Die Angst so groß wie die Gier

Geschwister-Liebe Nichts liegt näher im Familienleben als sexuelle Attraktion, und nichts ist verfemter und verletzender als Inzest. Protokoll einer Jugendgeschichte

Mein Vater hatte pechschwarzes Haar, und seine Haut war weich und hatte ein seidiges Braun, und das Fleisch unter seinen Fingernägeln war rosig und frisch. Er war ein Nichts-nutz und ein Feigling; aber er war schön. Noch als verheirateter Mann liebte er es, den Stenz zu spielen. Es war seine schönste Rolle, und er nahm jede Frau, die er kriegen konnte.

Meine Mutter hatte stark blondiertes, strohiges, kurz geschnittenes Haar, einen riesigen Mund und kleine tückische tiefliegende Augen. Es war das weltmännisch Spielerische, das meine Mutter an meinem Vater fasziniert hatte, aber am Ende hätten sie einander um ein Haar totgeschlagen und ließen sich scheiden, als ihre beiden Kinder noch klein waren.

Ich erinnere mich an eine Fotografie: Ein Geschwisterpaar hält sich an den Händen. Die kleinen Zähne und die Augen leuchten, und das Mädchen hat einen Pagenschnitt, der Junge einen Fassonschnitt. Der Junge ist vielleicht vier oder fünf Jahre alt, das Mädchen ein paar Jahre älter. Der Junge schaut das Mädchen an, und das Mädchen schaut den Betrachter an.

Meine Schwester Sabine und ich wohnten unsere Kindheit und Pubertät über in einem kleinen Zimmer, in dem zwei Betten standen und ein Schrank. Wir verließen das Zimmer in der Wohnung meiner Mutter, als Sabine heiratete und ich in ein Internat kam. Danach verloren wir uns aus den Augen, weil ich es so wollte.

Nachdem die Ehe meiner Eltern geschieden und mein Vater weg war, stiegen fremde Männer zu meiner Mutter ins Bett und stiegen wieder raus. Etliche von ihnen waren Handwerker; sie renovierten und reparierten anschließend in der Wohnung herum.

Meine Mutter sah sich jeden Boxkampf im Fernsehen an. Sie mochte die schnellen Reflexe und die Schreie der Anspannung, mochte die zerschlagenen, halbblöden Gesichter nach dem Kampf und die pumpenden schweißnassen Leiber. Für mich hatte sie nur Geringschätzung übrig. Du wirst ein Versager werden wie dein Vater, hatte sie mir prophezeit. Sie tat so, als wäre ich ausschließlich sein Fleisch und Blut und nicht auch ihres.


Sabine hatte Sommersprossen. Aber nur ein paar ganz kleine, ganz oben auf der Nase und auf den Wangen. Dennoch ärgerte sie sich furchtbar darüber, angesichts ihrer ansonsten makellosen Haut. Als ihre Pubertät vorüber war, hatte sich zudem die Farbe ihrer Augen verändert. Aus Braun war Graugrün geworden. Der Wechsel der Augenfarbe war indes die einzige äußere Veränderung, an der sie Anstoß nahm.

Meine eigene Pubertät war eine Katastrophe. Nicht nur, dass meine Augenfarbe ebenfalls von Braun zu Graugrün wechselte. Ich bekam keinen Stimmbruch, keinen Bart, keine Schambehaarung. Keine Haare und keinen markanten Geruch unter den Achseln. Still rutschte ich in den Zustand der Zeugungsfähigkeit hinüber. Schlimmer aber war, dass ich das Aussehen meiner Mutter annahm. Meine Haut verfärbte sich weiß, meine Ohren wurden groß und größer, und meine Finger schrumpften zu Stummeln.

