Die Angst, aus der Welt herauszufallen

Ein Jahr nach dem Massaker von Erfurt Über die kurze Halbwertszeit der Betroffenheit

Dass in diesen Tagen in allen Medien der Name des Robert S. genannt wird, gehört zu seinen postumen »Erfolgen« und belehrt uns zugleich über ein möglicherweise zentrales Motiv solcher Täter. »Ich möchte, dass mich eines Tages alle kennen«, hatte er im Vorfeld der Tat einer Mitschülerin anvertraut. Jetzt kennen wir ihn alle. Wem es auf gesellschaftlich lizensierte Weise nicht gelingt, Anerkennung zu finden, kann als Massenmörder und Negativ-Held in die Annalen der Zeitgeschichte eingehen. Die Medien erweisen sich als mächtige Komplizen von Tätern, die auf Anerkennung aus sind. Der Täter produziert den Schrecken im Vertrauen darauf, dass die Medien ihn verbreiten. Man müsste eigentlich die Verbreitung der Schreckensnachricht unterbinden, was der Informationspflicht, vor allem aber der Diktatur der Einschaltquote zuwiderläuft.

In einer Fernsehreportage sieht man, wie zwei Polizisten, die vor Jahresfrist beim Einsatz am Gutenberg-Gymnasium dabei gewesen sind, Streife durch die Erfurter Innenstadt fahren. Einer der beiden deutet nach draußen auf den befriedeten städtischen Verkehr und sagt: »Inzwischen ist alles wieder wie vor dem 26. April.« Er meint das tröstlich und hält es für ein Zeichen der kollektiven Genesung von Trauma und Schock. Was aber, wenn Alltag und Normalität zu den Bedingungen des Schreckens gehörten? Das Verstörende am Massaker von Erfurt war ja, dass der Täter einer »ganz normalen Familie« entstammte und keineswegs monströse Züge trug. Die von den Profilern kurz nach der Tat veröffentlichten Ermittlungsergebnisse verschafften uns einen Einblick in die Abgründe dieser Normalität. Die Fassade der »heilen Welt« bröckelte und gab den Blick frei auf eine Szenerie von Leistungsdruck, Kälte und Indifferenz. Wenn es die Normalität ist, der der Wahnsinn entspringt, muss deren Rückkehr nach dem Schock uns eher erschrecken.

Die Abwicklung der Erfurter Ereignisse liefert uns erneut ein Beispiel dafür, wie kurz die Halbwertszeit der Betroffenheit ist. Wer auf eine Form von Katastrophendidaktik gesetzt hatte, sieht sich ein Jahr danach enttäuscht. Das menschliche Bewusstsein demonstrierte erneut seine Fähigkeit, gegen katastrophische Evidenz immun zu bleiben. Selbst die größten anzunehmenden zwischenmenschlichen Unfälle lösen keinen prinzipiellen und nachhaltigen Zweifel an der Gangart des gesellschaftlichen Prozesses aus. Man griff auf die bewährten lindernden Hausmittel gesellschaftspolitischer Medizin zurück, verschärfte das Waffenrecht, novellierte das Jugendschutzgesetz und änderte das Schulgesetz von Thüringen. Im Juni erklärten die Ermittlungsbehörden die Tatmotive für geklärt und die Ermittlungen für abgeschlossen. Andere Themen wie Flut und Pisa verdrängten die Erfurter Ereignisse aus den Medien und dem öffentlichen Bewusstsein. Es steht zu fürchten, dass erst der nächste Amoklauf die Fragen nach den gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit solch entgrenzter Gewalt wieder auf die Tagesordnung setzen wird.

Akademischen Flankenschutz erhält der gesellschaftliche Verdrängungsprozess durch Interpretationen des Erfurter Geschehens, die den Täter entweder vermonstern oder die Tat als Ausfluss eines zeitlos Bösen begreifen. So behauptet der Psychiater Adler, beim »Amok« handele es sich um einen »Fluch, der der Menschheit mit auf ihren Weg gegeben wurde«. Und der Soziologe Sofsky sieht im Phänomen »Amok« einen Ausdruck der Tatsache, »dass Menschen zu bösen Taten in der Lage sind, immer wieder, jederzeit, überall«. Fast einhellig wird die Suche nach gesellschaftlichen und biographischen Ursachen als Versuch denunziert, den Täter entlasten zu wollen.

