Verena Boos
24.01.2012 | 10:37

Die Anordnung der Skelette

Spanien Freiwillige exhumieren in Spanien Opfer der Franco-Ära. Zugleich steht in Madrid der Richter Baltasar Garzón vor Gericht, der die Verbrechen aufarbeiten wollte

Am Ende steigt José Capilla in die Grube und kommt seinem Vater so nahe wie seit über 72 Jahren nicht mehr. Es sind nur ein paar Meter, doch für ihn war es ein langer Weg bis hierher. Zuerst wehrte sich José gegen die Exhumierung. Am Morgen vor der Grabung brach er in Tränen aus und weinte wie der Fünfjährige, der er einst war, als das Verbrechen geschah. Während sie die Erde aushoben, blieb er zu Hause und lauschte stumm, wenn seine Töchter abends berichteten. Dann manövrierte er tagelang seinen Rollator über ein steiniges Feld bis an die Kante der großen Grube. Schließlich bewältigte er die steile Rampe und saß auf einem Gartenstuhl direkt am offenen Massengrab. Eines der Skelette, die in infernalischem Chaos übereinander lagen, musste sein Vater sein.

„Erde aufwühlen, Geschichten aufwühlen. Alles wird wieder aufgewühlt“, murmelt José. Nach einem Leben ohne Vater begegnet der ihm jetzt mit einer Schonungslosigkeit, die unter normalen Umständen kaum jemand aushalten würde. Aber normale Umstände sind in José Capillas Leben die Ausnahme geblieben – seit jener Nacht zum 3. Juni 1939, als Gefolgsleute Francos seinen Vater und acht weitere Männer aus dem Ort Chillón hinrichteten.

Auf Wunsch der Familien exhumiert nun eine Nichtregierungsorganisationen (NGO) die Toten, damit sie in Würde bestattet werden können und Menschen wie José Capilla Frieden finden. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.

Tür an Tür

Erst seit der Jahrtausendwende werden in Spanien die Toten des Bürgerkrieges exhumiert – nicht der Staat, sondern Betroffene, Opferverbände und humanitäre Organisationen wurden aktiv. Die Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (Assoziation zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung/ARMH) machte 1998 den Anfang, seither sind im ganzen Land solche Gruppierungen entstanden. „Das muss auch aus der Zivilgesellschaft kommen“, sagt Marco González, Koordinator der ARMH. Seine NGO erhielt 2011 60.000 Euro Subvention vom Staat. „Davon bestreiten wir drei Gehälter, Labor, Kleinbus und bis zu 20 Ausgrabungen im Jahr. Das geht nur mit 6.000 Ehrenamtlichen aus allen Regionen Spaniens.“ Die ARMH will bewusst nicht politisch sein, doch die Exhumierungen sind ein Politikum. Allzu oft behindert der Staat die Grabungen, anstatt sie zu fördern: Behörden verweigern den Einblick in öffentliche Sterberegister, Justiz und Polizei ignorieren die Anzeigen der ARMH. Ein Gemeindevertreter kann eine Grabung verbieten. „Einfach so“, sagt Marco González, „weil es ihm so passt.“ González hebt die Schultern in einer Geste der Resignation: „Esto es España“– „das ist Spanien“, ein geflügelter Satz während der Grabungen.

Die Morde vom 3. Juni 1939 sind dokumentiert, alle Opfer bekannt. Sie heißen Alfonso, Bernardino, Isidoro, Julio, Manuel, Manuel, Marcelino, Pablo und Patricio. Sie waren Familienväter, nur der Jüngste nicht, der war erst 17. Sie kamen ausnahmslos aus Chillón in der Nähe von Ciudad Real, wo während des Bürgerkrieges (1936 – 1939) niemand zu Tode gekommen war. Die vor das Erschießungskommando Getriebenen waren offenbar Ersatz für „rote Funktionäre“, denen die Rache der Sieger galt, die aber längst im Gefängnis saßen. Für den Lokalhistoriker Luis Miguel Montes kristallisiert sich eine Handvoll Personen als Täter heraus. Sie seien bekannt gewesen und doch unerkannt geblieben. Nach dem Bürgerkrieg exekutierte das Franco-Regime gezielt und systematisch Kommunisten, Gewerkschaftler, Sozialisten, Anarchisten, kritische Lehrer. In Chillón wurden mit den tödlichen Schüssen auf die neun Männer offenbar auch dorfinterne Rechnungen beglichen. Geahndet wurde das nie – Opfer- und Täterfamilien lebten seither buchstäblich Tür an Tür.

