Die austauschbare Stadt

Globalisierung Berlin ist immer noch deutsche Kinohauptstadt, also muss es sich wohl hier neu erfinden. Studenten aus aller Welt versuchen sich im Wedding am "Kino der Zukunft"

Freitag am frühen Abend trifft sich das urbane Leben auf einer Vernissage. Das Setting muss man sich wie immer oder so ähnlich vorstellen, Weißwein in Gläsern, Pilsener Urquell und Mitte-Menschen stehen in Grüppchen, Kinder sind auch da, und wie auf Regieanweisung lehnt an der Wand ein Japaner (Anzug, Turnschuhe, schwarze Hornbrille) und beobachtet uns. Draußen hatten wir kurz die neunziger Jahre rekapituliert. Der Pfefferberg war doch einmal unser Ort gewesen. Eine der vielen marod-romantischen, noch investorenfreien Stätten im Osten Berlins, am Prenzlauer Berg. Mit viel süßem Pech konnte einem die Decke auf den Kopf fallen, schön auch der alte Biergarten unter den Kastanienbäumen.

Will man heute von der Schönhauser Allee zur weltweit ersten privaten Architekturgalerie, Aedes heißt sie, und zur Ausstellung cinema of the future, überquert man wenig überraschend statt Biergarten ein adrettes Gartenlokal und geht durch eine Art Glaspassage, die so hässlich aussieht, als würde hier bald auch eine Apotheke eröffnen. Wo früher die Kiffer saßen, sitzen heute das Geld und die Kunst. Große Galerien haben sich angesiedelt, viele Rechtsanwälte arbeiten hier, sie haben lustige Kerngeschäfte wie „intellectual property law“. Auf einem anderen Klingelschild steht „Berlin Institute for Cultural Inquiry“.

„Ist denn hier wirklich alles auf Englisch?“, fragten wir leicht entnervt die Pressefrau, als wir erkannten, dass in der Ausstellung alles, aber wirklich alles in Englisch beschrieben war und draußen gefühlt jedermann Englisch sprach (ja, wir wissen schon, dass die Architektursprache Englisch ist). Sie reichte uns hilfsbereit einen DIN A4-Zettel – ein paar deutschsprachige Infos zu "cinema of the future". Eine Ausstellung in Berlin zu den Kinos zu machen, heißt eine Ausstellung in einer Kinostadt zu machen. In seiner besten Zeit hatte die Stadt über 400 Kinos. Heute sind rund ein Viertel davon übrig; am Kudamm haben von 22 Filmtheatern zwei überlebt. Past and Present heißt ein Teil der Ausstellung; eine Würdigung der vielen Berliner Filmtheater, die schließen mussten oder deren Zukunft ungewiss ist. Als kleine Hommage wird das jeweilige Kino kurz eingeblendet, man sieht die Fassade und bei manchen diese klassische weiße Leuchtreklame, auf der in blauen und roten Lettern der Filmtitel steht.

Wie in einer Kathedrale

Berlin ist jedoch immer noch deutsche Kinohauptstadt. Aber das Kino muss sich „neu erfinden“. Es soll mehr sein als ein Ort, an dem einfach Filme gezeigt werden. Es hat, sagt die Gründerin von Aedes, Kristin Feireiss, eine „soziokulturelle Funktion“. Als großes Vorbild nennt sie den französischen Filmemacher Marin Karmitz, der seit den siebziger Jahren zahlreiche Kinos in den schwierigen Gegenden von Paris eröffnet hat. Die Drogen verschwanden. Die Leute gingen abends wieder aus. Aber kann man eine gelungene Mission wiederholen, ein Projekt, das kämpferisch gewachsen ist, am Reißbrett planen?

Ein „fingierter Architekturwettbewerb“ von Studenten der Uni Delft zeigt Entwürfe für ein solches Zukunfts-Kino: „The former industrial site in Wedding district of Berlin was chosen as study area.“ Das Kino aus der Zukunft soll also im Wedding stehen, genauer, auf dem Gelände einer alten Tresorfabrik. Im Wedding gibt es gerade noch ein Kino, das Alhambra, ein Multiplex, wie es überall steht. Das neue Kino will aber kein Multiplex sein, sondern ein Arthouse, denn der Wedding werde zunehmend zum „young creative district“. Ausbuchstabiert: Menschen, die von Berlin-Mitte angeödet sind, oder arme Studenten, die von einer Wohnungsbaugesellschaft ein Angebot bekommen haben, das sie nicht ausschlagen konnten, gehen jetzt in den Wedding. Zum Beispiel in die alte Tresorfabrik, die keine zwei Minuten von der S-und U-Bahnstation Wedding entfernt liegt. Kurz die Müllerstraße überquert und rein in den Wedding at its best in die Lindower Straße, vorbei an Altinyal Gözleme Evi, Tele-Internet-Café, Afro International Shop (Money Transfer), PKW-An-und Verkauf, Restposten-An- und Verkauf, dem Verband Türkischer Kulturvereine e.V., Sahin Fahrschule – zur Fabrik in der Nummer 22. Auf dem Gelände laufen moderne Hipsters aus aller Welt so andächtig herum, als wandelten sie durch eine Kathedrale, deren einmalige Kirchenfenster gerade noch vor dem Raub der Flammen gerettet werden konnten. Das Fabrikgelände steht nämlich mitnichten leer. Letztes Jahr haben der Opernregisseur Frederic Wake-Walker und der Kulturmanager Christophe Knoch, der mit Christoph Schlingensief das Burkina-Faso-Opern-Projekt aufgebaut hat, den Ort für sich entdeckt, und der neue Eigentümer, der italienische Architekt und Kunstsammler Mariano Pichler, hat ihnen die Zwischennutzung erlaubt.

