Guido Eckert
26.04.2017 | 12:57 1

Die allgemeine Verschwörung

Thriller Verschwörungstheorien, Fake-News und Politikerverdrossenheit haben Hochkonjunktur. Hat das auch etwas mit der Plot-Technik der Kriminalliteratur zu tun?

In diesen postfaktischen Tagen (ich sitze trotzdem am Schreibtisch, um einen Plot zu entwerfen) höre ich von einer Frau aus der Nachbarschaft, die sich von Geheimdiensten verfolgt fühlt und sich daher weigert etwaige Medikamente zu nehmen. Eine Diagnose namens Schizophrenie lehnt sie vehement ab. Das ist ein altes Phänomen in der Psychiatrie, aber jetzt, am Schreibtisch, beschäftigt mich, wie dieser Wahn (ist es ein Wahn?) aus Filmen und Büchern den Boden für ihre Realität bilden. Denn in der Ausführung der Nachbarin ist alles logisch und konsequent. Sie würde für ihre Überzeugung in den Tod gehen – aber was genau macht sie so sicher? Woher bezieht sie ihre Bilder, ihre Geschichten?

Es sind Versatzstücke aus Büchern, Filmen, neuerdings den sozialen Medien (wie es heißt), dabei vornehmlich eine Melange aus Verschwörungstheorien und Geheimbünden. Sie durchlebt einen klassischen Thriller, also beschäftigt mich die Frage, inwieweit Fake-News und Politiker-Verdrossenheit nicht auch eine Folge jahrzehntelanger Plot-Technik sind? Anders gesagt: Haben wir Autoren mit unseren Romanen nicht auch eine ideale Plattform bereitet, auf denen sich heutige Verschwörungstheorien wie "Wahrheiten" anfühlen?

„Kriminalroman und Thriller spiegeln die Wirklichkeit“, antwortet mir diesbezüglich Horst Eckert (weder verwandt, noch verschwägert – bevor sich Gerüchte bilden), der mit seinem Roman „Wolfsspinne“ einen Politthriller vor dem Hintergrund von Flüchtlingszuwanderung und Pegida geschrieben hat, welcher die offizielle Version zum Thema NSU infrage stellt. „Und je komplexer, desto besser, weil wahrhaftiger“, sagt er. „Der Leser darf sich natürlich nicht in einer allzu komplizierten Geschichte verlieren, aber der Hauptfigur muss die Niederlage möglichst überall und in jedem Moment drohen. Dann wird es spannend.“

"Verschwörungsroman nicht verteufeln"

Bekanntermaßen leben wir nicht mehr im Kalten Krieg, die klaren Feindbilder haben sich aufgelöst, gleichzeitig entwickelt sich eine neue Spaltung in „Wir“ gegen „Die“. Das ist auch das Muster sogenannter populistischer Agitatoren. „Wir sollten übrigens nicht den Fehler machen“, mailt mir Horst Eckert, „und den Verschwörungsroman als etwas verteufeln, das den Rechtspopulisten in die Hände spielt. Denken wir an Filme der Siebziger wie "Die Unbestechlichen" oder "Die drei Tage des Condor". Sie haben tiefes Misstrauen gegen unkontrollierte und entfesselte Macht geschürt und ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie wichtig der Kampf für individuelle Freiheit ist. Solche Erzählungen sind auch heute möglich und nötig.“

Filme wie 'Jason Bourne', 'Mission Impossible' oder 'Staatsfeind Nr. 1' sind Kassenschlager, wie man so sagt. Letzterer zeigt einen Allerweltsträumer, der von jetzt auf gleich in die skrupellosen Machenschaften des NSA verwickelt wird, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort steht (in einem Dessousladen, by the way). Dabei nimmt der Film Bezug auf den Film 'The Conservation' von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1974. Schon damals ging es um das Thema Überwachung. Ikonen dieser Thematik sind „I wie Ikarus“, „Der Mann, der niemals lebte“, „Spy Game – der finale Countdown“, „Syrania“, selbst der gute, alte James Bond hat sich vom braven, lächelnden Scheitelträger zum ernsten, sehr sehr ernsten Durchwurschtler entwickelt.

„Literatur, ob Krimi oder nicht, war schon immer dann interessant, wenn sie uneindeutig war“, sagt Horst Eckert. „Bevor ich Mitte der Neunziger anfing zu schreiben, las ich mit Begeisterung die Romane James Ellroys mit ihren vielschichtigen und sehr zwiespältigen Protagonisten. Andererseits gibt es auch heute Autoren, die eher klare Figuren pflegen, vielleicht sind sie sogar in der Mehrzahl. Gewachsen sind die Zahl der Bücher und die Breite der Landschaft.“

Diese Breite fokussiert sich in der Wahrnehmung auf zwei große Strömungen, die sich in den vergangen fünfzehn Jahren noch verstärkt haben. Zum einen die „Regionalkrimis“ (ursprünglich nur Schweden, dann jedes deutsche Bundesland, jede deutsche Metropole), zum anderen der Politthriller, mit seinen Seitenarmen – Geheimdienst, Mafia, Waffenhandel oder Gentechnik. Der gute alte Ludenkrimi, den man vielleicht auch „Milieukrimi“ nennen könnte, also ein verstohlener Blick in die Rotlicht- oder Drogenszene nebst Kleinkriminalität, scheint hingegen eher ins Hintertreffen geraten zu sein. Vielleicht weil sich hierbei keine Rückbeziehung an das „allgemeine Bewusstsein“ ergibt?