Als hätte ihr Erbmaterial die Gelegenheit genutzt, um mein Äußeres von jeder Ähnlichkeit mit meinen Vater zu reinigen. Sabine hingegen blieb bis auf die Farbe ihrer Augen sein Abbild: warmer Grundton, zierlich-verspielte Silhouette; ein harmonisches Verhältnis konvexer und konkaver Linien.

Sabine war gesund anzusehen wie eine glänzende, saftige Frucht. Ich wäre auch nach der Pubertät gerne das Abbild meines Vaters geblieben, hätte gern die Aufmerksamkeit gehabt, wie sie schönen Menschen zuteil wird.


Zu Sabines 16. Geburtstag hatte meine Mutter einen Hosenanzug für sie anfertigen lassen. Die Hosen waren oben und um die Schenkel eng und unten weit. Die Jacke war tailliert und schmiegte sich an die Hüften an. Vorn waren die Schöße abgerundet, nicht eckig, und gaben die Sicht frei auf ein scharf umrissenes Dreieck und in der nach unten stehenden Spitze des Dreiecks auf eine tiefe Kerbe. Der Anzug saß zum Nähteplatzen. Meine Mutter wollte es so.

Und so kam es, dass Sabine in jenem Frühjahr in ihrem neuen himmelblauen Anzug an der Seite meiner Mutter sonntagnachmittags durch die Straßen unseres Viertels ging, und ich ging hinterher, sah, wie die Nachbarn sich umdrehten und tuschelten und wie Sabine es auch sah und unsicher wurde und rot im Gesicht.

Da war also ihr Gesicht, und darunter ruhten ihre Brüste, als wären sie schon immer da gewesen, und die aus ihnen hervorsprießenden Brustwarzen waren ihr anderes Ich. Der Kontrast war schön. Es war ein fremdes, unheimliches Wesen, in das sich Sabine jeden Abend vor meinen Augen verwandelte, und ich war mir selber unheimlich und fremd.

Ich lag im Bett, das Licht war an, und ich sah ihr bei der Abendtoilette zu. Sah, wie sie nackt und leise singend vor dem Spiegel ihrer Schminkecke stand, sich drehte und wendete, vorbeugte und reckte. Eine Ewigkeit lang. Und während mein Blick ihren Rücken hinabglitt, wartete ich darauf, dass sich ihre zwei Halbkugeln wie immer ein wenig öffneten, und sie waren fast zum Anfassen nah und waren genauso schön und rund und fest wie ihre Brüste.

Mir gefiel die Tropfenform der Schamlippen und die verschwiegen dunkle Färbung, die ihre Umgebung hatte, und ich atmete den Geruch, der zwischen Sabines Beinen hervorströmte, wie eine Droge ein. Diesen Geruch, den man nicht bewusst wahrnimmt, obwohl er da ist. Ich fühlte die Macht, die sie über mich hatte, fühlte das Verlangen, mehr von ihr zu sehen, zu riechen, zu fühlen, und flehte, dass mich dieses Verlangen nie mehr verlassen möchte.


Ich sah und fühlte das alles, ich wollte nie wieder schlafen, und meine Angst war so groß wie meine Gier. Aber Sabine dachte gar nicht an mich, ihren kleinen Bruder, der nervös schluckend in seinem Bett lag und sich nach dem verzehrte, was er sah.

Bald ließ ich alle Vorsicht fahren, starrte Sabine abends wie hypnotisiert an und begann, unter der Bettdecke zu onanieren. Jetzt bekam sie mit, dass ich an ihr klebte wie ein Affenjunges an der Mutter. Sie sagte nicht, he, was ist los mit dir, lass´ das sein! Sie sagte überhaupt nichts. Sie warf mir blitzschnelle Blicke zu; ungläubig und neugierig. Aber nicht immer.

Ich konnte nicht anders, als keine Rücksicht darauf zu nehmen, was Sabine denken und fühlen mochte. Ich wartete auf ein Zeichen, auf einen Anlass, um das an ihr zu befriedigen, was die Medizin als den Detumeszenztrieb kennt, den "Drang zur Abschwellung des Geschlechtsorgans nach dem Geschlechtsverkehr". Da war nichts Höheres.

