-Jährige, und sie liebt ihn. Beklemmend, wie bei Nabokovs Lolita? Nein. Der 28-Jährige Jöel Dicker, Sohn einer Buchhändlerin und eines Französischlehrers, hat eine andere Geschichte geschrieben. Die mit dem Tod des Mädchens endet. Und allen Verdacht auf ihren Liebhaber fallen lässt. Dabei zieht der Schweizer Autor den Leser raffiniert in seine Geschichte hinein, beherrscht die Kunst des Teasings, springt in Collagen zwischen den Zeiten hin und her und macht sehr neugierig auf das, was damals in einer amerikanischen Provinzstadt mit der 15-Jährigen geschah – und was ihrem Geliebten, dem überaus erfolgreich gewordenen Schriftsteller Harry Quebert, nun blüht.

Quebert ist ein Guru, ein Held der Literaturszene im authentisch geschilderten „schreckenstarren Amerika“. Das ganze Land hat Teil an seiner Verhaftung. Quebert wird vor laufenden TV-Kameras eingebuchtet. Ist er schuldig, so wartet auf ihn die Todesstrafe. Doch der ehemalige Student Goldman glaubt den Unschuldsbeteuerungen seines Mentors und macht sich daran, auf eigene Faust zu ermitteln. Goldman ist unser Ich-Erzähler, und wir erleben also den ganzen vertrackten Fall aus dessen Perspektive. Er redet mit Quebert im Knast, findet alte Briefe von Nola, er fährt in das Provinznest Aurora und spricht dort mit allen, die Nola und Harry kannten.

Einer Stadt den Kopf verdreht

Anfangs vernichtet Goldman sogar Beweismittel, um Quebert zu entlasten, doch das bereut er später und hält sich an die Wahrheit, schließlich ist er von der Unschuld seines Lehrmeisters überzeugt. Warum hätte Quebert eine Firma in seinem Garten graben lassen, wenn er von der Leiche wusste? Goldmans Menschenkenntnis spricht für den alten Mann, er hängt sich an die Fersen des Ermittlers, um mit ihm das Verbrechen Puzzle-Teil für Puzzle-Teil zusammenzusetzen.

Der Leser bereut es nicht, diesem Duo über 700 Seiten lang zu folgen. Immer wieder treten neue pikante Details ans Licht, immer wieder wendet sich das Blatt und immer wieder tauchen neue Figuren auf, die in den Tod des rätselhaften 15-jährigen Mädchens verwickelt sind, das offenbar einem ganzen Städtchen den Kopf verdreht hatte. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist aber nicht nur ein gut erzählter Kriminalroman, er ist auch ein Buch über das Schreiben. Denn sowohl Quebert als auch sein Schüler Goldman sind gefeierte Schriftsteller. Und so leiten uns wie ein roter Faden die Tipps, die der Meister Quebert seinem Studenten Goldman übers Schreiben gab, durch den Aufbau der Handlung, und der über allem thronende Autor Jöel Dicker spielt augenzwindernd mit offenen Karten: „Ja, ich beherrsche die Kunst des Schreibens und beherzige ihre wichtigsten Regeln“, will er uns zurufen.

Und das darf er auch. Dicker kann Spannung aufbauen, mit Ausblicken in die Zukunft und retardierenden Momenten arbeiten, die Geschichte mit neuen „Enthüllungen“ vorantreiben. Er schreibt schlicht und ohne Schnörkel. Ein bisschen Humor, ein bisschen Philosophie und viel Kriminalarbeit. Dabei gleitet der Autor nie ins wirklich Verstörende ab. Die verbotene Liebe zwischen dem Mädchen Nola und dem 34jährigen Quebert wird nie so „widerlich“, wie sie manche Dorfbewohner einordnen. Auch wenn Dicker immer wieder die Frage aufwirft, ob der verdächtige Quebert ein „Perverser“ war.

„Wahre Kunst ist verstörend“, lässt Jöel Dicker eine seiner Figuren sagen. Man ahnt, was er damit (spielerisch) sagen will. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert verstört uns nicht, das Buch ist exzellent gemachte Spannungsliteratur, ein Pageturner à l’américaine.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Jöel Dicker Carina von Enzenberg (Übers.), Piper 2013, 732 S., 22,99 €

Axel Sommer arbeitet als TV-Journalist und Producer. Er lebt in Köln

 

06:00 04.12.2013

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