Die Artengrenze ist unsere Richtschnur

GENMEDIZIN Margot von Renesse, Vorsitzende der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin", über den Rücktritt von Gesundheitsministerin Fischer und die Perspektiven des geplanten Fortpflanzungsmedizingesetzes

FREITAG: Frau von Renesse, in den letzten Tagen gingen Meldungen durch die Tagespresse, dass erstmals die Übertragung eines Fremdgens auf einen Primaten geglückt sei. Gleichzeitig haben australische Forscher aus Versehen einen sogenannten Killervirus für Mäuse erzeugt. Was halten Sie von derartigen Experimenten?

Margot von Renesse: Das ist eine Frage für den Tierschutz. Ich stelle im Rahmen der Enquete-Kommission nur die Frage, inwieweit Menschen zu schützen sind.

Wir erleben auf diesem Feld aber eine grandiose Beschleunigung, und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir es einmal mit ähnlichen Versuchen am Menschen zu tun haben werden. Ist eine Institution wie die Bioethik-Enquete-Kommission überhaupt noch in der Lage, diese Entwicklung zu verfolgen und kritisch zu begleiten?

Wir haben sicher damit zu rechnen, dass wir als Gesetzgeber und als Teil, als der wir in der Enquete-Kommission fungieren, bei manchem sicher hinterher hinken werden. Wir müssen ja auch nicht für jeden Einzelfall, für jede mögliche Manipulation eine entsprechende Regelung vorlegen, sondern Kriterien und Methoden entwickeln, die dem Gesetzgeber helfen zu wissen, wie er damit umgehen soll. Wir brauchen als Gesetzgeber auch nicht alles vorauszusehen, sondern wir müssen wissen, wo die Haltelinie ist.

Wo würden Sie diese Haltelinie ziehen?

Immer da, wo wir zum Beispiel bei der Übertragung von Genen oder Teilen von lebenden oder toten Menschen im Ergebnis nicht mehr wissen, handelt es sich um ein Tier oder um einen Menschen. Das heißt also die Überschreitung der Artengrenze insofern, als unklar wird, ob wir es mit einem Lebewesen unserer Art zu tun haben.

Vergangene Woche ist überraschend Gesundheitsministerin Fischer zurückgetreten. Dam dieser Schritt für Sie tatsächlich überraschend?

Ich denke nicht, dass der Rücktritt von dem Thema, mit wir es zu tun haben, ausgelöst wurde. Es war ein Problem des Krisenmanagements in der BSE-Problematik. Sie hat einen sehr persönlich von ihr geprägten Entwurf vorgelegt für die Regelung der Medizintechnik in Zusammenhang mit der Fortpflanzungsmedizin, doch ich glaube, das steht mit ihrem Rücktritt in keinem ursächlichen Zusammenhang.

Im Unterschied zu ihren Vorgängern in es Frau Fischer gelungen, eine weit über das übliche Maß hinaus gehenden öffentlichen Diskurs über bioethische Fragen zu organisieren. Beeinflusst dieser Rücktritt die Arbeit der Kommission und welche Folgen hat er?

Im Hinblick auf die Fortpflanzungsmedizin und die entsprechende Gesetzesregelung wird wahrscheinlich kein Stillstand eintreten, aber die neue Gesundheitsministerin Schmidt wird zu überlegen haben, ob sie sich das Papier von Frau Fischer zu eigen macht. Ich nehme an, dass darüber erst einmal eine Phase des Nachdenkens kommt.

Das Fortpflanzungsgesetz sollte im Sommer auf den Weg gebracht werden, wobei Frau Fischer eine interfraktionelle Einigung anstrebte. Denken Sie, dass die Realisierung des Gesetzes noch zu erwarten ist?

Da müsste ich wirklich Hellseher sein, um das zu wissen, es ist jedenfalls nicht mehr gewiss. Frau Fischer hätte sicher versucht, die Gesetzesvorlage sehr bald einzubringen. Ich nehme an, dass Frau Schmidt darüber nachdenken wird, wie sie damit umgeht, es ist jedenfalls nicht mehr eindeutig geklärt, weil sich Frau Schmidt in dieser Hinsicht noch nicht so exponiert hat.

Es heißt, Frau Schmidt habe wenig Erfahrung in Gesundheitspolitik und den hier interessierenden Bereichen. Sehen Sie in ihrer Nominierung auch ein Indiz, dass sich die Kabinettspolitik ändern wird? Der Kanzler hat in den letzten Wochen recht eindeutig Position bezogen, die nicht unbedingt verträglich war mit der von Gesundheitsministerin Fischer.

Also, wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Haltung von Frau Fischer in der Frage der Fortpflanzungsmedizin etwas zu tun hat mit ihrem Rücktritt, nach dem Motto, weil Fischers Linie dem Kanzler nicht passte, ist sie zurückgetreten, so sehe ich das nicht. Aber sicher werden wir weiterhin heftigen Diskussionsbedarf in Fragen haben, bei denen Frau Fischer eine bestimmte Linie vertreten hatte, denn es überrollen uns ja die Ereignisse, die auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Es gibt keinen Stillstand des Nachdenkens.

Das Gespräch führte Ulrike Baureithel

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