Die Autorität der Autorin

Im Maxie-Sound Die erste Biographie von Maxie Wander ist zum Kitschroman geraten

Das Beste an dieser Biographie ist ein Foto: die Anderthalbjährige als kesser Bengel mit viel zu großer Schiebermütze, die Hände in den Taschen der Kordhose. Verschlossener selbstsicherer Trotz, der so gar nicht zum Kuschelalter zu passen scheint.

Bereits der Klappentext lenkt die Leseerwartung in die Richtung des rührseligen Kolportageromans: die »unbekannte Hausfrau und Ehefrau des jüdischen Autors«, die »ihre ostdeutschen Schicksalsgenossinnen« porträtierte, nachdem diese »einfach draufloserzählt« hätten. Die ehemalige Courage-Redakteurin Sabine Zurmühl, 1947 in Berlin geboren und im Westteil der Stadt aufgewachsen, versucht, vom Erfolg der Protokolle und Tagebücher Maxie Wanders zu zehren. Mutterbindung, Liebesbeziehungen, Eheprosa, Kindesliebe, Tod der Tochter, Brustkrebs - das sind die Eckpunkte dieser »Geschichte einer Frau«. Eine Poetologie aber wird der Autorin in dieser Biographie gar nicht zugetraut. Statt sich wirklich auf die Widersprüche dieses Lebens einzulassen, auf die Kompliziertheit einer Schriftsteller-Ehe, auf die Grenzen und Möglichkeiten einer Autodidaktin, wird uns »das erschütternde Dokument eines langen Kampfes gegen das Sterben« - so der Werbetext auf dem Buchrücken - zugemutet.

Maxie Wander, 1933 in der Wiener Vorstadt Hernals in einer armen und stolzen Kommunistenfamilie geboren, geht mit 17 von der Schule ab, auf der sie als erste der Familie das Abitur hätte machen sollen, arbeitet als Sekretärin im Theater und im Österreichischen Friedensrat, lernt 1952 den (noch verheirateten) kommunistischen Schriftsteller Fred Wander kennen und siedelt 1958 mit ihm in die DDR über. In der Intellektuellenprovinz Kleinmachnow führt sie ein gastfreundlich offenes Haus, erzieht drei Kinder, ist mit den Schriftstellerinnen Gerti Tetzner und Christa Wolf eng befreundet. Hin und wieder reist sie mit ihrem Mann in den Westen, wenn der mit einem DDR-Verlag einen Auftrag für ein Reisebuch aushandeln kann. Sie tippt seine Manuskripte, wird von ihm zum Fotografieren angeregt, schreibt kleinere Reportagen, auch mal ein Drehbuch. 1977 erscheint Guten Morgen Du Schöne im Verlag Der Morgen. Im November des selben Jahres stirbt sie, 44-jährig, an Krebs.