An manchen Tagen reagierte sie sehr ungehalten auf mein "Erlöse Mich"-Getue; an anderen nicht. Stürzte ich zum Beispiel ins Bad und schloss mich ein, wie ich es mitunter mehrmals täglich tat, konnte es passieren, dass sie an die Tür klopfte und an der Klinke rüttelte. Oder sie forderte meine Mutter dazu auf, mir grundsätzlich zu verbieten, die Badtür hinter mir zu verriegeln. Und meine Mutter sah mich an, und ihr Blick fragte verständnislos, warum?

Am liebsten onanierte ich deshalb bei meiner Oma mütterlicherseits.

Sie wohnte ein paar Häuser weiter, hatte ein Magazin-Abonnement und eine winzige separate Schlafkammer, unmittelbar neben ihrer Wohnung. Darin standen ein Bett und darunter ein Nachttopf. Die Tür hatte ein mittels eines großen Schlüssels zu bedienendes Schnappschloss; keine Klinke. Das Magazin, eine frivol-intellektuelle Monatszeitschrift, hatte außer schönen und langen Texten mehrere Seiten mit künstlerisch anspruchsvollen Fotografien von unbekleideten Frauen, mal farbig, mal schwarzweiß.

An einem Regentag, ich wollte mich eben mit einigen Exemplaren von Omas Diele aus in Richtung Kammer absetzen, stürmte Sabine herein, hochrot im Gesicht, und ihre Nase war spitz und ihr Mund ein Strich. Und drohend stand sie vor mir, und ich stand da wie ertappt. "Wo willst du hin?" "Na, nach nebenan, lesen!" "Nein, Oma, nein, er soll nicht gehen, oder er soll die Hefte hier lassen!" "Wieso denn? Nu´ gönn´ sie ihm man, er hat sie doch so gern." Ich durfte gehen, und ich sah, wie Sabine vor Wut den Tränen nahe war, und ich war wütend auf sie: Sie stand da wie - ja, wie stand sie da? - in diesem Augenblick stand sie da wie eine beleidigte, eifersüchtige Ehefrau.


Niemand ahnte etwas von Sabine und mir. Ich war der sonderbare Junge, der bis sechs an Inkontinenz gelitten und jetzt noch Mühe hatte, nachts nicht mehr einzupissen, und Sabine war das fleißige, saubere Mädchen. Ich hatte keine Vorstellung von dem Abgrund, an dem ich entlangbalancierte. Ich wusste nur, dass einer da war. Und gerade Sabine, der so viel daran lag, die Kontrolle über mich zu behalten, ließ sich ein einziges Mal zu etwas hinreißen, von dem sie meiner Ansicht nach nicht hundertprozentig wissen konnte, wie es ausgehen würde. Oder doch?

Wir waren allein, waren in unseren Zimmer, meine Mutter war weg, es war heller Nachmittag, ein langweiliger Sommersonntagnachmittag. Sabine lag in Slip und Unterhemd auf ihrem Bett, und ich saß auf der Fensterbank, sah hinaus und sah ins Zimmer, und jeder registrierte, was der andere tat. Während ich es bewunderte, dass ihre Beine genauso schön waren wie ihr Gesicht, hatte ich den Eindruck, dass es ihr darauf ankam, als vollkommen abwesend zu erscheinen. Sie rekelte sich, rollte sich auf die Seite und auf den Bauch. Rollte sich auf den Rücken und zeigte die Innenseiten ihrer Schenkel. Sie vermied es, mich anzusehen, und ich verfolgte, was sie tat, und war wie erstarrt.

