Atomkraft: Die Möglichkeit eines Super-GAUs

Kernenergie Nicht nur im Krieg stellen AKWs eine Gefahr dar. Auch deutsche Meiler sind nicht mehr betriebssicher. Da genügt ein Blick nach Baden-Württemberg
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 31/2022
Seit März wird das Atomkraftwerk in Saporischschja von den Russen kontrolliert
Seit März wird das Atomkraftwerk in Saporischschja von den Russen kontrolliert

Foto: Andrey Borodulin/AFP/Getty Images

Die Meldungen über das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine hätten auch einem Katastrophenfilm entstammen können: Die russische Armee habe das Kraftwerksgelände zu einem „Militärstützpunkt“ umfunktioniert, hieß es, Artilleriegeschütze und Raketen seien von dort aus abgefeuert worden. Der Bürgermeister der benachbarten Stadt Enerhodar berichtet, die russische Seite habe bereits zum zweiten Mal einen hochrangigen Mitarbeiter aus der Betriebsmannschaft entführt, um den AKW-Betrieb zu destabilisieren. Russland hingegen wirft der Ukraine vor, die Anlage mit zwei Drohnen beschossen zu haben. So sieht es aus, wenn das größte Atomkraftwerk Europas direkt an der Frontlinie liegt.

Keine Aufsichtsbehörde, kein Ministerium und kein Betreiber hat jemals durchgespielt, was mit nuklearen Anlagen im Falle eines Krieges passiert. Sie sind demnach weder für einen schweren Raketenbeschuss ausgelegt noch für länger andauernde Stromausfälle oder die Beschädigung wichtiger Teile des Kühlsystems. Auch im abgeschalteten Zustand müssen Atomkraftwerke rund um die Uhr mit Kühlwasser und Strom versorgt werden.

Die Welt sei „nur knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen“, äußerte die amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield Anfang März, kurz nachdem im Zuge des russischen Angriffs auf Saporischschja ein Gebäude auf dem Atomkraftwerk-Gelände in Flammen aufgegangen war. Nun ist es die Ukraine, die das AKW zurückerobern will.

Europa wäre unbewohnbar

Das deutsche Außenministerium versichert, die Bundesregierung habe „Russland mehrmals öffentlich dazu aufgefordert, die Sicherheit der ukrainischen Nuklearanlagen unter seiner Kontrolle uneingeschränkt zu gewährleisten“. Ebenso habe sie den Zutritt der ukrainischen Aufsichtsbehörde sowie der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) gefordert. Das allerdings greift viel zu kurz. Es ist der Krieg an sich, der die Risiken der Atomkraft bis ins Unermessliche erhöht. Und zwar unabhängig davon, wer der Aggressor oder wer „moralisch im Recht“ ist.

Die sofortige Beendigung des Krieges ist nicht das vorrangige Ziel der Bundesregierung. Sie liefert Waffen und unterlässt es, alle nur denkbaren diplomatischen Kanäle offen zu halten und mit Nachdruck ein geeignetes Umfeld für Friedensverhandlungen zu schaffen. Ihre Strategie ist in der Kriegslogik gefangen, wirkt unverrückbar und scheint alle anderen Gefahren – sowohl für Europa als auch für die Ukraine – wissentlich auszublenden. Die meisten Medien tun es ihr gleich und gießen Öl ins Feuer. Fast vollständig ignoriert wurden etwa die frühen Warnrufe von Greenpeace International.

Was den Experten die größte Sorge bereitet, ist die schiere Menge an hoch radioaktivem Material im AKW Saporischschja. Als besonders heikel gelten nicht nur die Brennstäbe, die aktuell in Benutzung sind. Sondern auch die ausgedienten, noch erhitzten Brennelemente, die innerhalb der Anlage fünf Jahre lang in Kühlbecken lagern. Schätzungen zufolge ist ihre Anzahl vergleichbar mit der Menge an Brennelementen, die vor elf Jahren in Reaktor 4 des AKW Fukushima um ein Haar zu einer weit verheerenderen Katastrophe als der stattgefundenen geführt hätte. In einem Worst-Case-Szenario für Saporischschja, bei dem Explosionen die Reaktorsicherheitsbehälter und Kühlsysteme zerstören, könnte die massive Freisetzung von Radioaktivität weite Teile des europäischen Kontinents (einschließlich Russland) für Jahrzehnte unbewohnbar machen. Die Havarie in einem der sechs Reaktoren würde dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit zeitverzögert auf die anderen übergreifen.

