Die Barbarei der Perfektion

Disability Studies Im Rahmen der Dresdner Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" diskutierten Wissenschaftler und Künstler, Behinderte und Nichtbehinderte über die soziale Konstruktion von Behinderung

Im Jahre 1915 gehen die Zahlen der Schwerverletzten des Ersten Weltkriegs in die Hunderttausende und werden - in der Logik der Kriegsführung - zu einem ökonomischen und betriebswirtschaftlichen Problem. Arbeitskräfte fehlen sowohl in der Kriegsindustrie und in der zivilen Wirtschaft als auch als Soldaten an der Front - und die verkrüppelten Kriegversehrten werden, wie Peter Berz formuliert, zum "strategischen Bestandteil der Perfektion".

Die Bestrebungen, die industrielle Produktion durch normierte Maschinenteile zu perfektionieren, erreichen zu dieser Zeit ihren Höhepunkt. Dies nimmt Georg Schlesinger, der am Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe der TU Berlin mit der Fertigung von Normteilen für die Kriegsindustrie befasst ist, als Ausgangspunkt für sein zweites großes Projekt: die Anfertigung von normierten Prothesenteilen - Ersatzglieder für jene Verstümmelten, die Opfer einer immer perfekter werdenden Kriegsführung werden. In dieser Zeit beginnt die Anpassung körperbehinderter Menschen an eine soziale Norm, die zugleich ökonomischen Imperativen gehorcht. Denn die austauschbaren Prothesenteile mit ihrer Vielzahl von passenden Ansatzstücken für verschiedene Fertigungsaufgaben folgen den gleichen Normierungsbestrebungen wie die genormten Maschinenteile selbst.

Mit den historischen Paradoxien dieser Normalisierung beschäftigte sich die erste Sektion einer Tagung im Rahmen der Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" im Deutschen Hygienemuseum Dresden (vgl. Freitag 5/2001), wo Peter Berz und Matthew W. Price ihre Thesen von der Parallelität technischer Normierung einerseits und sozialer Normalisierung andererseits vorstellten. Die Disability Studies, ein seit zehn Jahren in den USA, England und Kanada etablierter Wissenschafts- und Forschungsbereich, luden in Deutschland erstmals dazu ein, die unterschiedlichsten Disziplinen und Themen auf den Topos "Der (im-)perfekte Mensch" zu beziehen.

Um den "imperfekten", den von der Norm abweichenden Menschen kümmerte sich jahrzehntelang die Medizin, die Behindertenpädagogik, die Psychologie und, wo er zur gesellschaftlichen Gefahr wurde, die Rechtswissenschaft. Was normal, was abnorm ist, wird von den jeweils Anderen definiert, von der Gruppe der "Normalen", derer die drinnen stehen, die Zugang haben zu gesellschaftlichen Ressourcen: Es wurde klassifiziert, behandelt, ausgegrenzt, vernichtet, es wurde versorgt und geholfen. Disability Studies, aus der radikalen Behindertenbewegung hervorgegangen, versuchen nach dem Vorbild von Gender Studies und Critical Race Studies die sozialen Bedingungen und Mechanismen zu erforschen, mittels derer aus Abweichung Behinderung wird.

Wie klatscht man für Gehörlose?

In Dresden kamen Wissenschaftler und Künstler, Behinderte und Nichtbehinderte zusammen, um über Anthropologie, Ästhetik und Therapeutik zu sprechen. In diesen drei nicht unmittelbar kompatiblen Sektionen stellte sich die Frage nach Normalität, nach Abweichung und ihren Maßstäben und beförderte im disparaten Publikum auch so manche Irritation. Der gewohnte Applaus etwa, mit dem die Teilnehmer die ungewöhnliche und schöne Darbietung der Gebärdensprachpoesie von Jens Langhof und Thomas Geißler aus Chemnitz belohnten, geriet ins Stocken. Wie klatscht man für Gehörlose? Die Gruppe der Behinderten hätte inhomogener nicht sein können: "Wenn ich mit Blinden zusammentreffe, dann stehe ich plötzlich auf der Seite der Nichtbehinderten", formulierte eine gehbehinderte Besucherin diese Erfahrung.

Der Blick auf diskriminierte und marginalisierte Gruppen schärfte in den letzten 15 bis 20 Jahren das Verständnis für die soziale Konstruktion körperlicher Abweichung. Theoretische Voraussetzung waren die verschiedenen Ansätze von sozialem Konstruktivismus in den Sozialwissenschaften. Gruppen sind immer sozial konstruiert, so das Credo der Sozialkonstruktivisten, die sich gegen essentialistische Deutungen, die Behinderung als quasi "natürliche" Kategorie auffassen, wehren. Die Parallelen zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder internationalen Frauenbewegung sind unverkennbar. "Anhand von Behinderung lässt sich aber noch besser zeigen, dass es sich bei derartigen Kategorien um soziale Konstruktionen handelt als zum Beispiel bei Geschlecht", formuliert Theresia Degener, Rechtsprofessorin an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum, selbst ohne Arme und seit ihrer Kindheit dafür kämpfend, so und nicht anders anerkannt zu werden, die Herausforderung der Disability Studies.

