Die amerikanische Komödie

Format Mit „Sisters“, „Dirty Grandpa“ und „Zoolander 2“ kommen drei Filme heraus, die Auskunft geben über ein unterschätztes Genre
Andreas Busche | Ausgabe 06/2016

An dieser Stelle muss noch einmal eine Lanze gebrochen werden für die US-amerikanische Komödie als populäre Avantgardeform. Die Ahnenreihe ist lang: Charlie Chaplin und Harold Lloyd, Preston Sturges und die Marx Brothers, Peter Sellers und Jerry Lewis, Zucker/Abrahams/Zucker und die Farrelly-Brüder. Irgendwo ans Ende dieser Liste gehören Judd Apatow, Will Ferrell und Ben Stiller. Doch der Dünkel gegenüber der „Volkskunst“ Komödie ist selbst unter seriösen Kritikern verbreitet. Dass Apatow mit Jungfrau (40), männlich, sucht und Knocked Up die Romantic Comedy erneuerte, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Betrachtet man das Genre allerdings als das, was es ist, nämlich ein stark formatiertes Narrativ, wird deutlich, was die amerikanische Komödie der vergangenen zehn Jahre auszeichnet.

In ihrem Funktionsprinzip ist die Komödie im ursprünglichen Wortsinn reaktionär. Ergänzt man den Plot um etwas Sozialkolorit und einige generische Figurentypen, erzählt sich eine Geschichte wie auf Autopilot. So sah die amerikanische Komödie jahrelang aus, in Deutschland kriegt man mit dieser Formel noch immer Millionen in die Kinos. Der Unterschied zwischen Amerika und Deutschland ist das Fernsehen, das seit den 70er Jahren als Kaderschmiede für Hollywood fungiert. So ziemlich jeder bekannte US-Comedian (von John Belushi und Chevy Chase über Adam Sandler und Will Ferrell bis Kristen Wiig) sammelte in der Sendung Saturday Night Life (SNL) erste Erfahrungen.

Um den Boom der neuen US-amerikanischen Komödie ab Mitte der nuller Jahre zu verstehen, lohnt sich auch ein Blick auf die Sitcom, die eine Reihe unkonventioneller, innerhalb des Formats gar bahnbrechender Serien hervorbrachte: Seinfeld, Freaks and Geeks, Arrested Development, Curb Your Enthusiasm, Louie, 30 Rock, Veep.

Womit wir bei Tina Fey und Amy Poehler wären, deren erster gemeinsamer Film Sisters als Seismograf für den gegenwärtigen Stand der amerikanischen Komödie dienen könnte – 13 Jahre nach Todd Phillips’ Suburban-Dad-Partyfilm Old School, zwölf Jahre nach Jungfrau (40) ..., fünf Jahre nach der Bachelorette-Brachialkomödie Brautalarm. Fey und Poehler vereinen das Beste des amerikanischen TV: Beide haben eine SNL-Vergangenheit und mit den von ihnen produzierten Sitcoms 30 Rock (Fey) und Parks and Recreation (Poehler) zudem das Format um einige hochgradig erfinderische – und ins Absurde lappende – Szenarien über Karrierefrauen in männlich dominierten Arbeitswelten bereichert.

Poetischer Vulgarismus

Sisters, geschrieben von Tina Feys langjähriger SNL-Kollegin Paula Pell, macht ihre Figuren nun zu Platzhirschen im klassischen Komödienmilieu der Suburbia, dreht die traditionellen Geschlechterrollen aber kurzerhand um. Die Männer sind entweder desperate housemen oder verfügbares Frischfleisch mit praktischer Veranlagung (Heimwerker und Drogendealer). Die Frauen machen Karriere und leben den Exzess ohne schlechtes Gewissen. Vor zehn Jahren hätte man das noch als Novum gefeiert. Aber spätestens seit Brautalarm und zuletzt Dating Queen (Letzterer von und mit der unvergleichlich versauten Amy Schumer) ist die Gender-Umkehrung männlicher Stereotype ein etabliertes Stilmittel der neuen US-amerikanischen Komödie.