"Überraschen kann nur das Unerwartete"

„In Deutschland neigen wir zu dem Mief, den viele Tatort-Krimis und andere TV-Krimis dieser Machart verbreiten“, erklärt mir diesbezüglich Christian von Ditfurth, der einen Thriller über „Terror und Staatsräson“ geschrieben hat. In seinem Roman „Zwei Sekunden“ geht es um einen (gescheiterten) Bombenanschlag auf die deutsche Bundeskanzlerin und den russischen Präsidenten. Die Russen behaupten, dass tschetschenische Terroristen hinter dem Anschlag stecken, aber es gibt keine Bekennerbotschaft. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Berliner Polizei tappen im Dunkeln.

Im Fernsehen dagegen, ergänzt von Ditfurth, „geschieht ein Verbrechen, und der Staat in Gestalt der Polizei richtet es dann. Die Polizisten sind wunderbare Menschen, mit Schwächen, die das nur unterstreichen. Ich finde, mehr Eindeutigkeit geht nicht. Wenn ein Bauunternehmer auftaucht, kann man davon ausgehen, dass er Dreck am Stecken hat. Migranten kann man vornherein als Täter ausschließen, sie sind Opfer von Vorurteilen. Leider sind das die Maßstäbe, die offenbar auch für Romane gelten. Ich habe vor einiger Zeit einen Querschnitt durch erfolgreiche deutsche Krimis gelesen und fand meine Eindrücke jedenfalls bestätigt. Dazu kommen Klischees: Der Kommissar ist stets so beschäftigt, das Gute zu retten, dass er seine Frau/Freundin/Kinder vernachlässigt. Oft quält er sich mit was Psychologischem herum. Es hat mich bei der Lektüre jedenfalls wenig überrascht. Aber ist es nicht eigentlich die Aufgabe von Büchern, Leser zu überraschen? Überraschen kann aber nur das Unerwartete.“

Nichts scheint mehr eindeutig. Das ist Teil der Thriller-Philosophie, und Teil der allgemeinen Verschwörungslust im öffentlichen Diskurs. Horst Eckert wiederum hat eine Konstante ausgemacht. „Mein großes Faible gilt der Macht und ihrem Missbrauch“, sagt er, „und damit auch der Korruption, d.h. dem Sichverkaufen des Schwächeren an die Macht, sei es gegen Geld oder Karriere. Wenn Macht nicht kontrolliert wird, ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Und wer hat schon einen Geheimdienst unter Kontrolle? Ein großartiges Feld für Spannungsliteratur! Noch fallen hierzulande zu viele Autoren auf das Image deutscher Geheimdienste herein, im Vergleich zu amerikanischen, russischen oder israelischen Behörden viel zu harmlos zu sein. Dabei ist auch das nur eine Form der Tarnung.“

Das umschreibt ziemlich gut die Dunkelheit einiger der erfolgreichsten Seller der letzten Jahre. James Gradys „Die letzten Tage des Condor“, „Total Control“ von David Baldacci, Robert Harris mit „Intrige“, so ziemlich alle Romane von Tom Clancy, der von der amerikanischen Regierung sogar als Berater angeheuert wurde, und immer noch John le Carré, der exemplarisch die vermeintliche Undurchsichtigkeit der Moderne nach der Auflösung der Sowjetunion durchlebt.

Von ihm fühlt sich auch Christian von Ditfurth angesprochen, der ansonsten kein großer Krimileser ist. „Dabei halte ich gar nichts von Verschwörungstheorien. Die verkleistern die realen Verschwörungen nur. Überragend finde ich John le Carrés Smiley-Romane. Besser geht’s nicht. Natürlich regieren Geheimdienste nicht die Welt. Aber sie verbergen einen Teil davon. Umso spannender, einen Zipfel davon zu lüften. Spionage ist immer ein Feld für spannende Geschichten. Sind sie gut, zeigen sie Interessenpolitik komplett abgeschminkt. Jenseits allen Gedöns von Demokratie und Freiheit.“

Diese Geheimniskrämereien des Staates behandelt auch Horst Eckert in seinem Roman "Wolfsspinne". Es interessiert mich, ob seine Leser das manchmal für "bare Münze" nehmen? Sehen die sich bestätigt in ihrer Ablehnung des Staates?

"Agatha Christie wäre heute lächerlich"

„In meinen Lesungen erlebe ich ein Publikum“, antwortet er, „das den Staat nicht ablehnt, aber ihm misstraut. Dafür kann ich nichts, dafür sorgt schon der Staat selbst. Wer in den letzten fünf Jahren auch nur gelegentlich die Berichterstattung verfolgt hat, ahnt, dass der NSU nicht nur aus drei Leuten bestanden hat, und dem ist klar, dass das Aktenschreddern der Verfassungsschutzbehörden keine Panne war, sondern bewusstes Vertuschen. Wenn ich dann noch weitere Widersprüche und Lücken der offiziellen Version aufzähle, erschrecken meine Leser. Und sie beginnen, die Fiktion meiner Geschichte für glaubwürdig zu halten. Es muss nicht, aber es kann so geschehen sein. Darüber erschrecke ich übrigens selbst immer wieder.“

Und es bekräftigt meine Überlegung, wonach Thriller und Geist, Bürger und Agent, die große Verschwörung und das globale Internet nicht nebeneinander her existieren, sondern miteinander verflochten sind. Und sich gegenseitig hochschaukeln. Auch Christian von Ditfurth sieht einen Zusammenhang. „Die Kompliziertheit der Gegenwart sollte sich in (Kriminal-)Romanen spiegeln. National lösen sich die Klarheiten auf, international derzeit in Höchstgeschwindigkeit. Wenn sich das nicht in Krimis und Thrillern widerspiegelt, die von mehr handeln als vom Ponyhof, dann wären wir wieder bei Agatha Christie. Aber heute wäre das nur noch lächerlich.“

Für meine Nachbarin zumindest ist dieser Verlust an Klarheit existenziell.

Kommentare (1)