Die Atomrakete der kleinen Leute

Codename "Bacchus" Wie eine florierende Biowissenschaft das Biowaffen-Verbot unterläuft

Seit über 30 Jahren gibt es die Konvention zum Verbot bakteriologischer (biologischer) und Toxin-Waffen. Das Abkommen, dem inzwischen 155 Staaten beigetreten sind, gilt zu Recht als erster wirklicher Abrüstungsvertrag, wird doch nicht nur der Gebrauch von Biowaffen untersagt, sondern auch deren Erforschung und Lagerung. Vor allem aber verlangt die Konvention von ihren Signatarstaaten, alle vorhandenen Kampfstoffe zu vernichten - erstmals wird so eine ganze Kategorie von Massenvernichtungswaffen verbannt.

Ein Paradoxon der Rüstungskontrolle während des Kalten Krieges hatte das Übereinkommen ermöglicht. Seinerzeit galt, je geringer der militärische Wert einer Waffe, desto größer die Chance, sie durch Abrüstung zu beseitigen. Und da die meisten Militärs biologische Waffen für eher exotisch und wegen des Risikos der Selbstinfektion für schwer beherrschbar hielten, war deren militärischer Gebrauchswert nicht sonderlich hoch veranschlagt. Außerdem hatte bereits das "Genfer Protokoll" von 1925 sowohl biologische als auch chemische Waffen geächtet.

Oberst Henry Bouquet

Schon vor Jahrtausenden präparierten Krieger ihre Speer- und Pfeilspitzen mit natürlichen Giften, wurden Gegner durch Krankheitserreger angesteckt oder ihre Trinkwasservorräte mit Tierkadavern verseucht. In Nordamerika hatte man während der Indianerkriege Pocken als Waffe eingesetzt. So "schenkte" der britische Oberst Henry Bouquet, Kommandant des von Indianern belagerten Fort Pitt in Pennsylvania, während der Friedensverhandlungen im Herbst 1764 zwei Häuptlingen pockeninfizierte Decken. Kurz darauf brach unter den Delawaren und Shawnee eine verheerende Pockenepidemie aus.

Japan setzte zwischen 1931 und 1945 biologische Agenzien gegen die chinesische Bevölkerung ein. Den Krankheitserregern, darunter Verursacher von Milzbrand, Cholera, Shigellose (Bakterienruhr), Salmonellen und Pest - fielen bis zu 25.000 Menschen zum Opfer. Wie kanadische Wissenschaftler herausfanden, verwendeten die USA im Koreakrieg (1950 - 1953) gleichfalls Krankheitserreger als bakteriologische Waffen.

Auch Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit ließen sich anführen, Russland hat offiziell bestätigt, dass eine Milzbrandepidemie nahe der Stadt Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) Ende der siebziger Jahre auf die Havarie in einem B-Waffenlabor zurückging, bei der Bakterien freigesetzt wurden. Etwa 5.000 Menschen atmeten die ausgetretenen Milzbrandsporen ein, 70 von ihnen starben. Wie durch UN-Inspektionen offenbart wurde, verfügte die irakische Armee 1990/91 über Bomben, die mit Anthrax-Bakterien, hochgiftigem Botulin und dem Leberkrebs erzeugendem Aflatoxin gefüllt waren, doch wurde dieser Bestand unter Kontrolle der Vereinten Nationen beseitigt und die Forschungsbasis Al-Hakam gesprengt. Der Verdacht auf eine spätere Wiederaufnahme der Kampfstoffprogramme bestätigte sich nicht, und die von den USA und Großbritannien als Kriegsvorwand behaupteten illegalen Biowaffen erwiesen sich als reine Erfindung.

