Schlechte Partie

Zwangsheirat Tausende Fälle gibt es jedes Jahr in Deutschland. Doch polizeilich erfasst wurden 2021 nur 73 Fälle von Zwangsverheiratungen. Wieso schweigen so viele Betroffene? Und warum hat die Ampel-Regierung keine Lösung?
Nach einer Studie des Innenministeriums finden 83 Prozent aller arrangierten Ehen unter Muslimen statt, zehn Prozent unter Jesiden
Nach einer Studie des Innenministeriums finden 83 Prozent aller arrangierten Ehen unter Muslimen statt, zehn Prozent unter Jesiden

Foto: Jack Kurtz/ZUMA/dpa

Wenn im Sommer die großen Ferien vor der Tür stehen, freuen sich viele Schülerinnen und Schüler auf den bevorstehenden Urlaub. Für manche Mädchen aus Migrantenfamilien aber hat die Floskel von der „schönsten Zeit des Jahres“ einen bitteren Beigeschmack. Denn eine längere Reise in das Herkunftsland der Eltern steht an.

Dort, so erfahren sie in den Monaten zuvor zumindest in Andeutungen, sollen sie gegen ihren Willen verheiratet werden: mit einem entfernten Verwandten, einem Freund der Familie oder schlicht mit einem Mann, der nach Ansicht der Angehörigen sozial und finanziell „etwas bieten kann“. Oft haben die Betroffenen ihren künftigen Lebenspartner noch nie gesehen. Ein paar Wochen später, zu Beginn des neuen Schuljahres, bleiben dann in Berlin, Stuttgart oder Köln einige Bänke leer: Die Mädchen sind aus ihrem Heimaturlaub nicht wieder zurückgekehrt, sondern wohnen jetzt bei ihrem neuen „Ehemann“.

Moderne Sklaverei

Wie viele der meist in Deutschland aufgewachsenen jungen Frauen pro Jahr zwangsverheiratet werden (oder davon zumindest bedroht sind), darüber kursieren nur Schätzungen. Eine ältere Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums spricht von gut 3.000 Fällen. Allerdings berücksichtigte die Statistik ausschließlich Mädchen, die sich an eine Beratungseinrichtung gewandt hatten, als sie von den Plänen ihrer Verwandtschaft hörten. Weil zu einem solchen Schritt enorme emotionale Stärke gehört, die nur wenige aufbringen, muss von einer erheblich höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. Im Jahr 2021 gab es nur 73 polizeilich erfasste Fälle von Zwangsheirat in Deutschland.

Zwangsverheiratung ist eine Menschenrechtsverletzung, ein Vergehen am Anspruch auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und auf sexuelle Selbstbestimmung. Die Vereinten Nationen verurteilen sie gar als eine „moderne Form der Sklaverei“. Trotzdem wurde das Delikt in Deutschland lange Zeit nicht verfolgt, nur extreme Folgen wie Vergewaltigung waren strafbar. Seit 2005 gilt das Erzwingen einer Ehe als besonders schwere Form der Nötigung. Es gab deswegen nie eine Verurteilung, die Verfahren wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. Erst seit 2011 können bis zu fünf Jahre Haft verhängt werden. Der das regelnde Paragraf 237 des Strafgesetzbuches beschränkt sich allerdings auf standesamtliche Ehen. Doch viele erzwungene Verbindungen werden nicht zivilrechtlich, sondern ausschließlich in muslimischen Zeremonien geschlossen – durchgeführt von einem Imam. „Diese Mädchen fühlen sich trotzdem ganz normal verheiratet“, betont Terre des Femmes. Die Hilfsorganisation fordert, auch die durch ein religiöses Ritual geschlossenen Ehen strafrechtlich zu sanktionieren.

Rund ein Drittel der Betroffenen ist minderjährig, weitere vierzig Prozent zwischen 18 und 21 Jahre alt. Um eine geplante Zwangsehe schon im Vorfeld zu verhindern, müssen Polizei, Beratungsstellen oder Jugendämter davon zunächst einmal erfahren, die Betroffenen sich also bei einer öffentlichen Stelle melden. „Aber sobald unsere Besucherinnen das Wort Polizei hören, haben sie gleich Befürchtungen, dass die Familie wegen ihnen Ärger kriegt“, sagt eine Mitarbeiterin des „Krisentelefons gegen Zwangsheirat“ in Hannover.

