Die arme Frau

Kriegsbilder Der Historiker Michael Ignatieff hat einen Roman über die Wahrnehmung des Krieges geschrieben

In welcher Weise Literatur die Phantasie beschäftigt, ist eine selten gestellte und unbeantwortete Frage. Neurologen könnten herausfinden, inwieweit die Lektüre ausgewählter Passagen bestimmte Gehirnregionen anregt und dort verarbeitet wird, aber das Interesse an der Lösung dieses Problems scheint in der Wissenschaft gering zu sein. Unbestritten dürfte hingegen sein, dass Bilder es leichter haben, sich im Gehirn festzusetzen und erinnert werden zu können. Starke Affekte, wie visuelle Eindrücke oder Fotos sie auslösen können, befördern die Gedächtnisspeicherung, erklären die Neurologen. Die Literatur ist also zweifellos im Nachteil. Was die Heftigkeit der Eindrücke und emotionalen Reaktionen betrifft, kann sie mit der Bildproduktion nicht konkurrieren, und es bringt auch wenig, wenn in Romanen viel Wert gelegt wird auf Dekor und Detail, Adjektive sich kumulieren und präzise Bilder im Kopf der Leser evoziert werden sollen.

Michael Ignatieffs Roman Charlie Johnson in den Flammen beginnt mit der Beschreibung eines dieser Kriegsbilder, die in den Köpfen westlicher Bilderkonsumenten festsitzen. Ein Hubschrauber landet in einem Kriegsgebiet, um Verwundete zu bergen, die sich in letzter Not in die Hände des US-Militärs retten. Ob es nun Apokalypse Now, Black Hawk Down oder einer jener weniger bekannten Filme ist, die assoziiert werden, ist nebensächlich. Das Bild ist bekannt und liegt im Gedächtnis vor. Auch die Aufnahme, die die Hauptfigur des Romans, der Kriegsreporter Charlie Johnson, gemacht hat, steht in einer medialen Tradition. Johnson filmt eine Frau, die von einem Militär mit Benzin übergossen und angezündet wird, woraufhin sie schreiend der Kamera entgegen läuft. Die Aufnahme, das ist den Medienarbeitern sofort klar, wird Geschichte schreiben.

Assoziationen an die berühmten Fotos aus dem Vietnam-Krieg oder aus dem chilenischen Bürgerkrieg liegen nahe, oder an die berühmte Szene eines chilenischen Kameramanns, der die brutale Verfolgung von Zivilisten filmt, selbst von einem Schuss getroffen wird, zu Boden sinkt, während die Kamera weiter läuft. An Bildern dieser Art herrscht in den Medien kein Mangel. Charlie Johnsons Aufnahme erhält auch sofort von seinem Sender die ihr gebührende Bedeutung. Sie wird zu einem Clip, dessen Ausstrahlung fortwährend wiederholt wird.

Der 1947 in Kanada geborene Sohn russischer Emigranten Michael Ignatieff ist Historiker und Philosoph. Seit 2000 unterrichtet er als Professor für Menschenrechtspolitik in Harvard. Der frühere Reporter der BBC kennt einige Kriegsschauplätze aus eigener Anschauung. Er war mehrfach auf dem Balkan unterwegs, als Journalist im Umfeld des US-Diplomaten Richard Holbrooke, oder als Beobachter von Friedensverhandlungen und Kriegsvorbereitungen. Seine Porträts, Reportagen, Analysen liegen in dem Buch Virtueller Krieg. Kosovo und die Folgen vor. Der Roman über den Bildjournalisten Charlie Johnson ist keine durchschaubare Literarisierung eigener Erfahrungen, vielmehr die Form, innerhalb der das Verhältnis von Bild und Sprache auf spielerische Weise thematisiert wird. Die Hauptfigur durchläuft drei Phasen. Zunächst durch die Aussicht auf ein abenteuerliches Leben motiviert, leidet Johnson nach etlichen Einsätzen und Kriegsschauplätzen an einer Übersättigung durch die Bilder, die sich in ihm angelagert haben, ein Gefühl, das schließlich auf bedrohliche Weise manifest wird, als er seine berühmteste Aufnahme, die der brennenden Frau, im Fernsehen sieht.

