Die Angst bleibt

Mölln Zehn Jahre nach dem rechtsradikalen Brandanschlag auf ein Wohnhaus haben die türkischen Opfer noch mit ihrer Erinnerung und der Bürokratie zu kämpfen

Die Vergangenheit vergeht nicht. Das Entsetzen über die Geschehnisse in der Nacht auf den 23. November 1992 in Mölln ist für Faruk Arslan gegenwärtig. "Zehn Jahre ist es her", erzählt Arslan, "aber kein Tag an dem ich nicht an meine Mutter, Tochter und Nichte denke." Nachts kommen die Erinnerungen an den Brandanschlag auf das Haus in der Mühlenstraße 9 wieder, bei dem Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz im Feuer zu Tode kamen. Zu tief ist für Arslan der Schmerz über den Verlust der "unersetzlichen Geliebten" und zu groß die Enttäuschung über die "unerfüllten Hilfsversprechungen".

Gegen ein Uhr morgens warfen die Neonazis Michael Peters und Lars Christiansen mehrere Molotow-Cocktails in das von zehn türkischen Staatsangehörigen bewohnte Haus im alten Stadtzentrum der schleswig-holsteinischen Kleinstadt. Nachdem sie feststellten, dass die Flammen den Eingang erfassten, riefen sie die Feuerwehr an: "In der Mühlenstraße brennt es! Heil Hitler." Es war bereits das zweite Haus, das die Täter in dieser Nacht angezündet hatten. Aus dem ersten Haus konnten sich die Bewohner noch rechtzeitig retten. Derweil griff in der Mühlenstraße das Feuer über den Treppenaufgang auf das Obergeschoss über. Nur mit einem Sprung aus dem Fenster konnten sich mehrere Bewohner in Sicherheit bringen. Einige erlitten schwere Bruchverletzungen und leichte Schnittwunden. "Dreieinhalb Stunden später fand die Feuerwehr meinen Sohn Ibrahim. Er war völlig verrußt und gänzlich vom Löschwasser unterkühlt", berichtet Arslan, der über Nacht in Hamburg geblieben war, weil er für seine Nichte eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt hatte. Als ein Bekannter ihn anrief und sagte "Euer Haus brennt" war er sofort losgerast. Für die 51-jährige Bahide Arslan und ihre 10- und 14-jährigen Enkelinnen kam jede Hilfe zu spät.

Erstmals waren Menschen in Deutschland durch einen Brandanschlag von Neonazis getötet worden. "Im In- und Ausland wurde Mölln zu einem Symbol rassistischer Gewalt", erklärt Wolfgang Engelmann, Bürgermeister des Kurorts. Die öffentliche Resonanz auf den Anschlag habe Zeichen gegen den Hass gesetzt. "Noch am Abend brachte die Bevölkerung in einem Schweigemarsch ihre tiefe Betroffenheit zum Ausdruck", betont Engelmann. Wenige Tage später demonstrierten über 12.000 Menschen in der Stadt. Unzählige Beileidsbekundungen von Politikern und spontane Hilfsangebote von der Bevölkerung aus dem gesamten Bundesgebiet folgten. Auch damalige Bundes- und Landespolitiker wie Norbert Blüm und Björn Engholm kamen zu den Ruinen und versprachen Hilfe.

Verbittert erinnert sich Arslan an jene Wochen. "Die Politiker haben nichts gehalten und die Polizisten suchten bei den Türken nach den Tätern." Um die Betroffenen sei es den Politikern kaum gegangen. "Die sorgten sich vor allem um das Ansehen Deutschlands." Selbst nachdem Ende November die Polizei die Täter festnahm, wurde in den Medien noch über Tatmotive aus den betroffenen Familien spekuliert. Am 17. Mai 1993 wurde vor dem Oberlandesgericht in Schleswig die Verhandlung gegen Peters und Christiansen wegen Mordes eröffnet. "Da verschwanden solche Berichte", sagt Arslan. Stattdessen titelte die Bild "Der frechste Türke", da er eine finanzielle Entschädigung forderte. Nach 47 Verhandlungstagen verurteilte das Gericht den 25-jährigen Peters zu lebenslanger Haft und den 19-jährigen Christiansen nach Jugendstrafrecht zu zehn Jahren Gefängnis. "Sie handelten aus purer rechtsradikaler Gesinnung", begründete Richter Hermann Ehrich die Höchststrafen. Vor Gericht hatte Christiansen noch gesagt, dass der Anschlag "eine gelungene Aktion" gewesen sei.

Anlässlich des zehnten Jahrestags der Brandanschläge wollen die Stadt und verschiedene Initiativen mit einem umfangreichen Programm an die Opfer erinnern. 1996 richtete Mölln eine Begegnungsstätte ein und 1999 wurde eine Gedenktafel an dem Brandhaus enthüllt. "Das persönliche Leid kann natürlich nicht geheilt werden", meint Bürgermeister Engelmann.

"Wir stehen heute finanziell schlechter da als vor dem Anschlag", sagt Arslan, der mit seiner Familie seit zwei Jahren in Hamburg lebt. Den Betroffenen hätte man mit unbürokratischer Unterstützung zusätzliche Belastungen ersparen können, ist er überzeugt. Seine Frau leidet seit dem Anschlag an den Folgen ihrer Verletzungen und sein Sohn ist immer noch verstört. Er selbst ist nervlich überlastet. "Die Stadt hat alles getan, was sie konnte", erwidert Engelmann. Doch die Familie Arslan musste selbst um ihnen rechtlich zustehende Hilfen streiten. Erst nachdem ihr Rechtsbeistand Joachim Schaller sich beim Sozialamt Hamburg-Mitte einschaltete, wurden die zustehenden Hilfsleistungen bewilligt. Monatelang forderten die Sachbearbeiter Arslan auf, schon vorgelegte Unterlagen erneut vorzulegen. "Der Terror geht jetzt erst los", soll ein Sachbearbeiter gedroht haben. Zehn Jahre nach dem Anschlag hat die Familie offenbar noch kein Schmerzensgeld erhalten. "Wir überprüfen gerade den Sachverhalt", ist aus dem Anwaltsbüro zu hören, das gerade das Mandat übernommen hat. Es prüft ebenso, warum die Krankenkasse nicht die Kosten für die psychologische Betreuung von Arslans Sohn übernehmen will. "Jede Nacht", erzählt Arslan, "erlebt auch er das erlittene Leid erneut."

00:00 22.11.2002

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