Eine ganze Fabrik

Trotz unbestreitbarer Verletzungen hat sich das Verbot von Biowaffen heute als Norm des Völkerrechts durchgesetzt, auch wenn es keine bis ins Letzte präzise Definition dieses Waffentyps gibt. Gerade angesichts eines rasanten Aufschwungs der Biowissenschaften müsste permanent überprüft werden, ob der Begriff noch erfasst, was er erfassen soll. Zudem schwächt die erlaubte "Defensivforschung" das Biowaffenverbot, weil es laut Biowaffen-Konvention zulässig bleibt, an biologischen Stoffen und Toxinen für "Vorbeugungs- und Schutz-Zwecke" zu arbeiten, also beispielsweise Impfstoffe zu entwickeln. Nur ist es in der Praxis oft unmöglich, zwischen "offensiven" und "defensiven" Programmen zu unterscheiden. Mit dem Argument, man müsse sich gegen die Eventualität eines Angriffs mit Biowaffen durch Terroristen oder "Schurkenstaaten" schützen, begründen Regierungen ihre einschlägige Forschung.

So wurde bekannt, dass die USA seit Jahren geheime Experimente vorantreiben, bei denen es unter anderem um genmanipulierte Anthrax-Erreger geht. Mit dem Modell einer Biobombe soll zudem erprobt worden sein, wie Mikroorganismen als feiner Nebel versprüht werden können. Und unter dem Codenamen Bacchus errichtete das Pentagon in der Wüste von Nevada sogar eine ganze Biowaffenfabrik.

Bei Verdacht auf verbotene Handlungen, mit denen gegen die Biowaffen-Konvention verstoßen wird, ist zwar eine Beschwerde beim UN-Sicherheitsrat möglich, die jedoch durch das Veto eines der ständigen Mitglieder jederzeit abgeblockt werden kann. Darum entschloss sich die internationale Staatengemeinschaft Anfang der Neunziger, dem bisher zahnlosen Abkommen ein wirksames Kontrollinstrument zu verschaffen. Mehr als neun Jahre wurde verhandelt, bis im Sommer 2001 endlich ein Ergebnis vorlag. Doch es gab eine böse Überraschung: Um von niemandem eigene Bio-Programme observieren zu lassen, weigerten sich die USA, das unterschriftsreife Zusatzprotokoll zu akzeptieren, und verlangten die Auflösung der Verhandlungsgruppe.

Acht Gramm Botulinum-Toxin

Ein zuverlässiges Verbot von Biowaffen erscheint in der interdependenten Welt des 21. Jahrhunderts unverzichtbar, der Ausbruch einer Seuche selbst in einer noch so fernen Gegend könnte zu einer apokalyptischen Gefahr für die Menschen ganzer Regionen werden. Die Konsum- und Hightech-Gesellschaften des Westens sind durch ihre vernetzte Infrastruktur und hochgradige Technisierung äußerst verwundbar. B-Waffen können mit Raketen verschossen, aber auch als Aerosole von Flugzeugen, Schiffen oder Fahrzeugen aus auf ausgedehnte Gebiete versprüht werden. Die Verbreitung von Kampfstoffen über Trinkwasserreservoire, Belüftungsaggregate oder durch Vektoren - Insekten oder infizierte Tiere - führt unter Umständen zu todbringenden Epidemien Acht Gramm Botulinum-Toxin, des stärksten Gifts überhaupt, könnten rein rechnerisch die gesamte Bundesrepublik entvölkern. Ein Sprühangriff mit 50 Kilo Anthrax-Sporen von einem Flugzeug aus würde in einer Großstadt wie Dresden ein Fünftel der Bewohner töten - es käme zu Milzbrand, inneren Blutungen, schließlich zum tödlichen Atemstillstand.

Mit einer boomenden Biowissenschaft wächst die Versuchung, derartige Waffen in den Arsenalen zu haben. Dies auch deshalb, weil Biowaffen, die in der Wirkung an Kernwaffen heranreichen, unauffällig und billig hergestellt werden können. Jedes kleinere Pharmalabor kann Bakterien, Viren und Toxine produzieren, die bereits in geringen Mengen Epidemien unter gegnerischen Truppen auslösen. Manches Entwicklungsland mag in militärischen Konflikten in den B-Waffen eine billige Alternative als "Atomwaffe der kleinen Leute" sehen.