Ich war wie erstarrt, und als ich zu schlucken anfing, sah sie doch zu mir herüber und grinste ein bisschen. Sie musterte mich, sagte, was guckst du so, du spinnst wohl, und ich sagte, na und, ich gucke, wohin ich will. Die Guckerei. Ich hielt ihre Worte für ein Entgegenkommen, denn ihre Stimme hatte gezittert, und ich hatte den Impuls, mich auf sie zu werfen, warf mich aber stattdessen neben sie aufs Bett.

Sie kreischte auf und schlug nach mir und schrie, was soll das, das ist jetzt kein Spaß mehr. Ich sagte wieder, na und, und drehte mich weg von ihr. Drehte mich auf den Rücken, und plötzlich saß sie rittlings auf mir, hielt meine Arme fest, lachte schrill und rief, so, und was machst Du nun?

Ich spürte die Wärme zwischen ihren Beinen und ihr Schambein, wie sie es auf meinen Beckenknochen drückte. Der Impuls war weg. Jetzt war ich es, der den Tränen nahe war. Ich ahnte, weshalb ich unter ihr war und sie über mir: Sie hatte die Situation als günstig erkannt, hatte mich gelockt, bis ich dachte, o Gott, es ist so weit, sie will es auch, und als ich kam, zeigte sie mir, wie anmaßend ich war und wie lächerlich mein Vorstoß. Es war nicht das, wo man sagen kann, dass der Streit irgendwann in Zärtlichkeit übergeht. Es war nichts als Arglist und Boshaftigkeit darin, als sie es tat.

Ich stieß sie weg. Ich stieß ihre Hände weg und ihr Schambein. Aber ich wollte sie nicht loslassen, und sie ließ mich ebenfalls nicht los, und unsere Beine verhakelten sich ineinander. Ein stummer Kampf. Ich hatte ihre Ellenbogen gepackt und ein Knie angewinkelt, hatte es in ihrem Schoß, und rücklings kam sie auf dem Laken zu liegen.

Ich bemerkte erstaunt, wie weich ihr Körper war. Unglaublich, wie weich er war. Aber er war ohne Gewicht, er war nicht anschmiegsam; er lag bloß da. Ich hörte ihr Atmen und meins, sah ihre Lider flimmern und ihren Körper unter mir liegen, und als ich ihn Sekunden später freigab, gab ich keinem Widerstand nach, schnellte er nicht wie befreit empor. Mir war, als hätte Sabine für den Moment stillgehalten, um meine Qual auszukosten und noch zu steigern, und hatte auf einmal meinen Griff gut gefunden.

Und ich fand ihn auch gut. Denn er hatte es mir erlaubt, in sie hineinzusehen. So wie mir jetzt war, war ich der Entdecker und Sabine das Universum, das zu entdecken war. Schon von Anfang an.


Ich wusste, es stimmte höchstens teilweise. Dennoch stellte ich mir vor, dass Sabine täglich ihre "Liebhaber" wechselte. Und in meiner Eifersucht stellte ich mir außerdem vor, sie alle hätten sie gehabt.

Die Liste, auf der fast zwei Dutzend Namen standen, hatte ich in ihrem Nachttisch gefunden. Hingeschrieben auf kariertem Papier und offenbar nach Rang nummeriert; Vor- und Nachnamen. Einige hatten ein blaues Häkchen, einige waren mit rotem Kugelschreiber durchgestrichen. Als meine Mutter wieder einmal auswärts schlief, brachte Sabine nachts einen von diesen dürren Langhaarigen mit, auf die sie stand. Ich hörte sein Lachen und wie es ein Kichern wurde.

Sabine kam ins Zimmer, beugte den Kopf über mein Bett, flüsterte, du, ich hab´ da jemanden mit, ich geh´ rüber ins Schlafzimmer, sei bitte nicht böse. Ihre Lippen berührten mein Ohr, und ihr Atem war ein Hauch, der mir gut tat. Es war ein Flehen. Innig und zärtlich, und ihre Stimme zitterte wieder. Ich fühlte mich nicht schwach, aber ich fühlte die Schwäche kommen. Und ich wollte nicht, dass sie kam.