Ignatieff hat keinen Thesen-Roman über die Funktion von Kriegsbildern geschrieben; er will herausfinden, welche Möglichkeiten es gibt, diese Bilder zu verarbeiten oder beredt zu ignorieren. Johnsons Kameramann verhält sich professionell; er macht seinen Job und schafft es, daneben Privatier zu bleiben. Charlies Bilder-Krise korrespondiert mit seiner privaten - seine Familienbeziehungen sind zerrüttet. Er versucht, seine beruflichen Erfahrungen mitzuteilen. "Die arme Frau", wird ihm entgegnet, und wie gewalttätig die Welt doch sei. Der Satz wird nicht ohne Mitgefühl dahingesagt und ist eben deshalb umso fürchterlicher. Weder im Medium des Bildes noch dem der Sprache lässt sich der Schrecken der Kriegsgräuel mitteilen. Das Schweigen des Unverständnisses ist noch eine Erholung gegenüber der Unangemessenheit, mit der die distanzierte Teilnahme ausgedrückt wird.

Ein empfehlenswertes Modell, wie Sprache und Bilderproduktion sich angemessen zueinander verhalten könnten, existiert in diesem Roman nicht. Von individuellen Versuchen, eine moralische Position zu gewinnen, so lässt sich das Ende lesen, ist wenig zu erwarten. In einem melodramatischen Schluss, der arg in der Manier eines Actionfilms geschrieben ist, wird Johnson von einem mafiosen Unter-Warlord einen Balkon hinab gestoßen. Von kollektiven Anstrengungen, die fernen Erfahrungen der Kriege mit dem eigenen Leben zu verbinden, ist im Roman nicht explizit die Rede, und doch sind sie eine Art Fluchtpunkt. Die Parallele in Charlie Johnsons Leben, die Koinzidenz aus privater und beruflicher Krise, impliziert eine soziale Frage. In der Beschreibung dessen, was in destruktiver Weise stattfindet, liegt immer auch die Suche nach einem Zustand verborgen, in dem es anders sein könnte. Ignatieff läßt keinen Zweifel daran, dass dieser Zustand weit entfernt ist. Tatsächlich produziert die Kulturindustrie gegenwärtig haufenweise Bilder von Gewalt und Krieg, die entweder voyeuristisch das Grauen ausschlachten oder in naivem Mitleid im Stil von "die arme Frau" schwelgen.

Dieser Roman lässt sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen. Ein Kriegsroman im traditionellen Sinn ist er nicht, ein Medienroman, der sich in abstrakten Zeichenwelten bewegt, wie er in den neunziger Jahren Mode war, ebenso wenig. Charlie Johnson in den Flammen ist ein fiktionaler Text über die Modalitäten der Bildproduktion, der die Frage nach der Vermittlung von Bild und Sprache stellt. Der Anfang eines solchen Prozesses ist nicht schwer zu identifizieren. Ohne das Eingeständnis, dass mit dem Schweigen begonnen werden muss, dass das Geschehen sich nur ungenügend mitteilen lässt und von Unbeteiligten nicht unmittelbar verstanden werden kann, besteht keine Aussicht auf Erfolg. Auch besitzen Kriegsbilder ohne sprachliche Vermittlung eine erkenntnis- und empathiefördernde Qualität. Das eine lässt sich nicht einfach in ein anderes Medium übersetzen, genauso wenig wie Erfahrungen und wie das hautnahe Erleben eines gewaltsamen Todes im routiniert verlaufenden westlichen Alltag verarbeitet werden können. Michael Ignatieff hat mit seinem Roman nicht nur die unreflektiert hingenommene Bilderflut aus den Kriegsgebieten kritisiert - obschon es nicht wenig ist, der Macht dieser Bilder mit dem Hinweis auf ihre Grenzen zu begegnen. Er hat auch die Literatur wieder wirkungsvoll ins Spiel gebracht, mit ihren Möglichkeiten, unterschiedliche Haltungen nebeneinander zu stellen, ohne dass irgendwo die ultimative Lösung erscheint.

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Michael Ignatieff
Charlie Johnson in den Flammen
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Bertelsmann, Februar 2004
192 Seiten
EUR 16,00
ISBN 3-570-00802-9

00:00 26.03.2004

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