Die Armee des verborgenen Imam

Ein Jahr Irakkrieg Im Gespräch: Der irakische Schriftsteller Hamid Jassim al-Khaqani über den Weg des Schiitenführers Muqtada al-Sadr vom Freund zum Feind der US-Besatzungsmacht

FREITAG: Warum ist der Aufstand in Ihrem Land zum jetzigen Zeitpunkt ausgebrochen?
AMID JASSIM AL-KHAQANI: Man konnte schon in den vergangenen Wochen beobachten, dass sich die Angriffe gegen amerikanische Stellungen, Polizeistationen und Hotels so gehäuft haben wie noch nie in vergangenen zwölf Monaten.

Hat es eine Rolle gespielt, dass vor etwa einem Jahr Bagdad eingenommen wurde?
Im Prinzip nicht, weil wir weniger einen vorbereiteten Aufstand erlebt haben - viel mehr einen Aufruhr. Dabei hat vermutlich die Ermordung von Scheich Yassin im Gaza-Streifen eine größere Rolle gespielt als die Eroberung von Bagdad durch die Amerikaner im April 2003 - Muqtada al-Sadr hat erklärt: Hamas und Hisbollah können mich als ihren verlängerten starken Arm im Irak betrachten - das hat die Gefühle vieler Iraker angesprochen. Gleichzeitig aber trieb die Sadristen noch ein anderer Vorgang zum Handeln: der Regierungsrat hatte ein Gesetz über die provisorische Verwaltung des Landes in den nächsten zwei Jahren erlassen, mit dem es unter anderem um die Amtsübergabe an irakische Autoritäten am 30. Juni durch die Amerikaner und Wahlen ging. Muqtada al-Sadr hat zum Widerstand aufgerufen, weil er sich als Führer einer großen geistlich-politischen Strömung davon ausgegrenzt fühlte.

Ausgegrenzt vom Verfassungsprozess, der im März begann?
Vom politischen Geschäft überhaupt. Er hat mit Zorn darauf reagiert, dass im Provisorischen Regierungsrat Vertreter von Gruppierungen sitzen, die nicht mehr als 30 bis 40 Personen vertreten, während er - als Führer einer Massenbewegung - ausgeschlossen blieb. Muqtada al-Sadr glaubt sich dazu berufen, den Irak zu führen. Seine Gefolgsleute haben wiederholt erklärt: warum lassen die Amerikaner diesen Mann nicht regieren? Sollten sie dann feststellen: al-Sadr ist unfähig, können sie sich mit ihm auseinandersetzen - aber nicht, bevor er diese Chance hatte.

Ist das nicht völlig irreal?
Nicht unbedingt, das Verhältnis Muqtada al-Sadrs zu den Amerikanern nach Ende des Krieges war geradezu herzlich. Er hat die Amerikaner "unsere Brüder" genannt und allen Ernstes erwartet, seiner Bewegung werde die Aufsicht über die politische Entwicklung übertragen. Nur wollte das weder die Besatzungsmacht, noch wollten das die anderen politischen Kräfte im Irak. Sie dachten nicht daran, sich den radikalen Ansichten al-Sadrs zu unterwerfen, der nicht einer unter vielen sein wollte. Er berief sich auf das Prestige seines 1999 unter Saddam Hussein ermordeten Vaters, des Ayatollahs Muhammad Sadiq al-Sadr, und begründete damit seinen Führungsanspruch. Dieses Sendungsbewusstsein ist ein Grund des jetzigen Konflikts.

Teil des schiitischen Klerus steht dem offenbar ablehnend oder distanziert gegenüber.
Zumindest sind viele Geistliche beklommen, dass ein geistlicher Führer seine politischen Ziele mit Gewalt durchsetzen will. Das zeigt sich auch im immer wieder aufflammenden Streit um die Kontrolle der heiligen schiitischen Stätten. Bisher gelang es Muqtada al-Sadr nicht, die Kontrolle über Kerbala zu übernehmen. Die Anhänger um Großayatollah al-Sistani wie auch die Besatzungsmacht haben das verhindert. Es gibt in der schiitischen Community eine latente Angst vor den Sadristen, auch wenn deren Prediger öffentlich einen anderen Ton anschlagen.

