Die anderen reisten ab, wir kamen

Von Rathenow nach Sedet el-Hindiye Doktor Mahmoud El-Hakim und seine Freunde bringen Medikamente in den Irak und suchen nach Zeichen von Hoffnung

Eine Stunde mit dem Zug von Berlin nach Rathenow, Doppelstock, immer in den Sonnenuntergang hinein, zuletzt in ein verschwimmendes dunkles Rot. Bei der Ankunft löst sich ein übergroßer Vollmond vom Horizont ab. Schon das hat die Fahrt gelohnt, denke ich kurz. Später, zurück auf dem leeren Bahnhof, ist der Mond hoch oben ein kleines helles Loch im Schwarz, der Frost zieht an. Aber die Erzählungen der vergangenen Stunden haben genug Wärme erzeugt, um jetzt nicht zu frieren. Die Begegnung mit den Irakern hat die Reisenden aus Rathenow fast verwandelt. Übereinstimmend beteuern sie: "Das Schönste waren die Menschen. - Ja, die Mentalität. - Dort begreifst du, es kommt nur darauf an, dass die Leute stimmen, die um dich sind. Das ist das Wichtigste im Leben, nicht das Materielle. - Sie haben andere Werte, und als wir wieder zurück waren, haben wir hier alles mit anderen Augen gesehen."

Sie haben ein flaches, leicht beschädigtes Palais von Saddam Hussein ausgesucht

Wir haben über den Start dieser Hilfsaktion für den Irak unter dem Peace-Zeichen berichtet (Freitag 43/2003). Heute erzählen die sieben Reisenden aus Rathenow von ihren Erfahrungen im Irak. Es ist eine private Initiative, die der Chirurg Mahmoud El-Hakim in Bewegung setzte. Er sammelte mit Hilfe von Kollegen medizinische Güter, die in einem Container ans Ziel gebracht wurden: In die kleine Stadt Sedet el-Hindiye, südlich von Bagdad. Mit El-Hakim reisten zwei seiner Brüder, die wie er seit 40 Jahren im Exil leben, einer in Ungarn, der andere in Berlin. Wichtig war, dass auch der Prothesenhersteller Georg Friedenmann aus Rathenow dabei war. Und es fuhren drei junge Leute mit: Frank El-Hakim, Geschäftsführer der Musikbrauerei, Thomas Kindler, von Beruf Maurer, und Daniel Gammert, freiberuflicher Journalist.

Der Container kam auf seinen langen Schiffs- und Landrouten nicht rechtzeitig ans Ziel. Doch Räume für die Aufbewahrung der wertvollen Spenden - Rollstühle für Erwachsene und Kinder, auch elektrisch betriebene Spezialbetten und vieles andere - sind bereit gestellt. Auch für die Bewachung ist gesorgt. El-Hakims Schwester, Ingenieurin der Wassertechnik, und zwei befreundete Ärzte konnten das alles organisieren.

Langfristig will El-Hakim helfen, eine Poliklinik des Typs zu errichten, der sich in der DDR bewährt hat: ein ambulantes medizinisches Zentrum für die Leute in Sedet el-Hindiye und in den vielen verstreut liegenden Dörfern. Dafür haben sie sich ein flaches, leicht beschädigtes Palais von Saddam Hussein ausgesucht, das auf einer kleinen Insel in der von Kanälen, Stauseen und Flussarmen durchzogenen Region liegt, wo sich Euphrat und Tigris am nächsten kommen.

Während dieser Artikel erscheint, sind El-Hakim, Sohn Frank und Thomas erneut im Irak, um die gesammelten Hilfsgüter sachgerecht zu verteilen. Haben sie Angst, zur Zielscheibe zu werden? Nein, eher haben sie Angst vor dem Zufallstreffer, aber nun wüssten sie ja, sagen sie, dass man sich schnell an die Situation gewöhne. "Wer einmal dort war, den lässt das Land nicht mehr los", sagt Thomas.

In fünf Jahren, denkt El-Hakim, werde sich wieder ein normaler Irak entwickeln

In Bagdad besuchten sie ein Waisenhaus und eine Kinderklinik. Die Kinder sitzen dort in Rollstühlen, die demoliert sind und mit denen sie sich nicht bewegen können, erzählt Friedenberger. Besonders schlimm habe es in der neurochirurgischen Station mit querschnittsgelähmten Kindern ausgesehen: kaum Kopfstützen oder Fußgegenstützen, die Matratzen hart. Die Kinder hatten offene Druckgeschwüre, bis auf die Knochen. Dorthin brachten die Rathenower Matratzen und andere Geräte.

