Die Bananenrepublik und das Wertgesetz

Zu kurz Gedachtes in der Freitag-Debatte Ernsthafte Gesellschaftskritik wird wohl nur noch am Katzentisch betrieben

Vor langer Zeit sagte mal einer: "Man muss das Kapital vielmehr abschaffen wollen, um es zu begreifen. Wenn man es aber abschaffen will, dann lässt es sich immerhin tatsächlich begreifen." Weil es allen Beschwörungen zum Trotz offenbar nicht von selbst verschwinden will, sollte man sich daran immer wieder mal erinnern. Schon die einstmals staatstragenden Kommunisten wollten das nicht wahr haben. Wähnten die sich doch in einer Phase des quasi "gesetzmäßigen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus", der sich "unabhängig vom Willen der Menschen" (Mao Tse Tung) vollziehe.

Was Ulrich Weiß als "Morgenrot der sozialistischen Gesellschaft" bezeichnet, war jedoch nichts weiter als die staatliche Verwaltung der Warenproduktion. Die unterschied sich vom kapitalistischen Pendant nur wie Gloster von Boskoop, Apfel bleibt aber Apfel. Wenngleich nach innen der Wert, wie am staatlichen Festpreissystem ablesbar, mitunter suspendiert wurde. Der Sozialismus war aber bei Marx mal als Vorstufe zu einer Gesellschaft jenseits des Werts gedacht. Was freilich bedeutet, nützliche Sachen nicht mehr wegen ihres Tauschwerts herzustellen. Der Übergang zur Gebrauchswertproduktion verlangt aber mehr als lediglich die Besitztitel an den Produktionsmitteln umzuschreiben. Voraussetzung jedweder Produktion wäre tatsächliche Bedarfsermittlung, das pure Gegenteil von Marketing also. Spekulation ist beides, weil man immer erst hinterher sagen kann, ob der Krempel was taugt oder alles vergebliche Mühe war. Erstere setzt Menschen voraus, letzeres schielt dagegen auf den Markt, auf dem die nur als Kunden vorkommen. Falls nicht, erwartet sie schlimmstenfalls der Hungertod. Ob in einer vernünftigen Gesellschaft die Distribution, wie von Marx mal vorgeschlagen, anteilig nach Arbeitszeit organisiert würde, wäre da fast schon nebensächlich. Die Variante böte immerhin den Vorteil, dass die Bosse den abendlichen Theaterbesuch ebensowenig in ihren endlosen Arbeitstag einrechnen könnten wie das Schäferstündchen mit der Sekretärin. Ohnehin würde die nur mitspielen, wenn ihr wirklich danach wäre und nicht, weil sie den Posten dringend benötigte und der Schmierlapp den großen Macker gäbe. Außerdem, wäre das Buffet erst mal reichhaltig genug und für alle geöffnet, könnte sowieso jeder nur soviel essen, bis es ihm aus den Ohren wieder rauskäme. Bliebe danach noch was übrig sein, fände sich dafür gewiss ein vernünftiger Verwendungszweck.

Tatsächlich unterschied den Osten vom Westen nur, dass die Produktionspläne nicht von den Direktorien der Betriebe nach Maßgaben des Markts sondern nach Vorgaben des Politbüro erstellt wurden. Was die Menschen aber keineswegs aus der Tretmühle von Arbeit und Konsum befreite. Im Gegenteil, am Ende reduzierte sich die ganze Angelegenheit für den durchschnittlichen Fließbandarbeiter im Osten zur reinen Konsumfrage. Weshalb er zehn Jahre auf einen Trabi warten sollte, während sein Kollege im Westen den Golf gleich mitnehmen konnte, wollte ihm partout nicht einleuchten. Urlaub am Mittelmeer wollte er auch endlich machen dürfen, statt immer nur an der Ostsee. Deswegen pfiff er auf das bisschen relative soziale Sicherheit und gehörte kurzfristig zum Volk, das die D-Mark wollte. Nachdem ihm die wieder abgenommen und sein Fließbandjob wegrationalisiert worden ist, hält er´s heute mit den Nazis, propagieren die doch die "Ausländer raus"-Option als Ausweg. Dass es den ganzen Sozial-Klimbim im Westen nur gab, weil der Osten mal behauptet hatte, zum Kapital eine vernünftige Alternative zu entwickeln, geht dem nun ehemaligen Fließbandarbeiter wohl nie in den Kopf. Michael Opielka offenbar auch nicht. Weshalb es "in allen westlichen Wohlfahrtsstaaten" seit den neunziger Jahren "Arbeitszwang statt Hängematte" heißt, kann er sich nicht erklären.