Weiter geht Sisters auch nicht. Der durchlaufende Witz beruht auf den gegensätzlichen Persönlichkeiten der Schwestern, deren charakterliche Eigenschaften sich Fey und Poehler von ihren Serienfiguren geliehen haben. Maura ist pedantisch und verklemmt (aber unter Poehlers reizender Arglosigkeit brodelt ein Vulkan aus poetischem Vulgarismus, wenn sie dem verschwitzten Nachbarn etwa frei assoziierend erklärt, wie sie ihn ranzunehmen gedenkt). Kate ist latent neurotisch, mit einem verbesserungswürdigen Alltagsmanagement. Der freundlich penetrante overachiever und der notorische underachiever beschließen, es im Elternhaus vor dem Verkauf mit einer Abschlussparty noch einmal krachen zu lassen.

Sisters erweist sich dabei nur als eine Sammlung von bizarren szenischen Miniaturen – was passiert, wenn Drehbuchautoren sich zu sehr auf ihre Figuren verlassen. Fey und Poehler stemmen die Verantwortung, bis hin zum bittersüß-moralischen Ende. Aber das Potenzial der beiden Komikerinnen kann Jason Moores Film nur selten einlösen.

Dirty Grandpa, der ebenfalls diese Woche in den Kinos startet, ist wiederum eines dieser Missverständnisse, die in der amerikanischen Komödie der Apatow-Ära zuletzt immer häufiger zu bestaunen waren. Ein Film ohne Charme und interessante Figuren, der aber voll auf derbe Krassheit setzt. Der Plot ist an den Haaren herbeigezogen (Robert De Niro spielt einen ehemaligen Elitesoldaten, der mit seinem spießigen Enkel den Spring Break in Florida besucht), aber wo der selbstentlarvende Krawallhumor in Sisters gelegentlich noch in einen mäandernden Surrealismus umschlägt, brütet Dirty Grandpa dumpfen Sexismus und Rassismus aus.

Genderfluides Supermodel

Wo ist Derek Zoolander, wenn man ihn braucht, möchte man also verzweifelt fragen. Die Antwort liefert in der kommenden Woche die Fortsetzung von Ben Stillers formenavantgardistischer Metakomödie Zoolander – in der unwirtlichen Eiswüste des nördlichen New Jersey nämlich, wohin sich das dümmste männliche Supermodel der Welt nach dem tragischen Todesfall seiner Frau zurückgezogen hat. Dass Stiller seine ikonische Figur gerade jetzt reaktiviert (nachdem Adam McKay, Regisseur von Gaga-Klassikern wie Anchorman und Ricky Bobby – König der Rennfahrer, mit The Big Short zur sozialkritischen Komödie übergelaufen ist), darf man als gutes Zeichen werten. Zoolander markierte 2001 den Anfang der neuen amerikanischen Komödie als ultimative Steigerungsform der Farrelly-Brüder (Dumm und Dümmer). Stiller bediente damit früh ein Humorsegment, das heute ein Will Ferrell, der im Sequel als sinistrer Modemogul Mugatu zurückkehrt, im Alleingang bespielen muss.

Natürlich hat Zoolander No. 2 nicht mehr den Novelty-Effekt von einst auf seiner Seite. Aber er erinnert in seinem Star-bestückten (von Justin Bieber über Sting bis Benedict Cumberbatch als genderfluides Supermodel All), formensprengenden und virtuos grenzdebilen Nummernrevuewahnsinn wieder daran, dass die US-amerikanische Komödie immer dann am besten ist, wenn Einfalt auf Größenwahn trifft. Oder um es mit den Worten von Derek Zoolander zu sagen: „My brain is out of business!“

Info

Sisters Jason Moore USA 2015, 118 Min.

Dirty Grandpa Dan Mazer USA 2016, 102 Min.

Zoolander No. 2 Ben Stiller USA 2016, 102 Min.

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