Die Angst vor dem Auswärtsspiel

Rechtsextremismus Er ist Fußballfan aus Leipzig – und er ist links. Das reicht oft schon, um seine Gesundheit zu riskieren. Aber Markus S. will sich nicht diskriminieren lassen

Eigentlich hatte nichts darauf hingedeutet, dass die Dinge so eskalieren könnten: Sicher, ein paar Störer hatte man schon erwartet, aber das wäre nichts Besonderes gewesen. Nicht bei einem Auswärtsspiel von Roter Stern Leipzig. Der Ordner am Eingang, der seinen Leuten zuraunte „So viele Zecken“, war ein Mensch, wie man ihn bei Spielen in der Provinz oft trifft – und das Gerücht, dass sich ein gutes Dutzend Rechte auf dem Marktplatz versammelt hatten, machte auch niemandem Angst. Was wollten die schon anrichten? Plötzlich aber tauchte aus einer Seitenstraße vor dem Stadion eine Wand aus Menschen auf, viele mit Eisenträgern bewaffnet. Markus S. weiß noch, dass er davonrannte. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie die ersten Roter-Stern-Anhänger zusammengetreten wurden. In diesem Moment pfiff der Schiedsrichter das Spiel an.

„Wenn 50 Leute vermummt die Straße runterkommen, weißt du: Die sind nicht zum Fußballgucken da“, sagt Markus. Er ist 22 Jahre alt, Auszubildender – und linker Fußballfan. Letzteres ist an manchen Orten Grund genug, gehasst zu werden: Drei Verletzte, so lautet die offizielle Bilanz dessen, was im vergangenen Oktober ein Fußballspiel des Clubs Roter Stern Leipzig beim FSV Brandis werden sollte, aber in einem Überfall rechtsextremer Schläger endete. Drei Verletzte, das klingt wie das Resultat einer Jahrmarktkeilerei. Markus sagt: „Es ging ums Überleben.“ Er ist fast zwei Meter groß, kräftig, trägt einen dichten Vollbart.

Nicht immer, wenn Markus zum Fußball geht, nehmen die Dinge einen so verhängnisvollen Verlauf wie in Brandis. Wenn alles gut geht, dann bedeutet das: Menschen in Thor-Steinar-Kleidung, „Scheiß Zecken“-Rufe, vielleicht auch antisemitische Gesänge. Keine Gewalt, aber deswegen herrscht noch lang kein Frieden. Das, was Markus im Zweiwochenrhythmus erlebt, ist das alltägliche Hintergrundrauschen im sächsischen Fußballbetrieb, in der Öffentlichkeit wird es kaum wahrgenommen. Dafür sind solche Vorkommnisse schlicht zu normal.

An der Anzeigetafel steht 8:8

So normal etwa wie das Spiel bei der SG Lausen: Markus erinnert sich an 30 oder 40 Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts von Thor Steinar. Mit geschwellter Brust standen sie da, breitbeinig, und bewachten die Anzeigetafel – und obwohl die Gastgeber das Spiel mit 2:6 verloren, konnte man dort 90 Minuten lang einen Spielstand von 8:8 lesen – analog zu jenem Neonazi-Code, dem zufolge die Ziffernfolge 88 die Abkürzung HH symbolisiert, „Heil Hitler“.

Markus sagt: „Ich möchte mich in einem gesellschaftlichen Umfeld bewegen, in dem ich frei von Diskriminierung bin. Das ist eine komplette Lebenseinstellung und nicht nur auf den Fußball bezogen.“ Es ist Mittag, er sitzt in einer Studentenkneipe im Leipziger Stadtteil Connewitz und schlürft Kaffee. Er trägt eine Trainingsjacke und redet gerne in Diskurs-Sätzen, die schnell etwas länger werden. Eigentlich hat er einen anderen Vornamen, aber den will er nicht in der Zeitung lesen – ebensowenig wie den Namen des Berufs, den er gerade lernt. Fußballfan sein – das klingt so alltäglich, aber in Markus’ Welt ist es konspirativ: „Was mich antreibt, sind die Zustände, die es im Fußball gibt. Viel zu viel wird akzeptiert, nur weil es Fußball ist.“