Sie sind auf ihren Fahrten sehr aufgefallen, wie Exoten, meinen sie. Wenn sie aus ihrem Kleinbus stiegen, waren sie schon als Ausländer erkannt und schnell von Neugierigen umringt. Andere "hellhäutige" Ausländer haben sie kaum gesehen, nicht einmal Journalisten. Man verständigte sich in Englisch, fast alle sprachen es, sie sind gebildet, trotz der Armut, fiel Daniel auf. Hayder, der Sohn von el-Hakims Schwester, bei der sie wohnten, ist 29 Jahre alt, mit ihm entstand eine richtige Freundschaft. Er ist Elektroingenieur und wird helfen, die elektrischen Rollstühle und Betten in Betrieb zu setzen.

Kontakte zu jungen Frauen gab es nicht, sie durften ihnen nicht einmal die Hand geben. Discos haben sie nicht gesehen, auch nicht gesucht. Sie waren an den Abenden erschöpft. Als Saddam-Anhänger hat sich nur einmal ein Taxifahrer zu erkennen gegeben.

In Bagdad kamen sie auch in eines der fünf neuen Büros der Kommunistischen Partei, el-Hakim hat dort alte Freunde wieder getroffen. Trotz der 30 Jahre in der Illegalität und unablässiger Verfolgung hat die Partei sich gehalten und ist in die Politik zurückgekehrt, sie stellt die Amerikaner damit vor ein Problem: Schließlich suchen die verzweifelt nach Kräften, die für einen modernen, nicht-islamistischen und ungeteilten Irak eintreten. Dabei stoßen sie nun ausgerechnet auf die Kommunisten, gegen die sie in Afghanistan und in der arabischen Welt die islamistischen Kräfte mit aufgebaut haben.

Vor der ersten Reise war El-Hakim stolz, dass sie einen Maurer unter sich hatten, er sollte helfen, die geplante Ambulanz auszubauen. Aber dafür wird er nun gerade nicht gebraucht: "Die haben einfache Mittel, mit denen sie bauen. Da brauche ich als deutscher Maurer nicht anzukommen, um ihnen irgendwas zu zeigen. Die haben da mehr auf dem Kasten. Was die bauen, ist sagenhaft. Das kriegt keine Firma hier hin, alles mit Rundbögen, auch die neuen Bauten." In den drei Wochen konnten sie Fortschritte miterleben. Man begann gerade, die Straßen zu reinigen. Und es gab Baustellen mit neuen, halbfertigen Häusern.

In fünf Jahren, denkt El-Hakim, werde sich wieder ein normaler Irak entwickeln. Sein Sohn Frank ist skeptischer: Dafür müsse das Land auch die Chance kriegen. El-Hakim: "Die Chance ist schon da, die Leute nutzen sie ja, sie sind müde von den Kriegen, dem Embargo, den Entbehrungen." Daniel wirft ein: "Aber der Fanatismus wird doch größer." El-Hakim bestreitet das. Der Eindruck sei falsch. Die Schiiten würden natürlich durch Iran unterstützt, aber für die Mehrheit treffe das nicht zu. Er ist selbst Schiite, in Kerbala geboren.

"Aber die Spannungen nehmen zu, inzwischen reisen doch alle ab", sagt wieder Frank, "Diplomaten und Hilfsorganisationen verlassen den Irak. Am Tag unserer Ankunft ist das Rote Kreuz abgezogen. Wir waren die einzigen, die kamen."

Friedenberger beschreibt den schönsten Augenblick, den er im Irak erlebte

Man hat ihnen schon oft vorgeschlagen, sich einer der großen Hilfsorganisationen anzuschließen. Aber El-Hakim hat seit zehn Jahren seine Erfahrungen, er hat schon früher Medikamente und Milchprodukte in den Irak gebracht und in Jordanien eine Praxis für irakische Flüchtlinge eingerichtet. "So habe ich mit der Zeit gelernt, ohne die großen Organisationen auszukommen, mit eigener Kraft und mit so phantastischen Menschen, die ich um mich habe, im Irak und hier in Rathenow."

Einer davon ist Dr. Hans-Jürgen Oelrich, bis vor anderthalb Jahren Chef der chirurgischen Abteilung in der Klinik, die neben El-Hakims Praxis liegt. "Mein Freund und Kollege", stellt ihn El-Hakim vor, "wir arbeiten schon 30 Jahre zusammen, er vertritt mich jedesmal, wenn ich weg bin. Das ist die größte Hilfe, selbstlos, ohne irgendwelches Geld. Neun Arbeitstage diesmal wieder. Er wollte seine Ruhe im Rentenalter, aber die ist ihm nicht gegönnt." Und Oelrich bestätigt: "Ja, das ist mein Beitrag. Einer muss hier die Arbeit machen, auch wegen der Kosten, die das alles bringt. In diesem Jahr gab es für El-Hakim nun mehrere Anlässe, in Richtung Jordanien und Irak zu fahren, da hätte der Urlaub nicht mehr gereicht. So habe ich ihn vertreten." Dass Friedenberger und er Mitglieder des Rotary-Klubs Havelland sind und sich auch als Rotarier sozial engagieren, möchte Oelrich nicht unerwähnt lassen. Für die Spenden haben sie wiederum über die PDS ein Konto (*) eingerichtet.

