Die Anderswelt

Alltag Was Sammler nutzlosen Wissens treibt

Schon als Kind wurde ich auffällig: Bei "Stadt-Land-Fluss" war ich praktisch unschlagbar. Ich kannte die Hauptstadt von Lesotho, Maseru, ich konnte sämtliche Nebenflüsse und -bäche der Ilm herbeten ("Wenn du es nicht glaubst, können wir auch im Atlas nachschauen."), ich wusste um den weltdicksten König, Tupou den Vierten, Herrscher über das 750 Quadratkilometer große Pazifikarchipel namens Tonga. Auch wieviel der fette König wog, wusste ich. Natürlich. Und natürlich überflüssigerweise. Das Spiel gewann ich zwar meistens, aber gerade deswegen schlug mir Neid entgegen. Einen so genannten Distinktionsgewinn brachte es mir nicht.

Ich habe seither nichts - oder sagen wir nicht viel - hinzugelernt. Noch immer speichere ich, unwillkürlich: vollkommen nutzloses Wissen (die Zahl der jährlich allein in Großbritannen im Klo heruntergespülten Handys: 855.000; die drei Idole des Weimarer Fußballs: Wolfang Dummer, Wolfgang Dummer, Wolfgang Dummer). In der Praxis erweist sich diese vermeintlich gottgegebene Gabe als ohne Wert, nichts, womit sich etwas anfangen ließe - wenn man nicht gerade ein Kreuzworträtsel ausfüllen muss. Das mache ich natürlich. Häufig am Morgen eines Tages. Was sollte ich auch sonst anfangen mit der Kenntnis des Geburtsortes von Enver Hodscha, Gjirokaster, oder dem Wissen darum, wann die erste württembergische Wurstprinzessin gekürt wurde. Nicht einmal Eindruck schinden kann ich mit meinen umfassenden Kenntnissen: Auch mir wohlgesonnene Frauen lassen sich selten davon beeindrucken, wenn man ihnen erzählt, dass der derzeitige vietnamesische Regierungschef Nguyen Minh Triet heißt. Oder dass es auf Nauru phosphatkackenden Vögel gibt. Sie gucken etwas verwirrt und wollen das Thema wechseln.

Es ist offensichtlich das Komische, Merkwürdige, ja geradezu Schwachsinnige oder vollkommen Unwahrscheinliche, was das Hirn des Sammlers von nutzlosem Wissen behalten will. Vorzüglich die Handy-Geschichte illustriert das. Wieso werfen jährlich 855000 Briten ihr Handy ins Klo? Sind sie irre geworden, wegen der vom Handy ausgehenden schädlichen Strahlungen? Oder sollten sie tatsächlich ihr Handy beim Klogang verlieren, in der Toilettenschüssel? Wie macht man das? Werden im Königreich die Handys im Klo abgelegt, um freihändig scheißen zu können? Wie nur konnte sich eine solche Nation über Jahrhunderte als führende Weltmacht behaupten?

Mit der Eigenschaft, nutzloses Wissen zu speichern, geht eine gewisse geistige Abwesenheit in der praktischen Welt einher, eine Vergesslichkeit, etwa was die Bedienung verschiedener technischer Geräte betrifft: Bei meinem Fernseher habe ich immer von Neuem die immer selben Probleme mit der Programmierung der Kanäle, dem Anschluss des Videorecorders usw. Oder die allwaltende Bereitschaft, seinen Schlüssel zu vergessen, die ich mit vielen meiner Zunft teile. Die andere, die positive Seite dieser Vergesslichkeit ist das, was ich als "nützliches Vergessen" bezeichnen würde: Dabei geht es nicht um die Verdrängung von tiefem Schmerz, mit nützlichem Vergessen meine ich eine soziale Kompetenz, die Eigenschaft, einem Gesprächspartner beim Erzählen einer schon mal gehörten Geschichte interessiert, ja begeistert zuhören zu können - weil man sie in der Zwischenzeit längst vergessen hatte. Meine langjährige Ex-Freundin konnte mir zwei-, dreimal, wenn nicht viermal dieselbe Geschichte vortragen, ohne dass ich je gelangweilt gewesen wäre. Umgekehrt genauso, denn auch sie ist mit der Eigenschaft des nützlichen Vergessens gesegnet. An Gesprächsstoff mangelte es uns nie; wir trennten uns aus anderen Gründen.