Parallel zum Siegeszug des Neoliberalismus setzt sich ein neuer, in Wahrheit uralter Interpretationscode »abweichenden Verhaltens« durch: Es ist entweder die Folge genetischer Defekte oder hirnorganischer Anomalien oder Ausdruck eines gegen die herrschende Ordnung gerichteten »bösen Willens«. Nach dessen Ursachen zu forschen, gilt als sinnlos: »Es gibt keinen Bedingungszusammenhang zwischen einer Biographie und Gewalttätigkeit«, sagt Sofsky.

Es triumphiert gegenwärtig eine pessimistische Anthropologie, die die Grenzen von Lernen und Erziehung sehr eng zieht und mit der Grundannahme operiert, dass im Wechsel der historischen Erscheinungen nur Variationen einer letztlich unveränderlichen menschlichen Natur zum Ausdruck kommen. Das Gute ist in ihren Augen das Böse, das man lässt, weil ein starker Staat einen hindert, es zu tun.

Was wäre aus dem Massaker zu lernen gewesen, wenn wir daran festhalten, den Täter auch als das Ensemble seiner und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen?

Dass unsere Schulen geschützte, verlässliche Orte sein müssten, aus denen ein Schüler auch dann nicht vertrieben werden darf, wenn er leistungsschwach ist oder »stört«. Das einzige Mittel gegen die sozialdarwinistische Kälte und Grausamkeit der Leistungskonkurrenz ist Mitgefühl, das immer Sensibilität für besondere Umstände voraussetzt und dann auch produziert. Schulen müssen auch problematische Schüler die Erfahrung machen lassen: »Du bist etwas wert!« Auf Dauer ist es unmöglich, sein Selbstbewusstsein nur aus sich selbst heraus zu schöpfen, ohne Bestätigung von außen und durch Andere.

Die Konsequenzen aus der Pisa-Studie haben relativ schnell die Konsequenzen aus dem Massaker von Erfurt beiseite gedrängt. In dem Maße, wie Schulen sich als effiziente Zulieferbetriebe für Industrie und Markt begreifen, werden sie zu Orten der Konkurrenz, der Selektion und damit auch der Kränkung. Da gleichzeitig die Fähigkeit, mit Kränkungserfahrungen reif und selbstreflexiv umgehen zu können, immer weniger erworben wird, entsteht hier jede Menge schulischer Sprengstoff.

In Familien sollte ein Klima herrschen, das es Kindern und Jugendlichen ermöglicht, alles sagen zu können. Wer die Erfahrung macht, dass man erlittene Niederlagen eingestehen kann ohne der Zuwendung der Eltern verlustig zu gehen, wird es selbst mit peinlichen Kränkungen und schlimmen Zurückweisungen aufnehmen können, die das Leben »draußen« bereit hält. Das Phänomen, dass der Dialog zwischen Eltern und Kindern abbricht und Eltern nichts oder kaum etwas über ihre pubertierenden Kinder wissen, ist weit über die Familie S. hinaus verbreitet. Immer haben Teenager gewisse Aspekte ihres Lebens vor den Erwachsenen geheim gehalten, wo aber die Verständigung ganz erlischt, ist Gefahr im Verzug. Zur Vorgeschichte des Erfurter Schulmassakers gehörte ein familiäres Klima, das Zuwendung und Aufmerksamkeit an Leistung band. Als Robert diese nicht mehr vorzuweisen vermochte, begann er, sich in ein Gespinst aus Lügen zurückzuziehen und in die Welt der Computerspiele abzutauchen. Diese befriedigen die Abkömmlinge früher narzisstischer Bedürfnisse und liefern der Phantasie von Omnipotenz und Allmacht Nahrung, die in der Realität durch nichts mehr gedeckt ist. Die Kluft zwischen innen und außen wird immer größer und ist irgendwann nur noch gewaltsam zu überbrücken.

