Die Art des Diplomaten

Adam Szymczyk wird die Documenta 2017 leiten. Statt um Markt oder Politik soll es wieder um die Kunst selbst gehen
Stefan Heidenreich | Ausgabe 48/2013

Von Adam Szymczyk weiß ich nur Gutes zu berichten. Eingeschlossen unsere erste und einzige Begegnung, an einem Herbstmorgen im Jahr 2007, spät nachts in der Kellerbar des United Nations Plaza. Seinerzeit war das einer der Orte in Berlin, an dem die internationalisierte Kunstszene zusammenkam. Adam, so nenne ich ihn hier kurz der Situation halber, kam von seitlich rückwärts und rempelte mich an der Bar. Ich dachte erst an ein Versehen oder einen Stolperer. Doch er blieb dabei und drückte mich wortlos zur Seite, offenbar mit dem Ziel, auf meinen Gesprächspartner einzureden. Das gelang ihm nicht wirklich, trunken wird er noch wortkarger als nüchtern. Über den starren Blick an mir vorbei und die sture Geradlinigkeit war ich dermaßen verblüfft, und selbst auch trunken genug, dass ich mich schlicht zur Seite schieben ließ und dem nächstbesten Umstehenden zuwandte. Seitdem habe ich Adam Szymczyk als Bar-Genossen in bester Erinnerung.

Weit und breit findet sich in der Kunstszene niemand, der gegen die Wahl von Szymczyk etwas einzuwenden hätte. Nicht dass er der offensichtlichste Kandidat gewesen wäre oder eine Überraschung, aber mit Sicherheit jemand, der rundum hoch geachtet wird. Sein beruflicher Werdegang ist rasch erzählt. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Warschau ging er ein Jahr nach Amsterdam, um Kuratieren zu lernen. Seit 2003 leitet er die Kunsthalle in Basel. Bekannt wurde er als Mit-Kurator der Berlin Biennale im Jahr 2008. Die künstlerische Leitung der Documenta ist nun eine der angesehensten Positionen, die ein Kurator erreichen kann.

Sein Stil, wenn man das beim Ausstellungsmachen so sagen will, zeichnet sich durch einen Hang zu konzeptuellen Ansätzen aus, wobei die Idee hinter dem Werk und seine Einbettung in einen intellektuellen Rahmen und eine Kulturgeschichte wichtiger sein können als die Skulptur oder das Bild an sich.

Unter Künstlern genießt er hohes Ansehen, weil er sich intensiv mit Positionen auseinandersetzt. Was er zeigt, stellt oft hohe Anforderungen an die Betrachter, ohne aber hermetisch zu wirken. Die jüngsten künstlerischen Entwicklungen stets aufmerksam im Blick, scheut Adam Szymczyk nicht davor zurück, eigene Entdeckungen zu machen und unbekannte Künstler auszustellen. In der Reihe der vergangenen Documenta-Kuratoren bringt Adam Szymczyk ein neues Element ins Spiel. Die letzten Ausgaben der alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellung waren von einer klaren intellektuellen und politischen Haltung geprägt. Das ging manchmal so weit, dass Kunst zur Illustration von Thesen und Theorien geriet. Szymczyk zählt die Documenta von Catherine David aus dem Jahr 1997 zu seinen Favoriten.

David war die erste Kuratorin, die eine dezidiert politisch motivierte Herangehensweise eingebracht hat. Mit leichten Verschiebungen folgten seither alle Documenta-Kuratoren der Herangehensweise von David. Das wird sich mit Szymczyk voraussichtlich ändern. Bereits mit der Berlin Biennale hat er gezeigt, wie intellektuelle Aspekte beachtet werden können, ohne dominant zu werden. Unter seiner Leitung könnte der künstlerische Eigenwert wieder stärker in Zentrum rücken. Das muss nicht unbedingt ein Zurück zur Figur des allmächtigen Großkurators bedeuten. Szymczyk ist durchaus in der Lage, sich nicht als Superstar aufzuführen, sondern sich in den Dienst der Sache zu stellen.

Mit dem 43-Jährigen tritt zum ersten Mal die Generation der in neuen Studiengängen eigens für das Ausstellungsmachen ausgebildeten Kuratoren an die Spitze. Das von Szymczyk besuchte und 1994 gegründete De-Appel-Institut nahm dabei in Europa eine Vorreiterrolle ein. Wir haben es bei den Kuratoren von heute nicht mehr mit den obsessiven Quasi-Künstlern zu tun, aber auch nicht mehr mit Quer-Einsteigern, die sich das Ausstellungsmachen in der Praxis aneignen. Szymczyk steht für einen neuen Typus. Mit ihm beginnt die Zeit der professionalisierten Kuratoren, die gelernt haben, die Kunstwelt als Netzwerk zu begreifen. Sein diplomatisches Geschick und seine damit verbundene allseitige Anerkennung sind eine Folge dieser Professionalisierung. Mit der sind jedoch auch Nachteile verbunden. Die Herkunft aus dem Kunstbetrieb lässt wenig Raum, um die engen Grenzen der Kunst hin zu anderen kulturellen Formaten zu überschreiten, wie es kürzlich der einflussreiche Kunsthistoriker David Joselit nahelegte.

Eine Documenta hat die Aufgabe, den aktuellen Stand der Kunstwelt zu zeigen. In den vergangenen Jahren wich das oft dem Hang der Star-Kuratoren, den jeweils eigenen Blickwinkel hervorzuheben. Im Nachhinein überzeugt das kaum. Eine Großausstellung dieser Art sieht sich immer zwei historischen Anforderungen gegenüber. Sie soll gut sein, etwa indem sie in sich stimmig ist und die wichtigsten Künstler ihrer Zeit mit guten Arbeiten versammelt. Und sie soll einen neuen, eigenen Blick auf Kunst in ihrer Zeit richten. Beides geht nicht immer Hand in Hand. Die Ausstellung kann gut sein und das Neue trotzdem verpassen. Andererseits gibt es viele Ausstellungen, die im engeren Sinn schlecht waren, sogar regelrecht fehlgeschlagen sind, aber trotzdem die Tür zu etwas ganz Neuem aufgestoßen haben.

Die Gelegenheit dazu bietet die kommende Documenta, denn selten fanden sich in der Kunstwelt so viele Widersprüche wie heute, sei es in der Haltung der Künstler zum Markt oder im Verhältnis der Kunst zum Internet.Was Adam Szymczyks Voraussetzungen betrifft, spricht zumindest vieles dafür, dass es ihm gelingen wird, eine sehr gute Documenta zusammenzustellen.

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06:00 11.12.2013

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