Die Basis fällt flach

Literatur Jan Roß fragt sich, was Bildung ausmacht. Wer überhaupt Zugang zu ihr hat, interessiert ihn dabei wenig

Wenn im Deutschen von Bildung die Rede ist, ist oft unklar, was eigentlich damit gemeint ist. Im engeren Sinn beruht Bildung auf der besonders vielseitigen, ja exklusiven Informiertheit, dem kulturellen Niveau einer Person. Diesem Ziel hat einmal ein Segment des Bürgertums zu entsprechen versucht, das sogenannte Bildungsbürgertum, für das nicht allein Geld und Besitz, sondern auch Bildung charakteristisch war. Diese Schicht ist spätestens in den letzten Jahrzehnten weitgehend verschwunden. Gelegentlich wurde der Verlust solcher Bildung bemängelt, ja als Verfallserscheinng der Moderne bedauert oder gar betrauert. Heutzutage verweist das Wort Bildung – dem Sprachgebrauch in anderen Ländern entsprechend – auf schulische und universitäre Einrichtungen, man spricht von Bildungsbürokratie oder auch von der durch systematische Unterfinanzierung der schulischen Institutionen verursachten Bildungsmisere.

Im Buch Bildung – eine Anleitung des Zeit-Redakteurs Jan Roß kommt diese Misere überhaupt nicht in den Blick, sieht man von der impliziten Kritik an neoliberalen Prinzipien wie der Betonung von „Kompetenzen“ und verwertbarem Wissen ab. Stattdessen thematisiert Roß das Konzept der abgehobenen, namentlich an den Künsten und der Philosophie orientierten Bildung. Deren Wert sieht er vor allem in einer persönlichen Bereicherung: Leser und Leserinnen werden namentlich durch Literatur, Theater und Musik empfänglich für die Perspektiven anderer Schicksale.

Die Probleme einer solchen Sichtweise liegen freilich auf der Hand, schließlich begleiten sie das Dilemma deutscher Bildungskonzepte seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts: Gestützt auf die Vorarbeit von Winckelmann, Goethe, Schiller und das Interesse des Bürgertums, entwickelte Wilhelm von Humboldt ein Konzept der klassischen Bildung, das als die Basis aufgeklärter Erziehung gelten sollte. Dies war das Gegenstück zu den politischen Idealen der Französischen Revolution. Da in den damaligen deutschen Teilstaaten die Basis für demokratische Strukturen fehlte, sollte wenigstens im Bereich der Bildung ein Ziel gegeben sein. Bildung ist also ein klassisch-romantisches Konzept, das sich auf individuelle Erziehung stützt. Allerdings: Was 1806 als relativ progressives Konzept erscheinen konnte, verblieb letztlich im Bereich der Innerlichkeit, und im 1871 neu gegründeten Reich wurde das klassische Bildungsideal gar ins Korsett einer autoritären Bildungsbürokratie gesperrt. Deren Überreste wurden erst in den 1970er Jahren abgebaut, als sich eine gewisse Liberalisierung abzeichnete.

Böse Revolutionen

Auf alle diese Entwicklungen geht Roß mit keinem Wort ein. Bildung ist für ihn, der in den Siebzigern ein gutbürgerliches Gymnasium besucht hat, ein individueller Lernprozess, Schulen oder Bildungsbürokratien kommen nicht ins Spiel. Der Autor geht vor allem von seinen eigenen Bildungserlebnissen aus und hält sie für verallgemeinerbar. Er spricht ja sogar von einer „Anleitung“ zur Bildung: Jede und jeder soll sie offenbar nachvollziehen können und damit dem eigenen Leben eine neue Dimension verschaffen.