Mindestens 150 Anrufe von Hilfesuchenden registriert die Hotline Jahr für Jahr. Erzwungene Ehen werden in der Regel „nicht in einem harmonischen Umfeld“ geschlossen, betont die Mitarbeiterin. Nach ihren Erfahrungen beim Krisentelefon gibt es oft schon in der Herkunftsfamilie der Hilfesuchenden Gewalterlebnisse, besonders im Zusammenhang mit Sexualität. „Wir betrachten das Thema Zwangsheirat als eine besondere Form der häuslichen Gewalt“, erläutert sie das Selbstverständnis ihres Teams. Sie lobt die gute Kooperation mit der Polizei im Großraum Hannover. Dazu gehören neben der alltäglichen Zusammenarbeit auch gemeinsame Fortbildungen – was in anderen deutschen Regionen nicht überall selbstverständlich ist.

Was passiert mit den jungen Frauen, die den Mut aufbringen, sich rechtzeitig bei den Behörden zu melden? Wenn sie die Zwangsheirat durch diesen Protestakt bewusst verweigern, riskieren sie, „ihr gesamtes gewohntes Umfeld zu verlieren“, sagt die Mitarbeiterin des Krisentelefons. Manche Mädchen würde aus Angst vor der eigenen Familie in eine andere Stadt oder „gleich ins Ausland“ ziehen. Entgegen gängigen Klischees bestehe aber nicht immer „gleich Ehrenmord-Gefahr“. Es gebe auch Fälle, wo „sich das in den Familien wieder halbwegs einrenkt“, wo die Betroffenen zu den Verwandten zurückkehren oder zumindest weiter in unmittelbarer Nachbarschaft von ihren Angehörigen wohnen. Manchmal jedoch sei es unbedingt notwendig, die Mädchen in einem Frauenhaus unterzubringen, um sie vor Vater, Onkel oder Bruder zu schützen.

Auch Jungen sind betroffen

Arrangierte Ehen haben auch in vielen Kulturen des Westens eine lange Tradition. Zum Beispiel, um die Kontakte zwischen Adelsclans oder Unternehmerfamilien enger miteinander zu verknüpfen. Natürlich sind solche Verbindungen nicht automatisch das Ergebnis einer Zwangsheirat; sie können auch auf freiwilligen Entscheidungen beruhen. Jedenfalls ist das Phänomen nicht auf den muslimischen Kulturkreis beschränkt. Hilfseinrichtungen nennen neben der Türkei oder Syrien auch den Balkan sowie andere Staaten in Asien, Afrika oder Südamerika als Herkunftsländer von Betroffenen. In der Studie des Bundesfamilienministeriums nannten 83 Prozent den Islam als ihre Religion, zehn Prozent waren Jesiden, drei Prozent Christen und ein Prozent Hindus.

Ein anderes Vorurteil lautet, dass nur Mädchen betroffen seien. Doch auch Jungen und junge Männer suchen Schutz vor Zwangsverheiratungen – vor allem dann, wenn sie ihre gleichgeschlechtliche Orientierung gegenüber Angehörigen offenbart haben. Homosexualität gilt im Glauben muslimischer Fundamentalisten als Todsünde. Ein heute volljähriger Schwuler aus Berlin erzählt, dass er deshalb in der Pubertät von seinem Vater schwer misshandelt worden sei. Verwandte drohten damit, ihn in den Libanon zu schicken und dort per Zwangsehe zu „therapieren“. Sie hätten sogar einen Entführungsversuch unternommen. Der Junge wandte sich damals an das Jugendamt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die Behörde entzog den Eltern daraufhin sofort das Sorgerecht, das Opfer kam in eine betreute Einrichtung. Eine Unterkunft zu finden war nicht einfach, denn die auf familiäre Gewalt spezialisierten Häuser sind überfüllt und bieten meist ausschließlich Frauen Zuflucht. Eine Befragung des Berliner „Arbeitskreises Zwangsheirat“ in Ämtern und Beratungseinrichtungen fand heraus, dass über 90 Prozent der Hilfesuchenden weiblichen Geschlechts sind.

In vielen Städten und Gemeinden fehlen zuverlässige Daten. Terre des Femmes hält statistische Erfassung und wissenschaftliche Untersuchung für völlig unzureichend. Opferschutzverbände fordern umfassende Studien und mehr Prävention. Die Einwohnermeldeämter der Kommunen sollten bei Nachforschungen von Angehörigen die Auskunft verweigern: Die bedrohten Mädchen müssten die Gewissheit haben, dass ihre Familien sie an ihrem neuen Wohnort nicht finden. Ach ja: Im Ampel-Koalitionsvertrag taucht der Begriff „Zwangsehe“ übrigens kein einziges Mal auf.

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