Es gibt einen schönen Begriff, den irischen Sagen entstammend: die "Anderswelt", abgeleitet vom keltischen Tir na nOg, dem Land der Feen. Dieser Begriff beschreibt recht gut, was mich und andere Sammler von nutzlosem Wissen treibt. Genervt, gelangweilt über- oder unterfordert vom Treiben drumherum: die Sehnsucht nach dem Anderen - wenn nicht Flucht aus dem, was ist, was man selbst kennt oder erfahren hat, so doch wenigstens die geistige Erschaffung einer anderen, einer eigenen Welt. Sie muss nicht exotisch sein, sie kann auch durch und durch bieder sein, z.B. bei einem Zahlenfetischisten, der lediglich ob seiner überflüssigen Gabe, die unmöglichsten Zahlen in größtmöglicher Geschwindigkeit zu dividieren, anerkannt werden will. Bei mir zumindest ist diese Anderswelt einfach nur durchgeknallt: Umgeben von Wurstprinzessinnen, zurückhaltenden Phosphatkackern auf dem Weg nach Maseru und einem Wolfgang Dummer, der sein Handy im Klo runterspült, tappe ich durch einen bizarren Zauberwald, in dem dann auch bald Rübenschweine mit Knickbeinen und Spitzohren, der siebenschwänzige Blaukopf, als vietnamesischer Staatssicherheitsmitarbeiter getarnt, und drei greinende Studentinnen aus Graal-Müritz auftauchen. Allesamt am Euter der Bierkuh Bibi hängend. Ein Universum von Spinnern und Fabelwesen, das ich, würde es Wirklichkeit, kurze Zeit später sicher wieder verlassen wollte - aus Sehnsucht nach der anderen Welt. Die tatsächliche und die andere Welt sind sich nämlich gar nicht so unähnlich, nur auf je eigene Art und Weise irre.

Bei manchen Sammlern von nutzlosem Wissen geht mit der Sehnsucht nach der Anderswelt eine Liebe zum schönen aber merkwürdigen Wort einher. Die Freude am außergewöhnlichen, selten verwendeten Ausdruck. Wir sagen gern "Gimpel" statt "Dummkopf", "Aufkunft" statt "Genesung". Obwohl das gar nichts anderes meint. Wir können uns schlicht an der Schönheit mancher Worte begeistern: "Brosamen" etwa oder "Milch". Vielleicht lässt sich über die von mir herbeigefaselte Schönheit des einen oder anderen Wortes streiten. Eines der Worte von geradezu universaler Schönheit möchte ich jedoch nennen; es gibt zugleich ein treffliches Beispiel dafür, dass nicht nur ich und ein paar wenige verdrehte Käuze zur Speicherung nutzlosen Wissens neigen. Das Phänomen scheint häufiger zu sein, als gemeinhin angenommen: Seinerzeit, als wir im Osten die Schule verlassen hatten, vergaßen fast alle von uns prompt die im obligatorischen, aber ungeliebten Russischunterricht antrainierten Vokabeln - bis auf ein Wort, das die meisten nicht vergaßen, nicht vergessen konnten: "Dostoprimitschatjelnosti", zu deutsch "Sehenswürdigkeiten". Ein unglaubliches, großartiges Wort, an dessen Schönheit man sich einfach so erfreuen konnte, "Dostoprimitschatjelnosti", und das deshalb nicht nur in meinem Gedächtnis haften blieb. Gleichwohl ist die Kenntnis dieses einen russischen Wortes nichts anderes als nutzloses Wissen. In Moskau oder Sankt Petersburg wären wir mit unseren rudimentären Russischkenntnissen wohl gerade noch befähigt, einen Einheimischen zu fragen: "Wo sind die Sehenswürdigkeiten?", um von der Antwort dann doch nichts zu verstehen.

In diesem Text gibt es einen Fehler. Haben Sie ihn gefunden, melden Sie sich unter: veihelmann@freitag.de. Wir könnten in einen interessanten Austausch über nutzloses Wissen treten.

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00:00 17.08.2007

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