Wie man mit Speck Mäuse fängt, wusste allerdings schon lange vorher Bismarck. Der Aufhebung des 1878 erlassenen Sozialistenverbots im Jahr 1890 ging nicht zufällig die 1889 gegründete Alters- und Invaliditätsversicherung voraus. Weil sie entweder Besitzer von Produktionsmitteln waren oder nicht, gehörten die Menschen für Marx noch verschiedenen Klassen an, die ihre sich widersprechenden Interessen (Stefan Meretz) unter der Fuchtel des Wertgesetzes nicht unter einen Hut bekamen. Versicherungsschutz gibt es hingegen für jeden, der Prämien zahlt, gleichgültig ob arm oder reich. Mit ein Grund, warum sich Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben, als Angehörige eines Volkes begreifen können. So lagen sich im Ersten Weltkrieg eben nicht Proletarier, Bourgeois, Bauern oder Intellektuelle in den Schützengräben gegenüber sondern Deutsche, Österreicher, Russen, Franzosen, Briten usw. Als der Kaiser nur noch Deutsche kannte, bewilligte selbst die SPD die Kriegskredite.

Genau hier liegt aber der Hund begraben. Die proletarische Revolution, für Marx noch unabdingbar, gab es nie. Die revolutionäre Sache kam noch nicht mal bei den ausgebeuteten und unterdrückten Massen der entwickelten Industrieländer wirklich an. Allerdings ist sie längst keine Alternative mehr. Proletarische Revolution hieß bei Marx nicht Besetzung der Paläste durch die Revolutionräte sondern primär Vergesellschaftung der Produktionsmittel, um Tauschwert- durch Gebrauchswertproduktion zu ersetzen. Diese Option existiert aber nicht mehr, wenn der Boss kein Eigentümer der Firma sondern, wie alle Beschäftigten, Angestellter und damit kündbar ist. Vom Hofkehrer unterscheidet er sich nur noch graduell. Logische Konsequenz solcher Verhältnisse ist dann der prozentuale Gehaltsverzicht des Chefs verbunden mit der Aufforderung an die Belegschaft, dasselbe zu tun. Was freilich nicht ausschließt, dass es ihm weniger ausmacht, auf ein paar Peanuts seines Vermögens zu verzichten, während er seinen Untergebenen Sozialneid vorwirft.

Freiwillig oder nicht, die Menschen sind nach wie vor dem alles beherrschenden Gesetz des Werts unterworfen. Der ist nicht abstrakt, weil Finanzökonomen sich einbilden, er verschwände tatsächlich samt dem Kapital, sobald sie sein Äquivalent nur noch sprichwörtlich mit Händen greifen können. Ob es nun in Banknoten oder als virtuelles Geld mittels Plastikkarte oder gleich online zwischen Konten transferiert wird, ändert nichts an der Sache. Abstrakt ist der Wert, weil auf sich selbst bezogen. Daher ist fürs Kapital vollkommen gleichgültig, ob er sich vermittels Kanonen oder Kartoffelbrei reproduziert und vermehrt. Wenn nicht, ist keins von beiden möglich. Ulrich Buschs irrwitzige Behauptung, im Kapitalismus werde Geld "zur Inkarnation allen stofflichen Reichtums" mag man mit Günther Menschings über 20 Jahre alter Erkenntnis begegnen: das "rächt sich jedoch durch die Vernichtung von dessen naturaler Basis, die eben nicht sinnvoll final auf den Tauschwert hin gerichtet ist." Sie impliziert indessen, dass die vernunftbegabten Menschen zwar den Mann im Mond inzwischen besucht haben, aber ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen (noch?) nicht vernünftig regeln können. Buschs Schlussfolgerung, die "Virtualisierung des Geldumlaufs und Ersetzung des Bargeldes durch Buchgeld" bewirke die "allmähliche Aufhebung der Geldwirtschaft", grenzt dagegen an groben Unfug. Kein Banker wird je seinen einträglichen Posten aufgeben müssen, nur weil Maschinen mittlerweile die Bilanzrechnung machen.