Die typische Karriere eines Fans verläuft eigentlich so: Ein Mensch entscheidet sich in seiner Kindheit für seinen Lieblingsverein und bleibt ihm ein Leben lang treu. Für Markus gilt das nicht. Roter Stern Leipzig ist das vorläufige Ende einer Reise durch die Vereine. Und nicht alle Ereignisse, die er erzählt, haben sich bei einem Roter-Stern-Spiel ereignet. Noch bevor es mit dem Fußball losging, hielt die Politik Einzug in Markus’ Leben. Im Leipzig der neunziger Jahre war Politik oft nicht besonders kompliziert: Man fand sie an vielen Straßenecken, sie trug Springerstiefel, Bomberjacke und Glatze. „Damals gab es in Leipzig noch diese Klischee-Nazis“, sagt Markus – und, dass er solchen Menschen schon immer mit „Dissympathie“ begegnet sei. Wohl wegen des Weltbildes, das er von zu Hause mitbekommen habe. „Ich war schon gegen Nazis, bevor ich mich für Fußball interessiert habe.“

Als er 14 war, nahm ihn das erste Mal ein Freund mit ins Fußballstadion: FC Sachsen Leipzig hieß der Verein, aber alle sagten nur „Chemie“ und gingen schon singend die Straßen zum Stadion entlang. Markus stand dann mitten im Block, der Lärm war überwältigend. Und obwohl er keines der Lieder kannte, sang er alle mit, irgendwie: Er machte einfach den Mund auf und ließ Töne rauskommen. Hinterher erzählte er seinen Eltern jedes Detail des Stadionbesuchs, Minute für Minute. Nur das Ergebnis nicht, das hatte er schon vergessen.

Mehr Weltanschauung als Club

Traditionell gilt Sachsen Leipzig als Club mit eher alternativ geprägtem Anhang. Das war schon zu DDR-Zeiten so, als der Verein noch BSG Chemie Leipzig hieß und sich durch die Opposition zu seinem Lokalrivalen definierte – dem staatsnahen 1. FC Lokomotive Leipzig, dem heute viele Beobachter nachsagen, zum Objekt rechtsextremistischer Unterwanderung geworden zu sein. Dass aber auch die Geschichte vom linken FC Sachsen im Stadtteil Leutzsch so nicht stimmte, musste Markus schnell begreifen: „Teutonisch, barbarisch, wir Leutzsche, wir sind arisch“, lautete etwa der Aufdruck, mit denen Mitglieder der Fangruppe „Des Fußballs Metastasen“ zum Auswärtsspiel beim FC St. Pauli erschienen. Als die anderen Fans sie später zur Rede stellten, „war alles nicht so gemeint“. Man habe nur provozieren wollen. Und überhaupt: „Wir gehen schon viel länger zum Fußball, von euch lassen wir uns nichts sagen.“

Dann kam dieses Auswärtsspiel im November 2007. Es endete 1:1, ein schwaches Unentschieden beim Tabellenletzten und der Aufstiegsplatz in die Regionalliga war für den FC Sachsen jetzt weit entfernt. Gemeinsam mit einer Gruppe von 70 Fans stieg Markus am Leipziger Hauptbahnhof aus dem Zug, enttäuscht, frustriert – auf einmal standen sie einer Gruppe von „Metastasen“ gegenüber. 30 oder 40 Männer nur, aber alles Schränke. „Letztlich hat man sich mit Leuten auf die Fresse geschlagen, die eben im Stadion noch neben einem standen“, erzählt Markus. Und fügt hinzu: „Wenn du ein paar solche Situationen erlebt hast, weißt du: Weglaufen bringt da nichts. Du kannst dich stellen, dann trifft es alle ein bisschen. Oder du rennst weg. Dann trifft es einige richtig.“ Er stellte sich.

Nicht viel anders war es bei einer anderen Auswärtsfahrt, auf der sie von Rechtsextremen empfangen wurden. Es waren vielleicht zehn Leute, Fans des Gastgebers. Sie pöbelten aus nächster Nähe, doch eine geschlossene Bahnschranke trennte sie und die Sachsen-Anhänger. Dann aber ging die Schranke plötzlich hoch, damit hatten sie nicht gerechnet. „Es gab eine Auseinandersetzung, bei der die Leute aus dem Weg getreten wurden. Wenn die etwas riskiert haben, dann ist nichts Falsches daran, einen Fascho mal umzuklatschen.“ Markus sagt das in einem so nüchternen Ton, als wäre es Staatsräson.

