Die alte Taiga ist geduldig

Transnistrien Auf der Suche nach Spuren einer Verbrecherkaste wie der „Urki“ erweist sich ein Roman als verlässlicher Wegweiser
| Ausgabe 16/2014 2

Nach der Lektüre dieses Romans erscheint mir Polizistenmord fast als edle Tat. Sibirische Erziehung, von dem nach Italien ausgewanderten Transnistrier Nicolai Lilin geschrieben, handelt von einer Kindheit in der Verbrecherkaste der „Urki“. Diese verschworene Gemeinschaft wurde einst von den Sowjets aus Sibirien an den Dnjestr deportiert. Sie lebte verblüffend sittenstreng, gebrauchte eine Geheimsprache aus ehrerbietigen Grußformeln und leitete noch die kleinste Messerstecherei mit der Anrufung der Mutter Gottes ein.

Ich will hier anmerken, dass ich in unseren Breiten kein Problem mit der Polizei habe. Sooft ich aber in den postsowjetischen Raum komme, übernehme ich die dortige Auffassung von der Polizei als einer Verbrecherorganisation, die durch ihre Straflosigkeit über anderen Mafiagruppen steht. So ging dem Kiewer „Euromaidan“ ein Aufstand im Kleinen voraus, zornige Ukrainer stürmten im Sommer 2013 einen Polizeiposten in der Südukraine. Dort waren über Jahre hinweg junge Frauen vergewaltigt, verstümmelt und ermordet worden. Die Polizisten von Wradijewka hatten diese Verbrechen nicht nur vertuscht – sie hatten sie selbst begangen. Ukrainer bezeichnen Polizisten häufig als „Abfall“. Die transnistrischen „Urki“, die jede Staatsmacht ablehnten, nannten sie „Köter“.

Ich kenne den isolierten Landstreifen zwischen Moldawien und der Ukraine ganz gut, das archaische Universum, wie es in der Sibirischen Erziehung beschrieben wird, war mir allerdings fremd. Eben doch nur ein Roman? Ich fahre an den Schauplatz, ins rechtsufrige Bendery, Frontstadt des transnistrisch-moldawischen Krieges von 1992. Ich komme an einem Samstagabend, das Nachtleben der 90.000-Einwohner-Stadt prickelt nicht.

Liquidiert und vertrieben

Das Hotel ist kaum als solches zu erkennen, es wird von russischen „Friedenstruppen“ bewohnt. Auf der Etage wenig Frieden, dauernd hämmern Soldaten an Türen.

Die Rezeptionistin des Hauses hat früher am Gericht gearbeitet, sie erinnert sich lebhaft an das Bandenwesen der achtziger und neunziger Jahre. Dass es nun ruhig ist, erklärt sie so: „Es gibt für sie nichts mehr zu holen.“ Am nächsten Tag lasse ich mich von der Topografie des Romans leiten. Die Viertel, die beim Autor Nicolai Lilin unterschiedlichen Verbrecherkasten gehörten, existieren. Ich glaube sofort, dass in der Satellitensiedlung Bajkur-Amur-Magistrale abgefuckte Junkies hausen; im Viertel Kaukasus finde ich die Schaschlyk-Klitsche gleichen Namens. Der aserbaidschanische Inhaber erzählt von 1992, damals habe es „ein Chaos, keine klaren Fronten“ gegeben, auf transnistrischer Seite hätten bewaffnete Kriminelle gekämpft. Seine schöne Tochter beobachtet das Gespräch mit furchtsamem Blick. Niemand in Bendery hat vom Roman gehört, der Autor untersagt eine Übersetzung in seine Muttersprache Russisch. Wenn ich erzähle, dass Sibirische Erziehung mit John Malkovich verfilmt wurde, ernte ich ungläubigen Stolz. Lilin schreibt, dass die „Urki“ nach der Unabhängigkeit Transnistriens entweder liquidiert oder vertrieben wurden.

Ich fahre in die Unterstadt am Dnjestr, in das angebliche Viertel der „Urki“. Breite Lehmstraßen, ärmlich-geduckte Einfamilienhäuschen. Ich spreche ein Paar an, das gerade Kindersachen in den Wagen räumt. Sie wissen von nichts, „die meisten Häuser sind verkauft worden“. Die Frau lässt sich das Foto des Romanautors zeigen. Sie sagt zum Mann: „Er ist dein Jahrgang, du müsstest mit ihm zur Schule gegangen sein.“ Der Mann lächelt dünn und schweigt.

Ich fange an, Details aus dem Roman zu zitieren. Drei Minuten, nachdem sie beteuert hat, nie im Leben von Verbrechern in der Unterstadt gehört zu haben, bestätigt die Frau alle Angaben. Ja, die Sibirer haben jedes Gespräch mit der Polizei abgelehnt. Ja, die „Ukri“ haben viel gestohlen. Nein, zu den Nachbarn waren sie ausgesucht freundlich. Ja, sie befehdeten sich mit Kriminellen aus anderen Vierteln. Ja, sie haben einmal zwei Polizisten ermordet. „Und wie nannten sie ihre kultisch verehrten Messer?“, frage ich die Frau. „Pika!“, ruft sie triumphierend. Von wegen Roman, jedes Detail stimmt. „Sie kennen sich aber aus“, sage ich. „Ja“, sagt die Frau lächelnd, „ich bin in einem Banditenviertel aufgewachsen.“

Nun, da das zutiefst russisch fühlende Transnistrien akut auf Anschluss an die gut 600 Kilometer entfernte Russische Föderation hofft, lerne ich mehr über die Geburt dieses Staates. Offenbar kämpften auf transnistrischer Seite Kriminelle, Kosaken, Freiwillige und dann auch die zunächst neutrale 14. Russische Armee, während die in Bendery einmarschierenden Moldawier keine eigentliche Armee aufboten, sondern im Wesentlichen Polizeieinheiten aus pro-rumänisch bewegten Gegenden Moldawiens, halbherzig aus der Hauptstadt Chișinău unterstützt. Kriegsgrund war der Polizeiposten von Bendery. Nach dem Sieg Transnistriens wurden viele der kriminellen „Nationalgardisten“ umgebracht, und der von transnistrischen Polizisten gegründete Mischkonzern „Sheriff“ übernahm das postsowjetische Spaltprodukt ökonomisch. Wenn man es nur leicht vereinfacht: Ziemlich viel Polizei im Spiel.

Oft denke ich an den vergangenen Sommer zurück, an eine bemerkenswerte Szene am Dnjestr-Strand der transnistrischen Hauptstadt Tiraspol. Zwei Paare, denen Alkoholgenuss zuzutrauen war, lagen in Badekleidung auf Decken. Der Bademeister ortete eine Flasche Wodka und rief die Polizei. Die langwierige Beweisaufnahme endete damit, dass der Frecheste der vier Verdächtigen abgeführt wurde, in der Badehose. Die umstehenden Badegäste reagierten, indem sie die Uniformierten mehr oder weniger laut beschimpften: „Die haben niemanden beleidigt, ihr habt sie beleidigt.“ – „Zuviel Sonne erwischt?“ – „Ihr blamiert euch.“ – „Dreckskerle!“ Niemand an jenem transnistrischen Strand hatte Vertrauen in die transnistrische Polizei. „Und nur die alte Taiga weiß“, sangen seinerzeit die „Urki“, „wie viele Köter ich getötet habe.“

Martin Leidenfrost beschrieb für diese Serie zuletzt die von französischen Präsidenten gestifteten Museen

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06:00 30.04.2014

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