Diese Bildungserlebnisse beziehen sich – ganz traditionell – auf die Griechen der Antike. Deren Kunst und Philosophie wird im Anschluss an Winckelmann und Goethe als Ausdruck des „Eigentlichen“, als ästhetisch überzeugende Konzentration auf das Wesentliche dargestellt. So wird der Geschichtsschreiber Thukydides dafür gerühmt, dass er im sogenannten Melier-Dialog das nackte Machtinteresse des imperialistischen Athens, ja die barbarische Bereitschaft zur Gewaltanwendung ohne kritisches Urteil dargestellt habe. Es ging um realpolitische Machtentfaltung, die sich nicht von moralischen Kriterien ablenken ließ. In Homers Ilias findet Roß aber einen anderen Zug, nämlich den der Humanisierung des Krieges, der nicht einfach mythisch überhöht, sondern in seinen menschlich-tragischen Zügen vergegenwärtigt wird. Ausführlich würdigt Roß die philosophischen Methoden eines Platon sowie des Aristoteles, dem etwa Einsichten in die Leistungen der Dichtkunst, ja des Fiktiven allgemein zu verdanken sind. Sie behalten für die weitere Geschichte von Literatur und Theater ihre Gültigkeit.

Die Rückbindung an die gesellschaftlichen Zustände der Antike fällt eher spärlich aus. Die Grenzen der athenischen Demokratie werden benannt, etwa der Ausschluss von Frauen oder Sklaven oder die Abwesenheit bürgerlicher Rechte. Deren Genese ist sozusagen der politische Fixpunkt, den Roß als Ergänzung der literarisch-musischen Einzelleistungen etabliert. Das Individuelle des Kunsterlebnisses findet hier seine Entsprechung, wobei freilich von der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland abgesehen wird. Ausführlich beschreibt er die philosophische Ausdifferenzierung von Freiheitskonzepten bei John Locke, Thomas Jefferson und Immanuel Kant bis zu Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill. Das Bildungserlebnis beruht hier auf der Neugier nach Autoren, die ein bürgerliches Individualitätskonzept gegen die Gefahren der Tyrannei, der Gewaltherrschaft oder der revolutionären Demokratie abzusichern suchen. Die Französische Revolution gilt hier als negativer Bezugspunkt, die Russische Revolution von 1917 wird erst gar nicht erwähnt. Marx und andere gelten als dogmatisch und autoritär. Positiv erwähnt werden allerdings die am bürgerlichen Erbe ausgerichteten Arbeiterbildungsvereine der frühen SPD oder auch Sergej Eisensteins berühmte Treppen-Sequenz in Panzerkreuzer Potemkin, die als menschlich ergreifend gewürdigt wird. Ja, auch das Konzept der Rebellion wird diskutiert, insofern es auf verhärtete Tendenzen der Gesellschaft aufmerksam machte oder wie bei Rosa Luxemburg auf der Freiheit der Andersdenkenden bestand. Der Feminismus wird gewürdigt, namentlich die große Kunst von Autorinnen wie George Eliot oder Virginia Woolf, die sich über ihre begrenzten Wirkungsmöglichkeiten hinwegsetzen.

Bildung ist, so betrachtet, ein Angebot. Der Autor hat durch die Rezeption der erwähnten Werke Ideen kennengelernt, auf die er sonst nicht gestoßen wäre. Er kennt nun menschliche Grundkonstitutionen, die auch kulturübergreifend sind, oder geniale Einzelleistungen, namentlich in der Musik. Persönliche Neugier und Bewunderung sind die Motoren einer solchen aufs Individuelle beschränkten Bildung. Werden Menschen durch sie besser, wie der Autor am Schluss fragt? Wohl kaum. Dazu fehlt die breite gesellschaftliche Basis. Ein funktionierendes demokratisches Schulsystem, das von befähigten und politisch bewussten Pädagogen getragen würde, wäre eine solche Basis. Gerade die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass humanistische Bildung allein – losgelöst von Werten wie Emanzipation oder Solidarität oder konkreter Mitmenschlichkeit – keine positiven Ergebnisse zeitigt. Die innere Freiheit der wenigen Privilegierten ist eben nicht genug.

Bildung – eine Anleitung Jan Roß Rowohlt Berlin 2020, 320 S., 22 €

Jürgen Pelzer ist Literatur- und Kulturwissenschaftler

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06:00 15.03.2020

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