Im Sommer 2008 war der Zeitpunkt gekommen, an dem er genug hatte vom FC Sachsen, von den Pöbeleien, den ewigen Auseinandersetzungen, auch mit der eigenen Seite. Also beschloss er gemeinsam mit anderen Fans, sich vom Club abzuwenden. Stattdessen nahm auf ihre Initiative ein Verein namens BSG Chemie Leipzig den Spielbetrieb auf. Dort gingen sie jetzt hin und ließen dem FC Sachsen seine „Metastasen“. Es ging anderthalb Jahre gut, aber dann bekamen viele Anhänger Sehnsucht: Sie begannen Gespräche mit dem FC Sachsen über eine Wiedervereinigung und Markus beschloss, dass es für ihn jetzt Zeit sei, auch diesem Verein den Rücken zu kehren. Die einzig mögliche Wahl war Roter Stern Leipzig – in der Bezirksklasse kickend, mehr Weltanschauung als Club, explizit politisch links und antirassistisch.

Wenige Wochen nach dem Neonazi-Überfall in Brandis wurde der Verein mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie geehrt. In ihrer Laudatio lobte Anetta Kahane, Vorsitzende der antirassistischen Amadeu-Antonio-Stiftung, den Club dafür, dass er „Diskriminierungen jeglicher Art“ nicht dulde und Kulturprojekte gegen Ausgrenzung organisiere. Kahane betonte zugleich, dass der Verein die Auszeichnung für sein Engagement erhalte – nicht als Reaktion auf die Ereignisse von Brandis.

Sie werden selbst zum Mob

Irgendwann damals in Brandis, im Verlauf dieser furchtbaren Minuten, gab es einen Moment, in dem sich die Stimmung änderte, erzählt Markus. Die Roter-Stern-Fans waren vor der Wand aus Menschen auf das Spielfeld geflohen, das Spiel war abgebrochen. Jetzt bemerkten sie, dass die Nazis zwar durchtrainiert waren und mit Eisenstangen bewaffnet – aber eben nur 50 Leute, halb so viele wie sie selbst. Und auf einmal liefen sie los, wurden zum Mob der sich auf den Mob stürzt, vertrieben die Nazis, erst vom Platz und dann aus dem Stadion. Erst danach traf die Polizei ein.

Wenn man Markus auf seine Rolle und sein Verhältnis zur Gewalt anspricht, auf das, was er selbst getan hat, beantwortet er die Fragen mit unpersönlichen Formulierungen. Doch diese legen einiges nah. Er sagt: „Es kam zu Gewaltanwendung.“ Im Gespräch wird aber eines sehr deutlich: Dass es im Großraum Leipzig nicht möglich ist, ein Fußballspiel zu besuchen, ohne dass man hin und wieder Gewalt erlebt. „Mit den Jahren gewöhnt man sich daran. Man rechnet nicht unbedingt damit, dass etwas passiert, aber es ist allgegenwärtig.“

An diesem Samstagnachmittag hat Roter Stern Leipzig ein Auswärtsspiel im Norden der Stadt. Markus überlegt eine Weile, ob er hingehen soll. Er müsste mit dem Bus quer durch Leipzig fahren, das Wetter ist schlecht. Außerdem geht es in eine üble Gegend, man kann sich nicht ganz sicher sein, was einen erwartet. Anreise, Wetter, Gegend, all das steht in diesem Moment gleichberechtigt nebeneinander und ergibt ein ziemlich unangehmes Gefühl.

Am Ende fährt er zum Spiel, natürlich. Die Busfahrt dauert eine halbe Stunde, die Altbauten des Studentenviertels Connewitz verwandeln sich in Reihenhäuser, deren graue Farbe zum Wetter dieses Tages passt. „Man darf sich sein Leben nicht einschränken lassen, sonst haben die Nazis ihr Ziel erreicht.“ Der Satz, den Markus vorhin noch in der lässigen Atmosphäre des Cafés von sich gegeben hat, klingt auf einmal ganz anders – vor allem, wenn man weiß, dass die Leipziger NPD ihre Zentrale nahe der Haltestelle hat, an der Markus jetzt aussteigt. Die Gegend, in der er sich bewegt, entlang der großen Brachen und auf Wegen voller Schlaglöcher, ist nicht seine. Zehn Minuten dauert es, bis er am Sportplatz ist, vielleicht auch fünfzehn. Sie fühlen sich lang an, wie ein ganzer Tag. Und doch ist es nur ein ganz normales Auswärtsspiel.

Sebastian Stoll schreibt für den Freitag unter anderem über Rechtsextremismus. Außerdem ist er glühender Borussia-Dortmund-Fan

09:50 29.08.2010

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