Den letzten Sommer, bevor Sabine heiratete und ich ins Internat kam, fuhr meine Mutter mit einem "Bekannten" für zwei Wochen in den Urlaub. Sabine hatte es meiner Mutter versprochen: Sie ging abends nicht aus. Stattdessen ging sie früh schlafen.

Die erste Nacht. Die zweite, dritte, vierte. Auch die fünfte verbrachte ich aufrecht sitzend im Bett, den Blick an Sabines Umrisse geheftet. Ich wollte das Zeichen nicht verpassen; aber es kam keins. Ich wollte rufen; aber das ging nicht. Die Übelkeit, die in mir hochstieg. Ich wusste nicht, ob sie von der Angst kam, der Gier oder der Erschöpfung, und der Kummer fuhr mir bis in die Hoden. Bis in die kleinen, glatten Dinger, von denen ich bis dahin geglaubt hatte, sie wären zum Sammeln des Urins da.

Flach atmend und mit trockenem Mund zwang ich mich irgendwann hoch; taumelte ohne Licht zu machen ins Bad, von da in die Küche und stierte bebend vor Ratlosigkeit minutenlang das Geschirr in den Regalen an. So also sieht es in einem Wahnsinnigen aus, dachte ich und: War es das, was du hattest haben wollen? Nein, so ein Ende nicht. Ich wollte, dass Sabine sich rührte. Aber sie rührte sich nicht. Matt und ruhelos kletterte ich zurück auf die Matratze, schlug mit dem Kopf gegen die Wand, um nicht einzuschlafen. Tagsüber kamen die Glücksgefühle: Das tranceähnliche Begehren. Die Intensität der Wahrnehmungen. Die Vorfreude auf die kommende Nacht und das Objekt in meiner Nähe. Und niemand sonst außer ihm und mir.


Die x-te Nacht. Morgens, gegen zwei Uhr, sah ich mich plötzlich vor Sabines Bett stehen. Nackt und bereit, mich zu ihr zu legen.

Ich war aus einem Sekundenschlaf hochgeschreckt, nachdem ich eine große Welle auf mich hatte zurollen sehen, die mich in sich aufnahm und fortriss, irgendwohin. Vielleicht doch nicht ganz irgendwohin: Los, steh´ auf, bring´s endlich hinter dich, hatte etwas in mir drin gesagt. Und wie ein Geist hatte ich mich aus meinem Bett erhoben.

Sabine lag auf dem Rücken, in ihrem rüschenbesetzten safrangelben Negligé, das sie selten trug. Die Decke hatte sie zurückgeschlagen. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen und auch nicht, ob sie wach war oder schlief. Was ich sah, waren die v-förmig aufgerichteten und geöffneten nackten Schenkel. Sie standen so, als wollten sie mir die Richtung weisen. Dorthin, wo ich hin wollte. Es war mehr, als ich in allen anderen Nächten zu sehen bekommen hatte. Wie für ein Rokokogemälde posierend lag sie da. Reglos, den Kopf zur Seite, die Arme entspannt links und rechts. Ich bildete mir ein, sie wäre tot; aber nicht sehr.

Und wie ich dastand, mit einem Penis, der wie ein knorriger, viel zu großer Ast in einem viel zu kleinen Stamm stak; wie ich also an ihrem Schenkel-V verharrte und überlegte, wie weiter, hörte ich eine Stimme beherrscht in mein aufgeregtes Bibbern hinein fragen: "Was willst du?" und wusste es nicht. Ich hatte es vergessen. Wie gut, dass ich Sabines Augen nicht sah. "Nichts!" rief ich der Stimme hastig zu, wich zurück, drehte mich um, trat ans Fenster, sah den nächtlichen Himmel und wünschte, ich wäre nicht ich.