Es mag kurios anmuten, je größer die umlaufenden Geldmengen nominell auch werden, um so mehr verliert der dahinter versteckte Wert an Substanz. Hat er als dessen wesentliche Bezugsgröße nur innerhalb des Kapitals wirklich Bedeutung, so ist das genaugenommen eben kein handgreifliches Ding sondern ein Prozess. Gebäude, Maschinen, Rohstoffe, Arbeitskräfte, ja selbst die Produkte haben nur darin Wert. Anders als die Liberalen immerzu Glauben machen wollen, dient die ganze Veranstaltung gerade nicht der Steigerung allgemeinen materiellen Reichtums sondern der Reproduktion und Akkumulation ihrer idiotischen Voraussetzung, des Werts. Nützliche Dinge neben allerhand Unfug spuckt der Kapitalprozess so nebenher aus wie ein Ofen Rauch und Asche.

Verhindert man es nicht, neigt das Kapital offensichtlich dazu, das gesellschaftliche Leben der Menschen in allen Belangen zu dominieren. Vermutlich deshalb bezeichnet Robert Kurz mittlerweile den ganzen Laden als warenproduzierendes System. Wenngleich es Bereiche gibt, die sich einfach nicht kapitalistisch organisieren lassen, weswegen zwischen beruflich und privat immerhin noch unterschieden wird. Seit dem Zusammenbruch im Osten wird das notwendige Drumherum aber zunehmend nach ökonomischen Prämissen organisiert. Kinder kriegen, versorgen, erziehen sind nach wie vor Privatangelegenheiten. Zwar übernimmt das teilweise auch die Gesellschaft, jedoch nach wirtschaftlichen Kriterien. Sogenannte Sachzwänge werden immer dann bemüht, wenn Kindergärten oder Schulen von Schließung bedroht sind, sobald sie sich nicht mehr "rechnen". Die größtenteils daraus resultierenden überfüllten Schulklassen und Kleinkindergruppen nehmen ökonomische Hardliner ebenso in Kauf wie die wachsende Anzahl arbeitloser Pädagogen. Zudem sind verlassene, obdachlose Kinder keineswegs mehr ein Phänomen, worauf exotische Länder ein Exklusivrecht hätten.

Ähnlich verhält es sich mit zwingend notwendigen Infrastrukturen. Seit aus der Bundesbahn die Bahn AG wurde, gab es mehr Streckenstillegungen als je zuvor. Wie viele öffentliche Telefonzellen die Telekom inzwischen abbauen ließ, lässt sich nur vermuten. Bewohner mancher ländlicher Gebiete sind mitunter arm dran, wenn der Dorfbriefkasten aus Kostengründen abgeschraubt wurde und sie weder Mobiltelefon noch Computer besitzen. Krankenhäuser und Arztpraxen sind zuallererst Firmen, und die sollen wenn schon nicht Gewinne so wenigstens keine Verluste machen. Menschen heilen ist somit kostenpflichtige Dienstleistung. Wer kein Geld hat, muss demnächst wohl nicht bloß auf Zahnersatz verzichten.

Absurderweise macht aber weder die Ausweitung der industriellen Produktion noch deren Intensivierung wirklich Sinn, ist doch weit und breit keine zahlungsfähige Kundschaft in Sicht. Das riecht so verdächtig nach Überproduktion, dass Franz Schandl nun auf die Schnapsidee kommt, das Geld einfach wegzudenken. Freilich werden Mehl oder Mähdrescher in riesigen Mengen hergestellt, aber es bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle satt sind, wenn niemand mehr beim Bäcker Brötchen kauft. Der stand ohnehin noch nie am Backofen, weil jemand Hunger hat. Gibt es die Brötchen nun woanders billiger, sieht er sich erst mal gezwungen, seinem Gesellen zu kündigen. Statt dessen holt er sich den ehemaligen Fließbandarbeiter als Praktikant. Der hat zwar keine Ahnung wie man Brötchenteig macht, aber für die Bedienung des neuen Automaten, der das jetzt übernimmt, gibt ein Handbuch. Mit ein bisschen gutem Willen kriegt das der neue Gehilfe, der sich "weiterbildet" und vom Arbeitsamt einen kleinen Obolus erhält, schon hin.