Es bleibt ihnen vermutlich nichts anderes übrig
Ja, aber insgeheim hoffen sie, dass al-Sadrs Einfluss durch die Amerikaner zumindest begrenzt ...

... oder beseitigt wird?
Auch das.

Wie bewerten Sie die Erklärung von Großayatollah al-Sistani vom 7. April, mit der er sowohl den Aufstand der Sadristen wie auch das militärische Vorgehen der Amerikaner verurteilt? Er hat die Gewalt der Amerikaner "gegenüber friedlichen Demonstranten", wie es heißt, verurteilt - und das ist auch richtig. Zugleich kritisiert er die Strategie der Aufständischen, Städte und öffentliche Gebäude zu besetzen, und er plädiert vehement für eine friedliche Lösung.

Es heißt, 500.000 Menschen seien an diesem Aufruhr, wie Sie sagen, beteiligt. Eine realistische Zahl?
Muqtada al-Sadr führte stets eine Massenbewegung, auch wenn er zuletzt Anhänger verlor, als andere prominente schiitische Geistliche aus dem Exil zurückkehrten. Es haben sich viele Intellektuelle abgewandt, die sich einst vor allem von al-Sadrs Vater angezogen fühlten. Sie waren davon fasziniert, wie der versucht hat, die Menschen gegen Saddam Hussein zu mobilisieren, obwohl jeder Widerstandes aussichtslos schien. Genau das verhilft dem Sohn bis heute zu seiner Autorität und einer weit verzweigten Organisation - Muqtada al-Sadr profitiert vom Glanz des Märtyrertums, das in der Familie al-Sadr tief verwurzelt ist. Er führt eine Massenbewegung, doch 500.000 ergebene und kämpfende Anhänger - das scheint übertrieben.

Kann man von organisierten militärischen Strukturen sprechen?
Al-Sadr sagt, er habe eine Armee gegründet, die sich "Heer des verborgenen Imam" nennt. Das offenbart erneut, wie sehr er sich als Messias der irakischen Schiiten sieht. Man sollte von etwa 50.000 Rekrutierten ausgehen, die gut ausgerüstet sind und sich als Gotteskrieger empfinden, wobei sich religiöse und Stammesstrukturen verflechten.

Hat das Einfluss auf das Potenzial der Sadristen?
Ayatollah Muhammad Sadiq, al-Sadrs Vater, hat sich sehr um das Wohl der Stämme gekümmert, bis hin zu banalen Alltagsfragen. Er schloss sogar Verträge, um sich der Loyalität von annähernd 50 Stammesführern zu versichern. Es ist nicht auszuschließen, dass der Sohn von dieser Ergebenheit profitiert. Wenn jetzt viel von Geiselnahme die Rede ist, handelt es sich oft um Mitglieder von Stämmen, die Soldaten der Besatzungstruppen gefangen nehmen. Eine Triebkraft des Widerstandes besteht nach meinem Eindruck in der Möglichkeit, dass sich noch mehr Stämme den Sadristen anschließen. Nur beobachte ich eben auch, dass eine Mehrheit der Schiiten weder al-Sadrs Sprache noch seine Ideen teilt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie koordinierte Aktionen zwischen Sunniten und Schiiten?
Als koordiniert würde ich sie nicht bezeichnen, doch es fällt auf, wenn etwa ein Sprecher der Sunniten erklärt, Falludscha leide zur Zeit genauso wie Sadr-City, also jenes Gebiet in Bagdad, das früher Saddam-City genannt wurde. Es hieß auch: die Kämpfer in Falludscha wollten mit den Sadristen den gemeinsamen Feind besiegen. Außerdem ist am 30. März eine Abordnung aus Falludscha bei Muqtada al-Sadr in al-Kufa gewesen. Man darf nicht vergessen, dass es schon vor einem Jahr Kontakte zwischen al-Sadr und sunnitischen Geistlichen gab.