Ich weiß nicht mehr, was dann war. Aber ich weiß, Sabine hatte dagelegen wie das perfekte Opfer, und auch das Drumherum war perfekt gewesen. Eine laue Nacht, nicht ganz dunkel, und die Zimmertür stand weit offen, und dahinter waren wie viele verschiedene Horizonte die anderen Zimmer. Da war nur Weite, nichts Enges.

Später dachte ich oft die Pose weiter, in der ich sie überrascht hatte: wie ihre Füße über mir in der Luft schwebten, ihre Arme meinen Hals umfingen und wie ich mich in ihr hin und her bewegte. Genau so. Mit Leichtigkeit stellte ich mir das vor. Ich konnte mir vieles vorstellen. Nur ihren Mund zu küssen und den Ausdruck, den ihr Gesicht dabei hätte, konnte ich mir nicht vorstellen. Ihr Gesicht, das wie Meditation für mich war.

Und ich dachte an die Zeit, bevor Sabine unberührbar für mich geworden war. Das war lange her. Sie und ich, wir sind Kinder gewesen, wie zwei Welpen, die ihre Nasen gegeneinander stupsten und beim Spielen übereinander stiegen. Aber nun waren wir keine mehr.


Ich bin jemand, der danach getrachtet hatte, seine Schwester zu bespringen. Andere Jungen besprangen die Nachbarstochter, die Banknachbarin aus der Schule, die Kameradin aus dem Sportklub. Die Nachbarstochter, die Sportkameradin. Das war etwas anderes.

Dieses ewige Unterlegenheitsgefühl, irgendwie bin ich damit fertig geworden. Bloß mit den Anfällen von Apathie bin ich nicht fertig geworden. Noch immer beschäftigt mich das Hätte und Wäre, und hätte ich es damals getan, wäre es nicht mehr das, was mich beschäftigte. Oder ich wäre daran zugrunde gegangen und wäre nicht mehr da. Fände ich doch nur dieses Gesicht wieder.

Wozu die verzweifelt durchwachten Nächte? Ganz einfach, versuche ich mir heute als erwachsener Mann einzureden: Jeder begehrt am meisten das, was er ständig vor Augen hat, aber nicht haben kann. Und lernt daraus, sich zu bescheiden. Doch so einfach ist es nicht.

Ich bin davon überzeugt, dass im tagtäglichen Anblick des begehrten Objekts und in jener entscheidenden Nacht, dessen furchtbarer Gewalt ich hilflos ausgeliefert war, der Ursprung meines gespaltenen Wesens zu suchen ist. Nach außen hin bin ich angepasst, zurückhaltend, konfliktscheu und einfühlsam. Drinnen jedoch bin ich gefühlskalt, haltlos und kitschig. Warum gibt es Männer, die zur Bestie werden und Frauen töten, und ich nicht? Kann ich es mir wirklich als Verdienst anrechnen, mir nicht aus der Haut solcher Frauen ein Kleid genäht zu haben, die Sabine ähnlich sahen?

Ich habe ein Bild von ihr in mir, seit ich sie zum letzten Mal sah und in dem ich alles Unerfüllte konzentriere: Sie steht da, in voller Größe, Mandelaugen, die Brauen gezupft. Sie hat eine rote Schlaghose und ein weißes Nicki an und eine Hand in die Seite gestützt. Man kann ihr ansehen, wie sehr sie das Wechselspiel ihrer Rundungen genießt. Sie ist da genauso wie vor dem Spiegel, genauso selbstverliebt, so wunderbar weiblich und kokett. Schwer hängt mein Verlangen an diesem Bild, und meine Sehnsucht glüht.

Der vorliegende Text entstand aus Aufzeichnungen von Interviews, die der Autor mit einem anonym bleibenden Mann geführt und als inneren Monolog wiedergegeben hat.


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00:00 29.10.2004

Ausgabe 38/2020

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