Zu diesem Objekt in der Lindower Straße hat der „Architekturwettbewerb“ also Vorschläge für eine endgültige Gestaltung ­gemacht. Für die Ausstellung im Aedes wurde der Wettbe werb auf Video aufgezeichnet. Es wird rasch deutlich, dass die Studenten die soziale Funktion des Kinos ernst genommen haben. Es könnte ein Hotel entstehen, ein Kindergarten. Es gibt einen türkischen Markt, Gastronomieangebote, Shops und einen Betreuungsservice für Mütter, wie er sich hierzulande bisher nur bei Ikea durchgesetzt hat. Jemand fragt kritisch dazwischen, ob man eigentlich wisse, welche Klientel im Wedding lebt. Auf lange Sicht muss man wohl sagen: noch im Wedding lebt. Nun, man hatte zwar auch an Sozialwohnungen gedacht. Aber die wirken wie ein Alibi. Denn es wird wohl so kommen, wie sich diese jungen Menschen die Zukunft vorstellen. Die Gentrifizierung findet ja bereits statt. Kein Wunder also, machen sich die Studenten bevorzugt selbst zum Adressaten ihrer Entwürfe. Uns fällt ein Zitat aus einem Helmut-Käutner-Film ein. „Ich weiß nicht. Ich finde es nicht gut, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt“, heißt es in der Zürcher Verlobung.

Ein einzigartiges Labor

Ein Entwurf zeigt ein Labyrinth aus Kultur, in dem man sich in Veranstaltungen verirrt, in eine Ballettaufführung etwa. „One might question, if the inhabitants of Wedding who ,get lost‘ in their everyday lives will appreciate the idea of losing themselves again by stepping into the project“, merkt die Jury an. Warum nicht die Filmbranche mit ins Boot nehmen und eine Filmschule eröffnen. Immerhin gibt es beim Film ja auch die handwerklichen Berufe. Cinema City ist dann auch der Gewinnerbeitrag. Ob man eigentlich wisse, fragt einer aus der Jury, dass in Berlin das Wetter fünf Monate, also wie soll man sagen, cloudy sei. Im Entwurf von Cinema City steht nämlich auch ein riesiges Amphitheater. Das hatte die Jury zwar irritierend gefunden, das offene Konzept erinnerte aber zu schön an das CaixaForum in Madrid, um nicht prämiert zu werden.

All das hört sich ein wenig surreal an, und schon klar, es geht um Kinos, um die Zukunft, um Aufbruch – aber man wird trotzdem etwas traurig. Man möchte den Wedding, in dem man nicht wohnt und den man kaum besucht, plötzlich irgendwie schützen oder wenigstens dem alten Industriegebäude einen schmerzlosen Tod wünschen. So wie man am Ende doch froh war, als das Tacheles in Mitte endlich aufgeben musste (leider war das auch das Ende vom Kino High End 54).

Aber wie klingt es für die andere Seite? Ich frage Kristin Feireiss, die Gründerin von Aedes, sie hat das Niederländische Architekturmuseum NAi in Rotterdam geleitet, Rem Koolhaas und Daniel Libeskind gefördert, als man sie noch nicht kannte; jüngst hat eine Ausstellung über ein wiedereröffnetes Kino in Jenin viel Aufmerksamkeit eingebracht. Ihre Stimme zählt also. „Wir sind ja nicht die beauftragten Architekten. Wir wollen einfach Anregungen geben, politik- und geldfrei nachdenken“.

Warum gerade Berlin? Die Stadt sei ein einzigartiges Labor, „a metropolitan lab“, sagt Kristin Feireiss. Und da sich die urbanen Orte der Welt ähneln, ja mehr noch, da sie tatsächlich austauschbar seien, können Studenten aus Wien, Delft, Korea und Mexiko eben gut mitreden, wenn es um ein Kinoprojekt im Wedding geht. „Es sind ja alles Utopien“, sagt sie dann. Utopie, das klingt irgendwie beruhigend.

In der Ausstellung erfährt man auch: Im September 2012 wird der legendäre Zoo-Palast wieder eröffnen. Wer war nicht schon alles hier? 1957 hatte Die Zürcher Verlobung im Zoo-Palast Premiere. Von da an war das Kino bis 1999 die wichtigste Spielstätte der Berlinale. Vier Millionen Euro sollen jetzt vor allem in den Innenausbau investiert werden. Der große Saal wird mit 850 Plätzen original erhalten und nur renoviert. Es hätte schlimmer kommen können.

Katharina Schmitz schrieb im Freitag zuletzt über den Schrifsteller Peter Kurzeck



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15:55 27.07.2011

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