Gesamtgesellschaftlich wäre aus der Erfurter Katastrophe zu lernen gewesen, dass wir der Demontage des Sozialstaats Einhalt gebieten und Solidarität an die Stelle des entfesselten Konkurrenzkampfes setzen müssen. Die Menschen des neoliberalen Zeitalters leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression und werden von der Angst umgetrieben, aus der Gesellschaft, ja aus der Welt herauszufallen. Immer mehr Menschen werden in einen Zustand instabiler und gestörter sozialer Beziehungen gedrängt; sie büßen ihre Arbeit, ihre gesellschaftlichen Rollen und Bindungen und damit verknüpfte narzisstische Zuwendungen ein. Schwere Persönlichkeitsstörungen, die im geregelten Alltag leidlich eingekapselt waren, können nun aufbrechen. Gelingt der Rückweg in eine geregelte Normalität nicht, wird der aus der Welt gefallene Mensch mehr und mehr von seiner Tagtraumwelt aufgesogen. Er brütet über seinen inneren Unglückvorräten und droht in den Bann einer destruktiven Dynamik zu geraten, die sich schließlich amokartig entladen kann.

Die gegenwärtige weltpolitische Großwetterlage droht alle Überlegungen und Strategien zur Gewaltprävention zunichte zu machen. Wie überzeugend mögen Sozialarbeiter, Lehrer, Therapeuten in ihrem Bemühen wirken, Jugendliche für zivile Formen der Konfliktmoderation zu gewinnen, wenn die einzig verbliebene Supermacht gleichzeitig unter Missachtung aller diplomatischen Bemühungen auf eine erlittene massive Kränkung bereits zum zweiten Mal mit relativ blinder und entgrenzter Gewalt reagiert? Die nach dem 11. September weltweit wiederauferstandene dualistische Vorstellung von Gut und Böse begünstigt individuelles und kollektives Zurückfallen auf archaische Spaltungs- und Projektionsneigungen. Eigene innere Konflikte werden dann tendenziell an einem in der Außenwelt dingfest gemachten »bösen Objekt« gewaltsam ausagiert. Demokratische Verkehrsformen basieren auf reifen, dialektischen Ich-Funktionen, die durch den weltweiten Rückfall auf einfachere Mechanismen der psychischen Steuerung dauerhaft untergraben werden.

Am Ende des Films M - Eine Stadt sucht einen Mörder von Fritz Lang fällt der Satz: »Wir müssen besser auf unsere Kinder aufpassen.« Wenn wir diesen seiner hilflosen Banalität entkleiden, könnte folgende Anweisung aus ihm gefolgert werden: Eine Gesellschaft, die langfristig ihren inneren Frieden sichern will, hätte viel Sorgfalt und Energie darauf zu verwenden, die Bedingungen, unter denen nachwachsende Generationen sich entwickeln, so zu gestalten, dass sie geschützte, bergende Räume antreffen, in denen sie auf Basis von Kontinuität und Verlässlichkeit ihre »psychische Geburt« (Margaret S. Mahler) vollenden und zu sich selbst gelangen können. Eine Gesellschaft, die die Entstehungsbedingungen des Menschlichen ihren ökonomischen Forderungen opfert und es zulässt, dass auf die Kindheit der Kälteschatten von Elend, Gleichgültigkeit und Bindungslosigkeit fällt, darf sich nicht wundern, wenn in ihrem unwirtlichen Schoß eine Generation heranwächst, die nur noch dem Markt entsprechende psychische Formen entwickelt: kalte Schonungs- und Rücksichtslosigkeit, moralische Indifferenz und eine latente Feindseligkeit, die jederzeit in Hass umschlagen kann. Sie bekommt die Kinder und Jugendlichen, die sie verdient.

Götz Eisenberg arbeitet als Gefängnispsychologe im Erwachsenenvollzug. Einen ausführlichen Kommentar des Autors zu den Erfurter Ereignissen enthält sein 2002 im Gießener Psychosozial-Verlag erschienener Band Gewalt, die aus der Kälte kommt. Amok-Pogrom-Populismus.

00:00 25.04.2003

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