Dr. El-Hakim ist nicht groß, seine gewölbte Brille vergrößert die Augen, das schwarze Haar ist gescheitelt. Er drängt sich nicht in den Vordergrund, an ihm ist keinerlei Eitelkeit zu bemerken. Seine Beharrlichkeit hat nichts Eifriges, er bedrängt sicher niemanden, sondern scheint einfach da zu sein mit seinen Ideen und dem Angebot, anderen zu helfen. Er muss eine besondere Fähigkeit für Freundschaft haben, zu ganz verschiedenen Menschen.

So bringen die Leute aus Rathenow bringen selbst die mit Mühe und Ausdauer gesammelten Dinge in den zermürbten Irak. Die positive Haltung des Gebens prägt ihre Eindrücke. Die dortigen Zerstörungen und Beschädigungen sehen sie, aber was sie suchen, sind die Zeichen der Hoffnung. Georg Friedenberger beschreibt den schönsten Augenblick, den er im Irak erlebte: "Es war auf unserer Ausreise, als wir sehr früh aus Bagdad raus fuhren, die Sonne war aufgegangen, und wir fuhren auf einer breiten Ausfallstraße, links und rechts waren grüne Gemüsefelder. Wassersprenger liefen. Dort wurde gegraben und gepflanzt. Sie taten etwas Gutes für sich. Und unterwegs sahen wir Männergruppen, die räumten die Autobahn auf und putzten sie. Da bin ich glücklich rausgefahren. Es war wie ein Aufbruch."

(*) PDS Spendenkonto MBS Potsdam BLZ 16050000 Kto. 3861009624


Aus dem Reisetagebuch von Daniel Gammert

Die gesamte Strecke von 1.000 Kilometern bis Bagdad ist vom Wüstenstaub in ein monotones Gelb-Braun gehüllt - es gibt nur Sand und Felsen bis zum Horizont. Ab und zu halten wir in fast verlassenen Orten an, um zu tanken. Tanken heißt, dass man aus einem großen Tankwagen das Benzin mit dem Mund durch einen Schlauch ansaugt und es dann einfach in den Tank laufen lässt. 100 Liter für etwa drei Euro.

In Bagdad nimmt uns die Schwester des Doktors auf, Ezhar El-Hakim, die hier mit ihrem Sohn Hayder lebt. Gleich am ersten Abend fliegt eine Rakete dicht über unser Haus, gefolgt von einigen Salven aus einer Kalaschnikow. Wir springen vor Angst auf, aber Ezhar und Hayder beruhigen uns: Das ist hier normal. Es gibt bisher wirklich keinen Tag, an dem nicht ein Hubschrauber im Tiefflug und Raketen über uns fliegen. Die Amerikaner haben einmal in der Straße geschossen, um die Ecke, sie sind in Bagdad allgegenwärtig. In Kerbala sehen wir Polen und Holländer.

In den nächsten Tagen besuchen wir verschiedene medizinische Einrichtungen und ein Waisenhaus. Dort sehe ich einen kleinen Jungen weinend in seinem Bett sitzen, sein Gesicht voller Fliegen, er schreit fürchterlich. Die Krankenschwester sagt mir, er sei 13 Jahre alt, das kann ich nicht fassen, ich dachte, er sei fünf. Als die Waisenkinder erfahren, wer wir sind, und dass wir aus Deutschland zu ihnen nach Bagdad gekommen sind, um ihnen zu helfen, strahlen sie. Und einige lachen sogar. Wir sehen die Hoffnung in ihren Augen wieder aufblitzen.

Einmal halten wir in einem Slum. Sofort sind wir von vielen Kindern umringt. Ein Vater kommt mit seinem Sohn, der Junge hat bei einem amerikanischen Angriff mit Splitterbomben auf das Wohngebiet ein Auge und den rechten Arm verloren. Das Gesicht ist schrecklich entstellt. Der Vater fragt uns, ob wir helfen können. Doch mehr als seine Adresse für einen späteren Hilfstransport zu notieren, können wir nicht tun.

Der Tag ist sehr heiß, es riecht im Slum erbärmlich nach Fäkalien. Überall liegt Müll. Ich muss mich sehr beherrschen, um mich nicht zu übergeben.

Am Abend genießen wir Ezhars unglaubliche Gastfreundschaft und können uns wieder entspannen. Durch uns hat sie plötzlich sieben Gäste im Haus. Sie bewirtet uns mit allem, was sie hat, und das aus ganzem Herzen. Die Iraker sind ein sehr gastfreundliches und aufgeschlossenes Volk. Egal, wo wir auf unserer Tour hinkommen, werden wir immer herzlich aufgenommen. Sie zeigen großen Respekt vor unserer Hilfsaktion.

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00:00 19.12.2003

Ausgabe 37/2021

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