Die Arche Omidyar

Enthüllungen „The Intercept“ hat eine wichtige Anti-Terror-Liste der USA publiziert. Wird Glenn Greenwald mit seiner Seite der neue Julian Assange?

Im Sommer 2013 musste Pierre Omidyar eine schwierige Entscheidung fällen. Sollte er die Washington Post für 250 Millionen Dollar übernehmen oder sollte er mit dem Geld etwas ganz Neues anfangen? War es vernünftiger, eine altehrwürdige Tradition weiterzuführen, was im Zweifel hieß, einen kaum beweglichen Tanker durch die digitalen Klippen zu steuern, oder war es an der Zeit, eine Arche für den bedrängten Journalismus zu bauen?

Pierre Omidyar entschied sich für Letzteres. Der 47-jährige Multimilliardär und Ebay-Gründer überließ die Washington Post seinem Kollegen Jeff Bezos von Amazon und gründete das gemeinnützige digitale Medienunternehmen First Look Media. Bei der Entscheidungsfindung war ihm der Journalist Glenn Greenwald behilflich, der gerade in großem Stil begonnen hatte, die Snowden-Papiere, den größten Geheimdienstskandal der neueren Geschichte, für den Guardian aufzubereiten. „Ich fragte ihn“, so Omidyar, „was Journalisten brauchen, um einen guten Job zu machen“; und da Greenwald und seine Freunde gerade über die gleiche Frage nachdachten, „entschieden wir, unsere Kräfte zu bündeln“. Am 10. Februar 2014 ging The Intercept als erstes Produkt des neuen Medienkonzerns online. Eine Sturzgeburt, wie sich herausstellte und die Macher freimütig zugaben. Sie entschuldigten ihren chaotischen Start mit dem Argument, dass sie den Strom der Snowden-Enthüllungen nach Greenwalds Weggang vom Guardian nicht unterbrechen oder gar abreißen lassen wollten. Außerdem sollten die Nutzer den Bau der Arche live miterleben. „Wir bauen eine Plattform“, so Omidyar, „die es Journalisten erlaubt, die Wahrheit zu schreiben.“

Der Anarchist und der Anwalt

Die Wahrheit ist in bislang 70 Geschichten nachzulesen. Etwa darüber, wie Kampfdrohnen der US-Armee mittels geheimdienstlich abgefischter Handydaten Zielpersonen in Pakistan ins Visier nehmen – ohne zu wissen, ob sich die angesteuerten Mobiltelefone tatsächlich noch in den Händen von Terroristen befinden. Oder die Wahrheit über jene Listen der US-Regierung, auf denen sich – oft mit fadenscheinigen Begründungen – Hunderttausende von Bürgern als Terrorverdächtige wiederfinden. Mit solchen Storys hat sich The Intercept als Alpha-Enthüllungsplattform bereits nach sieben Monaten einen Namen gemacht. Und die jüngste Enthüllung über die US-Listen zeigt, dass sich inzwischen weitere Whistleblower vertrauensvoll an The Intercept wenden. Von Snowden konnten die Informationen nicht stammen.

Entsteht hier also – nach der Selbstzerstörung (manche würden sagen: nach der erfolgreichen geheimdienstlichen Zersetzung) von Wikileaks – ein globales Medium, das den Journalismus in eine neue Ära führt? Oder wird Glenn Greenwald, der bislang fast 40 Prozent aller Storys auf The Intercept schreibt, mit seiner „Arche der Wahrheit“ ein ähnliches Schicksal erleiden wie Julian Assange? Betrachtet man die Größe der Egos und die aggressive Bereitschaft, hohe Risiken einzugehen, sind sie durchaus vergleichbar, doch der Anwalt Greenwald hat gegenüber dem Anarchisten Assange ein paar unbestreitbare Vorteile.

Greenwald arbeitet in einem öffentlich zugänglichen Unternehmen, ohne Decknamen und Geheimnistuerei. Seine Leistungen sind jederzeit von potenziellen Whistleblowern überprüfbar, sein Wirken ist weitgehend transparent. Seine Kollegen kommen aus angesehenen Medien oder sozialen Bewegungen, und sein Verleger ist ein Philanthrop, der den Angestellten den Rücken frei hält, ihre Arbeitsmethoden gutheißt und an die „transformative Kraft wahrer Geschichten“ glaubt. Alle Beteiligten an The Intercept stehen hinter den ethischen Standards eines verantwortungsvollen Journalismus, sie veröffentlichen Dokumente nur dann, wenn sie deren Inhalte vorher sorgfältig geprüft haben. Mit den Kollegen der Konkurrenz teilen die Journalisten von The Intercept das gleiche Milieu.