Die sogenannte "Dual-Use"-Kapazität - der sowohl militärische als auch zivile Gebrauchswert biologischer Substanzen - erschwert es überdies, den Zweck nationaler Programme zu verifizieren. Apparaturen, mit denen Bier, Joghurt oder Medikamente hergestellt werden, sind gleichermaßen geeignet, Anthrax-Bakterien zu produzieren. Mikrobiologische Apparaturen, wie sie in Hochschullabors eingesetzt werden, lassen sich auch für militärische Zwecke gebrauchen.

So haben etwa der Virologe Jeffery Taubenberger und sein Team vom US-Militärinstitut für Pathologie in Rockville die Spanische Grippe gentechnisch reproduziert, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges weltweit 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die damalige Pandemie vom Vogelgrippevirus H1N1 ausgelöst wurde, das direkt auf den Menschen übergesprungen war. Lediglich zehn kleine Mutationen im augenblicklich für Unruhe sorgenden Vogelgrippevirus H5N1 würden genügen - so warnen Forscher -, damit es unmittelbar von Mensch zu Menschen übertragen werden kann. Bekanntlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits vor Monaten erstmals eine direkte Ansteckung innerhalb einer indonesischen Familie nachgewiesen. Über Nacht könnten wir es statt der bisher 150 Opfer mit einer Pandemie und Millionen Toten zu tun haben.

Seuchen-AWACS

Die Rekonstruktion von Viren wird von Militärs ebenfalls als Argument für eine forcierte Biowaffen-Abwehrforschung vorgetragen. Unschwer zu erkennen, dass hier ein Teufelskreis entsteht. Edward Hammond von der biowaffenkritischen Organisation Sunshine Project warnt: "Derartige Forschung löst ein Wettrennen um die gentechnische Fabrikation möglichst gefährlicher Viren und Bakterien aus - und um die Forschungsgelder zur Bekämpfung dieser hausgemachten Erreger." Die Folgen des "Genetic Engineering" zur Erzeugung von Seuchen oder der Zerstörung genetischer Schutzmechanismen wären verheerend. Fortschritte in der Humangenom-Forschung ermöglichen bereits den Gebrauch von Bluteiweißen, um damit eine spezielle "Rassengruppe" anzugreifen. Dabei werden künstlich erzeugte Viren und Giftstoffe eingesetzt, deren Wirkung durch die Daten über die menschlichen Gen-Bausteine ethno-differenziert ausgerichtet werden kann.

Wie wahrscheinlich Angriffe mit Biowaffen sind, darüber gehen die Expertenmeinungen auseinander. Aber es besteht kein Zweifel, zum Teil bereits ausgerottete Krankheiten wie Typhus, Cholera, Pest, Milzbrand, Gelbfieber oder Pocken lassen sich reanimieren, vorsätzlich verbreitete Viren, Pilze oder Bakterien können menschliches Leben akut bedrohen. Der Schutz der eigenen Bürger ist deshalb ein legitimes Motiv jeder Regierung, auch wenn ein flächendeckendes Frühwarnsystem - ein "Seuchen-AWACS" aus Biowaffen-Detektoren - letzten Endes ebenso wirkungslos sein wird wie die Atemmaske in jeder Aktentasche. Der einzig mögliche Schutz vor Angriffen mit Krankheitserregern besteht darin, weltweit den Aufbau von Biowaffen-Potenzialen prophylaktisch zu verhindern und das bestehende Vertragsnetz zu stabilisieren. Nachdem in den vergangenen Jahren lediglich Einzelaspekte der Biowaffen diskutiert wurden (siehe Infokasten), findet im Augenblick die turnusmäßige Überprüfungskonferenz zur Konvention statt, auf der alle Ideen und Vorschläge erörtert werden können. Ob es allerdings gelingt, das B-Waffenverbot entscheidend zu stärken, erscheint zweifelhaft.


Themen der jährlichen Fachkonferenzen

2003 - Staatliche Umsetzung der Vertragsbestimmungen, nationale Strafgesetzgebung sowie physische Sicherheit vor Krankheitserregern und Toxinen

2004 - Internationale Kooperation bei einem Angriff mit biologischen Kampfstoffen und dem Ausbruch von Massenepidemien

2005 - Verhaltenskodex für Biowissenschaftler zur Verhinderung des Missbrauchs biowissenschaftlicher Forschung

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00:00 24.11.2006

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