Andererseits wurden nicht nur im Osten in den letzten Jahren reihenweise Firmen dichtgemacht, obschon deren volle Auftragsbücher die Produktion noch für mehrere Jahre ermöglicht hätte. Inzwischen spricht selbst BDI-Präsident Rogowski davon, für die ostdeutsche Wirtschaft sei es besser, wenn dort "auch ein paar Großunternehmen vertreten wären". Nicht nur die Regierung Kohl hatte sich das bei der Übernahme der DDR anders vorgestellt. Ausschlaggebend war freilich nicht immer nur die garstige Konkurrenz, die lästige Mitbewerber aufkaufte, um sie auf die Art loszuwerden. Häufig verweigerten nämlich Banken die Zwischenfinanzierung wegen fehlender Sicherheiten. In dem Kontext wird regelmäßig zu geringes Eigenkapital auf Grund zu geringer Arbeitsproduktivität beklagt. Dabei verhält es sich genau umgekehrt. Die Produktivität ist so hoch wie nie zuvor, daher werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Hat Marx Recht und Profit ist das Resultat unbezahlter Mehrarbeit, sinkt der daraufhin zwangsläufig in Relation zum eingesetzen Kapital. Wenn das aber nicht vorher akkumuliert wurde sondern selber kreditfinanziert ist, braucht man kein großer Rechenkünstler zu sein um herauszufinden, dass Renditen im Promillebereich mittelfristig nicht ausreichen, Zins, der in Prozent berechnet wird, plus Tilgung abzuzahlen. Wie anders wäre zu erklären, weshalb beispielsweise Jenoptik-Chef Späth damit droht, Produktionsstätten nach Osteuropa zu verlagern, wenn sich die Produktivität daheim nicht mehr steigern lässt. Gleichzeit beabsichtigt Karstadt-Quelle, die Hälfte seiner Geschäfte zu schließen.

Der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski erklärte diesen Sachverhalt Mitte der neunziger Jahre damit, dass sich das Entwicklungstempo im Verhältnis zwischen Produktivität und Produktion umgekehrt hat. Ursache ist die flächendeckende Einführung der Mikroelekronik in der Industrie. Mancherorts, wo vor wenigen Jahren noch Tausende beschäftigt waren, wird die automatisierte Fertigung nur noch von einer Handvoll Leute beaufsichtigt. In den ersten rund 200 Jahren Kapitalismus wuchs dagegen die Produktion stets schneller als die Produktivität. Folglich gab es in Konjunkturzeiten immer wieder Phasen von nahezu Vollbeschäftigung. Grund war, dass die Industrie auf dem jeweils höheren Produktivitätslevel mehr Arbeiter benötigte, als zuvor durch Rationalisierung entlassen worden waren. Seit circa 1990, lässt sich laut Kuczynski statistisch nachweisen, verhält es sich umgekehrt. Wächst die Produktivität nun schneller als die Produktion, nimmt zwangsläufig die Zahl der Arbeitslosen zu, gleichgültig wie die Produktion sich entwickelt. Werden doch immer mehr Stellen wegrationalisiert als durch Investitionen neu geschaffen.

Wie zu Bestätigung von Kuczynskis These, lieferte ausgerechnet die CDU etwa um die selbe Zeit eine inzwischen längst vergessene Posse. Kohl verkündete damals als sein wichtigstes Regierungsziel, die Arbeitslosenzahl bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf widersprach kurz darauf öffentlich, auf Grund der steigenden Arbeitsproduktivität halte er das für wenig wahrscheinlich. Kohl, der Widerspruch aus dem eigenen Verein während seiner Amtszeit eigentlich nie tolerierte, relativierte daraufhin seine Pläne. Auf dem Parteitag 1996 sagte er nunmehr, er sei schon zufrieden, wenn sein Ziel zur Hälfte erreicht würde. In solchen Momenten bestätigt sich praktisch die Marxsche Analyse, Mehrwert entspringe nur der wirklichen Produktion und alle anders erzielten Gewinne seien lediglich ein Abzug davon. Bei Jenoptik lässt sich die Produktivität nicht steigern; um den Profit zu erhöhen, müssen also die Löhne runter. Anders bei Karstadt, mangels Kundschaft wäre jetzt der ganze Laden selbst dann überflüssig, wenn das gesamte Personal aus kostenlosen Praktikanten bestände. In einer wirklich freien Gesellschaft löste die Steigerung der Produktivität allein schon deswegen Begeisterung aus, weil sie einen Zugewinn an disponibler Zeit mit sich brächte, indem sie die Menschen von nervtötender Arbeit befreite oder wenigstens entlastete. Workaholics gäbe es da nicht, denn Arbeit respektive Produktion von brauchbaren Dingen wäre das, was sie heute auch schon ist: notwendiges Übel, weil die Natur meist nur das Ausgangsmaterial liefert.