Während sich der australische Hacker Assange in der Zusammenarbeit mit den großen Namen (Guardian, New York Times, Washington Post) oft wie eine Diva gebärdete und überall dunkle Machenschaften witterte, weil die Redaktionen Namen schwärzten oder Fakten aus Gründen der nationalen Sicherheit zurückhielten, spielt Greenwald seinen Enthüllungspart strikt nach den Regeln des Gewerbes. Zwar kritisiert er die regierungstreuen Medien mit ähnlichen Argumenten, er unterstellt ihnen aber nicht aufbrausend bei jedem Konflikt, sie seien willige Erfüllungsgehilfen der Mächtigen. Auf dem Hochseil zwischen Aktivismus und Journalismus balanciert Greenwald geschickter und kaltblütiger. Aber er könnte genauso schnell zur Persona non grata werden wie dieser – durch die zunehmende Radikalisierung und Steigerung seiner Anklagen oder durch die bekannten Zersetzungsmethoden der US-Geheimdienste. Eine Andeutung, dass Greenwald über den eigenen Enthüllungseifer stürzen könnte, vermitteln seine jüngsten Einlassungen über die amerikanisch-israelische Zusammenarbeit im Gaza-Krieg und die US-Bombardements im Irak. Wie den furchtlosen Assange, so zeichnet auch Greenwald die fatale Neigung aus, sich gleichzeitig mit allen anzulegen.

Journalismus retten

Greenwald kann also von Glück reden, dass sein Geldgeber keiner uralten Verlegerdynastie angehört, sondern ein Kind der jungen, an Umwälzungen interessierten, nutzerbasierten Internetindustrie des Silicon Valley ist. Ein Philanthrop, der mit The Intercept keinen lausigen Penny verdienen muss, sondern ganz idealistisch „von dem tiefen Glauben beseelt“ ist, „dass eine lebendige Demokratie eine Bürgerschaft voraussetzt, die nicht nur gut informiert, sondern auch stark engagiert ist.“

Dieser millionenschwere Vorteil, den die Enthüllungsplattform Wikileaks 2010 nicht hatte, wird von Assange besonders kritisch beäugt: Wenn Pierre Omidyar, so die Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison, die Verbreitung der Wahrheit so wichtig findet, warum blockiert er dann seit Jahren mit Hilfe des zu Ebay gehörenden Dienstleisters Paypal die Spenden an Wikileaks? Wenn Omidyar und Greenwald die Aufklärung des Volkes über alles stellen, warum müssen die Snowden-Papiere dann von einer Handvoll Gatekeeper wie Greenwald über Jahre hinweg scheibchenweise und nach eigenem Gutdünken veröffentlicht werden, anstatt sie in einem Zug in die Hände des Volkes zu legen?

Assange weiß sehr gut, dass investigative Journalisten dazu neigen, ihre mühsam aufgebauten Kontakte zu Regierungsmitarbeitern und Geheimdiensten irgendwann in Deals zu verwandeln, um im harten News-Geschäft vorn zu bleiben. Entsteht also mit The Intercept ein neues journalistisches Nadelöhr, dessen Besitzer den ökonomischen Umgang mit der Wahrheit irgendwann wichtiger findet als deren ungeschminkte Preisgabe? Könnte es sein, dass The Intercept das Whistleblowing monopolisiert und kontrolliert? Und ist die Erneuerung des Journalismus durch Journalisten nicht nur eine Lebenslüge, um die angekratzte Autorität und Bedeutung des Berufs in die digitale Zeit zu retten?

Die Blattmacher von USA Today kleideten ihre Skepsis in eine hemdsärmelige Frage: „Can Rich Tech Guys Save Journalism?“ Können reiche Internetheinis wirklich den Journalismus retten? Die Frage ist nicht abwegig, wenn man die verblasene PR-Sprache der Omidyar Networks studiert – jenes Wohltätigkeitsimperiums, das Pierre und seine Ehefrau Pam steuern. Sie träumen davon „aus Mainstream-Lesern engagierte Bürger“ zu machen, ohne dabei je konkret zu werden. Ein erboster Leser schrieb der Redaktion, Omidyar spiele doch „eine ganz ähnliche Rolle wie George Soros, dessen Open-Society-Stiftung das Mäntelchen des radikalen Liberalismus nutzt, um die neoliberale Agenda einer kapitalgetriebenen Moderne voranzutreiben“.

Was den Journalismus betrifft, ist Omidyar kein kalter Stratege, sondern ein blutiger Laie, der glaubt, die Marktkräfte könnten den sozialen Wandel am besten gestalten, auch im Mediengeschäft. In Hawaii, wo Omidyar viele Jahre lang lebte, gründete er 2008 die Peer News, eine Webseite für Bürgerjournalismus, aus der im Mai 2010 der Honolulu Civil Beat hervorging. Es gibt keine Anzeigen, nur Sponsoren. Der Ruf des Civil Beat ist gut, aber nicht berauschend, der Inhalt ist ... eher Mainstream.

Wohin also wird sich The Intercept entwickeln? Der neue Chefredakteur, John Cook, arbeitete zuvor beim Promi-Klatschmagazin Gawker. Seine Berufung brachte der Redaktion viel Spott ein, so viel, dass sich Herausgeber Greenwald bemüßigt fühlte, „aggressiv“ zu intervenieren: Nicht jeder Mitarbeiter müsse von der Washington Post kommen, um als seriös zu gelten, The Intercept wolle auch die breite Masse erreichen. Kann sein, dass Greenwald hier schon eine Zukunft ohne Greenwald voraussieht.

06:00 18.08.2014

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