Aus Angst vor Gerede im Dorf lehnte die Familie von José Capilla die Exhumierung zunächst ab. Seine Töchter wollten nicht mehr wissen, als sie schon wussten: „Haben wir nicht schon genug gelitten? Und was ist, wenn sie nicht dort liegen?“ Aber Anselmo Capilla, Josés Bruder, war sich sicher, dass man sie „dort“ finden werde und nirgendwo sonst.

Im Juni 1939 hatten die Frauen tagelang nach ihren Männer gesucht und waren bis nach Madrid gefahren, um bei der Armee, den Behörden und in den Gefängnissen nachzufragen. Schließlich fand man die Leichen – sie lagen nahe Chillón in der Junisonne und auf freiem Feld. Anselmo Capilla half, die Opfer zu begraben und eine Steineiche zu markieren, um sich der Stelle zu erinnern. Nach Francos Tod im November 1975 errichteten die Familien dort einen Gedenkstein.

Schlafstatt der Pilger

Dass dieser Stein nun weichen muss, bevor der Bagger die erste Erde auf seine Schaufel nimmt, reißt alte Wunden auf. Marco González kann das nachfühlen – er hat bei der ARMH zunächst als Freiwilliger begonnen, koordiniert inzwischen die Grabungen und begnügt sich mit einem schmalen Gehalt. Warum tut er das? „Ich konnte meinen Urgroßvater nicht bergen. Dann hole ich wenigstens andere raus.“ Marcos Urgroßvater lag in einem Massengrab auf dem alten Friedhof von Ponferrada, der in den siebziger Jahren verlegt wurde. Die Behörden erklärten, alle Gebeine seien umgebettet. Marco González war überzeugt, dass sie lügen. Offiziell befanden sich keine sterblichen Überreste mehr an dem Begräbnisort von einst, also gab es keinen Grund, die Überbauung abzureißen – das Hospiz auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Die Jakobs-Pilger nächtigen nun über den Gebeinen der Opfer von Bürgerkrieg und Diktatur.

Im August 2011 forderte eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen Spanien auf, endlich Verbleib und Identität aller schätzungsweise 113.000 Opfer von Krieg und Repression zu klären. Besonders das Schicksal der Verschwundenen galt als fortgesetzte Menschenrechtsverletzung. Spanien habe die Pflicht, die betroffenen Familien bei Nachforschungen zu unterstützen. Doch der Staat verweigerte sich und ließ seine Bürger im Stich.

Einer, der Ermittlungen wegen Verbrechen der Franco-Zeit anstrengte, hat nun selbst Schwierigkeiten: Untersuchungsrichter Baltasar Garzón ist der Rechtsbeugung und des Amtsmissbrauchs angeklagt. Ein Prozess vor dem Obersten Gerichtshof in Madrid begann diese Woche, der nächste ist bereits für den 24. Januar angesetzt. Garzón hatte 2008 ein Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet und versucht, die Öffnung von Massengräbern aus der Franco-Zeit durchzusetzen. Nun werden ihm Verfahrensfehler vorgeworfen. Tatsächlich geht es aber um mehr: Offenbar will die Judikative ein Exempel statuieren, um einen Nestbeschmutzer zu bestrafen und die strafrechtliche Aufarbeitung des Franquismus zu verhindern.

Nach Francos Tod 1975 gab es keinen Systembruch, sondern einen „Transición“ ­genannten Übergang mit weit mehr personeller Kontinuität als etwa in der Bundesrepublik Deutschland während der fünf­ziger und sechziger Jahre. 1977 wurde ein Amnestiegesetz erlassen. Garzón argumentierte, dass es für Verbrechen gegen die Menschlichkeit keine Amnestie geben könne. Seine Gegner werfen ihm deshalb Überschreitung seiner Kompetenzen vor. 2010 wurde er als Richter suspendiert.