Stefan Meretz´ Vorschlag, nun ausgerechnet die Produktion von open-source-Software als Alternative in Erwägung zu ziehen, geht aber genauso in die Irre. Das kapitalistische Verwertungsprinzip funktioniert auf der informellen Ebene nicht ohne weiteres. Anders als in der realen Welt fehlen hier zwei entscheidende Voraussetzungen. In der "weltlichen" Produktion ist der Wert vermittels eines austauschbaren Äquivalents (Geld) nur realisierbar, weil er an einem materiellen Ding als Tauschwert erscheint. Materielles Ding samt Tauschwert, der es wiederum erst zur Ware macht, verschwinden aber aus dem Kapitalprozess, sobald es verkauft ist. Soll der im gezahlten Geld enthaltene, an sich abstrakte Wert wirklich realisiert werden, bleibt nur eine Möglichkeit. Er muss, dies die Tautologie, in den ewigen Kreislauf zurück, um das nächste Ding zu produzieren. Vorausgesetzt immer, der Käufer kann das Ding nicht selber vervielfältigen. Mehr noch, dessen Gebrauchswert ist qualitativ wie quantitativ beschränkt. Zwar kann ich mein Frühstück mit meiner Katze teilen, aber meine Hose kann außer mir zur gleichen Zeit kein anderer tragen. Mein Schreibtisch erfüllt wohl für mich einen Zweck, Tauschwert hingegen wird er nie mehr haben. Taugt er mal nichts mehr, muss ich mir einen neuen besorgen. Abgesehen davon, auch Rohstoffe sind materielle Dinge, die in der Produktion erst zu brauchbare Sachen werden.

Auf der informellen Ebene funktioniert das freilich etwas anders. Wenn ich heute den "Freitag" kaufe, lässt sich schwer vorhersagen, wie viele Leute ihn außer mir noch lesen. Ich könnte jemand anderem auch erzählen, was drin steht. Ebenso könnten wir gemeinsam zum Bahnhofskiosk gehen, die Zeitung dort lesen und anschließend wieder ins Regal stellen. Informationen also, über die ich verfüge, sind prinzipiell auch jedem anderen zugänglich. Ähnlich verhält es sich mit Software, die im Grunde nichts als Information ist, wenn auch formspezifisch und zweckgebunden. Zur Ware wird Software wie jede Information erst, wenn man sie quasi materialisiert. Gegebenenfalls schließt das eben das künstliche Verhindern (Kopierschutz) der Vervielfältigung ein. Dass mittlerweile genau darin die Schwierigkeiten großer Softwarecompanies oder der Unterhaltungsindustrie bestehen, mag der technischen Entwicklung geschuldet sein, macht aber die Herstellung von freier Software noch lange nicht zur postkapitalistischen Alternative. Außerdem können selbst open-source-Freaks weder Essbares noch Klamotten, menschenwürdige Unterkünfte, Medikamente oder andere wirklich lebensnotwendige Sachen programmieren geschweige denn kopieren.

Der Ausweg aus dem ganzen Dilemma ist offenbar ziemlich umstritten. Michael Opielkas Variante eines Grundeinkommens ist prinzipiell die Umkehrung von Franz Schandls Versuch, das Geld wegzudenken. Wenigstens verzichtet Schandl darauf, dem Kapital a priori eine Art Glücksutopie zuzuschreiben. Dagegen schreibt Opielka beschwichtigend, ein "unabhängig vom Arbeitsmarkt gezahltes ... Grundeinkommen würde das Privateigentum an Produktionsmitteln ... nicht antasten". Preisfrage: Ist Lieschen Müller, die in besseren Zeiten ihr Gespartes in ein paar Aktien investierte, etwa Privateigetümerin von Produktionsmitteln? Oder weshalb kennt die bürgerliche Rechtsprechung das an sich aberwitzige Konstrukt der juristischen Person? Menschenskinder, möchte man in die Runde rufen, die Produktionsmittel sind doch längst vergesellschaftet. Bedauerlicherweise eben unter den Prämissen des Wertgesetzes. Selbst wenn es noch so nervtötend ist, immer wieder darauf hinzuweisen: Der Großteil der Menschheit vegetiert nicht in tiefstem Elend, obwohl doch von allem reichlich vorhanden ist. Umgekehrt wird ein Schuh draus!! Eben weil die Mehrheit der Menschen nahe am Verhungern ist, erscheint das, was sich der kleine Rest unter den Nagel reißt, als unermesslicher Reichtum.

