Die Bäume von Kaffin

Israel/Palästina Es gibt auch gute Nachrichten aus der Westbank - entlang der "Mauer" sogar

Die Idee kam von der "Olivenernte-Koalition": Man wollte etwas gegen den Verlust der vielen Olivenhaine und damit für die Palästinenser tun, die ihr Land in der Westbank wegen der Mauer oder durch Siedler verloren haben, die über Nacht mutwillig Plantagen zerstörten. Man hatte während einer internationalen Kampagne Geld gesammelt, nun trafen sich israelische Aktivisten aus der Bewegung Gush Shalom, um an einem Wochenende im Februar bei Kaffin im Westjordanland Tausende von Bäumen zu pflanzen.

Wie zionistische Pioniere auf alten Schwarz-Weiß-Fotos

Wirklich eine desolate Landschaft. Hinter uns die letzten Häuser der arabischen Stadt Bak´a al Garbiya in Israel, vor uns ein verwitterter Grenzstein, der die "Grüne Linie" markiert - die Grenze, wie sie bis 1967 galt - und der "Trennungszaun" mit seinen schlimmen Reihen von scharfem Stacheldraht entlang der Patrouillenwege. Wir sind auf dem abgeschnittenen Land von Kaffin, das seine palästinensischen Besitzer seit vier Jahren nicht mehr betreten können. Ein Gebiet, das einst voller Olivenbäume stand, während man heute durch Abfallberge und stinkenden Unrat watet.

"Diese Deponie ist absolut illegal. Einige Firmen nutzen das brach liegende Land und werfen ihren Dreck hier ab. Das ist entschieden billiger als auf einem der legalen Müllplätze", ist Waia Gazawi überzeugt, ein arabischer Aktivist aus Kalamsawa, der in diesem Distrikt für eine neu gegründete Gesellschaft arbeitet. Sie hat ihren Sitz in Nazareth und kümmert sich um Ländereien, die für palästinensische Eigentümer wegen der "Mauer" unerreichbar sind. "Wir baten das Umweltministerium, diesen Müll zu entfernen", erzählt Gazawi, "aber da können wir lange warten, also sammelten wir Geld, um den Müll selbst wegbringen zu können. In einem Monat wird es hier keine Kloake mehr geben, und die jungen Bäume, die Ihr pflanzen werdet, haben ausreichend Platz."

Das Gespräch mit Gazawi füllt die Zeit der Verzögerung, denn die Armee hat ihr Wort nicht gehalten, die Abordnung aus Kaffin darf das Tor vorerst nicht passieren, um sich uns anzuschließen. Das rostige Torschloss zeigt an, wie selten dieser Durchlass geöffnet wird. "Diese Tore sind für den Obersten Gerichtshof in Israel installiert. Man sagt den Richtern: Selbstverständlich gibt es Tore für die Dorfbewohner, aber man sagt ihnen nicht, wie oft diese Tore geöffnet werden", meint Gazawi.

Während einige von Gush Shalom versuchen, mit dem israelischen Offizier zu verhandeln, breiten andere zwei riesige Banner aus, auf denen auf hebräisch und arabisch steht: "Sie reißen aus - wir werden pflanzen!" Ein Traktor gräbt bereits die ersten Löcher - schließlich wird es einer Gruppe von zehn ausgesuchten Palästinensern zusammen mit dem Bürgermeister von Kaffin gestattet, auf unsere Seite zu wechseln und einen Wagen mit jungen Olivenbäumen über die Demarkationslinie zu ziehen.

Dann ist die Arbeit ziemlich einfach: Man entfernt eine schwarze Plastikhülle an den Wurzeln und setzt den jungen Baum vorsichtig in ein Loch, das mit Erde aufgefüllt wird. Wir sehen aus wie die frühen zionistischen Pioniere auf alten Schwarz-Weiß-Fotos.

"Herzlich willkommen auf dem Land von Kaffin und vielen Dank, dass Ihr uns helft", sagt Bürgermeister Taysir, als wir uns nach der Arbeit auf einem mehr oder weniger ebenen Stück Land versammeln. "Ihr wisst ja, es ist sehr selten, dass wir diesen Teil unseres Landes betreten dürfen. Vor vier Jahren, als mit dem Bau des Zauns begonnen wurde, besaß Kaffin 1.000 Hektar Land, 600 davon blieben hinter dem Zaun. 400 sind es noch, von denen wir leben. Die Armee ist nicht sehr großzügig mit Genehmigungen. Wenn eine erteilt wird, dann nur für die Zeit der Ernte, nicht für die notwendige Pflege zuvor. Wir sagen der Armee, wenn Ihr uns nicht passieren lasst, um das hohe Unkraut zwischen den Bäumen zu entfernen, können schnell Brände ausbrechen. Sie hören nicht auf uns."