Mit wem genau?
Im sunnitischen Lager existiert die Gesellschaft der Islamischen Gelehrten, die sich auf ihre geistliche Autorität beruft, um daraus das Recht auf politische Entscheidungen abzuleiten - in diesem Gremium ist man seit längerem auf eine gewisse Nähe zu al-Sadr bedacht. Es sind zum Beispiel sunnitische Gläubige zum Freitagsgebet direkt nach al-Kufa gefahren, um ihn zu hören. Am 19. März hielt Harith Adare, der Vorsitzende besagter Gesellschaft, in Falludscha eine Rede zum ersten Jahrestag des Kriegsausbruchs, in der er von den "schiitischen Glaubensbrüdern" sprach, die sich dem sunnitischen Widerstand anschließen sollten. Nur, militärische Koordination gibt es nicht. Aber je länger die Kämpfe dauern, desto denkbarer wird eine solche Koordination.

Woher kommt die militärische Ausrüstung der Aufständischen?
Nach der Kapitulation lag das gesamte Waffenarsenal der irakischen Armee buchstäblich auf der Straße, es war zum Beispiel möglich, dass russische Panzer des Typs T 72 in den Iran geschmuggelt und dort verkauft werden konnten. Es gibt auch jetzt eine erkennbare Unterstützung bestimmter Kreise im Iran für al-Sadr. Allerdings sollte man mit vorschnellen Urteilen vorsichtig sein, da die iranische Position sehr ambivalent ist, schließlich gehörte die Islamische Republik zu den ersten Staaten, die den Provisorischen Regierungsrat in Bagdad anerkannt haben. Die Regierung in Teheran ließ mehrfach erkennen, sie sei an einer Stabilisierung des Irak interessiert, aber es gibt ebenso bestimmte Machtzentren im Iran, die es gern sehen würden, wenn die USA im Irak scheitern ...

... um den ärgsten Feind geschwächt zu sehen.
Ja, denn solange die Amerikaner im Irak stark beansprucht sind, kann Iran relativ sicher sein, nicht in deren Visier zu geraten. In Syrien denkt man übrigens ähnlich. Wer in die irakischen Südprovinzen kommt, hört dort sehr viel über einen nicht abreißenden Strom von Lebensmitteln - teilweise auch von Waffen - oder von Beratern aus dem Iran, die als Pilger einsickern.

Wen meinen Sie mit "bestimmten Kreisen im Iran", die dem irakischen Widerstand wohlgesonnen sind?
Man sagt im Irak, es handele sich um die Revolutionsgarden, aber auch die nähere Umgebung des geistlichen Führers der iranischen Revolution.

Ayatollah Ali Khamenei..
... auf alle Fälle gibt es dort eine andere Position, als sie Präsident Khatami vertritt. Bei den Freitagsgebeten wird in Teheran zuweilen vom "unterdrückten irakischen Brudervolk" gesprochen. Man könne nicht nur zuschauen, heißt es, wenn dieses Volk unter den Besatzern leide. Am vergangenen Freitag sagte der ehemalige Parlamentspräsident Rafsanjani klar und deutlich, den USA müsse im Irak eine Lektion erteilt werden.

Sind demnach die acht Jahre Krieg zwischen Iran und Irak von 1980 bis 1988 vergessen?
Das war kein Krieg der Völker, sondern ein Krieg der Systeme, die seinerzeit in beiden Ländern existierten. Dennoch glaube ich, dass sich viele Iraker eine Einmischung Irans verbitten, weil sie einfach müde sind und sich nach Ruhe und Frieden sehnen. Sie lieben die Amerikaner nicht und sehen in ihnen keine gerechte Macht - aber sie wollen den Wiederaufbau ihres Landes noch erleben.

Das Gespräch führte Lutz Herden

Hamid Jassim arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Dozent für arabische Sprache und Literatur an der Martin-Luther-Universität Halle.


00:00 16.04.2004

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