Die Vorstellung allerdings, jeder sei ja irgendwie behindert, verschleiert nach Degeners Auffassung die Machtverhältnisse und Interessengegensätze, denn das Ziel ist es nicht, über die bestehenden Differenzen hinwegzutäuschen. Als einzige Vertreterin der neuen Disziplin in Deutschland analysierte Degener beispielhaft, wie im Straf- oder Sozialrecht Behinderung konstruiert wird. Es ist noch nicht lange her, dass Behinderung innerhalb der Rechtsnormen lediglich als Rechtsgefahr wahrgenommen wurde. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Behinderung meist nur als "Aufopferungstatbestand" gefasst, wenn Kriegsversehrte entschädigt wurden oder um ihre Rente kämpfen mussten. Den Status von Rechtssubjekten haben Menschen mit einer Behinderung auch in diesen Tagen nicht immer, obwohl nach der Erweiterung des Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes die Chance auf ein Gleichstellungsgesetz zugenommen hat.

Zwischen Selbstsorge und Fürsorge

Vom "biosozialen Zwitter der Machtlegitimierung" sprach der Berliner Soziologe Thomas Becker, um zu zeigen, wie am Ende des 17. Jahrhunderts eine Bildungsaristokratie Zugang zur Macht forderte und dabei noch eine ganz andere Entwicklung in Gang setzte. Das aufstrebende Bürgertum verwies auf die "gute Natur" der Person, auf die natürliche Begabung, um seine Beteiligung an der Macht zu legitimieren. Dies eröffnete einen symbolischen Raum, in dem zuerst die Begabung, später die körperliche Gesundheit (als transformierte und demokratisierte Grundbegabung "armer populärer Klassen") der Machtlegitimation diente. Der Kategorie der Nützlichkeit unterworfen, wurde schließlich alles "Unnütze" als krank bezeichnet, noch bevor die kapitalistische Rationalisierung in Gang kam. Zu Leben verdiente, wer gesund und leistungsfähig genug war, seine Lebensbedingungen selbst zu schaffen und sich selbst zu erhalten.

Hier klingt an, dass der kulturwissenschaftliche Diskurs der Disability Studies längst nicht nur selbstbestimmtes Leben von Behinderten einfordert. Zur Disposition steht auch die Idee eines individualisierten "Humankapitals", das Leistung und Begabung für den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen voraussetzt. Denn wenn Leben dem Mythos der Selbsterhaltung folgt, dann wird Selbsterhaltung nicht mehr lange genügen, weil Nützlichkeit im Zeitalter der genetischen Manipulierbarkeit unter Normalisierungsdruck gerät. Zwischen Selbstsorge und Fürsorge muss nach einem Dritten gesucht werden, das mit Solidarität nur unzureichend beschrieben sein wird.

Warnung vor "flexibler Normalisierung"

Ob es vor diesem Hintergrund in jedem Fall ein emanzipatorischer Erfolg ist, wenn Behinderte in Anwendung eines Gleichheitsprinzips zum Beispiel voll in den Arbeitsmarkt integriert werden können, darf bezweifelt werden. Die Sozialwissenschaftlerin Anne Waldschmidt warnt vor der "flexiblen Normalisierung", durch die der Begriff der Normalität einfach auszuweiten versucht würde. Die Folge könnte sein, dass eine kleine Gruppe, jene, die sich nicht in die Normalität integrieren lassen, außen vor bleiben. Die Zentrierung auf den Körper in den Disability Studies scheint diese Befürchtung zu untermauern: Geistige und psychische Behinderungen sind bislang kaum Gegenstand der neuen Disziplin, und ein lernbehinderter Professor würde erst dann aus dem Reich der Utopie in das der Wirklichkeit treten können, wenn eine Entkopplung von Bildung und Leistung, von Wissen und Nützlichkeit gelänge.

Disability Studies, wie Rosemarie Garland Thomson von der Howard-Universiy Washington sie versteht, wollen "Erzählmöglichkeiten" von Behinderung erweitern. Überzeugt davon, dass Erzählformen in Literatur und Kunst das Bild von Behinderung bestimmen und fortschreiben, plädierte sie für ein Umschreiben der Geschichte der Behinderung: Anhand historischer Personen mit Behinderungen könnte man zeigen, dass es andere Narrative gibt als beispielsweise die der "Behinderung als Katastrophe" oder ihrer "Überwindung".

Sehr persönliche Geschichten erzählten der durch Erblindung zur Literatur gekommene Bernd Kebelmann und der Schauspieler und Autor Peter Radtke. "Was aus der Norm fällt, wird zum Objekt der Neugier - nicht des Interesses", so Radtkes Resümee seiner Erfahrung, als Behinderter angestarrt zu werden. Dabei ist Angestarrtwerden keineswegs nur ein individuelles Phänomen, wie Thomson in ihrem Vortrag über "Freak Shows" demonstrierte. "Kuriose", "abnormale" Körper zur Schau zu stellen, war bis ins 20. Jahrhundert durchaus üblich. Sie dienten der Identitätsfindung durch Abgrenzung und der Selbstvergewisserung der Zuschauer, zu den "normalen" Menschen zu gehören. Thomson dagegen regt radikale und neue Geschichten über Behinderung an, deren eine sein könnte: Wir brauchen das Imperfekte, um nicht der Barbarei der Perfektion zu verfallen.

Die Ausstellung in Dresden ist noch bis 12. August zu sehen.

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00:00 13.07.2001

Ausgabe 42/2021

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