Eine offene Rechnung

Viele Spanier gehen rustikal mit ihrer Vergangenheit und den Hinterbliebenen der Opfer in ihrer Mitte um. Erde oder Mist aufwühlen liegt wegen des Gleichklangs von tierra und mierda nahe beieinander. Dass „Knochen nur gut für Fleischbrühe sind“, hört man mehr als einmal. Vielleicht zieht es die Angehörigen auch deshalb so magisch zur Ausgrabung, weil ihnen hier mit großem Respekt begegnet wird.

Zur Transición gehörte ein Pakt des Schweigens. Wo keiner wissen will, lernt man nicht zu reden. Fragt man José Capilla am Rande der Grabungsstätte, was er empfinde, erzählt er von seinem harten Leben. Wie er als Achtjähriger mit dem Esel loszog, wie er seinen Weg machte auf dem Bau und im Handwerk, von der Schwester, die 1939 drei war und mit acht Jahren starb. Unentwegt reibt er Daumen und Zeigefinger aneinander. Irgendwann kommt seine Erzählung in der Gegenwart an: „Jetzt ist nichts mehr los mit mir.“ Dann bricht die Stimme. Er wischt sich ständig mit seinem Taschentuch die Augen, bevor die Tränen fließen.

José und Anselmo Capilla sagen exakt dasselbe über die Freiwilligen, die nach den Gebeinen der Toten suchen: „Tienen cojones“ – wörtlich: Sie haben Eier, sie haben Mut. Die Knochen an sich sind nicht schlimm. Es hilft die Konzentration aufs Detail. Der Humor im Team ist tiefschwarz – Marco González spricht von „Lachtherapie“. Schlimm sei der Blick auf das Gewirr der Skelette. Schlimm sei, dass wiederholt Schädelteile an unerwarteten Stellen auftauchen, ohne die Logik der menschlichen Anatomie. Schlimm sei der Mord und schlimmer, wie achtlos die Mörder die Toten in einen Bombenkrater oder sonst wohin warfen.

Die Verwüstung der Gebeine vermittelt große Brutalität und nährt die Vermutung, dass die Skelette nicht vollständig sein könnten. Umso mehr beeindrucken die Professionalität und Unerschrockenheit der Grabungsteams. Für die Opferfamilien ist deren Solidarität wie Balsam auf der Seele. Die Enkelin eines Mordopfers streicht zärtlich über ein Foto, sie dankt, dann sagt sie: „Eure Arbeit muss euch wohl sehr gefallen.“ Was sagt man da?

Am Ende stieg José Capilla hinab zu den Gebeinen, es war seine Tochter Tomasi, die zuvor Worte für das Gefühlsleben der Familie gesucht hatte. Josés Töchter kamen während der Exhumierung bei jedem Wetter und registrierten jeden noch so kleinen Fortschritt. Sie verlängerten ihren Besuch im Heimatdorf immer wieder, weil die Grabung oft nur langsam vorankam. Als sie definitiv abreisen mussten, stand Tomasi lange reglos an der Grube. Der Schmerz hatte Furchen in ihr Gesicht gegraben, ihre Augen waren geschwollen.

Sie hatte zum Abschied ins Gästebuch der ARMH geschrieben: „Wenn ich nur den Stift ergreife, bricht es mir das Herz. Es gibt einen Vulkan von Tränen, den ich nicht zurückhalten kann. Bei mir kommen so viele Gefühle an die Oberfläche, die wir fast unter Kontrolle hatten. Was kann ich sagen? Dass ich mich freue, wenn mein Großvater und seine Kameraden endlich an der Stelle ruhen können, die ihre Familien ausgewählt haben, wie es von Anfang an hätte sein müssen. Danke für die Hilfe, diesen Traum zu erfüllen, der unser aller war.“

Verena Boos, Autorin in Frankfurt/M., schreibt zurzeit einen Roman über eine deutsch-spanische Familiengeschichte. Sie ist Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2011