Fast schon rührend mutet da der Versuch an, so etwas wie "Fair Trade" zwischen Erster und Dritter Welt zu organisieren (wer´s genau wissen will: www.gerechtigkeit-jetzt.de/forderungen/index.html). Wenngleich sich dadurch nichts grundsätzlich ändert. Wird doch dabei geflissentlich übersehen, dass hier wie da die Masse der Leute einfach nichts zum Handeln hat. Eben deshalb müssen sie sich ja immer wieder dem Kapital unterwerfen. So absurd es auch erscheinen mag, wer nichts hat außer seinem bisschen Leben, dem bleibt nichts übrig, als sich vom Kapital vernutzen zu lassen. Wenn das ihn aber nicht benötigt, hat er dann einfach nur den Zonk gezogen?

Die Zweifel, das verhasste Kapital per Wahl endlich loswerden zu können, basieren nicht zuletzt auf Überlegungen Erich Kubys. Eigentlich, so schrieb er mal, seien die wirklichen "Bananenrepubliken" nicht irgendwo in der Karibik zu suchen, sondern bei uns selbst. Hierzulande könne ein Politiker getrost davon ausgehen, dass seine Wahlversprechen per se niemand ernst nähme. In exotischen Gefilden müsse er sich dagegen zumindest der Unterstützung des Militärs versichern. Falls der Wahlbetrug auffliege, könne er wenigstens den unvermeidbar folgenden Generalstreik niederschlagen lassen. Da die herrschenden Eliten es bislang verstanden, stets die passenden Sündenböcke für alles Ungemach zu präsentieren, besteht diese Notwendigkeit bei uns nicht. Was im 19. Jahrhundert gut war, in die Köpfe der Menschen den Nationalismus einzupflanzen, taugte anschließend ebenso, mal Juden hernach Türken und jetzt eben generell Fremden, die Einlass begehren, die Schuld an allem kapitalimmanenten Übel zuzuschreiben. Reaktionen auf Agenda 2010 oder Hartz IV bestätigen diese Vermutung nur. Von Generalstreik war bislang nirgendwo die Rede, statt dessen ziehen Naziparteien in die Parlamente ein. Auf friedlichem Weg wird ein Verein freier Menschen wohl nicht zu haben sein. Zumal der letzte ernstgemeinte Versuch am 11. September gewaltsam beendet wurde. Allerdings nicht 2001 durch gezielte Flugzeugabstürze in New Yorker Hochhäuser, sondern 1973 durch Granateinschläge im Moneda-Palast in Santiago de Chile. Der gewählte Präsident Allende hatte unter anderem jedem Kind einen halben Liter Milch pro Tag kostenlos zukommen lassen, ohne vorher zu fragen, ob das finanzierbar ist.

Die eingangs zitierte Passage stammt übrigens von Wolfgang Pohrt, der mal an der Marxschen Theorie trotz ihres Scheiterns als Wissenschaft festhalten wollte, weil "nach ihr gab es keine mehr". Einschränkend fügte er damals hinzu, man müsse sich jedoch "über die Merkwürdigkeit des Verfahrens im klaren sein. Sie offenbar so obsolet, dass man sie nur noch in Bibliotheken und Antiquariaten findet." Inzwischen, wäre heute anzumerken, nicht mal mehr da. Ernsthafte Gesellschaftskritik wird wohl nur noch am Katzentisch betrieben. Aber das Geschäft ist mühselig, zu Robert Kurz mag sich keiner gesellen. Kein Wunder, dass der arme Kerl sich dort so verdammt einsam fühlt. Bleibt nur noch eine Frage: Was, zum Teufel, soll "moralökonomische Forschung" (Michael Opielka) sein?


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00:00 26.11.2004

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