Solche Analysen könnten und müssten eigentlich zu einem schnellen Atomausstieg in Europa führen. Stattdessen fallen die Risiken dieser Technologie komplett unter den Tisch: auch und vor allem in der verzerrten Debatte um mögliche Laufzeitverlängerungen deutscher AKWs.

Die lauten Rufe der Atomlobbyisten in Union und FDP sind rein parteipolitisch motiviert, sollen vom Versagen der letzten Regierungen ablenken und entbehren jeder sachlichen Grundlage. Nachdem Bundesregierung und Energieexperten mehrfach erklärt hatten, dass es kein Strom-, sondern ein Wärmeproblem gebe und Atomkraftwerke wenn überhaupt nur ein Prozent des Erdgases einsparen können, versucht man nun, die Debatte auf eine angeblich drohende Stromknappheit zu lenken. Fabian Huneke, Senior Expert bei Energy Brainpool, hält das nicht für zielführend: „Atomkraftwerke sind die Lösung für ein Problem, das wir nicht haben, aber keine Lösung für die beiden Probleme, die wir haben.“ Denn welches Problem haben wir? Im Wärmebereich gibt es zu wenig Gas und im Strombereich eventuell zu wenig Regelstrom, der minutenschnell plötzlich auftauchende Stromlücken füllen kann. Huneke teilt die Einschätzung vieler Experten, dass in Deutschland grundsätzlich genügend stromerzeugende Kapazitäten vorhanden sind, auch ohne die drei letzten Atommeiler. Nur wenn im Winter zur gleichen Zeit viele stromfressende Heizlüfter angeschaltet würden, gäbe es nicht genügend flexible Kraftwerke, um die plötzliche Verbrauchsspitze auszugleichen. Atomkraftwerke sind aber nicht flexibel, ergo nicht hilfreich. Ähnlich verhielte es sich bei großen Schwankungen im Stromaustausch zwischen Frankreich und Deutschland. Sie könnten im Extremfall dazu führen, dass einzelne Unternehmen aus ökonomischen Gründen punktuell deutlich weniger Strom beziehen. Staatliche Eingriffe in den Markt wären vermutlich nicht notwendig. Falls doch, wäre das von einem Blackout noch meilenweit entfernt.

Umso fataler ist, wenn Robert Habeck sowie andere grüne Politiker ins Wanken geraten oder gar bereit sind, klein beizugeben. Haben sie vergessen, dass die drei baugleichen Reaktoren Emsland, Neckarwestheim II und Isar 2 seit mindestens drei Jahren auf Verschleiß fahren? Die eigentlich alle zehn Jahre vorgeschriebene „Periodische Sicherheitsüberprüfung“ (PSÜ) ist seit 2019 überfällig. Die Betreiber wurden davon nur mit Blick auf die absehbaren Abschaltdaten vom Gesetzgeber entbunden.

Kernschmelze? Denkbar

Jeden Tag, an dem kein gravierender Unfall in einem der Meiler passiert, können wir drei Kreuze machen. Wie heikel die Sicherheitslage tatsächlich ist, zeigen die Korrosionsschäden in Neckerwestheim II. Seit 2017 wurde dort jedes Jahr eine steigende Anzahl von Rissen in den Rohren des Dampferzeugers gefunden. Die Risse, inzwischen sind es weit über 300, sind besonders tückisch, da ihre Ausweitung unvorhersehbar ist und plötzlich zu einem Abriss der Rohre führen kann. In diesem Fall würde Kühlwasser entweichen, es wäre ein nur schwer beherrschbarer Störfall mit dem Potenzial einer Kernschmelze.

Nachdem im AKW Lingen (Emsland) ähnliche Risse gefunden wurden, stellte der Betreiber RWE die Risskontrollen 2021 einfach ein. Für den Atommeiler Isar 2 verweigerte der Betreiber PreussenElektra von Anfang an eine gezielte Suche nach Korrosionsrissen im Dampferzeuger.

Bereits jetzt ist der Betrieb der Meiler im Grunde verfassungswidrig. Und er wäre es erst recht nach dem offiziellen Abschaltdatum Ende dieses Jahres. Die Deutsche Umwelthilfe hat deshalb bereits angekündigt, im Falle einer Laufzeitverlängerung oder eines Streckbetriebs Klage einzureichen.

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