Die andere Lust

Eventkritik Am Wochenende wurde der erste feministische Pornoaward, der PorYes, in Berlin verliehen. Bei der Verleihung feierten "sexpositive Feministinnen" die erotische Vielfalt

Die Herzogin der Pornographie lässt beim Laufen ihre Hosenträger knallen. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckt sich an diesem Abend über das Foyer eines Kinos. Eine Popcornmaschine stößt gerösteten Mais in Welt, Menschen mit Getränken in der Hand stehen zusammen. Der Großteil der Versammelten gibt sich leger und unauffällig – eine junge Frau mit dem Herrenhaarschnitt und dem glitzernden Hosenanzug ist der erste visuelle Ausreißer aus der heteronormativen Outfitpalette. Würde nicht auf den kleinen, pinkfarbenen Shirt-Insignien einiger Dienstadeliger der Begriff „Pornogräfin“ stehen, man könnte denken, hier würde gleich ein französischer Dogma-Filmpreis verliehen. Und nicht der erste, europäische und – wohlgemerkt – feministische Pornoaward, der PorYes. Sogar die Korrespondentin vom Playboy tritt ganz in Schwarz und hochgeschlossen auf.

„Pornographie ist eine Krankheit, die es zu diagnostizieren gilt, und ein Anlaß zur Entscheidung. Man ist dafür oder dagegen“, hat Susan Sonntag einmal gesagt, als sie wahrscheinlich grade eine Szene aus Rocco Animal Trainer Teil 14 gesehen hatte. Die Frauen, die an diesem Abend das Zepter in die Hand nehmen, sehen das grundlegend anders. Eine Dame im lachsfarben Latexoutfit moderiert, eine sprachkompetente Hofnärrin mit rosa Lockenperücke, Zylinder und Korsage übersetzt. Schließlich sind die anwesenden von weit angereist. Laura Mérrit, Award-Initiatorin und Hauptorganisatorin mit gestreiften Hosenträgern, spricht es schließlich aus: „Es geht um die Koalition von Feminismus und Pornographie.“

Was macht einen guten Porno aus?

Die Kriterien, die hier einen guten Porno ausmachen sind – um mit Focualt zu sprechen – dekonstruierend. Sie greifen die Mythen der Mainstream-Pornographie direkt an. Herkömmliche Pornos seien durchsetzt von Stereotypen, heißt es hier, von der Pseudo-Objektivierung männlich-subjektiver Befriedigungstopoi. Der nicht tot zu kriegende Widergänger Cumshot. Einmal abgewischt kommt direkt was aus der anderen Richtung geflogen.

Die Damen von PorYes wollen dagegen einen "weiblichen Blick" setzen. Manche von ihnen – wie die Laudatorin Claudia Gehrke – auch gleich noch das „lesbische Auge“, so lautet zumindest der Name einer ihrer Buchserien. Als „Sex positive Feministinnen“ verstehen sich die hier Versammelten. Laura Mérrit und ihrer Anhängerschaft geht es um eine Verschiebung der Perspektive: weibliche Lust als visueller Lackmustest, als Paramter, an dem sich alles Pornographische messen lässt. Lüsterne, von Männerkörpern affizierte Kameraeinstellungen, weniger Großaufnahmen von Körperöffnungen, dafür von weiblichen Gesichtern in Ekstase. Weniger Fellatio, mehr Cunnilingus.

Die mit den Klängen von Beethovens Ode an die Freude eingeleitete Ehrung der fünf Filmemacherinnen ist daher ein Abgesang vom filmischen Patriachat und seinen Dominanzstrukturen. Und ein Abschied von den Gesichtern junger Automechaniker, die mit einem archaischen Ausdruck von Selbstzufriedenheit ihre Frauen von hinten nehmen. In den Arbeiten der Preisträgerin und Selbstvermarktungs-Künstlerin Petra Joy sieht man masturbierende Frauen auf einer Sexparty. In langsamen Kamerafahrten werden ihre Münder gezeigt, beim Oralsex mit Geschlechtsgenossinnen und Männern. Man sieht Frauen mit Strap-Ons, die sich mal fordernd, mal zärtlich penetrieren, ein stetiges Spiel von Dominanzverhältnissen.

Eine Domina beobachtet zwei Schwule beim Sex und lässt sich oral von ihnen befriedigen. Gender is burning. Da scheint es perfekt zu passen, dass Rot die Lieblingsfarbe der stets glücklich lächelnden Freuden-Regisseurin ist. Farbe des Korsetts und des Hutes sind aufeinander abgestimmt. Zuvor hatte sie mit Candida Royalle, Autorin von Appetit-Anregern wie The Gift, den Sitz des Kleidungsstücks geprüft. Der feministische Sexadel hält eben zusammen.

Aber es geht doch um mehr: „Frauen wollen Vielfalt“, sagt Mérrit. Fem-Porn als Sammelbecken für verschiedenste Formen der Sexualität. Dazu gehören Darstellungen von Menschen mit geschlechtlichen Identitäten, die die Kategorien Mann und Frau weit übersteigen. Oder verschiedener ethnischer Herkunft sind. Auch Alter und Körperlichkeit sollen sich nicht am großäugigen und großbusigen Schema der Durchschnitts-Fellatio-Performerin orientieren.

Wie halten sie es mit der Gewalt?

In der visuellen Belobigung der Filme der Regisseurin und Porn-noir-Königin Maria Beatty sitzt eine Frau mit Korsett und langem, schwarzen Rock auf dem Rücken einer anderen Zwanziger-Jahre-Belle und versohlt ihn. Wobei sich die Gretchenfrage des Porn auftut: Was ist mit der Gewalt? Ist sie in Zeiten von gesellschaftlich nicht mehr für scheiterhaufen-tauglich gehaltenen Spielarten wie BDSM zeigbar? Galt sie doch jahrelang als Hauptsymptom der männlichen Unterdrückung.

In dieser Hinsicht kann man dem PorYes, der wie alle fast alle Award-Verleihungen manchmal inzestiös-selbstbeweihräuchernd daherkommt, so manche kleine Eitelkeit verzeihen. Denn der Preis hat nicht nur gezeigt, wie explizit weibliche Pornograhie funktioniert. Er hat gezeigt, wie Pornographie generell funktionieren kann: Als Transformation von sexueller Phantasie in ihrer Mannigfaltigkeit, die aber immer im Schutzraum der Imagination bleibt. Und sich damit wie selbstverständlich selbst legitimiert, da sie allen gesellschaftlichen Gruppen eine Stimme verleiht. Eine Art Unabhängigkeitserklärung mit Kondom.

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14:25 19.10.2009

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