Die Bäume tragen Grün

Berliner Abende Kolumne

Das muss gestern und vorgestern auch schon so gewesen sein. Während des vergangenen Winters hat man sich manchmal an dasselbe Versäumnis im letzten Frühjahr erinnert und war fest entschlossen, den kommenden ersten Frühlingstag nicht zu versäumen. Und jetzt fragt man sich natürlich, was man noch alles nicht mitkriegt?

Im Hinterhof, am Fenster des Alten, blinkt immer noch die Weihnachtsbeleuchtung. Im Dezember hat man gelesen, das wäre ein Hilfeschrei der Einsamen. Vier Monate lang hat man sich dann nicht darum geschert. Gesehen hat man den Alten auch nicht in den letzten Wochen. Ist er einfach ein Spinner? Oder liegt er seit den Weihnachtstagen in seiner Wohnung, arm und hilflos erfroren?

Aber heute will man sich die Freude am Frühling nicht durch grausige Spekulationen eintrüben lassen. Man will sich ebenso erneuern, wie die Natur es gerade tut.

Holger verpasst einem einen flotten Haarschnitt.

Vor zwei Tagen war er noch in Ägypten. Die erste Auslandsreise mit 23. Im Tal der Könige hat er Schluss gemacht mit Campingurlaub auf Rügen. Er wird jetzt Englisch pauken und jede Woche für elf Euro Lotto spielen. Er wird sich die Welt anschauen und mit viel Glück das verstaubte Berlin für immer verlassen und einfach woanders glücklich werden.

Wie lange es her ist, dass man selbst so jung war, so viele Pläne hatte und an einem Ort, wo es immer warm ist und wo es nicht einmal soziale Kälte gibt, neu anfangen wollte! Aber auch Holger würde es nur mit einer Elf-Euro-Mogelei - also nicht - schaffen.

Mit neuem Haarschnitt und dem Tipp eines Freundes betritt man die Sparkasse und bittet den Finanzberater eine bestimmte Summe zur Altersvorsorge in einen tschechischen Währungsfonds zu investieren. Der Finanzberater verliert die Fassung. Auch wenn es nicht sein Geld sei, nichts in der Welt könne ihn zu diesem Leichtsinn zwingen. Was ist das für ein Freund? Seine Vehemenz lässt einen vermuten, dass der Finanzberater mehr über einen weiß, als die Zahlen unterm Strich. Er weiß vermutlich alles über wahre Freundschaft und durchschaut sogar, dass man Holger gerade noch für einen Elf-Euro-Mogler gehalten hat und nun selbst vor einer Währungsfonds-Altersversorgungs-Mogelei steht. Diesen Finanzberater werden nie eine Sehnsucht nach Neubeginn und nie eine Angst vor Altersarmut plagen. Da sinkt einem der Kopf auf die Brust.

Sogar die Zeitungen titeln heute mit blühenden Kirschzweigen.

Die Langhaarige vom Kiosk erzählt, dass ihre Freundin für einen Sechser mit Zusatzzahl - man wird blass vor Neid, angesichts der Möglichkeit, dass auch Holger es schaffen könnte - nur 239 Euro bekommen hat. Da kehrt die Farbe ins Gesicht zurück und man blickt sogar wieder geradeaus. Ja, ein neues Leben kriegt man nicht umsonst! Nicht mit Lotto. Nicht mit osteuropäischen Währungsfonds.

Als man den Kiosk Richtung Asiaten verlässt, scheint alles wieder im Lot.

Im Laden steht ein älteres Ehepaar, das die zierliche Asiatin fragt: Wo ist deine Heimat jetzt? Sie versteht nicht. Die Eheleute sagen es ihr vor: Hier. Deutschland. Und wie ein Papagei sagt sie es ihnen nach: Hier. Deutschland. Und lacht. Sie ist sicher, etwas richtig gemacht zu haben. Aber das Ehepaar ist nicht zu gewinnen. Es wusste von Anfang an, dass die sich hier einnisten will. Der Hass dieser Eheleute ist einem zuwider. Aber auch, dass man den Mund hält und mit seinen Zitrusfrüchten die Flucht ergreift. Aber auf der Straße sieht man es zum zweiten Mal an diesem Tag: Die Bäume sind grün.

Und plötzlich fühlt man sich stark genug, Wahrheiten jeglicher Art zu ertragen.

Am Klingelbrett der eigenen Haustür sucht man nach dem Namen des Alten. Es knackst in der Gegensprechanlage. Vor Schreck, dass da nicht ein Toter nichts, sondern der Alte "Ja?" sagt, stottert man: "Werbung. Können Sie mich reinlassen?" Und jetzt? War´s das? Ernsthaft hat man ja nie an einen grausigen Fund geglaubt. Man überlegt hin und her. Plötzlich sieht man eine bisher ungeahnte Möglichkeit. Sind Sie der Weihnachtsmann? schreibt man, setzt seinen Namen drunter und wirft den Zettel in den Schlitz.

Wird der Weihnachtsmann antworten? Ist es der Beginn eines regelmäßigen Austauschs? Jeden Tag findet einer den Zettel des Anderen. Man wird nach und nach vertraut und sogar bereit, Fragen zu klären, die man sich alleine nie beantwortet hätte: Ist es schlimm, dass man Holger seine Jugend nicht gönnt? Ist es wirklich nötig, den Eheleuten ihren Hass vorzuhalten? Wie konnte es soweit kommen, dass man gern an der Stelle des Finanzberaters wäre? Warum glaubt man plötzlich wieder an den Weihnachtsmann?

00:00 29.04.2005

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