Der Biographin Sabine Zurmühl ist vor lauter Anverwandlung die Distanz zu der geschätzten Autorin soweit verlorengegangen, dass sie meint, selbst im »Maxie-Sound« schreiben zu dürfen. Sie imitiert, was sie für Wiener Kindersprache hält (»I hab wem ´troffen«), »Hockerl«, »Spoteln«, »Grammelpogatscherln« sollen »Milljöh« zeichnen und sind doch nur kitschig. Immer wieder versäumt die Biographin, zwischen dokumentarisch abgestützten Informationen und ihrer eigenen Fiktionalisierung zu unterscheiden und diese Differenz für ihre LeserInnen kenntlich zu machen: Sie gibt Dialoge zwischen Mutter und Tochter wieder, die sie nicht kennen kann, flicht pseudowörtliche Rede ein, spricht in scheinfamiliärer Intimität stets von »Fritzi-Maxie«, »dem Fred« oder »der Tant´«. Unbehelligt von drei Jahrzehnten feministischer Auseinandersetzung arbeitet Zurmühl mit eben solchen Kanonisierungsmethoden, gegen die sich auch in der DDR eine ganze Generation von Autorinnen verwahrt hat: Sowohl Text als auch Autorin werden verniedlicht, biographisiert, privatisiert. Guten Morgen Du Schöne wird zum Nebenprodukt einer talentierten Hausfrau, zur »Lebenstransfusion« - als literarisches Experiment wird das Buch nicht ernst genommen. Schon unmittelbar nach Erscheinen der »Protokolle« griff zum Beispiel die Soziologin Irene Dölling darauf zurück, um lange schwelende politische Fragen in neuer Schärfe zu stellen. Einzig die Macht des »Authentischen« kam gegen das wachsende Auseinanderklaffen von Zeitungs- und Alltagswirklichkeit an. Die 70er-Jahre-Welle des Dokumentarischen in der DDR erklärt sich aus diesen Verhältnissen: Interviews mit Eltern behinderter Kinder oder mit Homosexuellen, Soldatenbriefe, Dok-Filme wie Die Kinder von Golzow wirkten als Korrektiv zum ideologisierten Welt- und Geschichtsbild. Gerade die Wirkungsgeschichte der »Protokolle« verweist auf die widersprüchliche Rolle von Literatur in der DDR als »Ersatzöffentlichkeit«, aber das interessiert die Biographin wenig. Wander überwand soziale Grenzen und solche zwischen Generationen, sie unterzog die propagandistisch gefeierte Emanzipation der Frau in der DDR einer kritischen Überprüfung, indem sie die 92-jährige Großmutter und die 16-jährige Oberschülerin, die geschiedene Ärztin und die verheiratete Sekretärin, die abgeklärte Dozentin und die lebenslustige Facharbeiterin auf eine Weise zu Wort kommen ließ, die deren innerste Wünsche, Träume, Ängste, vor allem aber ein enormes brach liegendes Kraftpotential zum Vorschein kommen ließ. Im Unterschied zu Sarah Kirschs Protokollsammlung Die Pantherfrau von 1973, die immer wieder als Vorläufer genannt wird, enthält Guten Morgen Du Schöne keine Tonbandprotokolle, wie der Untertitel suggeriert. Die ursprünglichen Protokolle sind zu Porträts verdichtet, die Autorin adaptiert den Gestus, Soziolekt und Ton der Befragten und reichert ihn mit dem Bild an, das sie sich selbst von der Gesprächspartnerin und deren sozialer Situation gemacht hat. Aus der Tonbandmitschrift wird Literatur. Da erscheint es den Beteiligten fast selbstverständlich, wenn die Grenzen realer Frauengeschichten in den Porträts ineinander übergehen. (Zurmühls kriminalistische Rätselarbeit des »Wer ist wer?« bedient durchaus nicht nur voyeuristische Interessen, sondern macht auch diesen poetischen Verdichtungsprozess etwas durchsichtiger.) Hier war nicht nur eine genaue Zuhörerin am Werk. Wander tritt hinter die von ihr Porträtierten zurück und ist doch zugleich in jedem Porträt unübersehbar anwesend. »Ein erregender Mut, sich selbst gegenüberzutreten« nannte Christa Wolf dies in ihrem klugen Vorwort, ein Mut, der vor und hinter dem Mikrofon zutage trat. »Das Buch entstand, weil sie (Maxie Wander), erfahren in der Schwierigkeit, zur Sprache zu kommen, andere erleben ließ, daß sie nicht von Natur aus dazu verurteilt sind, stumm zu sein.«

Maxie Wander verschaffte nicht nur ihren Gesprächspartnerinnen Autorität, sondern zugleich sich selbst die Autorität der Autorin. Nach der Arbeit als Sekretärin, Journalistin, Fotografin und Drehbuchautorin scheint sie damit endlich ihr Feld gefunden zu haben, auch beruflich bei sich angekommen zu sein. Von der Wirkung des Buches wurde Maxie Wander überrollt: In ihren postum veröffentlichten Tagebüchern und Briefen ist zu lesen, wie sie ganz unvorbereitet zu einer Institution wird. Zeitweise erreichen sie bis zu fünfzig Briefe am Tag. 60.000 Buch-Exemplare allein im ersten Jahr verkauft, Leserinnendiskussionen in Zeitschriften, überfüllte Theater und erhitzte Diskussionen bei szenischen Aufführungen einzelner Porträts in den verschiedensten Städten der DDR (mit prominenten Schauspielerinnen wie Jutta Wachowiak, Simone von Zglinicki, Lissy Tempelhof, Else Grube-Deister, Jenny Gröllmann, Marianne Wünscher) und nicht zuletzt eine Welle der »Protokollliteratur« - die Wirkung von Guten Morgen Du Schöne begründet wohl auch das Interesse, auf das eine Biographie rechnen kann.