Das Feuer kam tatsächlich, fünf Brände gab es im Vorjahr. Jedes Mal wurden die israelischen Posten gebeten, palästinensische Feuerwehren hinüber zu lassen, jedes Mal war das verboten. "Unsere Freunde vom Kibbuz Mezer", erinnert sich Bürgermeister Taysir, "riefen eine israelische Feuerwehr, aber die kam zu spät. Wir konnten über den Zaun zusehen, wie der Olivenhain abbrannte. Viele Hektar gingen verloren. Wir baten die Armee, nach der Ursache des Feuers zu forschen. Man zuckte mit den Schultern. Ein Unfall sei es gewesen. Jemand hätte eine Zigarette fallen gelassen oder fünf Leute hätten fünf Zigaretten fallen gelassen. Wer wisse das schon ..."

Lieber eigenes Land für diesen Zaun hergeben

"Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte mit Kaffin und den anderen arabischen Orten ringsherum", sagt Doron Lieber, der Sprecher des nahen Kibbuz Mezer. "Die Regierung hat den ersten Siedlern diesen Platz schon 1953 zugewiesen, ihr Camp sollte ein Puffer sein, um die arabischen Dörfer voneinander zu trennen. Aber dazu wählten sie die falschen Leute aus. Die wollten viel lieber Brücken bauen."

In den fünfziger Jahren war Kaffin unter jordanischer Herrschaft wie die gesamte Westbank, es gab keinen Grenzzaun, so dass es nicht schwierig war, freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Das ging auch nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 weiter. Es gab keine Brandstiftung auf den Plantagen der Israelis, wie das auf andere Kibbuze zutraf. Als 2001 der Zaunbau begann, bat Kibbuz Mezer, man solle sich an die "Grüne Linie" halten, um einem Ort wie Kaffin kein Land zu entziehen. "Wir sagten ihnen" - erinnert sich Doron Lieber - "dass hungrige und frustrierte Nachbarn eine größere Gefahr für unsere Sicherheit seien. Wir wollten lieber eigenes Land für diesen Zaun hergeben. Wir hatten gehofft, die Militärs zu überzeugen, dann aber gab es einen Angriff auf uns, eine Frau und zwei Kinder wurden von einem Palästinenser aus einem entfernteren Dorf umgebracht. Unsere Freunde aus Kaffin kamen unmittelbar danach zu uns und trauerten um die Toten, als ob es ihre eigenen wären. Die Armee aber hatte den Vorwand, den sie brauchte, um den Zaun weit in das Land von Kaffin hinein zu treiben. Was für eine Torheit!"

Die Gush-Shalom-Aktivisten wollen künftig versuchen, die Bewohner von Kaffin zu ersetzen, indem sie die Bäume pflegen, die an diesem Tag gepflanzt wurden. "Mezer und Kaffin sollten als Modell für ähnliche Gemeinden in diesem Land dienen. Wir wollen die Zäune und Mauern herunterreißen können. Sie sollten uns nicht trennen. Es kann keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben", glaubt Jana Zifferblatt von der Frauenkoalition für Frieden. Und Suhel Salman vom PARC, dem Palästinensischen Unterstützungskomitee für die Landwirtschaft in Tulkarem, meint: "Unser Credo: ›Sie reißen aus - wir werden pflanzen!‹ ist nicht nur irgendein Slogan. Frieden ist unmöglich, wenn Demarkationslinien wie dieser Zaun neuen Hass auslösen. Das Leben ist zu kurz, um es mit Hass zu verschwenden."

Das Leben ist zu kurz, um es mit Hass zu verschwenden

Uri Avnery, seit Jahrzehnten für Gush Shalom unterwegs, zeichnet ein erschreckendes Bild: "Wie wir das immer schon gesagt haben, ist das kein Sicherheitszaun, sondern ein Zaun der Annexion, mit dem zehn Prozent der Westbank abgeschnitten werden. Es kommt das Jordantal mit 33 Prozent dazu, wo es Straßen gibt, die für Palästinenser absolut verboten sind. Bezieht man Groß-Jerusalem mit ein, die Siedlungsblöcke und die Umgehungsstraßen, dann wird den Palästinensern mehr als die Hälfte der Westbank entzogen. Denen bleiben isolierte Enklaven. Wer das plant, hofft vielleicht insgeheim, die werden unter diesen Umständen von selbst verschwinden."

Yaakov Manor ist Koordinator der Olivenernte-Koalition und hat die Kaffin-Aktion ausgelöst. "Auch in Hebron haben unsere Freunde aus Jerusalem heute an vier verschiedenen Stellen Bäume gepflanzt, wo zuvor Plantagen von Siedlern vernichtet wurden. Die Pflanzen hier wie dort waren ein Geschenk - gespendet von jüdischen Aktivisten aus Boston. Das ist die gute Nachricht. Es tut mir leid, dass ich auch eine schlechte habe: Wir wollten uns noch mit unsern palästinensischen Freunden zusammensetzen, um eine Pita mit Humus essen. Aber die Armee hat ihnen nur erlaubt, bis zwei Uhr hier zu sein - also noch eine Viertelstunde. Dann wird das Tor für die Bewohner aus Kaffin - auf ihrem eigenen Land - geschlossen."

Der Autor ist Aktivist von Gush Shalom / Deutsch von Ellen Rohlfs.


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00:00 10.03.2006

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