Ästhetisch interessant sind die Übergänge zwischen Fiktionalem und Dokumentarischem in den Texten, der Wechsel von Monolog und Dialog, von Sprachporträt und Kommentar. Ob die Methode auch für die geplanten Männerprotokolle und unter anderen historischen Umständen funktioniert hätte, ist fraglich. Leider interessiert sich die Biographin auch nicht für ästhetische Fragen. Obgleich es durchaus anzuerkennen ist, dass das Bild der harmonischen, immer gut aufgelegten burschikosen Wienerin zurechtgerückt wird und der oft mühselige Alltag, die Selbstzweifel, die Identitätssuche, die Heimatlosigkeit, das Stottern und die Brüche hinter der Fassade aufgezeigt werden, so verdient doch gerade ein solches Eindringen in intimste Bereiche mehr Behutsamkeit als hier spürbar. Die komplizierte Beziehung zum adoptierten Sohn, der Schritt aus dem »roten« Wiener Vorstadtviertel nach Kleinmachnow in die unmittelbare Nähe der Mauer, dazu das cholerische Temperament - all das sind Mosaiksteine, die das Bild der verehrten Ikone der Frauenemanzipation Maxie Wander zu Recht ergänzen und relativieren.

Sabine Zurmühl hat 22 ZeitzeugInnen, Verwandte, KollegInnen und FreundInnen befragt, sie bezieht ihr Wissen (neben bereits von Fred Wander publizierten Tagebuchausschnitten) aus einigen wenigen bisher unveröffentlichten Tagebuchnotizen oder Briefzitaten und zwei schmalen Akten der Gauck-Behörde. Mit dieser durchaus nicht üppig zu nennenden Quellenbasis geht sie überaus unkritisch und in der Zitierweise geradezu fragwürdig um. Den historischen Kontext muss mal ein Lied-Zitat aus dem Lesebuch bieten, mal der Wiener Kurier oder die Stimme der Frau. In bezug auf die DDR-Geschichte wird es noch enger, die Angaben über »weiterführende Literatur« sprechen Bände. Die Kontakte der Wanders zur Staatssicherheit werden moralisierend abgewehrt, statt gerade daran die Zerrissenheit zwischen Loyalität zum sozialistischen Gastgeberland und harscher Kritik am Fehlen einer demokratischen Öffentlichkeit als individuelles und zugleich zeitgeschichtliches Problem herauszuarbeiten. Offensichtlich hat sich Sabine Zurmühl durch den intimen Gestus und die Offenheit der bislang veröffentlichten Briefe und Tagebuchauszüge ermutigt gefühlt, selbst eine Art Protokoll der »wahren« Maxie Wander zu schreiben. Sie ist damit gründlich gescheitert. Den Respekt, welchen Wander den von ihr porträtierten Frauen entgegenbrachte, vermisst man bei ihrer Biographin ebenso wie deren Selbstironie.

Wie schon nach Barbara Krauses Biographie über Brigitte Reimann von 1994 möchte man die Autorinnen vor ihren wohlmeinenden Biographinnen beinahe schützen: Was erwartet uns im Falle Irmtraud Morgner, Christa Wolf oder Inge Müller?

Sabine Zurmühl: Das Leben, dieser Augenblick. Die Biographie der Maxie Wander, Henschel Verlag, Berlin 2001, 319 S., 39,90 DM

00:00 20.07.2001

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